Das Anthroprozän gestalten!

Dies ist der Arbeitstitel eines Publikationsprojekts, dem ich schon seit einer kleinen Weile mein Altersruheständlerdasein widme. Das Privileg, frei von akuten Arbeitszusammenhängen agieren zu können, ist hilfreich, aber auch eine Falle – abgesehen davon, dass die Zeiten nach Aktionen schreien. Muss aber sein. Hoffe bald den Eiigenbrödlerstatus verlassen zu können. Von Zeit zu Zeit lade ich in einen Passwort geschützten Bereich das bisher Ausformulierte hoch. Wer einen Blick in den Work in Progress werfen und mir ein Freedback geben möchte , ist herzlich eingeladen, dies zu tun.

Das Anthropozän gestalten!

Über Fortschritt am Ende der Geschichte

kapitalistscher Vernunft.

Worum geht es?

Dieses Buch ist als Ermutigung gedacht, einen offenen Diskurs über Notwendigkeit, Realisierungs- und Rationalitätsbedingungen eines „öko-kommunistisch“ bestimmten Stoffwechsels zwischen Mensch und Natur zu wagen.

Warum?

Die menschliche Gestaltungskraft ist zum prägenden Faktor des biologi­schen, geologischen und atmo­sphärischen Geschehens auf der Erde ge­worden. In den Geowissenschaften wird diskutiert, diese Ver­änderungen als eine neue Periode der Erdgeschichte zu verstehen, das Anthropozän, das Erdzeitalter des Menschen. Das ist keine frohe Botschaft, die vom Sieg menschlicher Vernunft über die zivilisationsge­fährdende Gewalt eines unbe­herrschten Naturzu-stands kündet. Die gesellschaftli­chen Mechanismen, die dem ver-nunftbegabten Wesen eine solche Wirkmacht be­schert haben, treten den han­delnden Individuen und deren Institutionen im Gegenteil als eine Naturgewalt gegenüber, die sie „unterjocht, statt von ihnen beherrscht zu werden.1

Marx vor nunmehr über 150 Jahren formulierte Zustandsbeschrei­bung scheint verblüffend aktuell. „Die soziale Macht, d.h. die vervielfachte Pro­duktionskraft, die durch das in der Teilung der Arbeit bedingte Zusammen­wirken der verschiedenen Individuen entsteht, erscheint diesen Individuen, weil das Zusammenwirken selbst nicht freiwillig, sondern naturwüchsig ist, nicht als ihre eig­ne, vereinte Macht, sondern als eine fremde, außer ihnen stehende Gewalt, von der sie nicht wissen wo­her und wohin, die sie also nicht mehr beherrschen können, die im Gegenteil nun eine eigentümliche, vom Wollen und Laufen der Menschen unabhängige, ja dies Wollen und Laufen erst dirigierende Rei­henfolge von Phasen und Entwicklungsstufen durchläuft.“2

Wir erleben heute eine bedrohliche Zuspitzung dieses paradoxen Zustands. Die inzwischen weltweit interagierenden Subjekte des Weltgeschehens, Individuen, Institutionen oder Assoziationen, verfügen über eine schier unendlich erscheinende Vielfalt an Möglichkeiten, vernunftgeleitete Entscheidungen zu treffen. Ihre kombinierte Produktivkraft“ konnten sie dabei ins Unermessliche steigern. Moderne Wissenschaft und Demokratie erlauben Auf-klärung auch über die Kehrseiten unserer menschlichen Siege über die Natur. Doch ungeachtet all unserer Kenntnisse über das Zersörungsvermögen, das ein nahezu ungebremstes Wachstum menschlicher Kraft und Herrlichkeit bis heute akkumuliert hat, scheint es nach wie vor ein Ding der Unmöglichkeit, das anthropogene Zusammenwirken als Ganzes nach Maßgaben sozialer oder ökologischer Vernunft zu gestalten. Unser globalisiertes Zusammenwirken ist uns immer noch nicht zureig­nen, vereinte Macht“ geworden. Mensch und Natur bleiben den stets bedrohlicheren Launen der Naturgewalt ausgesetzt, als die sich ihr Zusammenspiel gestaltet.

