Zur „Ökosozialistischen Konferenz“

7. April 2010

Die vom  SALZ und der Rosa Luxemburg Stiftung organisierte Ökosozialistische Konferenz in Kassel ist nun Geschichte. Sie unterstützte das „Ökosozialistische Manifest“ und hinterließ auch eine eigene Erklärung: „Für eine ökosozialistische Wende von unten! Ich war nicht dabei, werde mich aber nun nach und nach den Ergebnissen und begleitenden Texten zuwenden und das Eine oder Andere hier auch – soweit es mir zeitlich möglich ist – kommentieren.

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Leistung!

8. März 2010

Die neuste Westerwelle  schwemmte mal wieder reichlich Treibgut zum Bau eines ideologischen Konstrukts zum Einflößen von „Respekt -vor-dem Eigentum“ (wie ihn BZ-Kulturpreisträger  Sloterdijk ersehnt), an Land („Leistung muss sich wieder lohnen“). Und keine Elbe-Flut spült den Unsinn dieses Leistungsfetisch heute in Richtung Mehr-Wahrnehmung  seiner sozialen (bzw. ökologischen) Kosten. Oder heißt mehr Leistung nicht (auch) mehr Klimakatastrophe?

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K.H. Tjadens Kritik „der“ Planwirtschaft, „des“ Bewusstseins und „des“ Sozialismus

5. Mai 2009

„Ich bin davon überzeugt, dass es nur einen Weg gibt, dieses Übel loszuwerden, nämlich den, ein sozialistisches Wirtschaftssystem zu etablieren, begleitet von einem Bildungssystem, das sich an sozialen Zielsetzungen orientiert. In solch einer Wirtschaft gehören die Produktionsmittel der Gesellschaft selbst und ihr Gebrauch wird geplant. Eine Planwirtschaft, die die Produktion auf den Bedarf der Gemeinschaft einstellt, würde die durchzuführende Arbeit unter all denjenigen verteilen, die in der Lage sind zu arbeiten und sie würde jedem Mann, jeder Frau und jedem Kind einen Lebensunterhalt garantieren. Die Bildung hätte zum Ziel, dass die Individuen zusätzlich zur Förderung ihrer eigenen angeborenen Fähigkeiten einen Verantwortungssinn für die Mitmenschen entwickeln anstelle der Verherrlichung von Macht und Erfolg in unserer gegenwärtigen Gesellschaft.

Dennoch ist es notwendig festzuhalten, dass eine Planwirtschaft noch kein Sozialismus ist. Eine Planwirtschaft als solche kann mit der totalen Versklavung des Individuums einhergehen.

Sozialismus erfordert die Lösung einiger äußerst schwieriger soziopolitischer Probleme: Wie ist es angesichts weitreichender Zentralisierung politischer und ökonomischer Kräfte möglich, eine Bürokratie daran zu hindern, allmächtig und maßlos zu werden? Wie können die Rechte des Einzelnen geschützt und dadurch ein demokratisches Gegengewicht zur Bürokratie gesichert werden?“

Albert Einstein

Anmerkung 1

Es versteht sich, daß die Aufhebung der Entfremdung immer von der Form der Entfremdung aus geschieht

Marx: Ökonomisch-philosophische Manuskripte aus dem Jahre 1844.MEW Bd. 40, S. 553

Begriffe wie “Freiheit”, “Gerechtigkeit”, “Entfremdung” ” Kapitalismus” , “Sozialismus”, “Staat”, “Markt”,  “Produktivkräfte”, “Fortschritt”, “Entwicklung”,  “Natur”,  “Politik”, “Gott”, “Rationalität”, “Bedarf”, “Bedürfnisse”,” Selbstbestimmung”, “Kritik”  oder auch  “Verdinglichung” erscheinen uns als Fixsterne des Denkens und Handelns!

Sie gelten als die wahren Mittel der Erleuchtung oder zumindest der Beleuchtung des Elends dieser Welt oder deren Bändigung. Da sie der Orientierung inmitten unverstandener Zusammenhänge dienen und der sozialen Rückbindung (=Religion) privater (Un-) Lust an andere Privatbedürfnisse (nicht selten gegensätzlicher Natur), ist deren Deutung oft hart, manchmal blutig umkämpft.  Sie stehen für Protest gegen wirkliches Elend, für Seufzer bedrängter Kreaturen, sind Gemüt ungemütlicher Zeiten und Geist geistloser Zustände (vgl .  MEW Bd. 1, S. 378)  Manchen versetzt ihr Gebrauch in einen wohligen Rausch.  Aber Vorsicht! Vor Halluzinationen wird gewarnt.

Fern aller konkreten Beziehungen, Interessen und Instinkte wirklicher Menschen und deren Behauptungsbedingungen beginnen uns diese mit eigenem Geist beseelt vorgestellten Himmelserscheinungen auf der Nase herum zu tanzen und dem menschlichen Denken und Handeln mal diesen und mal jenen Geruch zu verleihen ohne dass sich deren  Spur ins stinknormale  Leben und deren  Luftveränderungsbedarf konkret nachvollziehen ließe.

Bei der Planwirtschaft kein Plan DS?

Wer „Planwirtschaft“ nur in der einen Form des geheimen Staatsdirigismus  gelten lässt, mit dem es sich in den einstigen Ostblockländern nach Herzenslust über die Bedürfnisse der Menschen hinweg schalten und walten ließ bis es krachte,  sollte bedenken, dass die Haltung von (und eben auch der Handel mit) Sklaven (als dominierendes Produktions- und Aneignungsverhältnis) auch eine „Marktwirtschaft“ war.

Sicher: der Mobilisierungswert eines Parteiprogramms, das heute eine „sozialistische Planwirtschaft“ versprechen würde, läge tief im Keller irgendwo in der Nähe „toxischer“  Wertpapiere.  Das liegt unter anderem daran, dass die blank geputzten Begriffe des sogenannten „realen Sozialismus“  grad auch vom „Klassenfeind“ gern als Wirklichkeitverkauft wurde.

Denn für das Funktionieren der auf kurzfristige Bereicherungsgewinne privater  Wettbewerber ausgerichteten Formen und Ausprägungen der Arbeitsteilung ist es rational (= zweckgerichtet), Fragen nach einer sozialen  Steuerung der Herstellung und des Gebrauchs der menschlichen Bereicherungsmittel generell für einen sozialromantischen Angriff auf die Lust an „der“ unbeschränkten Freiheit aller zu halten. Die irdische Verkörperung dieses Schreckgespenstes im „realsozialistischen“ Spuk kam dem entgegen.

Nach Formen der Arbeitsteilung zu fragen, mittels derer sich Beteiligte und Betroffene gegenseitig nötigen können, sich die sozialen bzw. ökologischen Voraussetzungen und Folgen ihrer Stoff- bzw. Energiewechsel mitsamt der damit verbundenen Zugriffsrechte und -pflichten vorher (!) durch den Kopf gehen zu lassen (und hnterher dafür auch gerade stehen zu können), zog und zieht nicht zuletzt wegen der Verwechslung von Begriff und Wirklichkeit (Vorstellung und wirkliche Herstellung)  unweigerlich die Rückfrage nach sich, ob im Oberstübchen noch alles Geschirr versammelt ist. (Zu den strukturellen Grundlagen dieses Phänomens siehe: Sind wir des Warensinns?).

Der Begriff, der Begriff, der  hat niemals recht!

Linke Kapitalismusgegner sind davor natürlich auch nicht gefeit. Das Gewahrwerden, dass soziale bzw. ökologische Mängel wie Überfischung, Erderwärmung oder Regenwaldzerstörung, die ja auch Folge privater Aneignungsrationalität sind,  über kurz oder lang anderen – in anderer Hinsicht rationalen – Zwecken widersprechen,  kann es geschehen, dass die Vorstellung einer Identität von Kapitalismus oder „westlicher Moderne“ mit „der Rationalität“ an und für sich ins genaue Gegenteitl umkippt mit dem verrückten Ergebnis, dass (ebenso wie beim „realen Sozialismus“) nicht die soziale Rückständigkeit der Verhältnisse mit ihren bornieren Möglichkeiten der Zweckbestimmung als das Problem gesehen wird, (etwa weil die zum Stand der technischen und intellektuellen Fähigkeiten der Menschen nicht mehr passen). Statt nach den Grundlagen falscher, nicht mehr zeitgemäßer  Zwecke und deren Rationalität zu fragen bzw. nach neuen Zwecken oder Zweckbestimmungsferverfahren  gilt der antikapitalistische  Angriff  „der“ angeblichen Kopflastigkeit eines „westlichen Entwicklungsmodells“ und dessen „Rationalitätsbegriff“. Und „Planwirtschaft“ (egal wie demokratisch-sozialistisch) gilt nur als die sichtbare Spitze des angeblich eisekalten weil mechanistischen „westlichen“ Rationalismus.

