Kohei Saito: Marx Ökologie in seiner unvollendeten Kritik des Kapitalismus

Manchmal findet man den Wald vor lauter Bäumen nicht. Mit dem Buch von Kohei Saito ging es mir umgekehrt. In der Monthly Review hatte ich schon einen Beitrag von Kohei Saito über „Marx ökologische Notizbücher“ gelesen und  so erfahren dass er an einer Veröffentlichung arbeitete. Ausgesprochen vielversprechend! Marx hatte sich nach der Veröffentlichung des ersten Kapital Bandes zunehmend mit naturwissenschaftlichen und eben auch mit ökologischen Problemen auseinandergesetzt.  Als ich Saitos Buch  neulich annonciert sah in der MR (Marx Ecosocialism) war die Freude groß, ich  entschied mich umgehen, es zu bestellen und fragte mich, wann wohl eine deutsche Ausgabe erscheinen wird.

Ha, während der neulich von der Rosa Luxemburg Stiftung  ausgerichteten „Marx-Herbstschule“ erfuhr ich nun, dass es natürich zuerst auf deutsch erschienen war und das bereits vor über einem Jahr! Du meine Güte. Habe mich wohl etwas sehr abgekapselt. Irgend etwas muss ich unbedingt ändern.

Ok, so habe ich also bald – hoffentlich – beide Ausgaben auf dem Schreibtisch und damit  gleichzeitig ein tolles Mittel, mit dem Englischen voran zu kommen.  Nur sind beide Ausgaben bereits vergriffen!

Wie schön ist da meine heutige Entdeckung, dass Academica das Werk zum kostenlosen Download anbietet. Juhuuu.

Zu früh gefreut… Es ist nur ein Apetizer, nach 22 Seiten ist Schluss.

Nun heißt es weiter, abzuwarten.

Wieder Jubel: Die deutsche Fassung ist nun angekommen! Ich freue mich.

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Eine erste Anmerkung:

Wie das 1. Kapitel dieser Arbeit zeigen wird, behandelt Marx schon 1844 die Beziehung zwischen Mensch und Natur als zentrales Thema seiner Entfremdungstheorie. Er findet in der radikalen Auflösung der ursprünglichen Einheit zwischen Mensch und Natur die Entstehung des modernen entfremdeten Lebens und setzt dem die emanzipatorische Idee der Wiedervereinigung von Mensch und Natur als »Humanismus = Naturalismus« entgegen.

S. 14

Die Idee einer (öko-kommunistischen) WIEDERvereinigung  von Mensch und Natur gilt nicht wenigen Marx- bzw. Marxismuskritikern als idealisierende Setzung eines ursprünglich gegebenen Idealzustandes, und die Aussicht auf  die Wiederherstellung dieses Ideals als geschichtsphilosophisches Heilsversprechen. Das gilt es m.E. aber zu hinterfragen. (Und es ist auf den ersten Blick zu sehen, dass das Buch von Saito dafür auch eine große Menge wertvoller Anhaltspunkte enthalten dürfte).

Tatsächlich nahm Marx ausdrücklich Abschied von einem IDEALISTISCHEN Verständnis von Dialektik nach dem sich die gesellschaftlichen Widersprüche in Begriffen zeigen, die Ideale repräsentieren und es darauf ankäme, die Illusion ihrer Widersruchsfreiheit mittels Reflektion immer neuer Faccetten der sie – mehr oder minder – zum Ausdruck bringenden Wirklichkeit in immer neuen Analyseschritten zu negieren um die so enthüllten Widersprüche am Ende auf einer nun realistischen Basis aufzuheben. Aus der ursprünglich Illusion von Widerspruchsfreiheit (Reinheit und Wirklichkeitstreue der Idee) würde so schließlich eine vom Widerspruch tatsächlich befreite Identität von Idee und Wirklichkeit (wobei wohl darüber gestritten wird, ob mit einer neuer Wirklichkeit. oder, wie Marx behauptet, nur einer neuen Interpretations von Wirklichkeit). Der am Ende nicht mehr vom falschen Leben beschmutzte Begriff  einer Wirklichkeit kehre dann, so die Vorstellung der idealistischen Dialektik,  „zu sich selbst“, d.h.  zu wirklicher Widerspruchsfreiheit „zurück“. Als Forderung an die gesellschaftliche Praxis (Tätigkeit zur Veränderung der gesellschaftlichen Wirklichkeit) ergäbe sich daraus, die Diskrepanz zwischen Ideal und Wirklichkeit aufzuheben.

Marx Kritik an dem Konzept war, dass nicht Begriffe Wirklichkeit sondern umgekehrt die Wirklichkeit deren Wahrnehmung bzw. Deutung hervorbringen. Aufklärung über Erscheinungen eines falschen Lebens, die bestimmten Begriffen (wie etwa Gott)  bzw. Idealen (z.B. Gottesfürchtigkeit) oder Vorstellungen (etwa:  Gott und Frömmigkeit werden uns retten) eigen sind, können nicht einfach mittels Aufklärung durch realistischere, die eigenen Interessen vielleicht besser zum Ausdruck bringende Begriffe, Ideale oder Vorstellungen über deren Mächtigkeit ersetzt werden.