In diesem Zustand taumelt das menschliche „Laufen und Wollen“ in die geologische Menschenzeit. Mit welcher Perspektive? Was könnte Wege in ein soziales Zeitalter der menschlichen Selbstbeherrschung ebnen? Hilft der Rückgriff auf Marx Vision einer Menschheit, die es den weltweit interagierenden Individuen, Gruppierungen und Institutionen gestattet, ihren „Stoffwechsel mit der Na­tur rationell re­geln, unter ihre gemeinschaftliche Kontrolle bringen, statt von ihm als von einer blinden Macht beherrscht zu werden; ihn mit dem geringsten Kraftauf­wand und unter den ihrer menschlichen Natur würdigsten und adäquatesten Bedingungen vollziehn3?

Als jemand, der sich seit den Zeiten seines politischen Erwachsen-werdens in den 1970er Jahren für die ökologischen Dimensio­nen des Menschseins interessiert und sich insbesondere nach Nutzung des zweiten Bildungswegs und Aufnahme seines Studiums der Soziologie in den 1980er Jahren, immer wieder intensiv mit dem Marx-Engels Werk auseinanderzuset­zen konnte, überrascht mich der akute Gebrauchswert der vor nunmehr über 150 Jahren formulierten Perspektive nicht.

Marx Bemerkung war kei­neswegs das zufällige Ergebnis einer idealisti­schen Schöngeisterei, die sich kunstvoll um das eigene Wunschdenken rankt. Das Metier des Forscherges­panns Marx und Engels waren die materiellen, das heißt, die durch bloße Denk­arbeit nicht ohne Weite­res veränderbaren Bedingungen des kapitalistisch bestimmten Tuns und Lassens. Ihr Interesse galt nicht nur den grundlegenden Funktion und zeitgenössischen Problemen kapitalistischer Produktionsbedingungen, es richtete sich insbesondere auf die darin angelegten Bedingungen der „Negation“ dieser Bedingungen, d.h. sie fragen, was die Entwicklung ihres Gestaltungspotenzials an einen Punkt geraten lassen könnte, der es maßgeblichen Teilen der Gesellschaft notwendig, denk- und auch machbar erscheinen lassen würde, zu einer gesellschaftlichen Ordnung auf Grundlage von Produktionsbedingungen überzugehen, die ihnen die gemeinschaftliche Kontrolle der Produktionsbe-dingungen erlaubte. Das unterscheidet das marx-engelssche Heran-gehen von der verbreiteten Vorstellung einer vom richtigen oder falschen Denken gelenkten Geschichte4 von der im Verlaufe dieser Arbeit noch öfter zu reden sein wird. Von Marx (und Engels5) lernen heißt aus meiner Sicht, zu erkennen, dass sich Vor­stellungen darüber, was ein gutes, menschliches oder ökologisch korrektes Leben sein soll (was dafür zu tun wäre oder auch, was die Richtigkeit dieser Vorstellun­gen zeigt) nicht zum Zeitgeist avancieren können, ohne dass sie sich als ein probates Mittel der Unterordnung unter die ökonomischen Handlungsnot­wendigkeiten und -erwartungen erweisen, wie sie aus den his­torisch jeweils vorherrschenden Formen der Arbeitstei­lung unwillkürlich her­vorgehen.