Aus der Erfahrung, dass ein Einheitsgriff für sämtliche Tassen aller Schränke  recht unpassend sein kann, wird also messerscharf gefolgert,  dass  an bestimmten Tassengriffen überhaupt nur gefährlicher Unsinn dran sein  kann.  Genau diesem Trugschluss scheint mir der ehrenwerte Öko-Soziologe Karl Hermann Tjaden zu unterliegen, wenn er ausgerechnet vor einer „trügerischen Dreieinigkeit von Bewusstsein, Planung und Sozialismus“ warnt, die er „Hirngespinste wie alle Begriffe“ nennt.

Von den Spinnen unterscheidet uns Menschen – nach Marx – allerdings, dass  wir uns unsere Gespinste (wie etwa „Sozialismus“) durch den Kopf gehen lassen und die Bedingungen ihrer Richtigkeit, Notwendigkeit und Möglichkeit im öffentlichen Diskurs  reflektieren können bevor (aber natürlich auch während) wir zielstrebig werden und das Gewünschte bzw. Notwendige bewusst, d.h. wissentlich und willentlich herstellen.

Tjaden lässt das nicht gelten und behauptet, dass Marx und Engels  eine solche Trinität nicht behauptet hatten.

Die Ausarbeitung eines Sachzusammenhangs von Bewusstsein, Planung und Sozialismus, behaupte ich, gibt es bei den Begründern des Historischen Materialismus nicht. Karl Marx und Friedrich Engels hatten, anders als es später hieß, nicht die Auffassung vertreten, zu den wesentlichen Merkmalen des Sozialismus gehöre, neben der Vergesellschaftung der Produktionsmittel, der Abschaffung der Ausbeutung und der Bedürfnisorientierung der Produktion, auch „die bewußte, planmäßige Leitung der Gesellschaft nach einem Gesamtwillen“. Aber: Sie hatten der Annahme einer Dreieinigkeit von Bewusstsein, Planung und sozialistischer Gesellschaft mit diversen Argumentslinien zugearbeitet. Vor allem gibt es das anthropologische Dogma Marx’ im „Kapital“, ein menschlicher „Baumeister“ unterscheide sich von allen (anderen) Tieren dadurch, dass er sein angestrebtes Werk in seiner „Vorstellung“ vorausdenke. Das scheint für Marx die Voraussetzung der Möglichkeit gewesen zu sein, dass die „Gestalt des gesellschaftlichen Lebensprozesses“ jenseits des Kapitalismus „unter bewußter planmäßiger Kontrolle steht“ – was Engels wiederum in seinem „Anti-Dühring“ so bewertete, dass „der Mensch“ im Sozialismus, „in gewissem Sinn, endgültig aus dem Tierreich [ausscheidet].“

Seltsame Beweisführung:  Marx/Engels hätten das „Nie Gesagte“ zwar eigentlich doch gesagt aber sie seien dabei ihrem eigenen Dogma vom Wesen des Menschseins bzw. Menschwerdens unterlegen und hätten deshalb eigentlich alles nicht so gemeint.

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DGB Maiaufruf zur Klimakrise: besseres Arbeitsklima, besseres Investitutionsklima!

1. Mai 2009

Schön und gut:

Für die Gewerkschaften stehen die Menschen vor den Märkten. Deshalb fordern wir eine neue solidarische Ordnung der Wirtschaft und Gesellschaft. Eine Ordnung, die Arbeitsplätze erhält, die Mindestlöhne einführt und sichert. Eine Ordnung für mehr gute Arbeit und ein gutes Leben, eine Ordnung mit mehr Mitbestimmung, Teilhabe und Gleichberechtigung. Wir fordern einen handlungsfähigen Staat, der auch morgen in der Lage ist, seine Aufgaben wahrzunehmen.

Aus dem DGB Aufruf zum 1. Mai 2009

Erderwärmung War da was?

Schön und gut wie gesagt. Aber warum kein Wort darüber, was im Lichte ökologischer Nachhaltigkeit „gute“ Arbeit und „gutes“ Leben  bedeuten oder wer was im Angesicht der Erderwärmung  mitbestimmen können und wer wie daran gleichberechtigt teilhaben soll? Oder habe ich etwas übersehen?

Wie passt die altertümliche Ausklammerung der großen ökologischen Menschheitsprobleme aus der To-do-Liste der dringend zu vertretenden Arbeiter(innen)belange, (was die menschliche Würde geldvermögensloser Arbeitsvermögender in den engen Grenzen ihrer – potenziellen – Funktion als  „variables Kapital“  hält),  zur Phrase, dass  für die Gewerkschaften „die Menschen vor den Märkten stehen„?

Dass die Menschen ihre Gesellschaft (also ihr globales Miteinender) bzw. ihre Wirtschaft (die weltweite Prodution und Bereitstellung der Güter und Dienste)  solidarisch ordnen können sollen, ist eine großartige Perspektive.

Sich dieser ungewöhnlich weitsichtigen Ein- und Aussicht wenigstens gedanklich nähern zu können macht es aber erforderlich, konkret (!) zu benennen, was sie so notwendigt und dringlich macht. Dazu gehört heute unabdingbar, dass das (mit dem solidarischen Ordnen)  zu erreichende  „gute Leben“ außer Mindestlohn und Arbeitsplatzsicherheit auch weltweite Ernährungssicherheit und -souveränität,  ökologische Stabilität und daher eine drastische Reduktion der Schadstofemissionen und „Naturverbräuche“ (und damit auch Stoffumsätze) einschließen muss.

Schließlich:

Wir fordern einen handlungsfähigen Staat, der auch morgen in der Lage ist, seine Aufgaben wahrzunehmen.

„Seine“ Aufgaben?  Staatliche Aufgaben stehen ebenso wie Aufgaben des Marktes in keinem bestimmten Verhältnis  zu „den Menschen“, also  zu konkret zu bestimmenden (mit-)menschlichen Belangen – und umgekehrt. Mitmenschliche und  in Bezug auf die Naturumwelt mitweltliche Belange stehen derzeit in keiner (mitmenschlich) bestimmten Beziehung zu Aufgaben des Staates oder des Marktes.  Vorrang für „die Menschen“ oder besser „der Menschen“ kann sinnvollerweise nur bedeuten, diese jeweiligen Aufgaben – konkret (!) – mitzubestimmen.

Unbestimmte Ziele wie gutes Leben, Mitbestimmung und Aufgabenerfüllung des Staates helfen nicht wirklich voran und scheinen mir mehr Ausdruck der Entfremdung von der Perspektive eines mitmenschlichen Ordnens  als Ausdruck der Emanzipation aus inhumanen  Sachzwängen des Staat-Markt-Komplexes zu sein.

Gruß hh


Green New Deal Arbeiter- und Naturverrat!

20. April 2009

MITGLIED IM ATTAC KOORDINATIONKREIS HÖRT  GESPENSTER

Im Grüne-Liga Blatt „Rabe Ralf“ und ak – analyse & kritik – zeitung für linke Debatte und Praxis / Nr. 536 / 20.2.2009 kämpft Alex J. Passadakis, Mitgleid im Attac-Koordinierungskreis  weiterhin tapfer gegen den „Green New Deal!“   Schon mit dem positiven Bezug auf den historischen New Deal Franklin D. Roosevelts würden sich „die grünen Kapitalisten eine weitere historische Fehllektüre erlauben“, denn dessen „sozial-progressive Elemente“ seien „durch starke Arbeitslosenbewegungen und zum Teil blutig niedergeschlagene Massenstreiks durchgesetzt“. Gleichzeitig hätte der New Deal aber autoritäre Züge gehabt und sei die Geburtsstunde des US-amerikanischen Imperialismus gewesen. (Heißt: diejenigen, die bei Konjunkturprogrammen auf  nachhaltige, grüne Investitionen  drängen, und sich positiv auf Roosevelt beziehen, sind autoritätsfixiert und wissen nicht worauf es jetzt ankommt, dass nämlich alles Gute von Unten kommt, und alles andere Quark ist).

„Verräterisch“ sei, dass zwar der historische ND Roosevelts „in sozialdemokratischer Manier tatsächlich soziale Errungenschaften umfasste“, aber die „soziale Frage bei den bisher vorliegenden Vorschlägen des Green New Deal eine vielsagende Leerstelle“ sei. Heute würde nicht einmal die 30 Stundenwoche  gefordert!

Ein Konjunkturprogramm, in dem nicht einmal die Forderung nach 30 Stundenwoche enthalten ist! Man fragt sich, wo hier die Maßstäbe  sind. Sicher ist die Diskussion um Arbeitszeitverkürzung und mit welchen internationalen Konstellationen und Abkommen das auch noch realisierbar wäre, sinnvoll, ja notwendig. Schließlich ist ja  schwer erarbeiteter Überfluss Kern der Krise.  (Auf der Website Verdi.Perspektiven hat Jörg Wiedemuth eine beachtenswerte Reflexion zum Thema verfasst: 30 Stundenwoche – eine Utopie?)

