Die Produktions- und Austauschformen passen nicht mehr zur Produktivkraftentwicklung. Die darauf nicht zugeschnittene alte Gesellschaftsordnung wird zum Problem

4. März 2009

Friedriich Engels

Die erwachende Einsicht, daß die bestehenden gesellschaftlichen Einrichtungen unvernünftig und ungerecht sind, daß Vernunft Unsinn, Wohltat Plage geworden, ist nur ein Anzeichen davon, daß in den Produktionsmethoden und Austauschformen in aller Stille Veränderungen vor sich gegangen sind, zu denen die auf frühere ökonomische Bedingungen zugeschnittne gesellschaftliche Ordnung nicht mehr stimmt.

Engels: Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft,

MEW Bd. 19, S. 210

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In der Entwicklung der Produktivkräfte tritt eine Stufe ein, auf welcher Produktionskräfte und Verkehrsmittel hervorgerufen werden, welche unter den bestehenden Verhältnissen nur Unheil anrichten, welche keine Produktionskräfte mehr sind, sondern Destruktionskräfte (Maschinerie, Geld)…

Marx/Engels: Die deutsche Ideologie. MEW Bd. 3,  S. 69

Auf einer gewissen Stufe ihrer Entwicklung geraten die materiellen Produktivkräfte der Gesellschaft in Widerspruch mit den vorhandenen Produktionsverhältnissen oder, was nur ein juristischer Ausdruck dafür ist, mit den Eigentumsverhältnissen, innerhalb deren sie sich bisher bewegt hatten.

Aus Entwicklungsformen der Produktivkräfte schlagen diese Verhältnisse in Fesseln derselben um. Es tritt dann eine Epoche sozialer Revolution ein.

Marx: Zur Kritik der politischen Ökonomie, MEW Bd. 13, S. 8-9

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Die (Privat-) Eigentumsfrage ist zurück.

11. Oktober 2021

Dass die Grenzen der Vernunft privateigentümlicher Aneignungsvermögen (und damit die Frage, wie gegebenenfalls über sie hinaus zu gelangen wäre) beginnen, wieder zu einem Thema gesellschaftlicher Debatten zu werden, ist natürlich höchst spannend.

Das vom Erfolg der Berliner Volksabstimmung „Deutsche Wohnen enteignen“ angestoßene öffentliche Nachdenken dürfte mit dem Thema Wohnen nicht enden.

Zur Einstimmung ein Vortrag von Dr.in Sabine Nuss, den sie am 9. Sept. 2021 beim Club of Vienna in Wien, gehalten hat.

Auf ihrer YouTube Seite schreiben die Veranstalter:

Die Aneignung von Natur durch den Menschen ist und war immer schon Bedingung seines Überlebens. In welcher Gesellschaftsform er dies jedoch tut, darin unterscheiden sich die Epochen. Die moderne Ökonomie hat nun eine ganz spezifische Form dieser Aneignung hervorgebracht. Sie beruht wesentlich auf einer Ordnung des Privateigentums, gekennzeichnet sowohl von sozialer Exklusion als auch von einer enormen Produktivitätsdynamik. Diese gefährdet die Lebensbedingungen der Menschen auf dem Planeten in einer nie gekannten Art und Weise. Die immer wieder kehrenden Warnungen zu den erwartbaren Folgen des Klimawandels sorgen zwar für jeweils aufgeregte gesellschaftliche Debatten, die Rolle des Privateigentums wird dabei jedoch selten in den Fokus gerückt


Kohei Saito: Marx`Vision des Kommunismus im Anthropozän

11. Oktober 2021

Reihe: 14. Marx-Herbstschule Digital

Veranstaltungsort: Online

Zeit: 30.10.2021, 19:00 – 21:00 Uhr

Mit Kohei Saito, Moderation: Valeria Bruschi

En wahrer Lichtblick. (Hoffe bis dahin, den ca. 16 Seiten Überblick über mein Projekt: „Das Anthropozän gestalten – zur Machbarkeit planetarischer Vernunft“, an dem ich seit ewigen Zeiten laboriere, endlich fertig zu haben.)