„Die Menschen sind die Produzenten ihrer Vorstellungen, Ideen pp., aber die wirklichen, wirkenden Men­schen, wie sie bedingt sind durch eine be­stimmte Entwicklung ihrer Produktivkräfte und des denselben entsprechen­den Verkehrs bis zu seinen weitesten Formationen hinauf. Das Bewußtsein kann nie etwas Andres sein als das bewußte Sein, und das Sein der Men­schen ist ihr wirklicher Lebensprozeß.6 Die epochalen Unterschiede in der Art, wie sich diese Lebensprozesse jeweils gestalten, bildeten sich nach Marx bisher urwüchsig und auf die Menschheitsentwicklung als Ganzes bezogen ziellos, aber keineswegs zufällig. Am Ende verlangte der in einer Epoche er­reichte Grad der Produktivkraftentwicklung, das heißt, das in den zeitgenös­sischen Produktions- Transport- und Vergesell­schaftungs-techniken, im Know How der Produktionsagenten usw. angelegte Produktions- und Aneignungsvermögen, die Art, wie, wo, von und für wen dieses Potenzial eingesetzt und weiter entwickelt wird. Diese „Produktionsverhältnisse“ bilden wiederum die Grundlage der gesellschaftlichen Organisation und mit ihr auch ihr Selbst-verständnis. Die in der Menschheitsgeschichte jeweils vorherr-schenden Produktionsbedingungen unterscheiden sich im Wesent-lichen im Ausmaß und in der Art der Arbeitsteilung, das heißt, inwie­weit und wie in der jeweiligen Epoche Produktion und Transport, Organisati­on, Für- und Vorsorge, Wissenser- und -ver-mittlung, Ideenproduktion, -an­wendung und pflege, notwendi­ge Schutzmaßnahmen usw. geteilt und auf welcher Grundlage dabei über das Recht und das tatsächliche Vermögen entschieden wird, sich das dabei Produzierte anzueignen. Vereinfacht gesagt: „Steht es den Menschen frei, diese oder jene Gesellschaftsform zu wählen? Kei­neswegs. Setzen Sie einen bestimmten Entwick­lungsstand der Produktiv­kräfte der Menschen voraus, und Sie erhalten eine bestimmte Form des Ver­kehrs [commerce] und der Konsumtion. Setzen Sie bestimmte Stufen der Entwicklung der Produktion, des Verkehrs und der Konsumtion voraus, und Sie erhalten eine entsprechende soziale Ordnung, eine entsprechende Or­ganisation der Familie, der Stände oder der Klassen, mit einem Wort, eine entspre­chende Gesellschaft [société civile]. Setzen Sie eine solche Gesell­schaft voraus, und Sie erhalten eine entsprechende politische Ordnung [état politique], die nur der offizielle Ausdruck der Gesellschaft ist.“7 Vereinfacht gesagt: „Die Handmühle ergibt eine Gesellschaft mit Feudalherren, die Dampfmühle eine Gesellschaft mit industriellen Kapitalisten.“

Ergeben heute also Digitalisierung, Internet und Nutzung regenera-tiver Energiequellen eine Gesellschaft mit „öko-kommunistisch“ interagierenden Weltbürger*in­nen, die ihren planetarischen Stoff-wechsel untereinander und mit der sie umgebenden Natur auf Grundlage weltge­meinschaftlich erarbeiteter und verfolgter Ziele und Standards organisieren?

Selbstredend stellt das vereinfacht Gesagte keinen Automatismus dar. Notwendigkeit, Vernunft und Erfolgsbedingungen einer sol-chen Perspektive können ebenso wenig aus Theorien abgeleitet werden, wie aus guten Ab­sichten oder fixen Menschenbildern. Was Marx als universal gelehrter Wissenschaftler, Theoretiker, Jour-nalist und politischer Organisator über die Funktionsweisen, Pro-bleme und Entwicklungsmöglichkeiten kapitalistischer Produk-tions- bzw. Austauschbeziehungen und über darin angelegte Bedingungen der Möglichkeit, sie am Ende Vergangenheit werden zu lassen, herausfand, kann die Erforschung der gegenwärtigen Situation und was daraus zu machen wäre systematisieren und anleiten, aber nicht ersetzen. „Da, wo die Spekulation aufhört, beim wirklichen Leben, beginnt also die wirkliche, positive Wissenschaft, die Darstellung der praktischen Betätigung, des praktischen Entwicklungsprozesses der Men­schen. Die Phrasen vom Bewusstsein hören auf, wirkliches Wissen muss an ihre Stelle treten.“8 Die Richtigkeit von Hypothesen, Prognosen, Kritik usw. muss anhand von empirisch erfassten Daten oder von Funktionsanalysen der gegebenen bzw. erwartbaren Interaktionsbedingungen belegt bzw. plausibel erklärt und gegen Kritik argumentativ verteidigt werden können.

Was sich Marx 1858, noch vor Abfassung des „Kapitals“ als „das allgemeine Resultat“ seiner Studien der Geschichte ergeben hatte und seinen weiteren Studien „einmal gewonnen, (…) als Leitfaden diente“9 kann für die hier gestellten Fragen nach Notwendigkeit, und Möglichkeitsbedingungen der Etablierung einer sozio-öko-logisch vernünftigen Gestaltung des Anthropozäns als Hypothesen dienen. Das heißt, dass die Richtigkeit, Wahrheit oder aktuelle Relevanz der im Leitfaden getätigten Schlussfolgerungen stets auch selbst auf dem Prüfstand stehen.