Aber hier ist diese Attacke  fehl platziert und zeigt, dass es nicht um wirkliche  Fortschritte (bei gleichzeitigem Ausleuchten der ganzen Strecke und wie schnell die zu durchschreiten ist) geht, sondern  um platte „Entlarvung des Systems“  zur Bestätigung ewiger Gewissheiten, die akut grad jener Wirtschaftslobby zu Pass kommt, die eine grüne Einfärbung der Konjunkturprogramme aus purem Eigeninteresse ablehnt.

Außerdem: sehen wir uns einmal die angebliche „sozialpolitische Leerstelle“ im GND Konjunkturprogramm Entwurf von BÜNDNIS 90/Grüne an.

Bei der Bildung geht es uns um die Priorität für den Rechtsanspruch auf einen hochwertigen ganztägigen Kita-Platz. Dafür alleine sind in den nächsten 2 Jahren über 5 Mrd. Euro nötig. Noch einmal so viel soll für den Umbau der Schulen zu gebundenen Ganztagsschulen aufgewandt werden. Bis 2010 könnten so fast 3500 Schulen zu Ganztagsschulen ausgebaut werden. Mit noch einmal mehr als 2 Mrd. Euro sollen in den kommenden beiden Jahren über 200.000 zusätzliche Studienplätze eingerichtet werden. Um die Kaufkraft von Haushalten mit geringem Einkommen zu stärken, wollen wir beim Arbeitlosengeld II, bei den Sozialversicherungsbeiträgen für Bruttoeinkommen unter 2.000 Euro und bei der Einführung von Mindestlöhnen ansetzen. Die Forderung nach einer Erhöhung der Hartz-IV-Regelsätze auf 420 Euro erheben wir schon lange. Wir fordern das nun erneut und mit Nachdruck. Daneben sollen die Regelsätze für Kinder und Jugendliche altersspezifisch und entwicklungsgerecht auf 300-350 Euro erhöht werden. Mit dem Grünen Progressiv-Modell werden niedrige Erwerbseinkünfte entlastet. Und wir fordern die Einrichtung einer Mindestlohnkommission nach dem Vorbild von Großbritannien, die – mit Sozialpartnern und Wissenschaftlern besetzt – Empfehlungen für Mindestlöhne erarbeitet und durchsetzt.

Die Kommunen sind zentraler Ansatzpunkt für ein Grünes Investitionsprogramm. Obwohl sie ihre Infrastruktur bei Sozialleistungen, Arbeitsmarkt- und Bildungspolitik ausbauen müßten, sinken die kommunalen Investitionen seit 1992.

28. Ordentliche Bundesdelegiertenkonferenz Erfurt, 14.-16. November 2008

Die Green New Deal Konzepte sind aber nach Attac Koordinationskreis Mitglied Passadakis nicht nur nicht sozial sondern auch nicht grün. Denn:

„Die Fans eines Green New Deals sind noch immer von der neoliberalen Maske des Finanzmarktkapitalismus gebannt. Dass die gegenwärtige Katastrophe ihre Ursachen im kapitalistischen Industrialismus hat, der mit seiner keynsianistischen Massenproduktion und -konsumtion bereits in der New Deal Ära radikalisiert wurde, bleibt unverstanden“

Konsequenterweise müsste Passadakis  das Produktiitätsniveau des 19. Jahrhunderts für gerade noch mal naturverträglich halten und entsprechende Regressionsprogramme fordern – mit Forderung nach der 30 Stundenwoche selbstverständlich!

Immerhin hört Passadakis die Geister der Vergangenheit einer noch wahren Ökologiebwegung:

„Die Ursprünge der Ökologiebewegung sind vergessen; ohrenbetäubend, wie Meadows, der Herausgeber der Studie „Die Grenzen des Wachstums des Club of Rome sich dabei im Grabe umdreht.“

„Knapp daneben ist auch vorbei“ ist APs Beitrag im Raben Ralf  betitelt. Vielleicht deshalb, weil AP hier zwar keine gefüllte Leerstelle, dafür aber eine leere Grabstelle trifft. Meadows kann nämlich schon deshalb keine ohrenbetäubenden Töne beim im Grabe umdrehen von sich geben, weil er nach wie vor munter Interviews gibt wie etwa am 21. Oktober 2008 in der Süddeutschen Zeitung, wo er  eine weltweite Depression bzw. Deflation für den einzigen richtigen Weg zur Weltrettung  erklärt.  Wie übrigens auch eine Verlängerung der Wahlzyclen, weil diese ständige Rechtferigung gegenüber dem Wahlvolk zu Fehlanreizen führen würde. Nicht grad sehr antiautoritär!

Gruß hh


Fetischbegriffe 2.) „qualitatives Wachstum“ (im Nov. 2012 und im Juni 2013 leicht überarbeitet)

7. April 2009


Kein Mensch bekämpft die Freiheit; er bekämpft höchstens die Freiheit der anderen.

Marx:  MEW Bd. 1, S. 51

Es versteht sich, daß die Aufhebung der Entfremdung immer von der Form der Entfremdung aus geschieht

Marx: Ökonomisch-philosophische Manuskripte aus dem Jahre 1844.MEW Bd. 40, S. 553

Begriffe wie “Freiheit”, “Gerechtigkeit”, “Entfremdung” ” Kapitalismus” , “Sozialismus”, „Staat“, „Markt“,  “Produktivkräfte”, “Fortschritt”, “Entwicklung”,  “Natur”,  “Politik”, “Gott”, “Rationalität”, “Bedarf”, “Bedürfnisse”,” Selbstbestimmung”, “Kritik”  oder auch  “Fetischisierung” erscheinen uns als Fixsterne des Denkens und Handelns!

Sie gelten als die wahren Mittel der Erleuchtung oder zumindest der Beleuchtung des Elends dieser Welt – oder deren Bändigung. Da sie der Orientierung dienen und der sozialen Rückbindung (=Religion) privater (Un-) Lust mit anderen Privatbedürfnissen (nicht selten gegensätzlicher Natur), ist deren Deutung oft hart, manchmal blutig umkämpft.

Sie stehen für Protest gegen wirkliches Elend, für Seufzer  bedrängter Kreaturen, sind Gemüt ungemütlicher Zeiten und Geist geistloser Zustände (vgl .  MEW Bd. 1, S. 378)  Manchen versetzt ihr Gebrauch in einen wohligen Rausch.  Aber Vorsicht! Vor Halluzinationen wird gewarnt.

Fern aller konkreten Beziehungen, Interessen und Instinkte wirklicher Menschen und deren Behauptungsbedingungen beginnen uns diese mit eigenem Geist beseelt vorgestellten Erscheinungen auf der Nase herum zu tanzen und dem menschlichen Denken und Handeln mal diesen und mal jenen Geruch zu verleihen ohne dass sich deren  Spur ins alltägliche (eben stinknormale) Leben nachvollziehen ließe.

Oder doch?

  1. Bedarfsgerechtigkeit!
  2. Qualitatives Wachstum

2. ) „Qualitatives Wachstum

Kapitalismus, also

  • (zwischen-) staatlich, d.h. mittes (entspechend der gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse politisch bestimmtem) Recht- und Gesetz abgesicherte
  • Entwicklung und Anwendung von privatem Herstellungsvermögen (Beherrschung von Produktionsstätten und Transportmittel,  Maschinen, Vorprodukte, Arbeitskräfte,  andere genutzte Naturkräfte bzw. -gegenstände und zur Aneignung all dessen ermächtigendes Geld)
  • und Veräußerung bzw. (auf Seiten der Konsumierenden) Aneignung der dabei  geschaffenen Gebrauchswerte vermittels einem Markt (also in Konkurrenz ums attraktivste Angebot) gegen wiederum Geld (zu einem Preis, dessen Auf und Ab  unter Bedingungen freier Konkurrenz der Privatakteure vom zur Aneignung der begehrten Gebrauchswerte gesellschaftlich notwendigen Arbeitsaufwand  gesteuert ist)

ist eine ausgesprochen dynamische Art der Existenzsicherung und Bereicherung (und deren Weiterentwicklung) mit einem großen und dabei nur ungenügend steuerbaren  Zerstörungspotenzial.

Doch Stillstand bedeutet den sozialen Tod. Expansion privater Bedürfnisse und Mittel zu ihrer Befriedigung, technischer Fortschritt und entsprechende Verfahrens- und Produktinnovationen sind Überlebensbedingung am Markt.

Aber was geschieht, wenn kein Gras (Regenwald oder andere Produktionsstätten des Lebens) mehr wächst, wo der kapitalistisch automatisierte Fortschritt auftritt?

Solange  genug andere soziale bzw. geographische Felder der Ausbeutung abgegrast werden können, ist das erst einmal für alle gut, die einen privaten Vorteil von der Einsparung der Reproduktionskosten haben, ob sie von billigerem Holz, billigeren Palmöl-Produkten oder billigerem Fleisch der mit „Soya-statt Regenwald“ gefütterten Rinder profitieren oder vom Raubbau an menschlicher Arbeitskraft. Das gilt beileibe nicht nur für die großen Player der Plusmacherei. Es gilt sogar im besonderen Maße für die so genannten Endverbraucher/innen.

