Wachstum oder Post-Wachstum ist nicht die Frage

7. Mai 2014

Es kommt darauf an, der Nötigung zur sozialökologischen Rücksichtslosigkeit zu entwachsen – 10 Thesen

Von Hans-Hermann Hirschelmann, Dipl. Soziologe, Berlin

Die Thesen enstanden aus Anlass der vierten internationalen Degrowth-Konferenz  für ökologische Nachhaltigkeit und soziale Gerechtigkeit vom 2.-6. September 2014 in Leipzig. Sie sind der Versuch, den Blick auf historisch-materialistische Entwicklungsbedingungen gesamtgesellschaftlicher Vernunft in die Debatte einzubringen. Eine englische Version kann als PDF-Domument  herunter geladen werden „To Grow or not to Grow is not the Question“ (PDF) (Suche noch einen Englisch Muttersprachler, der das gegenliest)

1) Sozio-ökologisch betrachtet rücksichtsloses Wachstum von Kaufkraft bzw. von im Kaufkraftmittel Geld gemessenen Reichtum gründet nicht in falschen Einstellungen. Unmenschliche Vorstellungen sind im Wesentlichen Symptome, nicht Ursache der Rücksichtslosigkeit und können deshalb nicht wesentlich durch Aufklärung und dem guten Beispiel einer Avantgarde des rücksichtsvollen Konsums korrigiert werden.

2) Die zentralen Hindernisse einer gesamtgesellschaftlich bzw. ökologisch hinreichend vernünftigen Organisation des füreinander Produzierens, Sorgens, Organisierens, Regelsetzens usw. sind struktureller Natur. Zwar sind die menschlichen Produktivkräfte heute zu einem Grad entwickelt, der nicht nur die Notwendigkeit evident macht, den (welt-) gesellschaftliche Fortschritt entlang umweltbewusst gesetzter Ziele zu entwickeln. Von der wissenschaftlichen oder technologischen Potenz her ist die Möglichkeit, dies zu tun, auch längst angelegt. Dennoch scheint immer noch außer Frage zu stehen, dass das moderne Leben weiterhin auf freie Konkurrenz voneinander unabhängig operierender Agenturen der privateigentümlichen Bereicherung beruhen muss. Doch solange das so ist, bestimmt der betriebsblinde Wettbewerb um die Befriedigung  sozioökologisch bornierter Privatinteressen und -bedürfnisse, was, wie, warum und für wen wachsen oder weichen soll.

3) Die historische Rationalität ( = Zweckmäßigkeit) eines Fortschritts, der von der freien Konkurrenz privateigentümlich operierender Geldvermehrungsagenturen (= Agenturen der privateigentümlichen Kaufkraftvermehrung und -konzentrierung) angetriebenen ist, zwang immer schon zu einer fatalen Verknüpfung von zivilisatorischem Fortschritt und moderner Barbarei. Das kapitalistische Zeitalter umschließt ärgste Verbrechen. Gegenwärtig scheint nichts die Globalisierung existenzbedrohender Risiken und Desaster aufhalten zu können. Das ist auch deshalb so, weil die kapitalistisch vorangepeitschte Hyperbeschleunigung der Produktion die materielle Grundlage des zivilisatorischen Fortschritts ist. Mit stets geringer werdendem Aufwand an Arbeitszeit können in Ausmaß, Vielfalt und letztlich auch Qualität stets wachsende Bedürfnisse einer immer größeren Zahl Menschen befriedigt werden. Wachstumszwang heißt auch Nötigung zum Wachstum der der modernen Weltgesellschaft  eigenen Diversifizierung, Bildung und Kultur auf die all unsere Freiheit und Demokratie aufbauen.

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Gedanken zu Ralf Fücks „Intelligent Wachsen – Die grüne Revolution“

18. Juni 2013

FORM FOLLOWS FUNCTION  sollte gerade dann als Konstruktionsprinzip jeder modernen Bauweise hervorgehoben werden, wenn epochale Formveränderungen anstehen. Die Frage danach, was warum nicht (mehr) funktioniert aber unbedingt funktionieren sollte, ist die Frage aller Fragen wenn sich die Entwicklung der das soziale Vermögen einer Epoche bestimmenden Produktivkräfte auf einen Punkt zubewegt, der unweigerlich die Frage nach grundlegenden Formveränderungen der dem menschlichen Füreinander zugrunde liegenden Produktionsverhältnisse auf die Tagesordnung setzt.

Nichts ist öder als im Vorfeld einer solchen Situation altkluge Belehrungen über die Binsenweisheit ertragen zu müssen, dass alle technologische Errungenschaften nichts nützen, solange die Gesellschaft nicht in der Lage ist, sie in einer sozial bzw. ökologisch vernüftigen Weise einzusetzen. Und dass man deshalb erst einmal eine „Postwachstumsgesellschaft“ etablieren müsse, bevor man sich mit dazu passenden Technologien beschäftigt.

Natürlich darf auch nicht erst dann nach einer besseren Organisation  der Entwicklung und des Einsatzes der menschlichen Produktivkräfte gefragt werden, wenn diese Frage gesamtgesellschaftlich am Kochen ist, und der letzte Feldhase entsetzt feststelt,  dass innerhalb der alten Organisationsweise dem ungebremsten Einsatz menschlicher Destruktivkraft nichts von Belang entgegengesetzt weden kann.

Die gesellschaftliche Reife in der Hinsicht lässt sich m.E. daran ablesen, wie händeringend nach dem Aufbau der nötigen Problemlösungskompetenz gesucht wird. Und das ist nicht zuletzt an dem Grad zu erkennen, in dem die Suche nach ökologisch intelligenter Technologie UND geeigneten Formen ihrer (Weiter-) Entwicklung und ihres Einsatzes Hand in Hand gehen. Den Rest des Beitrags lesen »