Anmeldung, Reader und Infos zur gesamten Marxherbstschule gibt es hier.

Angesichts der Verschärfung der Klimakrise plädieren immer mehr Menschen für einen Systemwechsel. Die Frage ist natürlich, welche Art von Systemwechsel? Dies ist eine neue theoretische Herausforderung für den Marxismus die Suche nach einer postkapitalistischen Gesellschaft wird auch eine Antwort auf die ökologische Frage finden müssen!


(Englisch mit Simultanübersetzung)

Mit: Kohei Saito (Tokyo)
Moderation: Valeria Bruschi

[English Version]
Kohei Saito: Marx’s Vision of Communism in the Anthropocene

In the face of deepening of climate crisis, more and more people advocate for a system change. The question is, of course, what kind of system change? This is a new theoretical challenge for Marxism. Without being able to answer this question, the Marxian legacy of post-capitalism will be seriously threatened.
(English with simultaneous translation)

With: Kohei Saito (Tokyo)
Moderation: Valeria Bruschi

Quelle: Website der Rosa Luxemburg Stiftung

Angefangene Auseinandersetzung mit Kohei Saitos Buch (sollte ich auch endlich mal fortsetzen)


Zum Identitätskulturalismus

14. Juni 2021

Nein, ich habe keinerlei Ambition, mich der rechts-links-populistischen Anti-Identitätspolitik Hysterie anzuschließen, die derzeit im professionellen Meinungsbusiness grassiert und in Facebookkommentaren unter entsprechenden Beiträgen liberaler Zeitungen so gern und oft frenetisch beklatscht und weiter ins Extrem gezogen wird. Ich verabscheue die Erhabenheitsdemonstrationen, künstlichen Aufgeregtheiten und wohlfeilen Ausbeutungsbemühungen rechtsidentitärer Emanzipationshasser und linksidentitärer Proletenbeschützer, die reflexartig gegen begründete Begehrlichkeiten der Post Colonial/Critical Whiteness Mahner und engagierten Anwälte (jeweils Männer und Frauen) immer noch benachteiligter Personengruppen laut werden.

Auch wenn ich natürlich weiß, dass es kein gutes Leben im bösen gibt, sondern darauf ankommt, Verhältnisse zu schaffen, die weltweit allen ein gutes Leben erlauben, ohne dass dies die Grundlagen des guten Lebens aller zerstört, bin ich im Rahmen meiner bescheidenen Möglichkeiten gern auch Gutmensch so gut es halt geht und habe nichts gegen Anleitungen, ein noch aufmerksamerer, entgegenkommenderer, selbstkritischerer, also kurz, ein noch besserer Mensch zu werden

Vor allem habe ich nichts gegen einen Universalismus, der sich kritisch gegen das europäisch-nordamerikanisch-australische Selbstbild eines allein aufgeklärten und von modernen Werten bestimmten „Westens“ wendet, von dem aus es gerechtfertigt scheint, in herrenmenschlicher Gönnerhaftigkeit auf die „noch barbarische“ Restwelt zu schauen. Die universellen Menschenrechte sind nicht „westlich“. Sie sind universell. Sie zur Geltung zu bringen und vielleicht gar zu erweitern ist immer und überall ein sehr widersprüchlicher Prozess – abhängig von den gesellschaftlichen Produktions- und Interaktionsbedingungen sowie den dabei jeweils herrschenden Kräftekonstellationen.

Aber genau das gerät allzu oft aus dem Blick.

1.) Die unverschämte Erhabenheit einer antirassistischen Marxkritik

Die postkolonial-hautfarbensoziologische Dekonstrution von Karl Marx Betrachtung der „Lohnsklaverei“, wie unlängst in einem Interview geschehen, das der Taz Redakteur Ambris Waibel mit der Professorin für Kulturtheorie und Kulturwissenschaftliche Ästhetik Iris Därmann führte, ist so ein Beispiel.