Auf der Kapitalseite profiteren vor allem die von Raubbau, die bei der Finanzierung, Produktion und Bereitstellung der durch die Einsparung von Reproduktionskosen so schön billigen Produkte die Nase vorn haben. Sie können ihr Aneignungsvermögen (in der Form von Geldbesitz) mittels des so gegebenen Konkurrenzvorteils steigern. (Sei es, um sich auch in Zukunft am Markt behaupten zu können oder weil sie ihr gerade nicht selbst selbst benötigtes Geld gewinnbringend anlegen).

Technischer Fortschritt, Verfahrens- und Produktinnovationen bringen einem Unternehmen allerdings nur solange mehr Geld, wie die Konkurrenz nicht gleich ziehen kann. Danach kann (und muss!)  fürs gleiche Geld (für den gleichen Gewinn) mehr Gebrauchswerte hergestellt und also auch der Natur abverlangt werden.

Dies ist die materielle Behauptungsgrundlage des nun so oft kritisierten „Wachstumsdenkens“ und  sollte heute zum Grundwissen eines jeden Menschen gehören. Schon damit das Elend all der vielstimmigen Forderungen aufhört, sich „den Wachstumswahn“ mittels Umdenken aus dem Kopf zu schlagen statt nach Veränderungsmöglichkeiten der im wahrsten Sinne (selbst-) mörderisch gewordenen Behauptungsbedingungen am Markt und damit auch in der Produktion zu schauen. (Vergl. „Sind wir des Warensinns?)

Das Vergnügen der Endverbraucher/innen an „kleinen Preisen“ steigert allerdings für das gesamte Kapital (für alle Geldvermehrungsgeselschaften) die so genannte „Mehrwertrate“ weil der Raubbau das zur Reproduktion derArbeitskraft benötigte Arbeitsquantum zunächst einmal senkt. Allerdings git das nur bei gleichem Konsumniveau. Wächst der, schmälert das  die Mehrwertrate wiederum oder sie bleibt gleich.

Die sich ausweitenden bzw. globalisierenden Produktions- bzw. Aneignungsbedingungen der kapitalistischen Natur ist die von der Soziologie in der Tradition Webers und Tönnies  „modern“ genannte Vergesellschaftung, die in dieser Perspektive als ein überhistorisch gültiger Ausdruck sozialen Fortschritts gesehen wird und Emanzipation aus den alten Zuständen der Vergemeinschaftung und Gemeinschaften, die als altbacken, repressiv und Hort von Korruption gesehen werden.

Die privateigentümliche Vergesellschaftung der Produktivitätsgewinne bildet tatsächlich die materielle Grundlage für all die modernen Seeräuberdemokratien, die im Philosophenlatein „die Moderne“ oder „westliche Wertegemeinschaften“ heißen. (Wer den Begriff „Seeräuberdemoktatie“ für eine übertrieben polemische Metapher hält, möge sich vergegenwärtigen, dass Mauretanien seine Fischereirechte für 86 Millionen Euro an die EU übertrug, die nun jährlich Fisch im Marktwert von eineinhalb Milliarden Euro aus dem Meer holt während die Mauretanischen Fischer ihre Boote noch für waghalsige Versuche benutzen können, dem so geschaffenen Elend über das Meer zu entkommen (Vergl. konkret Heft 10 / Oktober 2008).)  Siehe dazu auch:  DIE ZEIT, Ausgabe 49, 27.11.2008 Wer ist hier der Pirat?

Vielfach ist nun zu hören, dass das quantitative Wachstum in qualitatives Wachstum verwandelt werden soll. Dieser neue Fixsternwechsel am Wünsch-Dir-Was-Himmel zeigt zwar ein einigermaßen richtiges Streben im falschen Leben an. Davon zeugen etwa Mahnungen, dass auch  eine  anzustrebende „Faktor 4 Effizienz“ (der doppelte Wohlstand  mit nur halb so viel Ressourcenverbrauch) durch mehr Suffizienz (in etwa: die Fähigkeit, sozial bzw. ökologisch verantwortbare Gründe des Wohlbefindens / des guten Lebens mit dazu geeigneten Mitteln herstellen) ergänzt werden müsse. (Diese Perspektive ist  durchaus keine Erfindung linker Kapitalismuskritiker).

Ohne allerdings zu bennen, welche Qualität denn nun (warum und wodurch) anstelle welcher anderen Qualität wachsen soll, wirkt auch dieser neue Begriff als Fetisch. Dessen Geist soll sich als Segen für die Schöpfung eines nachhaltigen Wohlstands erweisen wo viemehr die Entwicklung einer neuen Arbeitsteilung gefragt sein solte,mit deren Hilfe sich die handenden Subjekte in die Lage vesetzten, miteinander die Zwecke, Methoden, Regionen oder  Mengen des zu Produzierenden auf ihre sozialen bzw. ökologischen Implikationen hin zu untersuchen und in Richtung  eines gemeinsam zu verantwortenden Weltwirtschaftens abzustimmen!

Solange  der neue Fortschrittsbegriff „qalitatives Wachstum“ nicht in die Entwicklung neuer Formen der Arbeitsteilung eingebunden ist, wirkt er als Fetisch, der nicht nur befreiend wirkt sondern auch das alte mysifizieren hilft.

Es ist doch schlicht so: Alle Dinge haben zu jeder Zeit eine quantitative und eine qualitative Seiten. Und gerade die „qualitativen“ Seiten der kapitalistischen Mehrung des menschlichen Bereicherungsvermögens sind legendär – und (siehe Atom- oder Karbonstrom) und sind – gerade weil Quelle der einkaufsparadiesischen Freude am Konsum – eben auch Teil des geschilderten Problems.

Das Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung, das wohl über jeden Verdacht erhaben ist, irgendwelchen sozialistischen Ideen anzuhängen, ist in der Beziehung sehr viel weiter als  die typischen  Statements und Programme aus „der Linken“ bzw. der umweltbewegten Organisationen und Kommentator(inn)en des Weltgeschehens,  wenn es angesichts der Notwendigkeit, steigenden Bedarf an Lebensmittelproduktion  und Schutz der biologischen Vielfalt miteinender zu vereinbaren, ein globales Ressourcenmanagement fordert.

Zu erkennen gilt, dass „die Vereinbarkeit“ von menschlicher Entwicklung und Natur- und Umweltschutz wirkliche Vereinbarungen über die Bedingungen eines (weltweit) guten Zusammenlebens benötigt. Der Wunsch nach einem ökologisch korrekten Lebensstil ist verständlich und gut. Aber mehr oder weniger sanftes „Nehmen Sie mal ne umweltgerechte Haltung an!- Rufen“ reicht nicht.  Die materiellen, d.h. strukturellen Bedingungen des ökologisch „stilvollen Lebens“ und seiner Verallgemeinerungsfähigkeit und also entsprechende internationale Vereinbarungen  gehören  ins Zentrum der Aufmerksamkeit und damit die Veränderbarkeit der das Verhalten bestimmenden Verhältnisse – zu denen allerdings auch die (künftigen) Lebensbedingungen der vom Wachstumszwang Abhängigen und die Frage nach globaler Entwicklungsgerechtigkeit gehört.

hh


Schwach gedachter Kommunismus

29. März 2009

Kommunismus scheint nun doch wieder in Mode zu kommen.  Indiz:  Aufmacher der Blätter für deutsche und internationale Politik, Ausgabe 3/09  ist neben Elmar Altvaters Text über „Kapitalistische Plagen“  das Bekenntnis des italienischen Philosophen und Politikers Gianni Vattimo zu einem „neu zu denkenden Idealkommunismus“.

Bemerkenswert ist, dass Vattimo der Postmoderne zugeordnet wird innerhalb der er für eine viel beachtete „Philosophie des schwachen Denkens“ steht.

Schwaches Denken?

Aus  der diesbezüglichen Bildungsferne (Philosophie des schwachen Denkens? Was es nicht alles gibt?!) betrachtet und nach einem nächtlichen Crashkurs  möchte ich das versuchsweise so zusammenfassen: auf Husserl und Heidegger aufbauende Vorstellung eines Verschmelzens des erkennenden Denkens mit den zu erkennenden Dingen durch ein möglichst vorurteilsfreies (oder willensschwaches?) Einlassen auf den Gegenstand / Sachverhalt. Aufs Christentum zum Beispiel lässt sich Vattimo (gemäß einer Buchbesprechung von Jan Brachmann in der Beriner Zeitung vom 14.02.04) ein, indem er die „Menschwerdung Gottes durch den Christus Jesus von Narzareth“ als Schwächung eines allwissenden, allmächtigen totalitären Gottvater- Geistes zugunsten eines mehr mitmenschlichen Bedenkens menschlicher Fehlbarkeit und Ohnmacht sieht. (Der göttliche Geist muss sich abschwächen und säkularisieren, um sich verwirklichen zu können).  Den nunmehr „schwachen Geist Gottes“  möchte Vattimo im menschlichen Denken als eben „schwaches Denken“ aufgehoben sehen, da dieses die einzige Garantie dafür sei, dass das Denken nicht (wieder) eine totalitäre bzw. undemokratische, gewaltsame Praxis gebiert.