Für den post-philosophischen Marx entstehen, halten oder ändern sich Begriffe wie etwa auch Humanismus oder Naturalismus (das gilt selbstverständlich auch für Kommunismus oder Sozialismus) niemals frei vom „falschen Leben“ und es könne deshalb nicht darum gehen, etwa eine verloren geglaubte „Totalität“ wiederherzustellen,  wie sie „eigentlich“ im Begriff bzw. der damit ausgedrückten Idee,  etwa der von  der Einheit von Humanismus und Naturalismus (der Behauptung Humanismus = Naturalismus) stecke. Das bedeutet nun aber wiederum nicht, dass dem „reifen Marx“ zufolge diesen Begriffen lediglich eine gewisse praktische Bedeutung als Orientierung verleihende Ideale zukommen dürfen, aber in einer WISSENSCHAFTLICHEN Reflexion bzw. einer THEORIE der möglichen (notwendigen und wünschenswerten)  Ablösung der kapitalistischen Interaktionsbedingungen durch eine sozialistische Ära des Übergangs zu (öko-) kommunistisch bestimmten  Interaktionsbedingungen nichts zu suchen hätten, wie Althusser in den 1960er Jahren in seinem Band „Für Marx“ behauptete.

Es wäre vielmehr zu fragen, welche Wirklichkeit mit der Behauptung einer „urspünglichen Identität von Humanismus und Humanismus“ bzw. einer „ursprünglichen Harmonie zwischen Mensch und Natur“ gemeint sein könnte und was es damit TATSÄCHICH auf sich haben könnte, d.h. jenseits romantischer Projektionen.  In Betracht zu ziehen wären beispielsweise die von Marx als „urkommunistsch“ oder „regionalen Kommunismus“ bezeichneten Mensch-Natur-Verhältnisse „prähistorischer“ Gesellschaften, die an ihr sehr begrenztes Territorium gekettet und also existenziell (einschließlich des Blickes auf die Kinder und Enkel) auf eine nachhaltige Bewirtschaftung und Entwicklung ihrer Naturumwelt (Naturmitwelt) angewiesen waren.  Nicht zuletzt die von Hans-Peter Harstick herausgegebenen „Ethnologischen Exzerpthefte“, auf die Saito verweist, zeigen, dass Marx die Frage keineswegs als kommunistischer Romantiker angegangen war, wie es vielfach unterstellt wird, sondern das ihn auch diesbezüglich lebenslang die wissenschaftlicher Neugierde angetrieben hatte. Der Text des späten Engels über den Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen“ (mit dem Marx konform ging) zeigte, dass auch die Frage des „Gattungswesens“ bein der beiden keineswegs bei einem kruden Essentialismus stehen geblieben war.

Man mag Marx Erwartung einer weltkommunistischen „Negation“ der mit der historischen Negation der „urkommunistischen“ Fesselung gemeinschaftlich organisierten  Stoffwechsels miteinender und mit der Naturumwelt an eine von Generation zu Generation vererbten Gemeindelokalität in die Welt gekommenen „Entfremdung“ voneinender, von den Naturbedingungen und dem „menschlichen Gattungswesen“ für eine fixe Idee halten, die den prinzipiell stets offenen Geschichtsverlauf in ein Dialektikschema (Negation, Negation der Negation bzw. deren Aufhebung auf einer neuen Stufenleiter) presst. Und tatsächlich zeigt nicht zuletzt die Geschichte des so genannten „real existierenden Sozialismus“, dass solch ein ideologischer Schematismus tatsächlich angewandt und Marx Erwartung (man müsste heute „seine Hypothese sagen) vielfach als fester Wille eines allmächtigen Geschichtsgeistes interpretiert wurde, als dessen Jünger sich zu küren berechtigt, einen „kommunistischen Gottesstaat“ zu materialisieren. Dennoch, oder vielmehr gerade deshalb erscheit es mir wesentlich sinnvoller, systematisch und nachvollziehbar Beweggründe und Anhaltspunkte eines solchen Geschichtsdialektik und was ihr entgegen steht bzw. entgegenstehen könnte zusammen zu tragen und zu erörtern.

Werde diesen Gedankenstrang an anderer Stelle weiter ausführen, Wichtig ist in diesem Zusammenhang etwa die Frage der spezifisch menschlichen Natur als „Einheit von Humanismus = Naturalismus“ zu behandeln, was auch von nicht wenigen Marxisten vielfach als längst überholter Essentialismus  abgetann wird. Dabei lässt sich m.E. plausibel zeigen, dass die Weiterentwicklung der der menschichen Natur gegebenen Fähigkeit zur zielgerichteten Her- und Bereitstellung eines als Nutzen bzw. Gewinns erfahrbaren Mittels der Bedürfnisbefredigung (einschließlich der Fähigkeit, aus den Fehlern vergangeger Versuche zu lernen)  notwendig die (öko-komunistische) Aufhebung von Entfremdung (dem Zwang zur Erfüllung fremder Zwecke) erfordert und dies etwa heißt, dass die kapitalistisch vereinzelten Einzelnen sich zum Zwecke ihrer Ent-Entfremdung als sich freiwillig und entsprechend der individuellen Fähigkeiten und Bedprfniisse als eine vereinigte Menschheit formieren, mit dere Hilfe sie sich in die Lage versetzen, den globalen Stoffaustausch gemeinschaftlich zu verantworten und damit zu errechen, dass ihnen nicht länger die eigenen Produktionsbedingungen als eine Naturgewalt gegenübersteht, diie sie nicht beherrschen können. Eben das wäre die Voraussetzung einer Entideologiisierung des Verständnisses von Naturbedürfnissen und -fähigkeiten und fortgesetzter Menschwerdung.

Aber nun mache ich mich endlich ans Lesen: Kohei Saito: Natur gegen Kapital – Marx in seiner unvollendeten Kritik des Kapitalismus., erschienen im Campusverlag Frakfort / New York

 

One Response to Kohei Saito: Marx Ökologie in seiner unvollendeten Kritik des Kapitalismus

  1. Wer sich wohl den doofen Titel ausgedacht hat?

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