Wie wird der Mensch mehr Mensch?

28. September 2008

Man kann die Menschen durch das Bewusstsein, durch die Religion, durch was man sonst will, von den Tieren unterscheiden. Sie selbst fangen an, sich von den Tieren zu unterscheiden, sobald sie anfangen, ihre Lebensmittel zu produzieren (…) Wie die Individuen ihr Leben äußern, so sind sie. Was sie sind, fällt also zusammen mit ihrer Produktion, sowohl damit, was sie produzieren, als auch damit, wie sie produzieren. (…) Die Teilung der Arbeit innerhalb einer Nation führt zunächst die Trennung der industriellen und kommeziellen von der ackerbauenden Arbeit und damit die Trennung von Stadt und Land und den Gegensatz der Interessen Beider herbei. Ihre weitere Entwicklung führt zur Trennung der kommerziellen Arbeit von der industriellen. (…)

Die verschiedenen Entwicklungsstufen der Teilung der Arbeit sind ebensoviel verschiedene Formen des Eigentums; d.h. die jedesmalige Stufe der Teilung der Arbeit bestimmt auch die Verhältnisse der Individuen zueinander in Beziehung auf das Material, Instrument und Produkt der Arbeit.

Marx/Engels: Die deutsche Ideologie. vgl. MEW Bd. 3, S. 21 – 22

Die Tatsache ist also die: bestimmte Individuen, die auf bestimmte Weise produktiv tätig sind, gehen diese bestimmten gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse ein. Die empirische Beobachtung muß in jedem einzelnen Fall den Zusammenhang der gesellschaftlichen und politischen Gliederung mit der Produktion empirisch und ohne alle Mystifikation und Spekulation aufweisen. Die gesellschaftliche Gliederung und der Staat gehen beständig aus dem Lebensprozess bestimmter Individuen hervor; aber dieser Individuen, nicht wie sie in der eignen oder fremden Vorstellung erscheinen mögen, sondern wie sie wirklich sind, d.h. wie sie wirken, materiell produzieren, also wie sie unter bestimmten materiellen und von ihrer Willkür unabhängigen Schranken, Voraussetzungen und Bedingungen tätig sind.

Die Produktion der Ideen, Vorstellungen, des Bewusstseins ist zunächst unmittelbar verflochten in die materielle Tätigkeit und den materiellen Verkehr der Menschen, Sprache des wirklichen Lebens. Das Vorstellen, Denken, der geistige Verkehr der Menschen erscheinen hier noch als direkter Ausfluß ihres materiellen Verhaltens.

Von der geistigen Produktion, wie sie in der Sprache der Politik, der Gesetze, der Moral, der Religion, Metaphysik usw. eines Volkes sich darstellt, gilt dasselbe. Die Menschen sind die Produzenten ihrer Vorstellungen, Ideen pp., aber die wirklichen, wirkenden Menschen, wie sie bedingt sind durch eine bestimmte Entwicklung ihrer Produktivkräfte und des denselben entsprechenden Verkehrs bis zu seinen weitesten Formationen hinauf. Das Bewusstsein kann nie etwas Andres sein als das bewusste Sein, und das Sein der Menschen ist ihr wirklicher Lebensprozess. Wenn in der ganzen Ideologie die Menschen und ihre Verhältnisse wie in einer Camera obscura auf den Kopf gestellt erscheinen, so geht dies Phänomen ebensosehr aus ihrem historischen Lebensprozess hervor, wie die Umdrehung der Gegenstände auf der Netzhaut aus ihrem unmittelbar physischen.

Marx/Engels: Die deutsche Ideologie. vgl. MEW Bd. 3, S. 25 – 26

Wir unterstellen die Arbeit in einer Form, worin sie dem Menschen ausschließlich angehört.

Eine Spinne verrichtet Operationen, die denen des Webers ähneln, und eine Biene beschämt durch den Bau ihrer Wachszellen manchen menschlichen Baumeister. Was aber von vornherein den schlechtesten Baumeister vor der besten Biene auszeichnet, ist, daß er die Zelle in seinem Kopf gebaut hat, bevor er sie in Wachs baut. Am Ende desArbeitsprozesses kommt ein Resultat heraus, das beim Beginn desselben schon in der Vorstellung des Arbeiters, also schon ideell vorhanden war.

Marx: Das Kapital, MEW Bd. 23, S. 192-193


Was heißt hier Sozialismus?