Marx glaubte, herausgefunden zu haben, dass „eine Epoche sozialer Revolutionen“ eintritt, nachdem „die Produktivkräfte der Gesell-schaft eine Stufe ihrer Entwicklung erreichen“, bei der sie „in Wider-spruch mit den vor­handenen Produktionsverhältnissen“ (bzw. juris-tisch ausgedrückt, „den Eigentumsverhältnissen“) geraten. Die Ver-hältnisse, die die Entwicklung des Menschenmöglichen einst voran gebracht hätten, würden zum Hemmnis ihrer weiteren Entwicklung und deshalb gesprengt. Unsere Frage nach der möglichen Gegenwart einer solchen Situation und ob deshalb erneut eine Epoche sozialer Revolutionen nahen könnte, wirft allerdings einen ganzen Strauß neuer Fragen auf. Ist unser derzeitiges Hin-einstolpern ins Anthropozän Ausdruck einer den alten Produk-tionsbedingungen enteilenden Produktivkraftentwicklung? Und ist die gegenwärtige Stabilität der kapitalistischen Grundlage des gesellschaftlichen Tun und Lassens etwa ein Trugschluss? Ist aber das Problem der gegenwärtigen Produktionsbedingungen nicht gerade, dass sie die Entwicklung und Anwendung immer neuer Produktivkraft ZU WENIG zu hemmen? Redete Marx also tatsächlich, wie es etwa prominente Vertreter des „Ökoso-zialismus“10 nicht müde werden, zu behaupten, einem Produkti-vismus das Wort, aus dem ein naturblinder Fortschrittsop-timismus spricht?

Sowohl die marxsche Perspektive selbst als auch die ihr gegenüber gebrachten Einwände wollen mit der gebührenden Sorgfalt nach-vollzogen und erörtert werden, inwieweit die dabei zu gewinnenen Erkenntnisse tatsächlich helfen können, brauchbare, das heißt, ebenso erfolgversprechende wie vernünftige Antworten auf die hier interessierende Frage zu finden: was muss und was kann getan werden, damit sich die zur geologischen Supermacht gewordene Menschheit als eine gesellschaftliche Kraft organisieren kann, als die sie ihre in Umfang und Geschwindigkeit beständig wachsende Fähigkeit, Naturresourcen in Güter und Dienstleistungsangebote zu verwandeln, zur planetarischen Vernunft bringen könnte. Zu hin-terfragen waren mögliche und tatsächlich eingetretene Wechsel-wirkungen zwischen Theorie und Praxis, Wissenschaftlichkeit und Ideologie, Bedürfnisse und die Kosten ihrer Befriedigung, fromme Wünsche und in der gesellschaftlichen Wirklichkeit angelegte Ent-wicklungspotenziale, zwischen anfänglich Gutgemeintem und später Schlechtgelaufenem.

Was um Himmels Willen hatte etwa das Team Marx und Engels dazu bewogen, frisch, fomm, fröhlich und frei heraus zu verkünden, dass nur eine Diktatur des vereinigten Weltproletariats in der Lage sein würde, die zum gordischen Knoten vertauten Pfade zu entwir-ren, entlang derer das kapitalistische Sein zum kommunistischen Werden gelangen könnte? War es wirklich nicht absehbar, dass die institutionelle Wirklichkeit wirklicher, wirkender „Marxisten“ ein-mal einen Bedarf danach entwickeln könnte, das marx-engelssche Diktaturversprechen als ein Mittel der Heiligsprechung eines Re-gimes zu nutzen, das dem zu Marx Zeiten als Schreckensvision der Reaktion durch Europa geisternden Gespenst des Kommun-isus“ eine materielle Gestalt verleihen und deren sehr reale Schrecken es zuwege bringen würde, den Kommunismus“ in nahezu allen po-litischen Lagern zu einem Synonym für gutmeinende Freiheits-beraubung und trostlose Zwangsbeglückung zu machen? Heute, das heißt mehr als drei Jahrzehnte nach dem Ende seiner 70 Jahre währenden Existenz der „realsozialistische“ Spukgeschichte gilt als weitgehend ausgemacht, dass Marx‘ „Kommunismus“ wenn nicht von vornherein eine schlechte Idee, so doch in der gesellschatlichen Praxis zu nichts führen könne, als planherrschaftliche Willkür weitgehend abgeschottet operierender Altmännergremien, die ihre Zeit damit verbringen, der gesellschaftlichen Wirklichkeit Fähig-keiten und Bedürfnisse aufzuoktroyieren, deren glorreichen Erfolge auf „Kommunismus“ getrimmte Geistermedien ohn‘ Unterlass zu behaupten haben.

