Freiheit, Gleichheit (Öko-) Kommunismus! (2/2)

Zweiter Teil meines assoziativen Nachdenkens über Freiheit, Gleichheit, (Öko-) Kommunismus im Anschluss eines im Rahmen der jour fixe Reihe zum Thema Antikapitalismus gehaltenen Vortrags von Michael Brie über die Idee des Erzkonservativen Burgs, Ordnung (des Eigentums) über Freiheit (des Pöbels) zu setzen.

Zum ersten Teil

Die spanndende Frage scheint zu sein: Können sich Liberale aus der geistigen Gefangenschaft befreien, für die ihr Mythos von der unbegrenzter Eigenverantwortlichkeit steht wie eine feste Burg?

Vom Standpunkt der Utopie einer planetarischen Ordnung, die hintreichend gesamtgesellschaftliche bzw. ökologische Vernunft erlaubte, ist  der liberale Grundmythos einer unbegrenzten Eigenverantwortlichkeit einerseits Ausdruck einer strukturellen Unfähigkeit kapitalistisch vergesellschafteter Individuen oder Institutionen, gemeinsame Verantwortung wahrzunehmen, andererseits mag er das starke Bedürnis  nach Überwindung der Grenzen zum Ausdruck bringen, die der eigenen Vernünftigkeit und Würde gesetzt sind, solange die kapitalistische „Entfremdung“ anhällt.  Die Frage hier wäre also die nach den in diesem fast religiös anmutenden Mythos möglicherweise angelegten Dispositiven der  eigenverantwortlichen Wahrnehmung gemeinsamer (d.h. kommunistisch bestimmter) Verantwortung.

Die vom jungen Marx in seinen Pariser Manuskripten diagnostitierte „Entfremdung“ kapitalistisch vereinzelter Einzelner 1.) voneinander, 2.) von einer realistischen Sicht bzw. Rücksicht auf das Eingebettetsein in die Naturumwelt und 3.) vom Kern der eigenen Menschlichkeit, d.h. von der spezifisch menschlichen Fähigkeit, einen zu erarbeitenden gesellschaftlichen Nutzen bereits vor und während des Produktionsprozesses antizipieren (und aus vergangenen Fehlern lernen) zu können, blockiert auch die Einsicht, dass soziale Gestaltungskompetenz, die die ökologisch bestimmten Wechselwirkungen hinreichend berücksichtigt,  die Herausbildung einer vereinigten Menschheit voraussetzt, die es den Globalisierten dieser Erde tatsächlich erlaubte, als frei assoziiertee indidivuen als Menschheit zu denken und zu handeln.

Die strukturelle Vergemeinschaftungsblockade ist allerdings nicht allumfassend. Tatsächlich ist der Gedanke nicht ffalsch, dass etwa Lohnabhängigkeit ein spezifisches Interesse an der Überwindung der Vereinzelung generiert. Ohne Arbeitskraftkartelle und deren politische Unterstützung bei der Institutionalisierung erreichter Fortschritte (die als „ideeller Gesmatkapitalist“ gleiche Wettbewerbsbedingungen wiederherzustellen haben) müsste der individuelle Wettbewerb um die Marktchancen des eigenen Arbeitsvermögens eine Lohnabwärtsspirale in Gang halten. Ohne – durch gewerkschaftlichen Druck erzwungene – Lohnerhöhungen gäbe es  ab einem bestimmten Punkt auch weder hinreichend Nachfrage nach all den Wunderwerken des technologischen Fortschritts, deren Wachstum die materielle Grundlage alle Zivilisationsfortschritte bildet, noch hätte das Angebot an Kaufbarem in der bekannt rasanten Weise in den Himmel wachsen können, ohne dass die – mittels Produktivitätsfortschritten möglichen – Lohnerhöhungen wiederum die Nötigung zu weiteren Produktivitätsfortschritten, höheren Bildungsgrad und einer Aiiusdifferenzierung beschleunigte.