Bei gutem Willen und hinreichend oberflächlicher Betrachtung ließe sich das als etwas umständlich formulierte Abgrenzung zum Dogmatismus und einem all zu strengen Moralismus interpretieren. Man könnte auch denken, dass sich auch Parallelen ziehen ließen zu der hier – im Fetischismustext – geäußerten Skepsis gegenüber einer vom Kontext,  (den konkreten Beziehungen der Menschen zueinander und zu ihrer natürlichen Umwelt) abgehobenen Astrologie zur Deutung von sich um menschliche Reinheitsgebote, Sehnsüchte, Hilfeersuche, Wegmarkierungen usw. drehenden begrifflichen Fixsternen (wie „Gott“, Fortschritt“ oder auch „Rationalität“). Doch sieht man bei näherem Hinsehen, dass  das Gegenteil der Fall ist.

Es gibt keine Wahrheit. So viel ist wahr!

Vattimo beginnt sein neues Glaubensbekenntnis mit der Behauptung, dass „die Irrtümer, und Schrecken des realen sowjetischen Kommunismus und danach auch des chinesischen“ zwar „nicht gänzlich“, folglich also doch  weitgehend (!) durch den „immer noch ‚methaphysischen‘ Charakter der Marxschen Theorie erklären lässt„.  Marx plus Lenin plus Stalin hätten nämlich dem totalitären hegelschen Idealismus („nur das Ganze ist wahr“, was dann in Adornos „das Ganze ist falsch“ mündete) nur auf die Füße geholfen.

Die Wahrheit aber sei …

„… der Feind jeder offenen Gesellschaft (…)   oder einfacher, jeder Demokratie, denn wenn es in der Politik Wahrheiten gäbe, und wenn es eine wahre Ordnung gäbe, die man nur anzuwenden braucht, dann würde es keinen Sinn haben, zu wählen. Dann müsste man sich den Nobelpreisträgern, Weisen und Päpsten  anvertrauen.“

Das ist allerdings selbst ein gutes Beispiel dafür, warum streithafte  demokratische Willensbildung auf keinen Fall durch von „Weisen“ behauptete „Wahrheiten“  ersetzt werden darf, und warum im besonderen Maße Tatsachenbehauptungen misstraut werden sollte, die sich als „Philosophie des schwachen Denkens“  ausgeben nach der es erstens keine Wahrheit gibt (außer natürlich die der gerade selbst gemachten Behauptung) und diese zweitens gefährlich für die Demokratie sei.  Schwach ist hier nicht nur die Logik sondern auch die Trennschärfe zwischen verschiedenen Bedeutungen von „Wahrheit.“

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Fetisch des Fetischcharakters?

22. Februar 2009

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Wer wissen möchte, wie kapitalistisches In-der-Umwelt-Sein bzw.kapitalistische Umweltverhältnisse mit mangelndem Umweltbewusstsein bzw. -verhalten zusammenhängen, kommt um Marx Abhandlungen über den Fetischcharakter der Ware nicht herum.

Wie die (aus den privateigentümlichen Produktions- bzw. Aneignungsweisen unweigerlich hervor gehende) „Wahrnehmung sozialer Verhältnisse als Verhältnis von Sachen“ entsprechend beschränktes Verantwortungs- oder  (Un-) Rechtsbewusstsein hervor bringt und was gegen den Warensinn helfen könnte ist in dem Beitrag „Sind wir des Warensinns?“ behandelt.

Die Auseinandersetzung mit dem Fetischcharakter kann allerdings auch ganz seltsame Blüten treiben.  In seinem 2002 erschienenen Aufsatz  „Das Fetischismus-Konzept von Marx und sein Kontext“ äußert sich der Lehrstuhlinhaber des Kulturwissenschaftlichen Seminars der HU Berlin, Professor Dr. Böhme, begeistert über „Marx Fetisch-Konzept“. Das zeige nämlich, dass auch „die Moderne“ im Kern irrational und die einstige Verachtung afrikanischer Fetisch-Rituale deshalb wohl nur eine Projektion katholisch sozialisierter Euro-Zentristen  gewesen sei.  Soweit so gut! Erkenntnisreich beschreibt Böhme z.B. die Geschichte dieser Projektion und zeigt wie in manchen ländlichen Regionen Afrikas Fetischrituale eine soziale Verständigungsgrundlage schaffen, auf deren Basis der dem Fetisch verliehene Zauber tatsächlich wirkt.

Doch genau so stellt sich Böhme offenbar auch den Wirkungszusammenhang des  „Warenzaubers“  der bürgerlichen Welt vor.  Marx Erläuterungen der Voraussetzungen, Mechanismen und Probleme der verkehrten Wahrnehmung sozialer Verhältnisse als Verhältnisse von Sachen vollzieht Böhme nicht nach.  So sieht er auch nicht, dass deren Witz es gerade ist, dass diese unabhängig vom Willen (und den psychischen Motiven) der Menschen immer aufs Neueaus den privateigentümlichen Formen kapitalistischer Vergesellschaftung hervorgehen.

Stattdessen unterstellt Böhme nun Marx, der seiner Meinung nach hier „alles durcheinander bringt „, (?)  mittels geschickter Rhetorik und Metaphorik „ohne Zweifel“ erst die verzauberte Welt des Kapitalfetischs geschaffen, und lediglich seine eigene „Fetischisierung des Warenfetisch“ auf die „der Moderne“ projiziert zu haben.

Auf die skurrilen Einzelheiten der Böhmschen Vorstellung von der „Materialisierung“ marxscher Ideen näher einzugehen, fehlt es mir derzeit leider an Muße. Es sei aber auf die wunderbare Kritik  von Ingo  Elbe verwiesen: Hartmut Böhme:  Fetischismus und Kultur. Eine andere Theorie der Moderne

Die Böhm‘ schen Projektionen zeigen, wie schwer es gerade für „Bewusstseinsarbeiter“ ist, sich ein Bewusstsein davon zu erarbeiten, was es für das eigene Erkenntnisvermögen bedeutet, wenn die Notwendigkeit fehlt, sich die Einzelheiten der – sich unter kapitalistischen Behauptungsbedingungen unwillkürlich hinter den Rücken der Akteure herstellenden – Vergesellschaftung durch den Kopf gehen zu lassen.

Das wird auch dadurch erschwert, dass die privateigentümlich kopflose Form der Arbeitsteilung dafür sorgt, dass auch die als Vergesellschaftungs-Vorstellungs-Mittel fungierenden Begriffe ihre Funktion als mehr oder minder passende „Griffe an der Wirklichkeit zu ihrer besseren Handhabung“ nicht hinreichend erfüllen können.

Es versteht sich, daß die Aufhebung der Entfremdung immer von der Form der Entfremdung aus geschieht

Marx: Ökonomisch-philosophische Manuskripte aus dem Jahre 1844.MEW Bd. 40, S. 553

Begriffe wie “Freiheit”, “Gerechtigkeit”, “Entfremdung” ” Kapitalismus” , “Sozialismus”, “Produktivkräfte”, “Fortschritt”, “Entwicklung”,  “Natur”,  “Politik”, “Gott”, “Rationalität”, “Bedarf”, “Bedürfnisse”,” Selbstbestimmung” oder auch  “Fetischisierung” erscheinen uns als Fixsterne des Denkens und Handelns!

Sie gelten als die wahren Mittel der Erleuchtung oder zumindest der Beleuchtung des Elends dieser Welt und wie dem zu begegnen sei. Da sie der Orientierung dienen, ist deren Deutung – oft hart manchmal blutig – umkämpft.  Sie stehen für Protest gegen wirkliches Elend, für Seufzer  bedrängter Kreaturen, sind Herz ungemütlicher Zeiten und Geist geistloser Zustände (vgl .  MEW Bd. 1, S. 378)  Manchen versetzt ihr Gebrauch in einen wohligen Rausch.  Aber Vorsicht! Vor Halluzinationen wird gewarnt.

Fern aller konkreten Beziehungen, Interessen und Instinkte wirklicher Menschen und deren Behauptungsbedingungen beginnen uns diese mit eigenem Geist beseelt vorgestellte  Erscheinungen auf der Nase herum zu tanzen und dem menschlichen Denken und Handeln mal diesen und mal jenen Geruch zu verleihen ohne dass sich deren  Spur ins alltägliche  Leben konkret nachvollziehen ließe.

Um so besser kann ihr geschickter Gebrauch Flügel und übermenschliche Kräfte verleihen, die Menschen fesseln, ihnen Orientierung geben und  an der Nase herum führen. Doch nachhaltiges „Uns-aus-dem-Elend-zu-erlösen“ funktioniert so sicher nicht.

Was tun?!

Wie der Warenfetisch lässt sich ein dem sozialen Kontext entfremdeter Begriffsfetischismus  nicht einfach aus dem Kopf schlagen.  Das mag auch nicht in jedem Fall notwendig sein. Mit Hilfe der genannten Mittel der Orientierung (innnerhalb orientierungsloser Verhältnisse) lassen sich viel gute Dinge anstellen und alles ist halt eine Frage sozialer Kämpfe um Deutungsmacht.

