Das Anthropozän gestalten!

16. Mai 2020

Zur Machbarkeit planetarischer Vernunft

Ein erster Einblick in das Projekt, an dem ich gerade arbeite.  Kritik, Ideen, Fragen aller Art herzlichst erwünscht. 

Worum geht es?

Dieses Buch soll ermutigen, über das Ende der Geschichte kapitalistischer Vernunft hinaus zu denken und einen offenen Diskurs über Notwendigkeit, Realisierungs- und Rationalitätsbedingungen eines organisierten Übergangs zu „öko-kommunistisch“1 bestimmten Produktionsbedingungen zu wagen.

Warum?

Die menschliche Gestaltungskraft ist zum prägenden Faktor des biologi­schen, geologischen und atmo­sphärischen Geschehens auf der Erde ge­worden. In den Geowissenschaften wird diskutiert, diese Ver­änderungen als eine neue Periode der Erdgeschichte zu verstehen, das Anthropozän, das Erdzeitalter des Menschen. Das ist keine frohe Botschaft, die vom Sieg menschlicher Vernunft über die zivilisationsge­fährdende Gewalt eines unbe­herrschten Naturzustands kündet. Die gesellschaftli­chen Mechanismen, die dem vernunftbegabten Wesen eine solche Wirkmacht be­schert haben, treten den han­delnden Individuen und deren Institutionen im Gegenteil als eine ihnen fremde Naturgewalt gegenüber, die sie unterjocht, statt von ihnen beherrscht zu werden.2

Marx vor nunmehr über 150 Jahren formulierte Zustandsbeschrei­bung scheint verblüffend aktuell.

„Die soziale Macht, d.h. die vervielfachte Pro­duktionskraft, die durch das in der Teilung der Arbeit bedingte Zusammen­wirken der verschiedenen Individuen entsteht, erscheint diesen Individuen, weil das Zusammenwirken selbst nicht freiwillig, sondern naturwüchsig ist, nicht als ihre eig­ne, vereinte Macht, sondern als eine fremde, außer ihnen stehende Gewalt, von der sie nicht wissen wo­her und wohin, die sie also nicht mehr beherrschen können, die im Gegenteil nun eine eigentümliche, vom Wollen und Laufen der Menschen unabhängige, ja dies Wollen und Laufen erst dirigierende Rei­henfolge von Phasen und Entwicklungsstufen durchläuft.“3

Wir erleben heute eine bedrohliche Zuspitzung dieses paradoxen Zustands. Die inzwischen weltweit interagierenden Subjekte des anthropogenen Zusammenwirkens, Individuen, Institutionen oder Assoziationen, verfügen über eine schier unendlich erscheinende Vielfalt an Möglichkeiten, vernunftgeleitete Entscheidungen zu treffen. Ihre „kombinierte Produktivkraft“ konnten sie dabei ins Unermessliche steigern. Moderne Wissenschaft und Demokratie erlauben Aufklärung auch über die Kehrseiten unserer menschlichen Siege über die Natur. Doch ungeachtet all unserer Kenntnisse über das Zerstörungsvermögen, das ein nahezu ungebremstes Wachstum menschlicher Kraft und Herrlichkeit bis heute akkumuliert hat, scheint es nach wie vor ein Ding der Unmöglichkeit, das anthropogene Zusammenwirken insgesamt nach Maßgaben sozialer oder ökologischer Vernunft zu gestalten. Unser globalisiertes Zusammenwirken ist uns immer noch nicht zur „eig­nen, vereinte Macht“ geworden. Mensch und Natur bleiben den stets bedrohlicheren Launen der Naturgewalt ausgesetzt, als die sich ihr eigenes Zusammenspiel gestaltet.

In diesem Zustand taumelt das menschliche „Laufen und Wollen“ in die geologische Menschenzeit. Mit welcher Perspektive? Was könnte Wege in ein soziales Zeitalter der menschheitlichen Selbstbeherrschung ebnen? Hilft der Rückgriff auf Marx Vision einer Menschheit, die es den weltweit interagierenden Individuen, Gruppierungen und Institutionen gestattet, ihren „Stoffwechsel mit der Na­tur rationell re­geln, unter ihre gemeinschaftliche Kontrolle bringen, statt von ihm als von einer blinden Macht beherrscht zu werden; ihn mit dem geringsten Kraftauf­wand und unter den ihrer menschlichen Natur würdigsten und adäquatesten Bedingungen vollziehn4?

Als jemand, der sich seit den Zeiten seines politischen Erwachsenwerdens in den 1970er Jahren für die ökologischen Dimensio­nen des Menschseins interessiert und sich insbesondere nach Nutzung des zweiten Bildungswegs und Aufnahme seines Studiums der Soziologie in den 1980er Jahren, immer wieder intensiv mit dem Marx-Engels Werk auseinanderset­zen konnte, überrascht mich der akute Gebrauchswert der vor nunmehr über 150 Jahren formulierten Perspektive nicht.