Nur deutet derzeit kaum etwas darauf hin, dass das gegenwärtige Ausmaß an Globalisierung nun auch die von Marx proklamierte Vereinigung der „Proletarier aller Länder“ auf die Tagesordnung setzten könnte. Über das in den Menschenrechten, internationalen Konventionen der ILO usw. festgelegte hinaus scheint sich da nicht so viel zu tun. Und es gilt auch heute kaum noch jemanden, der die internationale Arbeiterverbrüderung bzw. -verschwisterung als ein gesellschaftliches Projekt erster Priorität behandelt, weil man glaubt, nur von dort ausgehend ein Übergang zu (welt-) kommunistischen bestimmten Produktionsbedingungen möglich wäre.

Zeit also für einen endgültigen Abschied vom Proletariat? Oder könnte das darauf hinweisen, dass gängige Vorstellung einer – (welt-) kommunistischen –  Arbeiteremanzipation Mängel aufweisen, die es endlich zu überwinden gelte?

Betrachten wir die Vergemeinschaftungsblockaden in den Beziehungen zwischen Produktion und Konsum. Erkennen wir an, dass deren Aufhebung einen – zunehmend – organisierten Übergang zu (öko-) kommunistisch bestimmten Interaktionsbedingungen voraussetzt. Es fragt sich in dem Fall, warum die internationale Arbeitervereinigung derzeit nicht wie selbstverständlich als ein notwendig zu erreichendes (Etappen-) Ziel erscheint.

Im Wesentlichen dürften zwei Entwicklungen den Ausschlag geben:

Erstens: die auf Basis des kapitalistischen Wettbewerbs unaufhaltsame Beschleunigung der Produktion, die beständig Arbeitsvermögen für neue Aufgaben (bzw. Möglichkeiten ihrer gesellschaftlich nutzbringenden Ausbeutung) frei werden lässt,  sowie die unter kapitalistischen Interaktionsbedingungen ebenso unausweichliche Höherentwicklung des Gebrauchswertangebots ermöglicht trotz (oder vielmehr auf Grundlage) anfänglich gegenteiliger Tendenzen letztlich eine immer größere Vielfalt an neuen Existenzöglichkeiten, Berufen, Leidenschaften, Kompetenzen die allesamt ein stets höheres Bildungsnivau erfordern – und ermöglichen. Noch nie waren weltweit so viele Menschen in einem solch gewaltigen Umfang  aufgeklärt und weltbürgerlich aufgestellt. Die Zeiten, in denen immer mehr Menschen einer stets brutaleren Knechtschaft unter den Maschinentakt der Modern Times unterworfen waren, Massenproduktion unzweifelhaft für unmenschliche Arbeitsbedingungen und  minderwertige Schundprodukte stand, Lohnarbeit meist monotone oder körperlich schwere Arbeit bedeutete, und Frauen Berufshausfrauen und -mütter und ansonsten höchstens Dazuverdiener zu sein hatten, scheinen zumindest in den wirtschaftlich und technologisch führenden Ländern vorbei. Die Erinnerung an eine Arbeiterkultur, die auf dieser Grundlage aufgeblüht und fest mit der Sozialdemokratie verwachsen war, scheint heute Geschichte, während sich die Lohn- und Gehaltsabhängigkeit als unmittelbare Existenzbedingung gleichzeitig nahezu verallgemeinert hat.