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Welchen Profit verspricht die marxsche Form-Analyse

16. Mai 2021

Schauen wir mal:

Hmm, Michael Heinrich konnte sein Versprechen, er werde den Gebrauchswert der marxschen Analyse der kapitalistischen Reichtums- und Bereichherungsformen für die politische Praxis erläutern, noch nicht so recht erfüllen. Sicher ist es notwendig, über Marx Perspektive eines planetarischen Miteinanders zu reden, in der Produktion und Konsum (Pflege, Organisation, Meinungs- und Entscheidungsfindung) von freiwilligen Zusammenschlüssen erledigt wird (die dann aber nicht lediglich, Produktion und Konsum, also Bedürfnisse und Anstrengungen, sie zu erfüllen vermitteln, sondern eben auch die sozialen bzw. ökologischen Kosten der Bedürfnisbefriedigung zu reflektieren und zu regulieren hätten), und sicher ist es notwendig, zu diskutieren, wie das ohne Privateigentum ohne Geld (weil ohne Privateigentum an Produktionsmitteln) funktioniert. Problematisch wird’s m.E., wenn Sozialismus nicht als Übergang von kapitalistisch zu (welt-) kommunistisch bestimmten Produktionsbedingungen, vom privateigentümlicher Vorteilsnahme zum Produktionsmanagement freier Assoziationen vorgestellt ist, sondern als eine Art Jungfrauengeburt des Kommunismus (vom heiligen Geist der marxschen Formanalyse geschwängert?).

Es ist auch gut und wirklich schön, sich deutlich gegen jedweden „kommunistischen“ Determinismus zu stellen. Auch, dass nicht ausgemacht ist, ob die von Marx herausgestellte Tendenz zu Kapitalkonzentration den Übergang zu kommunistisch bestimmten Produktionsbedingungen tatsächlich möglich macht. Aber sich deshalb gar keine Gedanken mehr zu machen, ob und wie das ginge? Die Entwickelung von Widersprüchen zwischen Produktivkraftentwickelung und Produktionsbedingungen, die bei Marx klar im Zentrum seiner revolutionstheoretischen Überlegungen stehen, spielen für M.H. gar keine Rolle?

Hmmm. Fast bin ich versucht, zu empfehlen, mehr (Öko-) Kommunismus zu wagen 😉


Blöder Titel, gute Gäste und ein FAZke.

5. Mai 2021

Noch nicht zuende geschaut.


Wieder ein Lichtblick!

30. April 2021

Versuch, Hartmut Rosas Lob der UNVERFÜGBARKEIT zu verstehen (3)

15. März 2021

Zu Teil 1 und Teil 2

Jetzt liegt das hier schon so lange im Entwurf Ordner, und nun soll das auch so veröffentlicht sein, das heißt unvollendet. Werde wohl auch keine Zeit mehr in den Versuch investieren, Hartmut Rosa zu verstehen. Mein Eindruck bleibt deshalb unüberprüft, dass das Weiterlesen wahrscheinlich der Mühe nicht wert sein würde. War wild entschlossen, Rosas Traktat so gutwillig es geht zu behandeln und jedes Stück versteckten (Öko-)Kommunismus zu feiern. Aber mir wurde es schnell schlicht zu bunt.

Die ganze Geschichte mit der „Resonanz“ kommt mir ein wenig wie eine Luftballonversion von Axel Honneths „Anerkennung“ vor. Aber das liegt vielleicht an meiner philosophischen Bildungsferne und meine Unlust, weiter zu lesen.

Um nicht ganz zu verschwinden, solange ich an meinem Projekt zur Machbarkeit planetarischer Vernunft laborieren, werde ich demnächst ein paar andere Dinge hier aufgreifen wie die rechtsdrehende Hysterie über die sogenannte „Identitätspoltik“, was Klimapolitisch Sache ist usw. – etwa zu dem Interview mit Maja Göpel in der Taz Future Zwei, dass der öffentlichen Reflexion wirklich lohnt.