Marx Bemerkung war kei­neswegs das zufällige Ergebnis einer idealisti­schen Schöngeisterei, die sich kunstvoll um das eigene Wunschdenken rankt. Das Metier des Forscherges­panns Marx und Engels waren die materiellen, das heißt, die durch bloße Denk­arbeit nicht ohne Weite­res veränderbaren Bedingungen des anthropogenen Tuns und Lassens. Ihr Interesse galt den grundlegenden Funktion und zeitgenössischen Problemen kapitalistischer Produktionsbedingungen, und es richtete sich insbesondere auf die darin angelegten Bedingungen ihrer „Negation“, d.h. sie fragen, was die Entwicklung des Kapitalismus an einen Punkt bringen könnte, an dem es maßgeblichen Teilen der Gesellschaft weltweit notwendig, denk- und auch machbar erscheinen könnte, zu einer Organisation des gesellschaftlichen Zusammenwirkens überzugehen, die es ihnen erlaubte, die Produktionsbedingungen unter ihre gemeinschaftliche Kontrolle zu bringen. Das unterscheidet das marx-engelssche Herangehen von der verbreiteten Vorstellung einer vom richtigen oder falschen Denken gelenkten Geschichte von der im Verlaufe dieser Arbeit noch öfter zu reden sein wird. Von Marx (und Engels5) lernen heißt aus meiner Sicht, zu erkennen, dass sich Vor­stellungen darüber, was ein gutes, menschliches oder ökologisch korrektes Leben sein soll (was dafür zu tun wäre oder auch, was die Richtigkeit dieser Vorstellun­gen zeigt) nicht zum Zeitgeist avancieren können, ohne dass sie sich als ein probates Mittel der Unterordnung unter die ökonomischen Handlungsnot­wendigkeiten und -erwartungen erweisen, wie sie aus den his­torisch jeweils vorherrschenden Formen der Arbeitstei­lung und der in dem Rahmen entwickelten Produktivkräfte unwillkürlich hervorgehen.

„Die Menschen sind die Produzenten ihrer Vorstellungen, Ideen pp., aber die wirklichen, wirkenden Men­schen, wie sie bedingt sind durch eine be­stimmte Entwicklung ihrer Produktivkräfte und des denselben entsprechen­den Verkehrs bis zu seinen weitesten Formationen hinauf. Das Bewußtsein kann nie etwas Andres sein als das bewußte Sein, und das Sein der Men­schen ist ihr wirklicher Lebensprozeß.6

Die epochalen Unterschiede in der Art, wie sich diese Lebensprozesse jeweils gestalten, bildeten sich nach Marx bisher urwüchsig und auf die Menschheitsentwicklung als Ganzes bezogen ziellos, aber keineswegs zufällig. Am Ende verlangte der in einer Epoche er­reichte Grad der Produktivkraftentwicklung, das heißt, das in den zeitgenös­sischen Produktions- Transport- und Vergesell­schaftungstechniken, im Know How der Produktionsagenten usw. angelegte Produktions- und Aneignungsvermögen, die Art, wie, wo, von und für wen dieses Potenzial eingesetzt und weiter entwickelt wird. Diese „Produktionsverhältnisse“ bilden wiederum die Grundlage der gesellschaftlichen Organisation und mit ihr auch ihr Selbstverständnis. Die in der Menschheitsgeschichte jeweils vorherrschenden Produktionsbedingungen unterscheiden sich im Wesentlichen im Ausmaß und in der Art der Arbeitsteilung, das heißt, inwie­weit und wie in der jeweiligen Epoche Produktion und Transport, Organisati­on, Für- und Vorsorge, Wissenser- und -vermittlung, Ideenproduktion und -an­wendung, notwendi­ge Schutzmaßnahmen usw. geteilt und auf welcher Grundlage dabei über das Recht und das tatsächliche Vermögen entschieden wird, sich das dabei Produzierte anzueignen. Wer also ein anderes Denken über gesellschaftlich notwendige Ziele, Prioritäten usw. etabliert sehen möchte, sollte nach den materiellen Voraussetzungen der Möglichkeit schauen, Formen der gesellschaftlichen Arbeitsteilung zu etablieren, die das gewünschte Denken verlangen bzw. das Erdachte tatsächlich Wirklichkeit werden zu lassen. Vereinfacht gesagt:

„Steht es den Menschen frei, diese oder jene Gesellschaftsform zu wählen? Kei­neswegs. Setzen Sie einen bestimmten Entwick­lungsstand der Produktiv­kräfte der Menschen voraus, und Sie erhalten eine bestimmte Form des Ver­kehrs [commerce] und der Konsumtion. Setzen Sie bestimmte Stufen der Entwicklung der Produktion, des Verkehrs und der Konsumtion voraus, und Sie erhalten eine entsprechende soziale Ordnung, eine entsprechende Or­ganisation der Familie, der Stände oder der Klassen, mit einem Wort, eine entspre­chende Gesellschaft [société civile]. Setzen Sie eine solche Gesell­schaft voraus, und Sie erhalten eine entsprechende politische Ordnung [état politique], die nur der offizielle Ausdruck der Gesellschaft ist.“7 Vereinfacht gesagt: „Die Handmühle ergibt eine Gesellschaft mit Feudalherren, die Dampfmühle eine Gesellschaft mit industriellen Kapitalisten.“„