Zweitens: Die internationale Klassenverbrüderung bzw. Vergeschwisterung scheint nicht unmittelbar notwendig, zu sein, um an dem Wohlstandsgewinn, den der kapitalistische Fortschrittsautomatismus zuverlässig auszuschütten scheint, partizipieren zu können. Auf Basis billiger Einfuhren schufen auch Arbeitsplatzverluste durch Verlagerung von Industriearbeitsplätzen in „Billiglohnländer“ obwohl sie die Gewerkschaften schwächten, durch die so ermöglichten billigen Einfuhren Luft für die Entwicklung neuer, höherwertiger und letztlich auch mehr Beschäftigungsmöglichkeiten, Bildung und Aufgeklärtheit inklusive des Bewusstwerdens der ökologischen und sozialen Kehrseiten des Fortschritts – in den Grenzen des Liberalismus. Dinge, die den Mythos von der unbegrenzten Eigenverantwortlichkeit stärken. In den klasisschen Industrieländern geraten schmutzige Ausbeutung, Hungerlöhne und  frühkapitalistische Arbeitszeiten, die Luft verpestende Schornsteine und Landschaften fressender Bergbau aus den Augen und damit auch aus dem Sinn. Arbeitsvermögender der führenden Industrienationen  In den Regionen in denen sie dafür mehr und mehr Raum gegriffen haben, sind sie  trotz oder gerade wegen des hier Orgien feiernden Raubbaus an Mensch und Natur auch Mittel der nachholenden Industrialisierung bzw. Modernisierung und begründen viielfach Hoffnung auf Anschluss an die Segnungen der Moderne und deren kapitalistischen Fortschrittsautomatismus.

Nun mehren sich die Zeichen, dass die kapitalistische Fortschrittsmaschinerie nicht mehr in der alten Breite und Leidenschaft als Grundlage für unbekümmerten Fortschrittsoptimismus und sozialdemokratisch erkämpfte Anteile am stets wachsenden Wohlstandskuchen gesehen werden kann. Selbst die Erfahrung, dass sie bisher immer in der Lage war, vorher ungeahnte Kraftreserven zu erschießen, scheint heute für zunehmend mehr Menschen nur schwachen Trost zu spenden.

Etwas ist neu.

Einerseits: Es gab schon immer das Problem, dass sich die modernen (kapitalistischen) Formen der Existenzsicherung und Bereicherung sehr ungleichzeitig entwickeln, zeitlich und räumlich, auf Grundlage sehr verschiedener regionaler wie überregionaler Umstände, sozialer Voraussetzungen, Freiheiten, Zwänge, Erfahrungen, Interessenlagen,  Konkurrenzverhältnisse, technologischer und wissenschaftlicher Potenzen und Fähigkeiten, sie nationalstaatlichen zu verteidigen, zu bündeln und zu potenzeren usw.  Entsprechend verteilten sich Wohl und Wehe der kapitalistischen Moderne auch geographisch stets sehr ungleichmäßig. Das zeigten oder zeigen Kolonialismus, der transatlantische Sklavenhandel, auf postkoloniale Arbeitsteilung beruhende Formen der Überausbeutung, die lange Liste der CIA-Putsche mit deren Hilfe Demokratie in Blut gebadet wurde, damit sie weiter im Interesse nationalstaatlich gebündelter Ausbeutungsinteressen derjenigen Industrieländer funktioniert, die ihren ursprünglichen Vorsprung an ökonomischer Power und Militärtechniken nutzen, verteidigen und auszudehnen trachten – bzw. sich durch die Konkurrenz untereinander dazu genötigt sahen.

Auch die strukturelle Unfähigkeit zur Berücksichtigung entfernterer (Rück-) Wirkungen ökologischer Natur ist nichts neues:

„Schmeicheln wir uns indes nicht zu sehr mit unsern menschlichen Siegen über die Natur. Für jeden solchen Sieg rächt sie sich an uns (…).

Die Leute, die in Mesopotamien, Griechenland, Kleinasien und anderswo die Wälder ausrotteten, um urbares Land zu gewinnen, träumten nicht, dass sie damit den Grund zur jetzigen Verödung ihrer Länder legten, indem sie ihnen mit den Wäldern die Ansammlungszentren und Behälter der Feuchtigkeit entzogen.

Die Italiener der Alpen, als sie die am Nordabhang des Gebirgs so sorgsam gehegten Tannenwälder am Südabhang vernutzten, ahnten nicht, dass sie damit der Sennwirtschaft auf ihrem Gebiet die Wurzel abgruben; sie ahnten noch weniger, daß sie dadurch ihren Bergquellen für den größten Teil des Jahrs das Wasser entzogen, damit diese zur Regenzeit um so wütendere Flutströme über die Ebene ergießen könnten.