Aber erst einmal der Rest vom Schützenfest:

Wir erinnern uns: Hartmut Rosa liebt authentischen Winterzauber mit echtem Schnee und er erinnert daran, wie schön es ist, dass man nie im Voraus weiß, wie Fußballspiele ausgehen oder ob man einmal Krebs bekommt. Nun soll es also darum gehen, wie er diese Phänomene bzw. die Gedanken, die sie bei ihm auslösen, in eine soziologische Unverfügbarkeitstheorie einordnet.

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Versuch, Hartmut Rosas Lob der UNVERFÜGBARKEIT zu verstehen (2)

1. Januar 2021

Zu Teil 1

Außer dass ich durch die grüne Marx-Brille auf Hartmut Rosas Werk blicke, interessiert mich, was es womöglich für die Entwicklung der Fähigkeit beitragen könnte, mit der beginnenden Klimakrise fertig zu werden. Heißt: aus meiner Sicht sollte eine im Jahre 2010 veröffentlichte soziologische Arbeit über UNVERFÜGBARKEIT als Erstes beschreiben, welche Art freie Verfügbarkeiten über Ressourcen (und Mittel, sie zu verarbeiten) zu der gefährlichen Anreicherung der Erdatmosphäre mit „Treibhausgasen“ und anderen Gefährdungen ökologischer Grundlagen der weiteren Zivilisationsentwicklung geführt hat. Vor allem aber wäre herauszuarbeiten, wie die Entwicklung und die Verfügbarkeit über menschlichen und außermenschlichen Ressourcen geregelt werden müsste, damit die Produktion dessen, was für ein gutes Leben weltweit benötigt wird, nicht zugleich die Grundlagen des guten Lebens aller zerstört.

Vielleicht kommt Hartmut Rosa noch dahin, aber erst einmal scheint seine Sorge eher dem Verlust an Unvorhergesehenem als solchem und einem möglichen Verlust der Freude daran zu gelten, was „ohne unser Zutun“ zum Geschenk werden kann – wie etwa unverhoffter Schneefall. Dass Wintersportgeschäftsleute über unromantische Entzauberungsmaschinen verfügen wie etwa „Schneekanonen“ und „Kunstschnee, der auch noch bei 15 Grad plus durchhält“ (S.7), missfällt Rosa. Und ja, dem könnte ich beipflichten, denn auch aus Klimaschutzgründen müsste dem Schneekanonenvergnügen wohl Einhalt geboten werden. Allerdings wäre dann darüber zu reden, was die neue Unverfügbarkeit von an Schneefall unabhängigen Wintersportkulturangeboten und den damit im Zusammenhang stehenden Verlusten an Wintervergnügungen (Profite, Arbeitsplätze, Steuereinnahmen usw.) anrichten könnten und was die beste Art wäre, daraus das Beste zu machen. (Es möglich zu machen, dass weniger energieintensive Geschäftsfelder, Freizeitvergnügen usw. angeboten werden, oder wie es möglich gemacht werden kann, dass für ein gutes Leben weltweit weniger gearbeitet werden muss?)

Rosa scheint allerdings an dieser Stelle (S. 8) mehr daran gelegen, der Unverfügbarkeit an und für sich zu einem besseren Ruf zu verhelfen. Schließlich sieht er aus der Begegnung mit ihr „aber Lebendigkeit, Berührung und wirkliche Erfahrung“ (S.8) erwachsen.“

Das Wörtchen „aber“ deutet darauf hin, dass Rosa es für eher ausgeschlossen hält, dass aus der Verfügbarkeit über Schneekanonen und Kunstschnee „Lebendigkeit, Berührung und wirkliche Erfahrung“ hervorgehen können. Diese Behauptung wäre allerdings leicht zu widerlegen. Schließlich ist es doch gerade das Problem, dass die mit technologischen Mitteln geschaffene Erweiterung der Möglichkeiten, im Schnee „Lebendigkeit, Berührung und wirkliche Erfahrung“ zu finden, es so schwierig macht, die Verfügbarkeit des dazu nötigen Equipments trotz ihres riesigen Energiehungers und der gewaltigen Schäden, die das anrichtet, einzuschränken oder ganz zu verunmöglichen.