Ergeben heute also Digitalisierung, Internet und Nutzung regenerativer Energiequellen eine Gesellschaft mit „öko-kommunistisch“ interagierenden Weltbürger*in­nen, die ihren planetarischen Stoffwechsel untereinander und mit der sie umgebenden Natur auf Grundlage weltge­meinschaftlich erarbeiteter und verfolgter Ziele und Standards organisieren? Selbstredend verspricht das vereinfacht Gesagte keinen Automatismus. Notwendigkeit, Vernunft und Erfolgsbedingungen einer solchen Perspektive können ebenso wenig aus Theorien abgeleitet werden, wie aus guten Ab­sichten oder fixen Menschenbildern. Was Marx als universal gelehrter Wissenschaftler, Theoretiker, Journalist und politischer Organisator über die Funktionsweisen, Probleme und Entwicklungsmöglichkeiten kapitalistischer Produktions- bzw. Austauschbeziehungen und über darin angelegte Bedingungen der Möglichkeit, sie am Ende Geschichte werden zu lassen, herausfand, kann helfen, in einer erkenntnisproduktiven Weise Grundlagen und Entwicklungsbedingungen gesellschaftlicher Perspektiven zu ergründen, kann deren Ergebnisse aber nicht vorwegnehmen.

„Da, wo die Spekulation aufhört, beim wirklichen Leben, beginnt also die wirkliche, positive Wissenschaft, die Darstellung der praktischen Betätigung, des praktischen Entwicklungsprozesses der Men­schen. Die Phrasen vom Bewusstsein hören auf, wirkliches Wissen muss an ihre Stelle treten.“8

Die Richtigkeit von Hypothesen, Prognosen, Kritik usw. muss anhand von empirisch erfassten Daten oder von Funktionsanalysen der gegebenen bzw. erwartbaren Interaktionsbedingungen belegt bzw. plausibel erklärt und gegen Kritik argumentativ verteidigt werden können. Marx wird das Wissen nicht liefern, das uns verraten könnte, ob die Menschheit tatsächlich einmal im Begehren vereint sein wird, ihren Stoffwechsel mit der Na­tur „unter den ihrer menschlichen Natur adäquatesten Bedingungen vollziehn“ zu können und ob sie jemals zu der Erkenntnis gelangen wird, dass sie ihr planetarisches Wirken „unter ihre gemeinschaftliche Kontrolle bringen“ müsste, wenn das keine Utopie bleiben soll. 

Ohne Weiteres ist dieses Wissen derzeit aber auch dem wirklichen Leben nicht zu entlocken. Da Machbarkeit und Vernunft einer solchen Perspektive nicht a priori zu „falsifizieren“ sind, scheint manchen auch jede sozialwissenschaftliche Bearbeitung dieser Frage dazu verdammt, im Spekulativen zu verharren. Dass zukünftige Ereignisse mittels wissenschaftlicher Ergründung notwendiger Voraussetzungen, Möglichkeit oder Wahrscheinlichkeiten ihres Eintreffens nicht annähernd so zuverlässig und präzise vorhergesagt werden können, wie schnöde Wahrsagerei es mit Leichtigkeit aus einem Kaffeesatz herauszulesen verspricht, beweist allerdings nicht, dass auf Zukunftsfragen gerichtete Gesellschaftswissenschaft von vornherein nichts als Ideologie hervorbringen kann. Um mehr als nur halbwegs plausibel klingende Einschätzungen über vielleicht wünschenswerte Entwicklungsperspektiven hervorbringen zu können, müssen wir selbstredend etwas anders fragen. Zwar kann in der Tat keine Wissenschaft der Welt voraussagen, ob und wenn ja, wann die Völker der Welt zu der Einsicht gelangen werden, dass sie ihren planetarischen Stoffaustausch unter ihre gemeinschaftliche Kontrolle zu bringen haben, wenn es ihnen tatsächlich gelingen soll, die Naturgewalt, als die ihr kapitalistisches Wollen und Tun zum prägenden Faktor des biologi­schen, geologischen und atmo­sphärischen Geschehens auf der Erde geworden ist, zur planetarischen Vernunft zu bringen. Durchaus verorten lassen sich aber Grundlagen, Entwicklungsbedigungen und mögliche Verlaufsformen gesellschaftlicher Problemlagen, die die Herausbildung einer entsprechend einsichtigen Menschheit nicht nur notwendig, sondern unter Umständen auch möglich machen können. Dafür ist etwa zu untersuchen, was ohne weltgemeinschaftliche Kontrolle des anthropogenen Stoffwechsels an Problemlösungen machbar oder eher nicht machbar erscheint und unter welchen Voraussetzungen welche Grenzen (oder auch welche Grenzverschiebungen5) des Machbaren eine historische Situation entstehen lassen könnte, die es den Völkern der Welt tatsächlich ermöglichte, die strukturelle Unbeherrschbarkeit ihres Zusammenwirkens und mit ihr die gemeinsame Unfähigkeit, die sich auftürmenden Menschheitsprobleme angemessen zu adressieren, in aufeinander abgestimmten Schritten, zielgerichtet und mit tatsächlich zufriedenstellender Erfolgsaussicht anzupacken.