Doch bei allem gebotenen Realismus: ein rationaler Diskurs, die Konstruktion einer „idealen Diskursgemeinschaft“ braucht eine Entfetischisierung der sprachlichen Wahrnehmungsmittel. Aber wie soll das gehen?

Faustregel: Um so klarer ihr Kontext, desto handhabbarer wird die begriffliche Erfassung der Wirklichkeit.

Nichts gegen „Entzauberung“ etwa eines trotz (oder wegen?) einer imperialistische Praxis spirituell aufgeladenen Begriffs von  „Rationalität“!

Aber was hilft es, „die Rationalistät“ oder (auch sehr beliebt, aber doppelt mystifizierend) „die westliche Rationalität“ etwa für Prozesse der Verdrängung von lokal angepassten Wirtschaftsweisen mit hoher Agrobiodiversität verantwortlich zu machen?  Welche Konsequenzen außer hilfloses Geister-Abschwören und Begriffs-Verteufelungen aller Art ergeben sich aus einer solchen Ursachenbestimmung?

Um dennoch den Tatsachen auf der Spur zu kommen, muss zumindest danach gefragt werden, in welcher Hinsicht und für welchen (und wessen) Zweck (oder Zeitrahmen) ein bestimmter Gedanke,  Plan, Spielraum, eine bestimmte Methode,  Produktionsweise  oder auch ein bestimmtes Gefühl  zweckdienlich und deshalb rational ist Und in welcher Hinsicht usw. nicht?

These: Alle Rationalität ist Zweckrationalität.

Selbst die sprichwörtliche Blindheit und zeitverschwenderische Verrücktheit Liebender oder der Spaß an künstlerischer Freiheit folgt mehr oder minder bestimmbaren Zwecken. Furztrockenheit und offensichtliche Berechnung wäre hier wenig rational.

Rationaler Diskurs und Entfetischisierung brauchen eine andere Art der Arbeitsteilung

Fehlt es an Möglichkeiten und wird keine Notwendigkeit gesehen, die Entwicklung und Anwendung der menschlichen Lebens- und Bereicherungsmittel  miteinander abzustimmen, erscheint das spezifisch Menschliche,  nämlich Arbeit nicht als freie Umgestaltung der Umwelt zu einem vorher (mit-)bestimmten  sozialen Zweck sondern als eine fremde, unbeherrschbare Angelegenheit, deren  Ergebnisse und Voraussetzungen einem nichts angehen.

Sozialismus hieße Verallgemeinerung des Vermögens, nach den sozialen Zwecken und den für deren Erfüllung notwendigen bzw. zu akzepzierenden Kosten des eigenen Tuns zu fragen,  danach gefragt zu werden und als ein das lokale und  globale Miteinander aktiv mitgestaltender Mensch gefragt zu sein. Nur in so weit die Individuen in entsprechende Rechtfertigungsverhältnissen hinein sozialisiert werden können und sich in ihnen behaupten müssen, können die individuellen Fähigkeiten, Bedürfnisse und Taten als gesellschaftlich bewusste Produuktivkräfte eingebracht (und behandelt) werden. Die Phrasen vom Selbstzweck hören auf und gemeinschaftliches (auch weltgemeinschaftliches) Zwecksetzen tritt an deren Stelle.

„Freiheit“, „Gleichheit“, „Geschwisterlichkeit“ waren die gedanklichen Fixsterne  der menschlichen Emanzipation in den Grenzen des Warenverkehrs. Von nun an geht es um die Erarbeitung der Möglichkeit, als  frei assoziierte Persönlichkeiten und Zusammenschlüsse gesamtgesellschaftlich rational denken und handeln zu können.

hh


Sind wir des Warensinns?

23. November 2008

Über strukturelle Voraussetzungen eines hinreichenden Bedürfnisses zur Verbraucheraufklärung

marxhandy

Wer die Wahrheit übers unmittelbare Leben erfahren will, muß dessen entfremdeter Gestalt nachforschen, den objektiven Mächten, die die individuelle Existenz bis ins Verborgenste bestimmen.
Theodor W. Adorno  Minima Moralia, Reflexionen aus dem beschädigten Leben
„… der Kapitalismus ist schon in der Grundlage aufgehoben durch die Voraussetzung, daß der Genuß als treibendes Motiv wirkt, nicht die Bereicherung selbst.
Marx: Das Kapital, MEW Bd. 24, S. 123

Bei der Suche nach Antworten auf Fragen nach strukturellen Hintergründen einer bornierten „Geiz ist geil“  Moral gehören Marx Ansichten des Fetischcharakters der Ware“ auf den Tisch, der  „sobald er als Ware auftaucht, auf dem Kopf zu stehen scheint und aus seinem Holzkopf heraus Grillen entwickelt“.

In der Regel müssen moderne Bürger von Welt das zum guten Leben Notwendige weder eigenhändig der Natur ihrer unmittelbaren Umwelt abtrotzen noch müssen sie für die sozialen bzw. ökologischen Kosten gerade stehen, die das Abtrotzen mit sich bringt. Die Kaufkräftigen aller Länder scheinen auf Ewig von der Sorge befreit, ob und wie sie es schaffen, die Kräfte der Natur für die eigenen Nachkommen zu bewahren oder anzureichern. Stets volle Regale bieten keinen Anlass, sich um die Zukunftsfähigkeit der Naturkräfte zu sorgen, die das Begehrte auf ewig zuverlässig bereit zu stellen scheinen.

Auch der kleine Bürger-König-Kunde von der Straße profitiert – zunächst- von Überfischung, Bodenverwüstung oder dem Raubbau an menschlicher Arbeitskraft. Aus Sicht eines Großeinkäufers, Weiterverarbeiters oder Endverbrauchers scheinen unangenehme Folgen der Übernutzung von Naturkräften auszubleiben, solange sie durch die Erschließung immer neuer Quellen des Wohlstandes kompensiert werden können. Natürliche Grenzen des „Nachwachstums“ scheinen aufgehoben.

Endstation Warensinn?

Die vom Politikwissenschaftler Francis Fukuyama geäußerte Vorstellung vom „Ende der Geschichte“ lebt möglicherweise von dieser Illusion. Warenverkehr versetzt das moderne Bewusstsein in in eine bequeme Lage. Das Losgelöstsein von der Last der Wahrnehmung unangenehmer Voraussetzungen oder Wirkungen des Konsumierens bestimmt offenbar auch den Horizont des philosophischen Zeitgeist, der nicht sieht, dass häufig kein Gras, (Regenwald oder Fisch) mehr nachwächst, wo menschlicher Fortschritt auftritt und sich das unbekümmert als ewiger Kreislauf vorgestellte „Ende der Menschheitsgeschichte“ in einer ökologischen Abwärtsspirale bewegt.

Vielleicht war Karl Marx hier doch weitsichtiger. Für ihn beginnt (!) die Geschichte der Menschheit erst, wenn die entscheidenden Fragen des „Was?“, „Wer?“, „Wo?“, „Wie?“, Wieviel?“, „Wem?“ und „Warum?“ der Produktion – im Großen und Ganzen – in gemeinsamen Abwägungsprozessen entschieden werden können und müssen. Nur in so weit die Menschen die Freiheit besitzen, sich gegenseitig zu nötigen, die soziale und ökologische Vernunft (Verträglichkeit, Nachhaltigkeit) der beabsichtigten Produktionsziele und -methoden zu belegen, kann von einer wirklich gemeinsam handelnden „Menschheit“ die Rede sein. Wie viel Marktwirtschaft zur Herstellung einer solcherart gemeinsam handelnden Menschheit möglich oder auch notwendig ist, mag dahin gestellt sein. Fest steht: Solange eine in ihrer sozialen und ökologischen Wirkung weitgehend blinde Konkurrenz (und damit vor allem die Einsparung von Arbeitsaufwand) die Entscheidungen der Menschen über den Erfolg der Produktion (und damit de Vorsellungen ber deren „Richtigkeit“ bzw. „Rationalität“) bestimmen, treibt das den menschlichen Reichtum in einem unangenehmen Sinne „wie verrückt“ voran! Denn das Verrückte ist, dass den beteiligten Menschen der letztlich bewirkte Schaden (oder Nutzen) herzlich egal bleiben kann, solange sie selbst nicht unmittelbar betroffenen sind. Solange und soweit produzierter Nutzen (oder Schaden) jedoch als Privatsache gelten (kann), scheint auch das philosophische Denken vom Warensinn getrübt.

Geld stinkt nicht .

Warum rebelliert das menschliche (Un-) Rechtsbewusstsein so selten gegen das leichtfertige in Kauf nehmen selbst schwerer Verbrechen im Wortsinne mörderischer Produktionsbedingungen? Vielleicht fehlt es einfach an genau diesen Möglichkeiten, Produktion und Konsum gemeinsam, nach (welt-) gemeinschaftlich reflektierten Kriterien zu steuern. Denn ohne dem kann jedes Glied der globalen Produktions- und Konsumketten nur seinen borniert-privaten Vorteil (oder Nachteil) sehen mit der Folge, dass das durch Raubbau am Meer gewonnene Mehr an Meeresfruchtpizza sogar als Zugewinn an Gerechtigkeit erscheint.