Diesen Erwartungshorizont zu hinterfragen, verlangt in erster Linie, den historischen Ereignissen nachzuspüren, die ihn gezogen haben, das heißt, die wirkliche Diktaturwerdung des Transforma-tionsprojektes, mit dem die bis jetzt wirkmächtigsten Teile des Marxismus das gegen Ende des ersten großen Kriegs des Industrie-zeitalters unüberhörbar laut gewordene Verlangen nach Frieden, Brot und Freiheit zu stillen versprachen und nach sieben Jahr-zehnten grandios gescheiterter Existenz als „Übergangsgesell-schaft“ zum weltgemeinschaftlich bestimmten Produktionsbe-dingungen auch die Gläubigsten seiner Anhänger*innen eine bittere Wahrheit zu offenbaren hatte: Es war und es bleibt keine gute Idee, den „gordischen Knoten“, der das Gewirr möglicher Pfade verknüpft, entlang derer ein tatsächlicher Übergang vom kapi-talistisch Notwendigen zum (öko-) kommunis-tisch Möglichen Wirklichkeit werden könnte, mit einem gewaltigen Schnitt durch das ganze vereufelte „Knäul“ abkürzen zu wollen. Offenbar lässt sich „Kommunismus“ nicht befehlen.

Der Blick auf die Wirkungsgeschichte des Begriffs der „Diktatur des Proletariats“ zeigt uns die mögliche Bedeutung eines Mangels an Umsicht bei der Wortwahl für Begriffe, die in einem gesellschafts-wissenschaftlichen und poliitischen Diskurs für gesellschaftliche Orientierung gebende Wünsche, Erwartungen, Prinzipien, Mecha-nismen, Entwicklungsbedingungen usw. stehen. Es muss bedacht sein, dass Wortdeutungen im Allgemeinen und damit auch die von Begriffen, die der Identifizierungen sozialer Tatsachen, Visionen usw. dienen sollen, mit der Zeit auf veränderte Wissensstände, kulturelle Launen und Interpretationsbedürfnisse treffen. So gilt es zwar nachzuvollziehen, was in den gesellschaftlichen Debatten in der Mitte des 19. Jahrhunderts unter einer „Diktatur des Prole-tariats“ verstanden wurde, als Marx mit eben diesem Begriff den Gedanken zum Ausdruck brachte, dass die vereinigten „Proletarier aller Länder“ (weltweit) Staatsmacht erlangen müssen, um Maß-nahmen durchsetzen zu können, die sie vom Zwang befreien, ihr Arbeitsvermögen an Sachverwalter fremder Interessen zu ver-mieten und sich auf diese Weise selbst zu einem aktiven Moment der Gestaltung gesellschaftlichen Verhältnisse zu machen. Wir werden aber sehen, warum die marx-engelssche Koketterie mit dem Diktaturbegriff auch unter Berücksichtigung der Tatsache als ein folgenschwerer Missgriff erkannt werden muss, dass damals mit „Diktatatur des Proletariats“ (oder die der Bourgeoisie) keine Staats- oder Regierungsform sondern die soziale Macht der betreffenden Klasse gemeint war, die zu ihrem Gunsten funktionierenden Produktionsbedingungen aufrecht zu erhalten. Diese Erkenntnis zwingt uns zur kritischen Sichtung des Wirkungs-potenzials, das im marx-engelschen Kommunismusprojekt im Hin-blick auf die Wechelbeziehungen zwischen den sozioökonomischen Grundlagen und verschiedenen Formen von Staatlichkeit bzw. zwischen Rechtsstaatlichkeit, Demokratie und Menschenrechten und dem Prinzip einer gemeinschaflichen Kontrolle des Produk-tionsgeschehens angelegt ist. Wir sehen, warum nicht nur gegenüber dem gefährlichen Spiel mit dem Dikaturbegriff Vorsicht geboten ist, sondern auch etwa gegenüber der naiven Vorstellung, es könne einfach ein weltgemeinschaftlich bestimmtes Produk-tionsmanagement eingeführt werden, mit dem sich sogleich so viel Einigkeit herstellen ließe, dass die Gefahr eines gewalttätigen Austragens von Konflikten nicht mehr bestünde, niemand mehr auf die dann nutzlose Idee käme, Macht, Eigentum usw. gewaltsam erobern und verteidigen zu wollen und also er ganze demokratische Staatsklimbim nicht mehr gebraucht würde.