Zwischenüberschrift

Es mag eingewandt werden, dass das Erforschen einer solchen Aussicht vergebliche Liebesmühe bleiben muss, solange die Menschheit nicht bereits als eine vernunftbegabte Einheit funktionierte. Tatsächlich sind mit dem bloßen In-der-Welt-Sein wissenschaftlich gewonnener Einsichten in die Notwendigkeit eines historischen Wendepunktes, an dem sich die Völker der Welt im Begehren vereinigen, das menschliche Zusammenwirken nach Maßgaben planeratischer Vernunft zu gestalten, keineswegs die tatsächlichen Voraussetzungen eines solchen Geschehens geschaffen. Muss also das tatsächlich aufzeigbare Außerstandesein der heutigen Gesellschaft, die für einen solchen Wendepunkt notwendigen „wirklichen Voraussetzungen, von denen man nach nur in der Einbildung abstrahieren kann6 zu schaffen, nicht alles zur menschheitsgeschichtlichen Irrelavanz verdammen, das sich unter diesen Umständen in den Köpfen Einzelner (Persönlichkeiten, Assoziationen, Institutionen) an Bewusstsein der Notwendigkeit einer solchen Perspektive ergeben haben mag?

Gänzlich von der Hand weisen lässt sich das nicht. Wir werden sehen, wie und warum die gegenwärtig in der Tat unüberwindbar erscheinenden Grenzen der Möglichkeit, zu gesamtgesellschaftlich rationalen Formen des anthropogenen Stoffaustausches zu kommen, zugleich auch den Möglichkeiten der Gesellschaft enge Grenzen setzt, eine solche Perspektive auch nur für denkbar zu halten. Bei näherer Betrachtung werden wir gar einsehen müssen, dass wissenschaftliche Erkenntnisse über die „materialistischen“ Grundlagen der historischen Undenkbarkeit einer historischen Situation, in der die Völker der Welt sich in gemeinsamer Anstrengung zur planetarischen Vernunft bringen, diesen Eindruck der Undenkbarkeit einer solchen Perspektive sogar noch verstärken können. Wir werden sehen, wie mühsam erarbeitetes Wissen über die „historisch-materialistischen“ Rationalitätsbedingungen, die einen solchen Gedanken wegen ihrer gegenwärtigen Nichtpraktizierbarkeit als reine Ideologie erscheinen lassen, unabhängig von der Intentionzu einem Mittel werden, die in der Analyse als perspektivisch unvernünftig identifizierten Rationalitätsbedingungen nur etwas aufgeklärter zu reproduzieren.

Das lässt sich anhand einschlägiger Schwiergkeiten nachvollziehen, mit denen ein kompromisloser „Anti-Kapitalismus“ unwillkürlich konfrontiert ist, wenn es gilt, die richtigen Schlüsse aus zentralen Erkenntnissen der Kapitalismuskritik zu ziehen. Dazu gehört die Erkenntnis, dass ausgemachte Probleme der Gegenwart, fehlende Entwicklungsgerechtigkeit, soziale Missstände, Raubbau, Gefährdung der Lebensgrundlagen künftiger Generationen etc. aus Interaktionsbedingungen hervorgehen, deren Entstehung und Geschichte fest in der Grundstruktur der kapitalistischen Ökonomie7 verankert sind. Die historisch-materialistische Analyse der gegenwärtigen Verhältnisse zeigt, dass die Menschen (Assoziationen und Institutionen) heute weltweit genötigt sind, auf eine kapitalistische Weise Mensch (Assoziation oder Institution) zu sein, was erklärt, dass sie (wir) unter diesen Bedingungen nicht nur Objekte sondern unwillkürlich auch Subjekte des Probememachens sind. Nichts anderes ist zu erwartenn, wenn den kapitalistisch interagirenden Subjekten des Geschehens ihr eigenes ihr eigenes Zusammenwirkenden, wie Marx zu sage wusste, „nicht als ihre eig­ne, vereinte Macht, sondern als eine fremde, außer ihnen stehende Gewalt“8 gegenübertritt, und es stellt sich die Frage, wie unter diesen Bedingungen ein zur Problembewältigung notwendiges Maß an Problemlösungskompetenz entstehen kann.