Denn für mich sieht es so aus: ich habe mir die Pizza durch Arbeit redlich verdient. Ein Mehr an Pizza für das gleiche Geld ist für mich wie die Vermehrung des Ergebnisses eigener Mühen. Im Dunklen bleibt, dass nicht ich, sondern die Tier- und Pflanzengesellschaften des Meeres die Meeresfrüchte produzierten (und die endlose Kette fremder Arbeitsvorgänge, sie schließlich auf meinen Teller platzierten). Wie also soll ich riechen, dass mein Gerechtigkeitsgefühl aus Vorgängen gestrickt ist, die meine Mitmenschen arm und die Meere leer macht?

Geld stinkt nicht, und Frutti di Mare auf der Pizza schmecken nicht nach leer gefischtem Meer. Wir müssen offenbar erst mit der Nase darauf gestoßen werden.

Stinkt Geld doch?

Das geschieht etwa, wenn Greenpeace mit Tausenden der Sommerhitze ausgesetzter toter Fische, Krebse und Muscheln zeigt, dass eine Politik stinkt, die es zulässt, dass jedes Jahr allein in der Nordsee 700.000 Tonnen Meerestiere als Beifang völlig sinnlos sterben, weil sie nicht einmal im Hafen angelandet, sondern gleich wieder tot oder sterbend über Bord gekippt werden.“

Mit fair Trade zur Mitmenschlichkeit!

Aktionen für ökologisch und sozial verantwortungsvollen Konsum, wie etwa die Kampagne „Augen auf beim Blumenkauf,“ Fair Trade, umweltbewusstes Reisen, oder der Erwerb von Fisch mit Ökosiegel helfen weiter.

Die individuelle zur Kenntnisnahme und Zähmung des inneren Schweinehundes bei jeder Kaufentscheidung, die täglich mehrfache Entscheidung für oder wider höhere Warenpreise, die durch Mehraufwand für zukunftsfähige, faire Produktion notwenig werden, ist notwenig, lehr- und hilfreich.

Verantwortung öffentlicher Beschaffung

Der Effekt wäre größer, würden die öffentliche Hand und andere Großeinkäufer fair und umweltfreundlich einkaufen (müssen). Auch in diese Richtung gibt es viel versprechende Bewegung.

Zukunftsfähiges Nachfragen nach (oder durch) Mindeststandards?

Soziale und ökologische Kriterien bei der Vergabe von öffentlichen Aufträgen oder der Güter-Beschaffung durch die öffentliche Hand wären – insbesondere in Kombination mit der Frage nach der Erreichbarkeit globaler Nachhaltigkeitsziele  – ein großer Fortschritt bei der Entwicklung eines hinreichenden Willens zu einer sozial und ökologisch reflektierten Nachfrage nach zukunftsfähigen Formen der Produktion. Denn das Bedürfnis, nach der Zukunftsfähigkeit des eigenen Wohlstands zu fragen, wird sich nur in dem Maße entwickeln können, wie Regeln (und deren Anwendung) mit bestimmt werden können, die das mitmenschliche und ökologisch bewusste Handeln zur Normalität machen. Doch auch eine verantwortlich einkaufende „Öffentliche Hand“ wäre dafür nicht ausreichend.

Grad wo private Konkurrenz ums Schneller und Besser im Wortsinne mörderisch wird und sich die freundliche Dr. Jekyll Gestalt der unsichtbaren Hand privaten Aneignens zur Mr. Hyde Klaue zu formen beginnt, müssen soziale und ökologische Mindeststandards festgelegt werden, die weltweit gültig und deshalb in der Lage sind, Sozial- und Ökodumping durch drohende Sonderabgaben oder auch Verkauf von „Verschmutzungsrechten“ usw. zu verunmöglichen.

Erst die Möglichkeit zur Mitbestimmung sozialer Regeln, gibt (gäbe) Anlass, ernsthaft über die Gerechtigkeit dieser und jener Festlegung zu streiten, stachelt das Verlangen nach Informationen über die Grundlagen der zu treffenden Entscheidungen an, macht jede auch noch so privat erscheinende Nachfrage zu einem Gegenstand öffentlichen Nachfragens.

Erlöse aus „Verschmutzungsrechten“, Öko- und Sozialsteuern und -zölle (oder umgekehrt Gutschriften), die so einen Entwicklungsprozess steuern, müssten allerdings dafür eingesetzt werden, Nationen, Branchen usw., die ihre Konkurrenzvorteil bisher weitgehend aus dem Raubbau bzw. dem Mangel an sozialer und ökologischer Zukunftsfähigkeit gewinnen, den Umstieg in ein zukunftsfähiges (menschenwürdiges und naturverträgliches) Wirtschaften zu ermöglichen.

hkeulen(Globale) Notwendigkeiten und (regionale) Möglichkeiten müssen also berücksichtig und finanzielle Mittel wie Maßnahmen zur Förderung nationaler Umbauprogramme so in Zeit und Raum eingeordnet werden, dass auch die sozial und ökologisch problematisch produzierende Nationen in den Prozess einwilligen können. International gültige Mindeststandards und nationale Nachhaltigkeitsstrategien müssten also massentierhaltung macht billigHand in Hand geschaffen und finanziert werden.

Die Herstellung eines solcherart „gemeinsamen Menschheitsgeschichte“ könnte nur als Bündel geschichtlicher Prozesse geschehen, die bestehende oder bereits mögliche Ansätze fortsetzen. Das Kleine (zertifizierte Ökowaren, fair Trade oder freiwilliger Audit) darf aber nicht klein (d.h. auf privaten Goodwill angewiesen) bleiben und es käme darauf an, aus ihnen Regeln zu entwickeln, die aus der sozialen Nische, lebensweltlicher Moden und „Szenen“ heraus führen und auf Veränderungen im Großen und Ganzen abzielen.

Angesichts der rasanten Entwicklung von Nachfragemacht in Ländern wie China, Indien oder Brasilien bleibt für diese „historischen Veränderungsprozesse“ nicht allzu viel Zeit.

hh

Story of Stuff – German from UTOPIA AG on Vimeo.

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Technikschelte statt (Öko-)Sozialismus?

20. Oktober 2008

Wie wird in Linkspartei-Kreisen über ökologische Perspektiven diskutiert? Auf der Webpräsenz der Rosa Luxemburg Stiftung zitiert Peter Döge in einer Dialogschrift Herbert Marcuse

„Nicht erst ihre Verwendung, schon die Technik ist Herrschaft (über die Natur, und über den Menschen), methodische, wissenschaftliche, berechnete und berechnende Herrschaft. Bestimmte Zwecke und Interessen der Herrschaft sind nicht erst ’nachträglich‘ von außen der Technik oktroyiert – sie gehen schon in die Konstruktion des technischen Apparats selbst ein; die Technik ist jeweils ein geschichtlich-gesellschaftliches Projekt; in ihr ist projektiert, was eine Gesellschaft und die sie beherrschenden Interessen mit dem Menschen und mit den Dingen zu machen gedenkt ….“

HERBERT MARCUSE, 1965, Industrialisierung und Kapitalismus im Werk Max Webers, in: DERS.: Kultur und Gesellschaft 2, Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 127

Döge sieht darin ein lobenswertes Beispiel für die Abkehr der in den 1960er Jahren – auch im „linken“ Zeitgeist vorherrschenden – Gleichsetzung von technischem und sozialem Fortschritt und weist darauf hin, dass Marcuse diesen Gedanken in seiner Schrift „der eindimensionale Mensch“ vertieft habe und dort zeige,

„… daß die Rationalität der fortgeschrittenen Industriegesellschaft eine politische und geistige Gleichschaltung bei den Menschen bewirke. Politische Macht ist dabei quasi in die technischen Apparate eingebaut, wobei die

‚ … technologischen Kontrollen als die Verkörperung der Vernunft‘ erschienen.“

(MARCUSE, Herbert: Der eindimensionale Mensch. Studien zur Ideologie der fortgeschrittenen Industriegesellschaft, Neuwied: Luchterhand, Orginal erschienen 1964)

Weiter schreibt Döge:

„Auch die destruktive Herrschaft über die Natur ist auf das Engste mit der neuzeitlichen Wissenschaft und ihrer Tendenz zur umfassenden Objektivierung verbunden. Denn die vermeintlich objektive Wissenschaft habe

‚ … ein Universum entworfen und befördert, worin die Naturbeherrschung mit der Beherrschung des Menschen verbunden blieb.‘ (Markuse, ebda, 188).