Es sieht ein wenig so aus, als kommt es dem Autor zunächst einmal nicht so sehr auf die tatsächliche Stimmigkeit seiner Aussagen an, sondern auf die Einstimmung auf die eigene Weltsicht, hervorgezaubert durch die Allgemeinheit seiner Aussage, die bei vielen das Gefühl zu hinterlassen vermag, dass auf jeden Fall etwas dran ist. Wie bei einem Horoskop fällt jedem und jeder garantiert irgend etwas selbst Erlebtes oder Empfundenes ein, das die Wahrheit der Aussage zu bestätigen scheint.

Die nächste Aussage bestärkt mein diesbezügliches Gefühl.

„Eine Welt die vollständig gewusst, geplant und beherrscht wäre, wäre eine tote Welt. Das ist keine metaphysische Einsicht, sondern eine Alltagserfahrung“.

Das ist in zweifacher Hinsicht unsinnig. Eine vollständig gewusste, geplante und beherrschte Welt kann es nicht geben – weder tot noch lebendig. Niemand, der bei Verstand ist, würde das Gegenteil behaupten oder anstreben wollen. Alltagserfahrung kann nur sein, dass das Wissen über die Welt ebenso wie das Planen und Beherrschen weltlicher Ereignisse oder Entwicklungen stets begrenzt ist, auch wenn die Grenzen des Machbaren immer wieder auch erweitert werden können. Ob eine unmöglich zu erreichende menschliche Fähigkeit den Tod oder die Lebendigkeit der Welt bedeutet, lässt sich durch Alltagserfahrungen allerdings definitiv nicht bestätigen.

Was bringt uns das Wissen um die nie gänzlich aufzuhebende Begrenztheit des Wissens um die Dinge, die jetzt und in naher Zukunft zu tun oder zu unterlassen wären, um das im Pariser Übereinkommen festgelegte Ziel tatsächlich erreichen zu können, die globale Erwärmung auf deutlich unter zwei Grad, möglichst 1,5 Grad seit der Industrialisierung zu begrenzen? Nichts. Es ist bedeutungslos. Welche Bedeutung haben „Lebendigkeit, Berührung und wirkliche Erfahrung“, die der gegenwärtigen Unverfügbarkeit eines Überblicks über die diesbezüglich verfügbaren oder gegebenenfalls verfügbar zu machenden Alternativen erwachsen? Keine guten. In dem Kontext sinnvolle „Lebendigkeit, Berührung und wirkliche Erfahrung“ wären doch wohl eher solche, die aus einem globalen Dialog über diesbezüglich zu treffende (zu finanzierende und effektiv zu nutzende) Forschungsschwerpunkte hervorgehen. Dass das, was Regierungen, Verbände Unternehmen, Medien usw. zur Bewältigung der Klimakrise überlegen, beschließen, tun und unterlassen, niemals ganz und ganz planbar oder planbar gemacht werden kann und niemals gänzlich nach Plan verlaufen dürfte ist ebenso ein Nonsens-Wissen wie die Gewissheit sinnlos, dass sich die Welt nicht vollständig beherrschen lässt.

Dass sich Erfolg im Fußball trotz aller Verwissenschaftlichung des Trainings und trotz Millionensummen für einzelne Spielertalente nicht vollkommen planen lassen, ist schön. Und gut. Aber die Klimakrise ist kein Spiel. Und die von der Konkurrenz angestachelten Höchstleistungen sind hier gerade das Problem. Vollkommen klar sollte aber doch wohl sein, dass wir Pläne zu entwickeln haben, wie wir die Planlosigkeit und Unbeherrschbarkeit des derzeitigen Weltwirtschaftens überwinden, mit der sich die Welt der Menschen derzeit in den vollkommenen Warensinn treibt.