In einer konsequent antikapitalistischen Betrachtung des Problems scheint es nur logisch, dass das Maß an Problemlösungskompetenz (zugleich individueller, kollektiver oder institutioneller Natur), das eine nachhaltig vernünftige Gestaltung des Anthropozäns tatsächlich möglich machen könnte, nicht entstehen kann, solange die bestehenden (kapitalistisch strukturierten) Interaktionsbedingungen eben dies undenkbar erscheinen lassen. Im anti-kapitalistischen Diskurs wird deshalb oft betont, dass das Anthropozän eigentlich das Kapitalozän heißen müsste. Das würde auf der Stelle klar machen, dass die fest in den Grundfunktionen der kapitalistisch Ökonomie verankerten Interaktionsbedingungen an Problembewältigung im Grunde nicht viel mehr als ein wenig „Kapitalismusbegrünung“ gestatten und nur ein weltweiter Aufstand gegen das Kapitalistischsein der Interaktionsbedingungen selbst es erlaubte, das menschliche Wollen und Tun (und das dazu gehörige Bedenken und Urteilen) rational, und in einer Weise zu gestalten, die der menschlichen Natur am meisten adäquat wäre. Praktisch könne das nur heißen: Desintegration! Revolution! Aufbau einer vom „Kapitalistischsein“ befreiten Gesellschaft! Alles andere ist Quark, sprich illusionär.

Einige mögen fragen, was ich als bekennender Marxbewunderer daran auszusetzen habe. Schließlich bemerkte auch Marx, dass die Völker der Welt nur in einem weltweiten Aufstand gegen ihr eigenes Kapitalistischsein zur massenhaften Einsicht in die Notwendigkeit gelangen können, ihren anthropogenen Stoffaustausch weltgemeinschaftlich (in Marx Worten. „kommunistsch“) zu regulieren, dass also „zur massenhaften Erzeugung eines kommunistisches Bewusstseins ebenso wie zur Durchsetzung der Sache selbst eine massenhafte Veränderung der Menschen nötig ist, die nur in einer praktischen Bewegung, in einer Revolution vor sich gehen kann.“ 9

Damit ist allerdings nicht geklärt, was die unterschiedlichen Subjekte des kapitalistischtischen Menschseins auf den Gedanken bringen sollte, gegen ihre eigene Existenzweise zu revolutionieren. Bei allen Problemen, die das kapitalistsche Interaktionsregime noch ungelöst lassen mag, ist es doch immerhin die Grundlage ungeheurer Fortschritte nicht allein technologischer Natur. Kapitalismus schuf die moderne Welt. Auch das „kommunistische Manifest“ wusste das zu würdigen:

Alle festen eingerosteten Verhältnisse mit ihrem Gefolge von altehrwürdigen Vorstellungen und Anschauungen werden aufgelöst, alle neugebildeten veralten, ehe sie verknöchern können. Alles Ständische und Stehende verdampft, alles Heilige wird entweiht, und die Menschen sind endlich gezwungen, ihre Lebensstellung, ihre gegenseitigen Beziehungen mit nüchternen Augen anzusehen.“

Vom ungestörten Fortgang der kapitalistischen Moderne, so scheint es, hängen Wohl und Wehe auch der eigenen Person (Assoziation oder Institution) ab. Klimakrise? Ja, aber weder die Aussicht auf ein mittels Revolution zu gewinnendes „kommunistisches Bewusstsein“ noch auf „die Durchsetzung der Sache selbst“ (die Herbeiführung kommunistisch bestimmter Interaktionsbedingungen) scheint für die Völker der Welt derzeit eine große Verlockung dazustellen. Nichts deutet derzeit darauf hin, dass sie es nicht erwarten könnten, die von Marx in Aussicht gestellten Ein- und Aussichten herbei zu revolutionieren.

Das ist wenig verwunderlich angesichts der nicht gerade ermutigenden Geschichte des wirkmächtigen Großteils an praktischer Bewegung, die auf Marx Worten tatsächlich gefolgt war. Der sogenannte „kommunistischen Weltbewegung“ war es gelungen, der zu Marx Zeiten noch als bloßes Schreckgespenst durch Europa geisternden Idee des Kommunismus eine materielle Gestalt zu verschaffen, deren nun „real existierende“ Schrecken schnell das Bild zu prägen begannen, das sich die Menschen weltweit assoziieren, wenn sie mit dem Wörtchen „Kommunismus“ konfrontiert sind. Die im Kern (in ihrer eurasischen existenz) 70 Jahre währende Geschichte des „sozialistischen“ Staatenblocks hatte aus dem, was für Marx Inbegriff menschlicher Sehnsucht nach einer gewaltfreien Gesellschaft ohne Ausbeutung, Klassengegensätze und private Bereicherungsinteressen als Grundlage aller Gesellschaftlichkeit war, zum Synonym für kollektive Freiheitsberaubung, allgemeine Entrechtung, Intransparenz, Willkür und Arroganz der Macht esoterischer Clubs alter Männer gemacht, deren einzig bleibendes Verdienst es zu sein scheint, der Welt esoterischer Clubs alter Männer gemacht, deren einzig bleibendes Verdienst es zu sein scheint, der Welt „das wahre Gesicht des Kommunismus“ gezeigt zu haben.

Manche möge es deshalb verwundern, dass ich anscheinend ernsthaft denke, es könnte eine gesellschaftliche Nachfrage nach einem offenen Diskurs über Notwendigkeit, Realisierungs- und Rationalitätsbedingungen eines organisierten Übergangs zu öko-kommunistisch bestimmten Interaktionsbedingungen geben, und die Inaussichtstellung eines solchen „Kommunismus in grün“ könnte tatsächlich irgendwen ermutigen, über Grenzen der kapitalistischen Vernunft hinaus zu denken?