Warum?

Die einzelnen, Produktion und Austausch beherrschenden Kapitalisten können sich nur um den unmittelbarsten Nutzeffekt ihrer Handlungen kümmern. Ja selbst dieser Nutzeffekt – soweit es sich um den Nutzen des erzeugten oder ausgetauschten Artikels handelt – tritt vollständig in den Hintergrund; der beim Verkauf zu
erzielende Profit wird die einzige Triebfeder.

Die Sozialwissenschaft der Bourgeoisie, die klassische politische Ökonomie, beschäftigt sich vorwiegend nur mit den unmittelbar beabsichtigten gesellschaftlichen Wirkungen der auf Produktion und  Austausch gerichteten menschlichen Handlungen.  Dies entspricht ganz der gesellschaftlichen Organisation, deren theoretischer Ausdruck sie ist. Wo einzelne Kapitalisten um des unmittelbaren Profits willen produzieren und austauschen, können in erster
Linie nur die nächsten, unmittelbarsten Resultate in Betracht kommen. Wenn der einzelne Fabrikant oder Kaufmann die fabrizierte oder eingekaufte Ware nur
mit dem üblichen Profitchen verkauft, so ist er zufrieden, und es kümmert ihn nicht, was nachher aus der Ware und deren Käufer wird. Ebenso mit den natürlichen Wirkungen derselben Handlungen. Die spanischen Pflanzer in Kuba, die die Wälder an den Abhängen niederbrannten und in der Asche Dünger genug für eine Generation höchst rentabler Kaffeebäume vorfanden – was lag ihnen daran, daß nachher die tropischen Regengüsse die nun schutzlose Dammerde herabschwemmten und nur nackten Fels hinterließen?

Engels: Dialektik der Natur, MEW Bd. 20, S. 452-455

Es gibt auch von Beginn der kapitalistischen Ära an das Problem, dass durch Industrialisierung und Modernisierung von seinen Reproduktionsbedingungen freigesetztes Arbeitsvermögen keineswegs unmittelbar bzw. sehr oft in einem zu geringen Ausmaß in neue Produktionsbeziehungen integriert werden kann. Immer ist die Zahl  der Freigesetzter so groß, dass Wohlstand, Bildung usw. zurück bleiben und auch Menschen davon ausgeschlossen sind. Sie bleiben vom Fortschritt vergessen, „abgehängt“, sind gar einem Zustand der Verelendung und Hoffnungslosigkeit ausgesetzt. Im Kapitel über die „sogenannte ursprüngliche Akkumulation“ im Kapital Band I, beschreibt Marx, wie man im England während der Zeit der Industrialisierierung versuchte, die Überflüssigen mit Gesetzen gegen Vababundiererei unter Kontrolle zu bringen

War bzw. ist die Zahl der Freigesetzten so groß, dass sich die Arbeitsuchenden mit Elendslöhnen zufrieden geben müssen, kommt die kapitalistische Fortschrittsmaschinerie nicht recht in Gang. Es fehlt an Anreizen für Maßnahmen, die die notwendigen Produktivitätsfortschritte bewirken. Ein klassischer Weg zur Lösung einer darum angezogenen Entwicklungsbremse war und ist bis heute Auswanderung. Europas Industrialisierung wurde durch die große Zahl der Auswanderungen nach Übersee gepuscht die Industrialisierung Amerikas, weil die Siedlerbewegung die „überflüssig“ gemachten absorbierte. S In den USA besiedelte ein nicht geringer Teil der nicht in die gegenwärtigen Produktionsprozesse integrierbaren Arbeitskräfte den für die moderne Welt noch unerschlossen Westen. Darum steigende Löhne stießen die Mechanisierung an.