Umwelt- und Naturzerstörung ist dem industrialistischen Produktionssystem quasi eingeschrieben. Seine Grundlogik besteht (…) darin, daß es das Vorgefundene in Einzelteile zerlegt und nachträglich nach Kriterien einer besseren Verfügbarkeit und Ausbeutbarkeit wieder zusammenfügt. Hierdurch wird ein kontinuierlich wachsender Aufwand an Organisation notwendig, wobei der Einsatz der Naturwissenschaften von besonderer Bedeutung ist. Resultat dieses Entwicklungsprozesses ist eine große, intransparente Produktionsmaschine, die sowohl in West wie auch Ost vorherrschend ist.“ (Döge, siehe oben)

In den Marcuse-Zitaten ist immerhin noch von bestimmten Interessen und Zwecken die Rede, die „in die Konstruktion des technischen Apparats selbst eingehen“ und ihm so „Herrschaft über Natur und Menschen“ verleihen. Daran ließe sich konstruktiv, kritisch anknüpfen durch Fragen nach eben diesen bestimmten (also empirisch zu ermittelnden) Interessen und den (ebenso empirisch zu ermittelnden) bestimmten Bedingungen ihres Entstehens – und möglichen Vergehens.

Döges pauschale Dämonisierung von Technik und Wissenschaft macht allerdings ganz ratlos. Man kann nur mutmaßen, was diese Aversion ausgelöst haben mag und welcher Rationalität deren Stabilisierung gehorcht.

Vielleicht ist es so: Wer über die konkreten Bedingungen der Entfremdung von den Voraussetzungen und Zwecken menschlicher Produktion, also über die kapitalistischen Formen der Arbeitsteilung und über deren ökosozialistische Aufhebung nicht nachdenken möchte, ist dieser Entfremdung hoffnungslos ausgeliefert – auch und besonders in der Kritik an ihr.

Das gilt auch für die pauschalisierende Verteuflung „des industrialistischen Produktionssystems“ das angeblich schon wegen seines Prinzips des Isolierens und neu Zusammensetzens unweigerlich Umweltzerstörung bedeute. (Nebenbei: auch Störche isolieren ihren Fang von den Mitmäuschen und setzten sie beim Verspeisen völlig neu zusamen, und auch Döges Text fände ohne aus der Natur isoliertes und für die Chipherstellung neu zusammengesetztes Silicon keine Verbreitung)

Was Döge „der Industrie“ unterstellt um sie (statt den sozialen Machtstrukturen?) für Umweltzerstörung verantwortlich zu machen, macht er selbst:

Er isoliert gedanklich bestimmte Erscheinungen (wie etwa gigantische Baumwollerntemaschinen) von ihren konkreten Zusammenhängen um sie willkürlich zu einer Wesenskategorie des Bösen zusammen zu fügen (Industrie = Auseinandernehmen = Umweltzerstörung) und zwar so, dass das Ergebnis auf alle Fälle zur eigenen Voreinstellung (Ideologie) passt. Sprich: Döges eigene Rationalität (gemäß des von ihm verfolgten Zwecks) drängt offenbar nach „Gleichschalten“ aller differenzierten Vorstellungen über Effekte der Industrialisierung ohne die die heutigen Dimensionen des geistigen Zusammenlebens unmöglich wäre.

Wie wäre es, ganz konkret darüber zu reden, welche ökonomischen Strukturen, soziale Bedürfnisse und politische Machtverhältnisse zum Beispiel die Entwicklung und Anwendungen von Schleppnetzen ermöglicht (oder erzwingt), die den Meeresboden umpflügen und alles dabei erfasste Leben nachhaltig zerstören? Und danach zu fragen, wie Wissenschaft den öffentlichen Auftrag (die Macht!) bekommen könnte, soziale bzw. ökologische Kosten-Nutzen-Rechnungen zu erstellen, auf deren Grundlage die sozial bzw. ökologisch rationalen Mittel/Zwecke bestimmt werden können? Also eine sozial und ökologisch reflektierte Entscheidung darüber ermöglicht (oder erzwungen) wäre, welche Technik für welchen Zweck entwickelt und angewandt werden soll?!

Der Spuk der gruseligen Fetisch-Geister „Technik“, Wissenschaft“, „Herrschaft“, „Rationalität“ oder „Naturbeherrschung“ wären mitsamt ihrer angeblichen „Gleichschaltung“ und ihres begrifflichen Opferlamms, „Natur“ gewiss im Nu vertrieben, sobald die kapitalistischen, von den Vorausssetzungen und Wirkungen der Arbeit entfremdenden  Formen der Arbeitsteilung aufgehoben wären – in einem ökosozialistischen Aneignungsprozess, das heißt, indem Menschen Formen der Arbeitsteilung entwickeln, die es ihnen ermöglicht, sich gegenseitig zur Einhaltung (mit-) bestimmter sozialer bzw. ökologischer Standards und Entwicklungsziele zu nötigen.

hh

P.S. Das zeigt u.a. auch die sehr lesenswerte Antwort von Hanna Behrend im selben Dokument Erfrischend fakten- und detailreich erläuterte sie unter anderem die gesellschaftlichen Ursachen von Umweltzerstörung anhand der zahlreichen Tankerhaverien der letzten Jahre und kommt zu dem Schluss:

„Gewiss sind „bestimmte Zwecke und Interessen der Herrschaft nicht erst ’nachträglich‘ von außen der Technik oktroyiert – sie gehen schon in die Konstruktion des technischen Apparats selbst ein“ (Marcuse, s.o.). Aber in keiner Gesellschaft – nicht einmal in totalitär regierten Gemeinwesen – finden ausschließlich von den herrschenden Kreisen inspirierte oder erzwungene technische und soziale Entwicklungen statt. Stets spielen sich innerhalb des gesellschaftlichen Gefüges auf allen Ebenen Kämpfe um Hegemonie, Widerstand gegen die Herrschenden, Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen an der Herrschaft unbeteiligten, ausgebeuteten, unterdrückten Schichten und Gruppierungen ab. Eine solche sehr wichtige Ebene ist die Technikentwicklung, die zur „Herrschaft über die Natur und über den Menschen“ jeweils erforderliche Technologie. Diese kann daher auch nicht als ein Monolithikum angesehen werden. Jede Technik hat meiner Meinung nach viele Facetten. Von einigen wenigen, nichtsdestoweniger höchst profitablen und bedeutsamen Techniken abgesehen, bestimmt doch der Verwendungszweck, d.h. in wessen Interesse sie genutzt wird, das Wesen des Werkzeugs oder der Technologie und nicht die Technik das Wesen der Gesellschaftsordnung.

Von demokratischer oder autoritärer Technik zu sprechen, halte ich daher für verfehlt, es kann sich nur um Techniknutzung im demokratischen oder autoritären Interesse handeln.“

Allerdings entscheidet nicht wirklich „ein demokratisches oder autoritäres“ Interesse über Wohl und Wehe von Techniknutzung (oder deren Entwicklung), sondern mehr oder minder demokratisch oder autoritär bestimmte bzw. vermittelte Interessen.

Ein mehr demokratisch bestimmtes Interesse enthält zwangsläufig Rücksichtnahmen. Gegen das Bedürfnis, Produktionskosten zu sparen, können Interessen am Gesundheits- oder am Naturschutz eingebracht werden. Dennoch ist eine möglichst breite demokratische Mitwirkung an der Bestimmung von Technikentwicklung und deren Einsatz nur eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung für eine (sozial / ökologisch) zukunftsfähige Entwicklung. Es käme weiter darauf an, die Entscheidungsgrundlagen der mitbestimmenden Menschen und deren Institutionen (und damit auch die Grundlagen ihrer Bedürfnisse bzw. Interessen) zu verändern – halt mehr (Öko-)Sozialismus zu wagen.

Hängen ökonomische Existenzbedingungen (Behauptungsbedingungen) der Individuen und ihrer Institutionen von ökologisch bzw. sozial desaströsen Produkten oder Produktionsmethoden ab, oder erfahren Menschen keine ökologische (soziale) Bildung bzw. Sozialisation, nutzt deren „Volksmacht“ wenig.

Über Herrschaft kann ebenso wie über Wissenschaft und Technik nur in Bezug auf konkrete Zwecke (die zu erreichen ein entsprechendes Vermögen, also entsprechende Macht voraussetzen) rational gesprochen werden. Es ist im tieferen Sinn des Wortes zwecklos, über „Herrschaft“ wie über ein – über die unschuldigen Menschen schwebender – Dämon (oder heiliger Geist) zu reden. Das Großartige an der Perspektive einer „nachhaltigen Entwicklung“ (und einer entsprechenden Konsultationspraxis) ist der Anspruch (und wo es gut läuft Versuch), möglichst viele Menschen in die Frage nach der sozialen Zweckbestimmung von Entwicklung/Fortschritt einzubeziehen und – idealerweise – dazu zu bringen, die Frage der Macht bzw. Herrschaft sehr konkret auf das zu beziehen, das als das zu Tuende (mit-)bestimmt wurde.

Vielleicht könnte Engels an der Entmystifizierung (Entfetischisierung) der Begriffe „Herrschaft“ oder „Naturbeherrschung“ beitragen. Siehe Engels: Siege über die Natur oft wenig schmeichelhaft!