Zum Identitätskulturalismus

Nein, ich habe keinerlei Ambition, mich der rechts-links-populistischen Anti-Identitätspolitik Hysterie anzuschließen, die derzeit im professionellen Meinungsbusiness grassiert und in Facebookkommentaren unter entsprechenden Beiträgen liberaler Zeitungen so gern und oft frenetisch beklatscht und weiter ins Extrem gezogen wird. Ich verabscheue die Erhabenheitsdemonstrationen, künstlichen Aufgeregtheiten und wohlfeilen Ausbeutungsbemühungen rechtsidentitärer Emanzipationshasser und linksidentitärer Proletenbeschützer, die reflexartig gegen begründete Begehrlichkeiten der Post Colonial/Critical Whiteness Mahner und engagierten Anwälte (jeweils Männer und Frauen) immer noch benachteiligter Personengruppen laut werden.

Auch wenn ich natürlich weiß, dass es kein gutes Leben im bösen gibt, sondern darauf ankommt, Verhältnisse zu schaffen, die weltweit allen ein gutes Leben erlauben, ohne dass dies die Grundlagen des guten Lebens aller zerstört, bin ich im Rahmen meiner bescheidenen Möglichkeiten gern auch Gutmensch so gut es halt geht und habe nichts gegen Anleitungen, ein noch aufmerksamerer, entgegenkommenderer, selbstkritischerer, also kurz, ein noch besserer Mensch zu werden

Vor allem habe ich nichts gegen einen Universalismus, der sich kritisch gegen das europäisch-nordamerikanisch-australische Selbstbild eines allein aufgeklärten und von modernen Werten bestimmten „Westens“ wendet, von dem aus es gerechtfertigt scheint, in herrenmenschlicher Gönnerhaftigkeit auf die „noch barbarische“ Restwelt zu schauen. Die universellen Menschenrechte sind nicht „westlich“. Sie sind universell. Sie zur Geltung zu bringen und vielleicht gar zu erweitern ist immer und überall ein sehr widersprüchlicher Prozess – abhängig von den gesellschaftlichen Produktions- und Interaktionsbedingungen sowie den dabei jeweils herrschenden Kräftekonstellationen.

Aber genau das gerät allzu oft aus dem Blick.

1.) Die unverschämte Erhabenheit einer antirassistischen Marxkritik

Die postkolonial-hautfarbensoziologische Dekonstrution von Karl Marx Betrachtung der „Lohnsklaverei“, wie unlängst in einem Interview geschehen, das der Taz Redakteur Ambris Waibel mit der Professorin für Kulturtheorie und Kulturwissenschaftliche Ästhetik Iris Därmann führte, ist so ein Beispiel.

Das am 30. November 2010 veröffentlichte Interview ist folgendermaßen überschrieben:

Kulturwissenschaftlerin über Sklaverei

„Die Philosophen haben sich auf die Seite der Täter geschlagen“

Aristotelis, klar, hatte selbst Sklaven, John Locke am transatlantischen Sklavenhandel verdient und Marx … – ? Beim Weiterlesen in Marx Werken sei der Professorin klar geworden, dass Marx „zwar der tatsächlich gut über die Haitanische Revolution unterrichtet gewesen“ sei über „die revolutionäre Selbstbefreiung, der SklavInnen in der französischen Kolonie Saint-Dominque aus der Haiti 1804 als erster schwarzer Nationalstaat hervorging“, aber…

Aber?

Zu meinem Erstaunen entdeckte ich aber, dass Marx – parallel zu seiner Berichterstattung über den US-amerikanischen Bürgerkrieg – die schwarze gegen die „weiße Sklaverei“ ausspielt. Er findet offensichtlich, dass die Versklavten in den Südstaaten gegenüber den weißen LohnarbeiterInnen in ihrem Kampf um den 8-Stunden-Tag zu viel Aufmerksamkeit erhalten.

Kapitalistisch formierte Gesellschaften zu analysieren und zu ergründen, auf welche Weise diese Momente ihrer kommunistischen „Negation“ hervorbringen, scheint also nach Iris Därmann irgendwie unmoralisch zu sein, weil sie ihre antirassistischen Wertmaßstäbe verletzen, denen zufolge der Kampf für den 8 Stunden Tag nicht als „wertvoller“ dargestellt werden darf, als der Kampf gegen die Sklaverei.