Unter strenger Beachtung der Warnleuchten, um die die Erfahrung mit 70 Jahren Sowjetdiktatur das gesellschaftliche Reflexionsver-mögen bereichert hat, ist aber auch herauszuarbeiten, inwieweit vielleicht gerade den aus heutiger Sicht besonders schräge an-mutenden Elementen der marx-engelsschen Transformationsper-spektive eine verborgene Rationalität mit einem emanzipatori-schen Potenzial zugunde liegt, das links liegen zu lassen, die Aussicht auf die Möglichkeit, zu einer hinreichend menschenge-rechten und zugleich ökologisch vernünftgen Gestaltung des Anth-ropozäns zu kommen, nicht gerade verbessern würde. Hört sich Marx Idee eines vor lauter Kommunismus absterbenden Staates (selbst wenn darin die Mehrheit entscheidet) etwa nur deshalb so halsbrecherisch an, weil sie tatsächlich entgegen der marxschen Intention – so oft als fixe Idee eines ohne Netz und doppelten Boden zu vollziehenden Austausches „der Demokratie“ durch „den Kommunismus“ vorgestellt wird? Und schlupft die wirklich interes-sante Frage deshalb vielleicht allzu leicht unter dem dann schnell auftrumpfenden Gefühl der Erhabenheit über solch gefährlichen Unsinn? Tatsächlich entbehrt der Gedanke aber nicht der Logik, dass anhaltende Fortschritte auf dem Weg zu einem Weltwirt-schaften, das sehr weitgehend auf Basis letztlich einvernehmlich bestimmter und verantworteter Produktionsziele und –standards (sozialer wie ökologischer Natur) funktioniert, eine Tendenz zum allmählichen Einschlummern zumindest jener Staatsfunktionen ingang setzen könnte, deren Aufgabe es ist, Konflikte zu vermeiden oder auf eine zivilisierte Art zu bewältigen, die einem Wirtschaften eigen sind, das eben nicht auf Basis einvernehmlich bestimmter und verantworteter Produktionsziele und –standards fuktioniert.

Die nähre Auseinandersetzung zeigt, warum hier äußerst penibel zwischen Logik und Empirie zu unterscheiden ist. Eine Theorie über künftige Bedingungen der gesellschaftlichen Entwicklung und dem Einfluss dieser Bedingungen auf den weiteren Geschichts-verlauf ist keine Wahrsagung aus der Kristallkugel und die Vorstel-lung, dass kommende Generationen Erfüllungsgehilfen logischen Schlüsse sein müssten, die in heutigen Theorien über deren Gegen-wart angestellt worden waren, sind als fauler Zauber zurückzu-weisen. Dass nachhaltige Fortschritte im weltgemeinchaftlichen Bemühen, einvernehmlich vereinbarte Ziele zu erreichen, dazu führen könnten, dass weniger Staatsgewalt angedroht oder ausgübt werden muss, lässt sich denken. Was aber geschieht, wenn Staats-gewaltinhaber mit der Behauptung, im Dienste der Herbeiführung eines vorherbestimmten Zeitalters der Glückseligkeit zu handeln, zum „Beweis“ des Fortschritts auf diesem Weg Demokratie und Rechtsstaat vorsorglich schreddern und den im Vergleich zur eigenen Heilserwartung „unreifen Werktätigen“ die basalen Grund-rechte verwehren, ist gesichertes Wissen.