1

2 Vergl. Marx/Engels: Die deutsche Ideologie. MEW Bd. 3, S. 33

3 Marx/Engels: Die deutsche Ideologie, MEW Bd. 3, S. 34

Marx/Engels: Manifest der kommunistischen Partei, MEW Bd. 4, S. 465

4 Marx: Das Kapital, MEW Bd. 25, S. 828

5Siehe …

6„Die Voraussetzungen, mit denen wir beginnen, sind keine willkürlichen, keine Dogmen, es sind wirkliche Voraussetzungen, von denen man nur in der Einbildung abstrahieren kann. Es sind die wirklichen Individuen, ihre Aktion und ihre materiellen Lebensbedingungen, sowohl die vorgefundenen wie die durch ihre eigne Aktion erzeugten. Diese Voraussetzungen sind also auf rein empirischem Wege konstatierbar.“ Marx/Engels: Die deutsche Ideologie; MEW Bd. 3, S. 20

7Siehe …

8Marx

9 Marx/Engels: Die deutsche Ideologie, MEW Bd. 3, S. 70


Taz-Chefreporter enthüllt: Sloterdijk kritisiert jetzt das Klima

10. Dezember 2015

Peter Sloterdijk hat jetzt eine Klimaphilosophie, und mit der will er „vom ICH zum WIR“ gelangen. So schreibt es Peter Unfried in der Taz vom 5.12.2015, und weiter: Sloterdijk „nennt den Preis, den Menschen für die Freiheit zu zahlen haben“ und fragt: „haben wir es mit der Individualisierung übertrieben?“

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Über Moishe Postones Bemühungen, Marx anders zu interpretieren (1)

13. Juni 2015

Die Welt und was daran zu verändern ist kann tatsächlich nicht aus dem begriffen werden, was sich die Menschen vorstellen. „Die wirklichen Individuen, ihre Aktion und ihre materiellen Lebensbedingungen“ (Anm. 1) kritisch verstehend in den Blick zu nehmen heißt, den Warensinn  zu bedenken, dem sie notgedrungen unterliegen und der uns alle antreibt. Soziales Vermögen ist heute wesentlich Kaufkraft. Weil menschliche Existenzsicherung und Bereicherung gegenwärtig vor allem auf die Produktion von Waren basiert, die sich auf dem Markt zu behaupten haben.und die nur im Tausch gegen das allgemeine Warenaneignungsmittel Geld erworben werden können, gilt als sozial schwach, wer über wenig Geld verfügt, Es ist allerdings nicht mehr zu übersehen, dass der von  Marx / Engels konstatierte Widerspruch zwischen dem gesellschaftlichen (immer mehr auch weltgesellschaftlichen) Charakter kapitalistischer Produktion und der privateigentümlichen (nationalstaatlich leidlich regulierten) Aneignung der Produktionsergebnisse nicht länger nur ein formaler Widerspruch ist, der im Gegensatz zu einem tatsächlich sozialen Gegensatz niemanden wirklich zu interessieren bräuchte.

Diese Entfremdung, um den Philosophen verständlich zu bleiben (Anm. 2) scheint nun tatsächlich zur unerträglichen Macht zu werden. Da aber auch der Unmut darüber notwendig borniert ist, da von der gegenwärtigen Unmöglichkeit bestimmt, die Ergebnisse des Produzierens, (sowie deren Qualität, Voraussetzungen, Mengen, Bedingungen, Risiken und Nebenwirkungen) in gemeinsamen Abstimmungsprozessen mitzubestimmen, wären Theorien bzw. Theoretiker*innen an sich sehr gefragt, die an Marx Analysen anknüpfend helfen, eine Perspektive der Emanzipation aus dem gegenwärtigen Warensinn zu finden.

Dass entsprechende Versuche nicht von heute auf morgen zu einem rundum brauchbaren Konzept führen, sollte auch nicht  verwundern. Das gilt auch für Moische Postones Bemühungen unter der Überschrift  „Marx neu denken“ (Anm. 3) Den Rest des Beitrags lesen »


Zu Althussers Kampf gegen sozialistischen Humanismus als Leitbegriff einer Theorie sozialer Emanzipation (2)

11. April 2015
Alles, was wir schreiben, ist natürlich von unserer Unerfahrenheit und unserer Unwissenheit geprägt: man findet da Ungereimtheiten und Irrtümer.  Unsere Texte und Formulierungen sind provisorisch und für eine Berichtigung bestimmt.In der Philosophie  ist es wie in der Politik: ohne Kritik keine Berichtigung.