22. Januar 2008

Der Begriff schillert. Im marxistischen Kontext steht „Sozialismus“ allgemein für Übergangsgesellschaft zum klassenlosen Weltkommunismus. Innerhalb der Linkspartei und um sie herum wird Sozialismus meist mit einer Zukunft oder Politik identifiziert, in der „sozialistische Werte“  wie etwa „soziale Gerechtigkeit“ vorherrschen und „die Gier nach Maximalprofiten“ überwunden ist.  Zur Abgrenzung vom so genannten Realen Sozialismus fällt auch der Begriff Staatssozialismus,  was also die Vorstellung einschließt, hier handelte es sich um eine besondere (wenn auch nicht besonders gelungene) Form „des“ Sozialismus.

Aber wie sozialistisch waren die einstigen Ostblockländer wirklich? Gibt es keine rational nachvollziehbaren Kriterien normativer Art nach denen (vergangene oder künftige) Gesellschaften nach Indikatoren abgesucht werden können, an denen die mehr oder auch weniger starke Anwesenheit bzw. Abwesenheit von „Sozialismus“  abgelesen werden kann?

Wer den Gedanken an eine „Diktatur des Weltproletariats“ mehr als fragwürdig findet, weil

  • die Gefährlichkeit der marx-engelschen Koketterie mit dem Begriff der „Diktatur“ inzwischen auf der Hand liegt, (auch wenn sie sich diese „Diktatur“ als eine soziale Herrschaft der Weltbevölkerungsmehrheit und also in der politischen Form einer Weltdemokratie vorgestellt hatten), und weil
  • „Proleratiat“ als strukturelles Element kapitalistischer Verhältnisse („variables Kapital“) ja just als menschenunwürdige Existenzform identifiziert wurde und in dem Moment aufhört „Proletariat“ zu sein, wie es sich aus diesen Verhältnissen emanzipiert,

und wer nun Festlegungen darüber treffen möchte, was die Übergangsgesellschaft  im Wesentlichen als eine charaktirisiert, die soziale Befreiung aus der bornierten  Klassenlage bringt,  könnte sich vielleicht mit folgender Bestimmung anfreunden.

  1. Im „Schoße der alten, kapitalistischen Verhältnisse“ existiert bzw. wächst Sozialismus (unabhängig vom Selbstverständnis seiner Träger) als sozialer Prozess, der im wachsenen Maaße zunehmend mehr Menschen befähigt, die menschlichen bzw. von Menschen beeinflussten Mittel der Existenzsicherung und Bereicherung  (mitsamt des diesen „Produktionsmitteln“ inne wohnenden Destruktivvermögens) nach – in sozialer und ökologischer Hinsicht  – gemeinsam reflektierten, und in so fern rationalen Maßstäben entwickeln und anzuwenden zu können.
  2. Von einer sozialistischen Gesellschaftsformation kann (unabhängig von deren Benennung) gesprochen werden, in so weit die Verallgemeinerung des Vermögens, miteinender Nutzen, Schaden oder Risiken von Produktivität und Produktion antizipieren und adäquate Produktionszwecke, -methoden, -qualitäten, -mengen, -orte oder Einwirkungen auf die natürliche Mitwelt aushandeln zu können, der (weltweit) vorherrschende soziale Prozess ist.

Eine solche Bestimmung sehe ich als Bedingung der Möglichkeit eines rationalen Diskurses.  Denn wie sonst könnte mit  sozialwissenschaftlichen Methoden reale Existenz, Abwesenheit, Notwendigkeit oder Möglichkeit von „Sozialismus“ erfasst werden, und wie sonst wäre es möglich, sich ein Bild von der Sache zu machen, das nicht durch bornierte Macht oder Ohnmacht,  Rechtfertigungsinteressen und entsprechenden Wahrnehmungsmustern konstruiert ist?  Wie sonst also wäre eine sachliche Diskussion des Gegenstandes möglich?

Eine solche Bestimmung schafft den Boden für empirische Forschung,  kann sie aber natürlich nicht ersetzen.  Eine „empirische Widerlegung“ der marx-engelschen Perspektiven aufgrund deren Einmauerung in die Rechtferigungsideologien „vormundschaftlicher Staaten“ staatsparteilicher Sozialismusversuche des letzten Jahrhunderts könnte sich auf einer solchen Grundlage allerdings auch als „zu früh gefreut“ (oder geärgert) heraus stellen.

In dem Zusammenhang ist es interessant, was Marx und Engels in iheren Selbstverständigungsschriften als Voraussetzung einer „Aufhebung von Entfremdung“ sahen.

Siehe dazu auch die Ausführungen von Thieß Petersen über “ Subjektive Voraussetzungen für die Transformation der kapitalistischen Gesellschaft“ im Glasnost Archiv

Zum Schluss: Keine Mitverantwortung für falsche Wege?

hhirschel