Hitler  bewunderte die USA weil es dort „der europäischen Herrenrasse“ gelungen sei, durch Verdrängung der – entsprechend seiner nazionalkapitalistischen Ideologie – „lebensunwerten“ Urbevölkerung  einen riesigen Lebensraum für sich zu erobern  in dem sie dazu andere „Fremdrassige“ als Sklaven für sich arbeiten ließen.  Nazideutschland nahm das als Blaupause für seinen Generalplan Ost bzw. Unternehmen Barbarossa  Die Ziel waren unter anderem

  • Vernichtung oder Vertreibung von 80–85 % der Polen;
  • Vernichtung oder Vertreibung von 50–75 % der Tschechen;
  • Vernichtung von 50–60 % der Russen im europäischen Teil der Sowjetunion, weitere 15–25 % waren zur Verlegung in den Osten (d. h. Umsiedlung bzw. Vertreibung hinter den Ural, nach Sibirien) vorgesehen;
  • Vernichtung von 25 % der Ukrainer und Weißrussen, weitere 30–40 % der Ukrainer und weitere 30–50 % der Weißrussen sollten in den Osten „ausgewiesen“ werden.

WIKIPEDIA

Götz Ali und Susanne Heim (u..a. in ihrem Werk „Ökonomie der Endlösung“) und jüngst Timothy Snyder in Black Earth zeigen, dass der industriell betriebene Völkermord an den europäischen Juden Teil der noch weitergehenden Mordpläne war. Eine hypermoderne Industrie in einem riesigen europäischen Binnenmarkt deutscher Nation sollte nach den Vorstellungen der Strategen Nazideutschlands  „das Dritte Reich“ in die Lage versetzen, im Wettbewerb gegen die die USA zu bestehen  Neben einer modernen Inftrastruktur (Autobahmen) sollte die „Vernichtung“ von zu dem Zweck zu „rassisch minderwertigem Leben“ erkorenen „überzähligen Essern“ den kapitalistische Fortschrittsautomatismus (Modernisierungsanreize, Wachstum, Wohlstandsversprechen)  in Gang bringen, am Laufen halten und beschleunigen. Den“deutschen Volksgenossen“ sollten am Laufen gehaltene Produktivitätsfortschritte Lohnerhöhungen, bescheidenen Wohlstand, notfalls eine Existenz als Siedler im Wilden Osten und bei alledem das Gefühl der „rassischen Überlegenheit“ bescheren. Andersrassiger“ müssen zu dem Zweck ausgelöscht werden. So, das heißt, mittels industriell betriebenen Massenmord,  hätte nach dem Kalkül der Strategen Nazideutschlands der Umfang des im Zuge der notwendigen Industrialisierungs- und Modernisierungsprozesse frei gesetzen Arbeitsvermögens optimal an die Bedürfnisse einer nationalkapitalistischen Entwicklungsdynamik angepasst werden können. Und hätten sich in den USA die ganz ähnlch gestrickten „Amerika First“ Ideologen mit ihrem Widerstand gegen den Kriegseintritt und Waffenhilfe an die Sowjetunion durchgesetzt, hätte das Kalkül durchaus aufgehen können.

Auch die Massenmorde der Stalin-Ära oder Maos „großer Sprung nach vorn“ (in den millionenfachen Hungertod!)  begünstigten die anstehenden Industrialisierungs- bzw Modernisierungsprozesse, auch wenn womöglich dahin gestellt sein mag, ob die Verluste an Menschenleben wie im Falle von Nazideutschlands, mit diesem Ziel durchgeführt bzw in Kauf genommen worden waren.

Stellt sich heute die Frage,  ob innnerhalb einer überschaubaren Zeit erneut eine Situation auftreten könnte, in der sich vermeintliche „Kulturnationen“ urplötzlich zu „Herrenvölkern“ erklären (lassen) und erneut millonenfacher Mord zu einem strategischen Mittel zur Erfüllung imperialistischer Entwicklungsbedürfnisse eingesetztw erden könnte. Auf dem ersten Blick scheint die Frage absurd.