Fortsetzung folgt in Bälde


Versuch, Hartmut Rosas Lob der „UNVERFÜGBARKEIT“ zu verstehen (1)

30. Dezember 2020

Zu Teil 2

Hartmut Rosas Plädoyer für mehr „Resonanz“ oder für eine Resonanzgesellschaft scheint derzeit in aller Munde und so muss es nicht überraschen, dass es mir innerhalb nur einer Woche gleich zweimal in persönlichen Zusammenhängen begegnete. Zunächst war ein langjähriger Freund während eines ausgedehnten Spaziergangs unter anderem auf Rosas Resonanztheorie zu sprechen gekommen und hatte seine Freude darüber zum Ausdruck gebracht, dass dessen systemtheoretischer Ansatz Wege der Ententfremdung und der Emanzipation aus dem „Bloßes-Mittel-zum-Zweck-anderer-Sein“ aufzuzeigen scheint, die ohne bürokratischen Zentralismus auskommen. Nur wenige Tage danach drückte mir eine Freundin Rosas neues Buch mit dem Titel UNVERFÜGBARKEIT in der Hand. Es war ihr empfohlen worden, doch nach nur wenigen Seiten war sie zu dem Ergebnis gekommen, dass sich für sie die Mühe des Durchackerns wahrscheinlich nicht lohnen würde.

Nun wollte ich mir eh Rosas kritische Würdigung des marx-engelsschen Verständnis von Entfremdung (und Wege, sie aufzuheben) anschauen, also ok. Schön. Einige Einwände gegen Rosas Theorie waren mir bereits vorher begegnet, wie dass Resonanz für schlimme Dinge (Klimawandelleugnerei, Faschismus usw.) nicht gerade wünschenswert sei. Doch versicherte mir mein Freund, dass Rosa überzeugende Argumente dagegen ins Feld führt, die zeigen, dass solche temporären Resonanzen in einer Resonanzgesellschaft nach seiner (Rosas) Vorstellung gerade keine Chance haben würden, die Gesellschaft als Ganze in den Abgrund zu ziehen. Ich bleibe skeptisch, und ich müsste lügen, wenn ich sagen würde, dass meine Erwartungen geradezu himmelhoch jauchzen.

Wie auch immer ist Hartmut Rosas Büchlein über „UNVERFÜGBARKEIT“ mir eine willkommene Gelegenheit, meinen in letzter Zeit arg vernachlässigten Weblog neues Leben einzuhauchen, zumal Facebook mich gerade wegen angeblicher Putintroll-Beleidigung („Tri, tra Troll Lallla, Putins Kasper ist schon da“) zu einer Zeitstrafe von 30 Tagen verdonnert hat (was im Übrigen auch dem eigenen Buchprojekt sehr guttut).

Ich werde das in kleineren Häppchen genießen – und kommentieren.

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Das Anthropozän gestalten!

16. Mai 2020

Zur Machbarkeit planetarischer Vernunft

Ein erster Einblick in das Projekt, an dem ich gerade arbeite.  Ich hoffe, damit in nicht allzu fernen Zukunft eine brauchbare Handreichung für alle vorlegen zu können, die meinen, dass die Parole „System change instead of Climate change“ über das Stadium einer linksidentitären Provokation hinaus gelangen sollte, dies aber eine etwas nähere Auseinandersetzung mit der Frage erfordert, wie vermieden werden kann, dass aus einem Gutgemeint erneut ein Schlechtgelaufen wird. Kritik, Ideen, Fragen aller Art herzlichst erwünscht.  Benötigt wird beizeiten auch Hilfe bei der Übersetzung ins Englische.

Worum geht es?

Dieses Buch soll ermutigen, über das Ende der Geschichte kapitalistischer Vernunft hinaus zu denken und einen offenen Diskurs über Notwendigkeit, Realisierungs- und Rationalitätsbedingungen eines organisierten Übergangs zu „öko-kommunistisch“1 bestimmten Produktionsbedingungen zu wagen.

Warum?