Und hier ist bereits der Moment, in dem antirassistisches Querdenken in eine absurde Schräglage gerät

Iris Därman weiß nun folgendes über Marx zu behaupten:

Im „Kapital“ entwickelt er daher Lektüreverfahren, um die Aufmerksamkeitsökonomie zu verschieben. Wenn er zeitgenössische Literatur zur Plantagenökonomie zitiert, fordert er seine LeserInnen auf: „Lies statt Sklavenhandel Arbeitsmarkt“, ersetze „Sklave auf der Plantage“ durch „weißer Lohnarbeiter“ in englischer Fabrik. Er hat das Leid der SklavInnen durch das Leid der ArbeiterInnen überschrieben. Maßgeblich war für Marx der Klassenkampf zwischen Bourgeoisie und Proletariat. Davon versprach er sich eine „totale Revolution“, die die gesamte Menschheit befreien werde, während die SklavInnen durch Flucht und Aufstände nur sich selbst befreien würden.

Du meine Güte. Was für ein Quark ist das denn? Därman verlangt es offenbar nach einer Art Mitleidsökonomietheorie. Unauffällig hineingerührt ist noch ein Löffel Totalitarismusunterstellung (totale Revolution).

Was ist tatsächlich der Punkt in Marx Perspektive?

  • Marx schrieb gegen die Vorstellung an, dass die Lohnarbeit bereits „die Befreiung des Menschen“ aus ausbeuterischen Klassengegensätzen bedeutet, dass es Ausbeutung also nur in dunklen Zeiten der Sklaverei und Leibeigenschaft gab und dass mit dem Kapitalismus bereits das Ende der Geschichte menschlichen Freiheitsstrebens erreicht sei – wohl wissend, dass die Vorstellung des ausbeutungsfreien Marktwirschaftens spontan aus den Kapitalverhältnissen selbst hervorgeht, ohne dass fiese Ideologen der politischen Ökonomie das mit ihren einschlägigen (heute würde man sagen: neoliberalen) Tricks „suggerieren“ müssen. (Eben deshalb käme es darauf an, die Verhältnisse zu verändern, die diese Illusion notwendigerweise stets aufs Neue hervorbringen)
  • Nach Marx kann sich die Menschheit mit der Aufhebung der Sklaverei, für die er selbstverständlich mit Leidenschaft stritt, nicht von der Geißel der Ausbeutung befreien. Erst das Verhältnis von freier Lohnarbeit und Kapital, die freie Konkurrenz der kapitalistischen „Plusmachereien“ um die Fähigkeit, mit einem geringeren Arbeitsaufwand mehr und bessere Träger gesellschaftlich nachgefragter Gebrauchswerte produzieren und zum eigenen privaten Vorteil gegen Geld tauschen zu können, als die Konkurrenz es vermag, und nicht zuletzt die zur Zivilisierung dieser Art Produktionsbeziehungen notwendigen Staatsapparate können die Entwicklung des technologischen, geistigen und organisatorischen Vermögens der Menschheit auf eine Stufe heben, die es ein planetares Zusammenwirken erlauben, das weltweit allen ein gutes Leben entlang ihrer Bedürfnisse erlaubte, ohne dass dies die Grundlagen des guten Lebens aller zerstören müsste. Erst auf dieser Basis ließe sich dann auch die „Lohnsklaverei“ selbst überwinden, also die Notwendigkeit, das eigene Arbeitsvermögen gegen Geld einzutauschen, ohne dessen Besitz es im Kapitalismus unmöglich wäre, sich das zum Leben Notwendige anzueignen. Wenn man nicht selbst über die Klasse privaten Produktionsvermögens verfügt, die außerhalb des eigenen Körpers vergegenständlicht ist, bleibt die Gelderwerbsarbeit als Möglichkeit, die eigene Existenz zu sichern. Die auf eben dieser Basis möglichen Fortschritte in der Entwicklung des Menschenmöglichen schaffen nach Marx erst die Voraussetzung der Möglichkeit zu Produktionsbeziiehungen überzugehen, die es der Menschheit erlaubte, …
    • „ihren „Stoffwechsel mit der Na­tur rationell re­geln, unter ihre gemeinschaftliche Kontrolle bringen, statt von ihm als von einer blinden Macht beherrscht zu werden; ihn mit dem geringsten Kraftauf­wand und unter den ihrer menschlichen Natur würdigsten und adäquatesten Bedingungen vollziehn“ Marx: Das Kapital, MEW Bd. 25, S. 828