In den letzten Jahrzehnten …

… wächst weltweit das Warenangebot und mehr Erdregionen erreichen ein relativ hoher Niveau an Wirtschafts- bzw. Kaufkraft, Bildung usw. Doch geht das mit massiven Modernisierungsproblemen einher. Selbst in den Zonen relativen Wohlstands erleben wir eine tendenzielle Auflösung lebenslanger Festarbeitsplatzbiographien, Zeichen einer Endhumanisierung von Arbeit und der Verarmung von nicht geringen Teilen der Bevölkerung. Und dort, wo sich kapitalistische Produktionsbedingungen, also Lohnarbeit, Industrie, Konkurrenz privater Selbstbereicherungsagenturen und moderner Nationalstaat immer noch erst entwickeln, wo sich ländliche Selbstversorgungsstrukturen noch erst auflösen,  entsteht fast überall ein „Überschuss“ an Menschen, die von der modernen Welt der regulären Lohnarbeit nicht entsprechend nachgefragt sind. Die wachsende Zahl und Größe von Megastädten mit ihren Elensquartieren sind Ausdruck dieser Entwicklung. Und der klassische Ausweg „Migration“ scheint zunehmend versperrt und kann nicht mehr für Arbeitskraftverknappung, somit -verteuerung und darauf folgend Investitionen in Beschleunigungstechnologie (die Arbeitskräfte freisetzen) sorgen und so den kapitalistischen Fortschrittsautomatismus  in Gang setzten.

Das ganze geschieht im Rahmen nach wie vor postkolonialer Bereicherungsstrukturen, die sich transkontinental reproduzieren,  vor dem Hintergrund hypereffizienter Fabrikation bei teilweise frühkapitalistisch anmutenden Arbeitsbedingungen in den „Entwicklungsländern“ und der kaum noch zu verdrängenden Einsicht in die Notwendigkeit eines Übbergangs zu einer weltgemeinschaftlich bestimmte Regulierung des menschlichen Stoffaustausches mit der Naturumwelt.

Zurück zur Frage, in wie weit sich das in den Ecken und Kanten des Liberalismus (einschließlich seines notorischen Antikommunismus) zweifellos AUCH enthaltene Emanzipationspotenzial (u.a. Potenzial zur Befreiung aus gesellschaftlich bedingter Borniertheit (und entsprechender Fehlinterpretation, Fehlorientierung und Handlungsunfähigkeit)  zum selbstbewusst mittragenden Element einer „öko-kommunistischen“ Transformation entwickeln könnte.

In wieweit müsste und inwieweit kann das im Mythos von der unbeschränkten Eigenverantwortlichkeit enthaltene Kommunismuspotenzial in das Projekt einer vereinigten Menschheit aufgehen, die die nach Selbstverantwortung trachtenden Einzelnen zur Wahrnehmung GEMEINSAMER Verantwortung befähigte? Der Liberalismus, der so lange und so fröhlich auf den Erfolgswellen gesurft war, die die von der freie Konkurrenz kapitalistischer Selbstbereicherungsagenturen erzwungenen Modernisierungs- Globalisierung-, Bereicherungs- und sogar Zivilisierungsfortschritte stets aufs neue haben anschwellen lassen,  droht nun von eben diesen Erfolgswellen verschluckt zu werden.

Die bisherigen Erfolgsbedingungen werden zum Problem: Anhaltende Freude an der liberalen Illusion eines richtiges Leben im falschen lebt vom Gefühl, dass die staatlich garantierte Freiheit des Wettbewerbs kapitalistischer Selbstbereicherungsagenturen trotz dieser und jener unschönen „Abnormalitäten“ am Ende doch stets einem größer werdenen Teil der Menschheit mehr Wohlstand, Aufklärung Abenteuer und – trotz aller Rückschläge und Herausforderungen – am Ende auch mehr Mitmenschlichkeit und ökologische Vernunft beschert. Eben dieses sichere Gefühl eines immer währenden Bevorstehens stets rosigerer Zeiten ist heute bedroht.