Louis Althusser im Interview in Für Marx,  S. 341

Im ersten Teil dieser Erörterung hatte ich folgendes bemerkt:

Wie sehr die Theorie der „Diktatur des Proletariats“ als eine (fragwürdige) IDEOLOGIE  funktioniert(e) zeigte sich nicht zuletzt daran, dass Althusser in „Für Marx“ das Selbstbild des Stalinismus als „Diktatur des Proletariats“ und die der Chruschtschow-Administration  als „Überwindung der Diktatur des Proletariats und im Übergang zum Kommunismus befindlich“ umstandslos für bare Münze nahm. Den Stalinismus nannte Althusser damals ein (verbrecherisches) „Überbauphänomen“ auf einem sozialistischen Fundament. Bei einem halbwegs wissenschaftlichen Herangehen müsste aber die Frage (gegebenenfalls neu) aufgeworfen werden, was denn damals die Realität dieses Übergangs ausmachte (und damit die Realität des Kommunismus, in die UdSSR Chruschtschows angeblich überging)

Einer der Gründe für diese aus heutiger Sicht recht seltsam anmutende Idealisierung der sowjetischen Wirklichkeit der 1960er Jahre scheint mir in Althussers damaliger Weigerung zu liegen, dem Begriff der „Entfremdung“ irgend einen Gebrauchswert für die „marxistische“ Theoriebildung zuzugestehen. Aber wie sollte die gehen, ohne systematisches Bemühungen um ein hinreichendes Verständnis der historischen Gestalt, Bedeutung und Notwendigkeit nichtkommunikativer, hinter den Rücken der Akteure ablaufender, nicht zwischenmenschlich vermittelter Verhältnisse zu den sozio-ökologischen Voraussetzungen und Wirkungen des eigenen Handelns? Und wann und wodurch diese „Entfremdung“ unerträglich und (kommunistisch?) zu überwinden ist – und tatsächlich auch (kommunistisch!) überwunden werden kann?

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Wahrheit statt Kommunismus? Zu Carolin Amlingers „verkehrte Wahrheit“

9. November 2014

Die von der Soziologin und Philosophin Carolin Amlinger verfassten Reflexionen über Die verkehrte Wahrheit hatte meine Neugierde geweckt. Das 2014 in der Edition LAIKAtheorie erschienene Buch verspricht Erhellendes „zum Verhältnis von Ideologie und Wahrheit bei Marx/Engels, Lukács, Adorno/Horkheimer, Althusser und Žižek„. Allein der Buchdeckel, hell, abwaschbar, doch mit griffiger Oberflächenstruktur, macht, dass man das Buch gern in die Hand nimmt. Durch jeweils nach innen geknickte Enden lässt sich der Buchdeckel von vorn wie von hinten als Lesezeichen verwenden. Das alles signalisiert den Willen des Verlags, Lesevergnügen zu bereiten.

Den nach innen geklappten „Lesezeichenenden“ lassen sich der Anlass der Mühe entnehmen:

Slavoj Žižek und Allain Badiou setzen der [im postmodernen Diskurs] postulierten Unmöglichkeit von Sinn im sozialen System positiv das Fundament der Wahrheit entgegen.“

Damit kommt es nach Meinung der Autorin „zur Renaissance von zwei Begriffen, die in der Philosophie des 21. Jahrhunderts  bislang nur noch rudimentär eine Rolle spielten: Ideologie und Wahrheit“.

Oh! Die Vorstellung, mich durch eine beinahe 200 Seiten starke Suche nach Ideologie und Wahrheit an und für sich, einem entsprechend korrekten Ideologie- und Wahrheitsbegriff usw. beißen zu müssen, dämpfte zunächst einmal meinen Frohgemut.

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Einige Bemerkungen zu Silke Helfrichs Reflexionen über Commons, Institutionen, Recht und Eigentum

15. Juni 2013

Ich hatte neulich in aller Herrgottsfrühe den im Commons-Blog am 6. 6.13 eingestellten Beitrag mit dem Titel „Commons-Institutionen sind nur Hülle, nicht der Kern“  (Teil 2/4)  kommentiert. Dem folgte neben einer Entgegnung die herzliche Bitte, mich in Zukunft etwas weniger verschachtelt auszudrücken.

Ja, manchmal drängt es mich, mal schnell etwas anzumerken, und es wird dann schnell komplizierter als dass es in der gerade zur Verfügung stehenden Zeit gebührend einfach gesagt werden kann. Und schon ist der Schachtelsalat angerichtet.

Deshalb lege ich meine „ökokommunistischen“ Gedanken zum Commons-Blog-Beitrag nun  hier dar.