Es versteht sich von selbst, dass es vor dem Hintergrund der geschichtlichen Erfahrung mit einer „linken“ Rechtsstaatverachtung eine törichte Idee wäre, für den Fall tiefgreifender Erschütterungen erneut eine „Diktatur des Proletariats“ in Aussicht zu stellen, und zu behaupten, dass nur die unumschränkte Staatsmacht einer sich zum Zwecke der Selbstbefreiung aus der „Lohnsklaverei“ vereinten Internationale lohn- und gehaltsabhängig Beschäftigter in der Lage wäre, die gesellschaftliche Transformation ingang zu setzen, die die Gesellschaft am Ende befähigte, sich auf der Grundlage gemein-schaftlich verfolgter Ziele zu reproduzieren – und somit die Voraus-setzungen dafür zu schaffen, dass auf die Androhung oder Aus-übung von Staatsgewalt immer mehr verzichtet werden könne.

Damit ist allerdings nicht geklärt, ob die marxsche Perspektve einer Arbeiteremanzipation mittels Staatsmacht nicht doch einen ratio-nalen Kern enthält, deren Potenzial zu nutzen wäre, sollte jetzt tat-sächlich eine historische Situation eintreten, die keinen Zweifel mehr an der Notwendigkeit zulassen würde, dass das planetarische Zusammenwirken jetzt in einer Weise zu organisieren ist, die es den interagierenden Menschen und Institutionen erlaubte, den anthropogenen Stoffaustausch nach Maßgaben mitmenschlich be-stimmter Vernunft zu steuern. Gesetzt, wir können (bzw. müssen) das bejahen, stellt sich die Frage, ob die Möglichkeit eines Welt-wirtschaftens, das nach Maßgaben der Menschlichkeit und ökolo-gischen Vernunft funktionierte, nicht tatsächlich voraussetzt, den stummen Zwang der ökonomischen Verhältnisse zu überwinden, der heute noch die weitaus meisten Menschen weltweit nötigt, die Herrschaft über das eigene Arbeitsvermögen an Sachverwalter fremder Interessen zu übertragen. Kann sich die Menschheit als eine handlungsfähige Einheit formieren, solange das Leben (Beden-ken, Fühlen, Planen) der meisten Menschen weltweit von der Not-wendigkeit beherrscht ist, das Bestimmungsrecht über den Einsatz des eigenen Mitgestaltungsvermögens für ein Linsegericht herzu-geben, sprich, es gegen das Geld einzutauschen, das die Aneignung der notwendigen Lebensmittel erlaubt und ohne das heute kein Überleben möglich ist? Müsste sich die Gesellschaft nicht tatsäch-lich, um wirklich als eine solche handeln zu können, so organi-sieren, dass die Einzelnen auf einer mehr gemeinwirtschaftlichen Basis darüber entscheiden können, mit wem, wie und für was das eigene Mitwirkungsvermögen eingesetzt werden soll? Und ließe sich Marx dahingehender Grundgedanke nicht auch so fassen, dass die Arbeitsvermögenden aller Länder, die die überwiegende Mehr-heit der Menschen weltweit repäsentieren, sich zusammen-schließen müssten, damit sie mit vereinter Kraft agieren und somit rund um die Welt Regierungen zur Macht verhelfen können, deren Gesetzgebung es tatsächlich möglich machte, der Erniedrigung des Menschen zum Arbeitstier ein Ende zu bereiten? Und würde dies nicht die Möglichkeit, die planeratischen Produktionsziele und standards kenntnisreich mitbestimmen zu können, zu einem grundlegenden Menschenrecht machen?

Soweit

Wer mit mir über das Projekt reden möchte, fülle bitte das Kontaktformular aus:

1 Vergl. Marx/Engels: Die deutsche Ideologie, MEW Bd. 3, S. 33

2Marx/Engels: Die deutsche Ideologie. MEW Bd. 3, S. 34

3 Bd. 25, S. 828

4 Eine eingehende Auseinandersetzung mit diesem Phänomen erfolgt im Kapitel … ab Seite

5Wenn ich fortan Marx als Referenz wähle, ist kein weiterer Beitrag zu

6 Marx/Engels: Die deutsche Ideologie, vgl. MEW Bd. 3, S. 26

7 Marx an Engels . 8. Januar 1868 MEW 32, S. 12

8 K. Marx, Deutsche Ideologie, MEW 3, 26f.

9Marx: Zur Kritik der politischen Ökonomie, MEW 13, 9

10Vergl.

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