Mit der imensen Intensivierung und Globalisierung auch der destruktiven Seiten menschlicher Schaffenskraft, mit dem erreichten Grad an Bildung, der Revolution der Kommunikationstechnologie usw.  wächst nun auch auf der Schokoladenseiten des Planeten die Ahnung und zunehmend auch die Gewissheit, dass „besser“ bei weitem nicht genug oder sogar Teil des zu lösende Problems ist. Leider kann das moderne Drängen nach Wahrnehmung gemeinsamer (planetarischhen) Verantwortung  die kapitalistischen Behaupungszwänge nicht einfach wegdenken. Solange die Vereinzelung bestehen bleibt, sucht sich das Streben nach gemeinsamer Verantwortung Wege, sich dem angestrebten Gemeinsamen ausschließlich individuell zu nähern und verwandelt den eigentlich logischen Anspruch, die Interaktionsbedingungen, also die Verhältisse zu ändern in Anspüche an das Verhalten der eigenen Person. Der Anspruch, ein besserer Mensch zu sein als die anderen es sind,  stärkt in dem Maße, wie es zu gelingen scheint,  wiederum das Bedürnis, sich das schöne Gefühl der Erhabenheit durch die Leugnung der Möglichkeit zu erhalten, dass das eigene Bessersein womöglch auf privilegierte Lebensumständen zurückgeht oder überhaupt zu leugnen, dass die kapitalistischen Interaktionsbedingungen der Möglichkeit zur Wahrnehmung gemeinsamer Verantwortung sehr spezifische Grenzen setzt. Wie die Fortdauer der Vereinzelung emanzipationpolitisch unfruchtbare Selbstgerechtigkeit fördert, wird beispielsweise in Experimenten nachgewiesen, in denen Probant*innen, die gerade etwas in ihren Augen besonders wertvolles vollbracht haben (z.B. im Bioladen eingekauft) mit solchen, denen das erspart bleibt, ein Gesellschaftsspiel spielen und  es sich zeigt, dass sich in den Spielsituationen gerade diejenigen, die kurze Zeit vorher vor sich selbst Edelmut beweisen konnten, sich signifikant unsolidarischer, fieser, ungerechter usw verhalten.

Statt nach Wegen zu globalen Interaktionsbedingungen zu fragen, die tatsächlich möglich machten, dass am Ende alle gut leben können ohne dass dies die Grundlagen des guten Lebens aller zerstört, und danach zu fragen,  wie in dem Sinne an Ansätzen eines ökologisch bzw. sozial verantwortlichen Konsums anzuknüpfen wäre, ob nicht als nächster Schritt etwa eine Reform der Welthandelsregimes einzufordern wäre, reproduziert die kapitalistische Vereinzellung die Illusion, dass sich das kapitalistische Weltwirtschaften allein per ethisch korrekten Kaufentscheidungen der bbvvereinzelten Einzelnen zu hinreichend sozio-ökologischer Vernunft erziehen lassen usw.

Die liberale Omnipotenzphantasien wachsen naturgemäß mit der Entfernung von den Existenzbedingungen derer, die weniger Möglichkeiten zum globalistischen Bessersein verspüren,  weil deren Glück von lebenslanger Arbeit in möglichst den selben Branchen oder gar den selben Betrieben abhängen. Seit das sozialdemokratische Versprechen auf einen gerechten Anteil an den stetigen Produktivitsgewinnen unter Globalisierungsdruck und damit in eine strukturelle Krise geraten ist, und seit wegen dem auf die Nationalwirtschaften verstärkt lastender Wettbewerbsdruck die durch Modernisierungs- bzw. Globalisierungsprozesse vor Ort verloren gehenden Arbeitsplätze nicht mehr so einfach durch eine Ausdehnung staatlicher Dienstleistungen ersetzt werden können, wächst zwar immer noch die Zahl derer, deren Existenzbedingungen von höherer Schulbildung und alle Formen moderner Dienstleistungen geprägt sind und die in der Globalisierung trotz allen Fallen des „Prekariats“ eher Chancen für sich und ziviisatorischen Fortschritt im Allgemeinen sehen, doch gerät der mehr oder auch minder aufgeklärte liberale Fortschrittsoptimismus nun verstärkt auch aus einer strukturell reaktionären Seite des Arbeiterdaseins unter Beschuss.