Oder mit Marx „wertender“ Natur gesagt:

Vom Standpunkt einer höhern ökonomischen Gesellschaftsformation wird das Privateigentum einzelner Individuen am Erdball ganz so abgeschmackt erscheinen wie das Privateigentum eines Menschen an einem andern Menschen. Selbst eine ganze Gesellschaft, eine Nation, ja alle gleichzeitigen Gesellschaften zusammengenommen, sind nicht Eigentümer der Erde. Sie sind nur ihre Besitzer, ihre Nutznießer, und haben sie als boni patres familias den nachfolgenden Generationen verbessert zu hinterlassen.

Marx: Das Kapital I, MEW Bd. 25, S. 784

Därman scheint dagegen davon auszugehen, dass es möglich ist, sich über grundlegende materielle Bedingungen der Möglichkeit eines planetarischen Kommunismus hinwegzusetzen und Geschichte allein auf der Basis eines richtigen (nämlich antirassistischen) Bewusstseins jederzeit frei gestalten zu können. Das Gefühl der Erhabenheit über die schnöde Schwerkraft materieller Voraussetzungen gesellschaftlicher Befreiungsperspektiven verleiht Dätmanns "Marxkritik" sogleich Flügel: <br>

Eine Art Überbietungswettkampf, ja. Man hätte sich vorstellen können, dass Marx den Kampf der Schwarzen und den des europäischen Proletariats miteinander verschränkt, im Sinne eines Trans- bzw. Black Atlantic, der Wider­standspraktiken afrikanischer, amerikanischer, karibischer und britischer Herkunft zu einer neuen revolutionären Kultur verbindet. Aber im „Kapital“ marginalisiert er die Widerstandspraktiken der Schwarzen: Rebellion, Streik, Flucht, Zerstörung von Ernten und Ackergeräten. Marx denkt die Sklaverei ökonomistisch: Für die Differenzen, die zwischen einem gewaltsam versklavten, „sozial toten“ Menschen und einem ausgebeuteten Lohnarbeiter bestehen, der ein Recht auf seinen eigenen Namen, seinen Körper, seine Sprache und Familie hat und der doch immerhin entlohnt wird – dafür zeigt er keine Sensibilität.

Wo das Ergründen der historischen Möglichkeitsbedingungen wegfällt, übernehmen die psychologisierende Unterstellung an den Denker das Kritikregime.

Immerhin erkennt Iris Därmann an, dass Geschichte prozesshaft geschieht und idealistischen Proklamationen, die im Widerspruch zu den historischen Tatsachen stehen, ein emanzipatorisches Potenzial innewohnt.

Die Universalität der Menschenrechte eröffnet eine Demokratisierungsdynamik, die an kein Ende gelangen darf. Sie ist ein Prozess, der durch alle Organisationen, Institutionen, sozialen Medien, Verhältnisse hindurchgehen muss. „Mehr Demokratie wagen“ im Sinne Willy Brandts ist die zentrale politische Aufgabe: Die kommende Demokratie wird diversitätspolitische Ansprüche nicht ­gegen soziale, ökonomische und klimapolitische Gerechtigkeitsforderungen ausspielen.

Ja, und deshalb ist es tatsächlich notwendig, die Universität der Menschenrechte zu betonen, und sie nicht für eine „westliche“ Marotte auszugeben. Das Problem bleibt das Absehen von den materiellen Bedingungen der Möglichkeit eines demokratischen Zusammenwirkens, das den sehr „diversen“ Bedürfnissen und Möglichkeiten der weltweit interagierenden Menschen gerecht würde, ohne dass dies die grundlegenden Bedingungen der Möglichkeit eines guten Lebens aller zerstören müsste. Es fehlt die Frage, nach der strukturellen Grundlage einer entsprechend leistungsfähigen Herrschaft der Völker selber. Der nachzugehen könnte zu der Einsicht führen, dass wir dafür mehr Öko-Kommunismus wagen müssten ;-).

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