Die menschliche Gestaltungskraft ist zum prägenden Faktor des biologi­schen, geologischen und atmo­sphärischen Geschehens auf der Erde ge­worden. In den Geowissenschaften wird diskutiert, diese Ver­änderungen als eine neue Periode der Erdgeschichte zu verstehen, das Anthropozän, das Erdzeitalter des Menschen. Das ist keine frohe Botschaft, die vom Sieg menschlicher Vernunft über die zivilisationsge­fährdende Gewalt eines unbe­herrschten Naturzustands kündet. Die gesellschaftli­chen Mechanismen, die dem vernunftbegabten Wesen eine solche Wirkmacht be­schert haben, treten den han­delnden Individuen und deren Institutionen im Gegenteil als eine ihnen fremde Naturgewalt gegenüber, die sie unterjocht, statt von ihnen beherrscht zu werden.2

Marx vor nunmehr über 150 Jahren formulierte Zustandsbeschrei­bung scheint verblüffend aktuell.

„Die soziale Macht, d.h. die vervielfachte Pro­duktionskraft, die durch das in der Teilung der Arbeit bedingte Zusammen­wirken der verschiedenen Individuen entsteht, erscheint diesen Individuen, weil das Zusammenwirken selbst nicht freiwillig, sondern naturwüchsig ist, nicht als ihre eig­ne, vereinte Macht, sondern als eine fremde, außer ihnen stehende Gewalt, von der sie nicht wissen wo­her und wohin, die sie also nicht mehr beherrschen können, die im Gegenteil nun eine eigentümliche, vom Wollen und Laufen der Menschen unabhängige, ja dies Wollen und Laufen erst dirigierende Rei­henfolge von Phasen und Entwicklungsstufen durchläuft.“3

Wir erleben heute eine bedrohliche Zuspitzung dieses paradoxen Zustands. Die inzwischen weltweit interagierenden Subjekte des anthropogenen Zusammenwirkens, Individuen, Institutionen oder Assoziationen, verfügen über eine schier unendlich erscheinende Vielfalt an Möglichkeiten, vernunftgeleitete Entscheidungen zu treffen. Ihre „kombinierte Produktivkraft“ konnten sie dabei ins Unermessliche steigern. Moderne Wissenschaft und Demokratie erlauben Aufklärung auch über die Kehrseiten unserer menschlichen Siege über die Natur. Doch ungeachtet all unserer Kenntnisse über das Zerstörungsvermögen, das ein nahezu ungebremstes Wachstum menschlicher Kraft und Herrlichkeit bis heute akkumuliert hat, scheint es nach wie vor ein Ding der Unmöglichkeit, das anthropogene Zusammenwirken insgesamt nach Maßgaben sozialer oder ökologischer Vernunft zu gestalten. Unser globalisiertes Zusammenwirken ist uns immer noch nicht zur „eig­nen, vereinte Macht“ geworden. Mensch und Natur bleiben den stets bedrohlicheren Launen der Naturgewalt ausgesetzt, als die sich ihr eigenes Zusammenspiel gestaltet.

In diesem Zustand taumelt das menschliche „Laufen und Wollen“ in die geologische Menschenzeit. Mit welcher Perspektive? Was könnte Wege in ein soziales Zeitalter der menschheitlichen Selbstbeherrschung ebnen? Hilft der Rückgriff auf Marx Vision einer Menschheit, die es den weltweit interagierenden Individuen, Gruppierungen und Institutionen gestattet, ihren „Stoffwechsel mit der Na­tur rationell re­geln, unter ihre gemeinschaftliche Kontrolle bringen, statt von ihm als von einer blinden Macht beherrscht zu werden; ihn mit dem geringsten Kraftauf­wand und unter den ihrer menschlichen Natur würdigsten und adäquatesten Bedingungen vollziehn4?

Als jemand, der sich seit den Zeiten seines politischen Erwachsenwerdens in den 1970er Jahren für die ökologischen Dimensio­nen des Menschseins interessiert und sich insbesondere nach Nutzung des zweiten Bildungswegs und Aufnahme seines Studiums der Soziologie in den 1980er Jahren, immer wieder intensiv mit dem Marx-Engels Werk auseinanderset­zen konnte, überrascht mich der akute Gebrauchswert der vor nunmehr über 150 Jahren formulierten Perspektive nicht.

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