Autoritär regierte Gas- und Ölförderländer, Ölmagnaten, andere Institutionen der Brown Economy mit fließenden Übergängen zur organisierten Kriminalität wissen den  daraus erwachsenen Antiliberalismus für ihre Interessen geschickt zu nutzen. Sie stemmen sich mit all ihrer Macht gegen alles, was – nicht zuletzt aufgrund der ökologischen Herausforderung – die Idee der Eigenverantwortlichkeit konsequent zur Idee einer eigenverantwortlich mitbestimmten Gemeinsamkeit glbaler Verantwortung vorantreiben könnte, also zur Möglichkeit, Grenzen, Standards und Ziele des eigenverantwortlich Gestaltbaren gemeinsam, z.B. auch weltgemeinschaftlich,  mit zu bestimmen. Es gelingt ihnen, in riesigem Umfang Mittel der Massensuggestion einzusetzen, um vor allem diejenigen, die stärker im Altbewärten, verwurzelt sind, das aber leider nicht mehr zukunftsfäig zu scien scheint, und die deshalb zu unbeweglich für die modernen Zeiiten geworden sind, für den sich selbst beschleunigenden Beschleunigungsautonatismus in einen antilibaralustischen Rauschzustand zu versetzen.

Linke Kapitalismuskritikerinnen und liberale Fortschrittsprdiger begehen vor diesem Hintergrund nicht selten den Fehler, sich mit der Wut der strukturell Benachteiigten gegen „das liberale Establishment“ zu identifizieren und ihr einen linksliberalen oder linksrevolutionären Heiligenschein zu verpassen, statt Wege aus der Benachteiligug selbst zu diskutieren.  Oder sie erklären Bemühungen um eine Green Economy zum Hauptfeind und kämpfen mit Leidenschaft gegen Versuche einer „Kapitalismusbegrünung“  weil sie offenbar glauben, nur eine allgemeine Volkswut gegen die Unreiheit liberaler Konzepte oder Erfolge könne das herbeirevolutionieren, was sie wage (vom Schmutze?) „befreite Gesellschaft“ nennen.   Das sehe ich gegenwärtig als  Haupthindernis  einer emanzipationsproduktiven Abwehr des rechtpopulistischen Faschisierungspoenzials.  Deren Gefährlichkeit und destruktives Potenzials in Zeiten schmelzender Polkappen wird leider auf sehr breiter Ebene unterschätzt. Und auch Liberale müssen sich jetzt von den strukturellen Grenzen ihrer Wahrnemung  gemeinschaftlich bestimmter Verantwortung befreien und die marx-engelssche Idee der Notwendigkeit einer Befreiung aus dem Elend der Lohabhängigkeit als nowendige Rettung der EIGENEN Perspektiven zu betrachten, die sie selbst davor retten wird, von einer faschiistischen Ausbildung der Illusion unbegrezter Eingenverantwortlichkeit gefressen zu werden.

Ich breche das hier für`s erste ab. Werde später das eine oder andere überarbeiten und weiterführen. Aber es wird nun wirklich höchste Zeit, das assoziative Vorwärtstasten durch  mehr systematische Arbeit  an eine kompakte Intervention zu ersetzen. Und dann ist da ja auch noch Kohei Saitos wundervolles „Natur gegen Kapital“ durchzuarbeiten.

Lesezeichen zum Thema:

https://www.newstatesman.com/politics/uk/2017/12/why-edmund-burke-philosopher-our-troubled-times

 

 

 

 

 

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