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Zu Althussers Kampf gegen sozialistischen Humanismus als Leitbegriff einer sozialistischen Theorie sozialer Emanzipation (1/2)

28. August 2012

Wer nach strukturellen Grundlagen ökologisch reflektierter Mitmenschlichkeit sucht, und die Marx/Engels-Erkentnisse und Ideen als eine hilfreiche Quelle der Inspiration und Erkenntnisgewinnung für eine solche Perspektive betrachtet, wird sich an Althussers Essay-Sammlung „Für Marx“ aus den 1960’er Jahren reiben müssen. (Zu Teil 2/2)

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1. November 2008

Viel Hoffnung grünt derzeit um einen Trend hin zur Ökologie als Privatprofit-Motiv. Im Sinne ökosozialistischer Persektiven ist das auch gut so, liebe Genossinnen und Genossen. Aber man sollte nicht vergessen, dass nur eine ökologische Gesamtrechnung Auskunft über den sozialen Gewinn machen könnte. Das (sogar mit einigem Vergnügen) zu bedenken hilft der folgenden Marx-Schatz zu den Stichworten Gebrauchswert, Produktionszweck, Entfremdung, Arbeitsteilung & gesellschaftlicher Reichtum. Er wurde vom Projekt Gutenberg des Spiegels aus den Tiefen der „Marx? Kernstevergessen!“ See gehoben.

Karl Marx

Abschweifung über produktive Arbeit

Ein Philosoph produziert Ideen, ein Poet Gedichte, ein Pastor Predigten, ein Professor Kompendien usw. Ein Verbrecher produziert Verbrechen. Betrachtet man näher den Zusammenhang dieses letztren Produktionszweigs mit dem Ganzen der Gesellschaft, so wird man von vielen Vorurteilen zurückkommen. Der Verbrecher produziert nicht nur Verbrechen, sondern auch das Kriminalrecht und damit auch den Professor, der Vorlesungen über das Kriminalrecht hält, und zudem das unvermeidliche Kompendium, worin dieser selbe Professor seine Vorträge als ,,Ware“ auf den allgemeinen Markt wirft. Damit tritt Vermehrung des Nationalreichtums ein.

Weiter im Text geht’s beim Projekt Gutenberg


Modernität statt Zwangsvergemeinschaftung?

4. Oktober 2008

Wie wird in Linkspartei-Kreisen über ökologische Perspektiven diskutiert?

In einem Beitrag der Reihe Standpunkte– 7/2007 der Rosa Luxemburg Stiftung über linke Öko-Politik wendet sich Dr. Ulrich Schachtschneider gegen linke Bevormundung und Zwangsvergemeinschaftung

Linke Nachhaltigkeitspolitik akzeptiert die Pluralität der Moderne

(…) Die soziale Frage mitdenken heißt ebenso, die Sozialstrukturen der Moderne mitzudenken. Gegen sie kann (und sollte) keine Umweltpolitik gemacht werden. Die Moderne ist durch eine Tendenz der Fragmentierung der Lebenswelten gekennzeichnet. Normen und Werte unterliegen einer Entsubstantialisierung. Es wird immer weniger Übereinkünfte über einen bestimmten, richtigen Lebensstil geben. Die Milieus mit ihren Konsumtionsformen, Verhaltensregeln und Lebensformen driften auseinander, sie nehmen kaum mehr Kenntnis voneinander.

Vor diesem Hintergrund macht es keinen Sinn, bestimmte ökologisch motivierte Lebensstile verallgemeinern zu wollen, etwa durch Appelle. Der Einzelne steht in der modernen Gesellschaft vor der Aufgabe, sein nicht mehr vorgegebenes Leben zu inszenieren und sich durch seine gelungene Inszenierung von anderen abzuheben. Dies kann etwa einer kleinen Gruppe durch Vorleben eines ökologisch besseren Lebensstils gelingen. Dieses Milieu zieht ihren Distinktionsgewinn daraus, dass sie hier Vorreiter sind. Genau dieser Mechanismus verhindert aber die Verallgemeinerung ihres Lebensstils.

Die distinktionsfördernde Avantgardeposition ist ein positionelles Gut, dass mit seiner Verbreiterung schwindet. Wir können in der modernen Gesellschaft nicht erwarten, dass sich ein relevanter Teil der Menschen diesem Lebensstil anschließt. Es gibt hunderte anderer Möglichkeiten, sich zu inszenieren, die für die meisten Menschen nahe liegender sind.

Aus der Pluralisierung der Lebensstile folgt, das Regeln abstrakter werden müssen, sollen sie die Chance auf Akzeptanz, auf Geltung bei allen haben. Wir können etwa nicht im Detail vorschreiben, welche Wagen mit welchen Spritverbräuchen zu fahren sind oder nicht. Wir können zum Beispiel nicht geltungsbedürftig Städtern ihre 30-L-Geländewagen verbieten und Ökofreaks auf dem Lande die tägliche Nutzung ihrer alten Lieferwagen weiter gestatten, auch wenn uns die letztere Kultur wahrscheinlich eher zusagt.

Ebenso werden wir nicht vorschreiben können, wie viel Gemüse aus Übersee und wie viel aus regionaler Produktion von jedem zu konsumieren sind oder im Angebot eines Lebensmittelladens vorhanden sein sollten, mit welchen Möbeln jemand seine Wohnung einrichtet, welche ökologisch korrekten Kleidungsstücke er sich kauft usw.

Wenn wir nicht im Detail regeln können und wollen, kann dies nur über den Preis gehen. Nur er ermöglicht den Individuen eine der Modernen angemessene Handlungsfreiheit bei gleichzeitiger Setzung einer Grenze seines Gesamt-Umweltverbrauchs.