Nieder mit dem Gebrauchswertbegriff?

8. Januar 2018

Warum sich mit begriffsfetischistischem Moralismus nichts Vernünftiges anfangen lässt.

Die Streifzüge 70/2017 standen im Zeichen von Bemühungen einer kritische (Neu-) Betrachtung des „Gebrauchswerts“, wie er von Marx gesehen wurde, also einerseits in einer allgemeinen, überhistorisch gültigen Bestimmung als etwas, über das Menschen oder deren Institutionen verfügen möchten und andererseits, als etwas, das in Lohnarbeit unter der Regie kapitalistischer Selbstbereicherungsagenturen her- und bereitgestellt wird und das deshalb gekauft (gegen Geldbesitz  ausgetauscht) werden  muss, um über deren Einsatz frei (= privat) verfügen zu können während die Selbstbereicherungsagenturen, die die materiellen Träger des Gebrauchswerts (die Tauschwert und Gebrauchswert inkorperierenden Waren) haben produzieren lassen um sich deren Tauschwert (in der Form des Tauschwertträgers Geld) aneignen zu können, zu diesem Zweck die unter ihrer Regie erarbeiteten Gebrauchswertträger verkaufen (gegen Geldbesitz eintauschen)  müssen.

Die Frage nach dem Gebrauchswert des Gebrauchswerts als einer der Erkenntnisgewinnung dienlichen Kategorie bzw. von Gebrauchswerten als reale   Gegenstände menschlichen Begehrens, und wie die historisch jeweils vorherrschenden Produktionsweisen (und die darauf aufbauenden Gesellschaftsformationen), d.h. die  historisch jeweils vorherrschenden Formen der Vermittlung von Produktion, Verbrauch, Pflege, Entwicklung, Regulation etc. das Begehren und dessen Gegenstände  formen, ist verdienstvoll. In dieser Sache gilt es im besonderen Maße, anti-kapitalistische Mythen zu hinterfragen, die einer nüchternen Analyse der kapitalistischer Erfolgsgeschichte und warum bzw. wie diese nun an ihr Ende gerät, eher im Wege stehen.  Der dem feindbildhungigen Anti-Kapitalismus eigene Mythos, dass im Kapitalismus Gebrauchswerte und damit Bedürfnisse egal seien und auch keinerlei ökonomische Relevanz haben, weil „es“ hier allein um die private Anhäufung von Tauschwerten bzw. „des Profits“ oder schlimmer noch „allein um Profimaximierung“ ginge . Dass das so nicht stimmt wusste bereits Roman Rosdolwsky, dessen 1959 in KYKLOS Internationale Zeitschrift für Sozialwissenschaften, (Vol. XII 1959, Basel, S. 27-56 ) erschienene Betrachtung der Gebrauchswert bei Karl Marx  (Untertitel: „Eine Kritik der bisherigen Marx-Interpretation“) in dem Streifzüge-Schwerpunktheft zu finden ist.  Näheres hier 

 Rosdolwsky hatte die ökonomische Relevanz des Warengebrauchswerts  hervorgehoben und dahingehende Missinterpretationen vulgärmarxistischer Betrachtungen enthüllt. Während sein Bemühen um wissenschaftlich korrektes Herangehen unverkennbar ist, erweckt der Streifzüge und Exit-Autor  Knut Hüller bereits in der Überschrift den Eindruck, es ginge ihm um eine  Säuberung der Begriffslandschaft im Sinne „theoretical correctness“.

Sie auch: Über den sehr unterschiedlichen Gebrauchswert des Gebrauchswerts und der Gebrauchswerte

Teil I | Teil II  Teil III

Wider den Gebrauchswert(begriff) ist ein am 27 Juli 2017 veröffentlichter Beitrag übertitelt, und er eröffnet seine Reflexionen mit einer Frage.  

  1. Gibt es einen Gebrauchswert ohne Ware? Wie hängen Gebrauchswerte mit der Ware zusammen, sind sie überhaupt ohne Wert resp. Tauschwert zu denken?

„Gebrauchswert“ ist keine Eigenschaft von Dingen, sondern eine Betrachtungsweise, also eine Kategorie. Diese Kategorie entstand in der Warengesellschaft, genauer in deren zentraler Ideologie, genannt Politische Ökonomie. Als Bestandteil dieser Ideologie beschreibt sie nicht ein Ding, sondern die (warenförmige) Art des Umgangs mit Dingen, und zwar auf eine in der Warengesellschaft entstandene verdrehte Art und Weise. Sie ist deshalb nicht von der Warengesellschaft zu trennen und wird mit ihr verschwinden. Mit physischen Eigenschaften von Dingen (egal ob Waren oder nicht) hat sie wenig zu tun.

Nunja, Kategorien sind nicht wirklich Sichtweisen.  Sie sind sprachliche Werkzeuge, die es uns möglich machen, Gesehenes in bestimmter Hinsicht zu unterscheiden oder in unterschiedlichen Dingen Gemeinsames wahrzunehmen. Und es sagt erst einmal nichts über deren Brauchbarkeit aus, in welchem Zusammenhang sie einmal entstanden sind. Das gilt auch für den (möglichen) Gebrauchswert der Kategorie „Gebrauchswert“ für eine ordentliche Theorie der Befreiung aus der privateigentümlichen Borniertheit.    Gestalt und Bedeutung dessen, was der Kategorie „Gebrauchswert“ entspricht, kann wechseln, so wie unter der Kategorie Obst sowohl Äpfel als auch Birnen fallen.

Marx benutzte den Begriff Gebrauchswert als Kategorie bekanntlich einmal in einer überhistorischen Bestimmung, nämlich schlicht als ein Potenzial über das zu verfügen sich Menschen einen Nutzen versprechen. (So wie auch Löwinnen in einer hinkenden Gazelle einen möglichen Gebrauchswert sehen.) Und dieser Gebrauchswert ist natürlich IMMER ein soziales Phänomen, dass allerdings wie alle soziale Phänomene eine materielle Grundlage bzw. eine physikalische Komponente hat. Gebrauchswerte sind weder NUR „Eigenschaft von Dingen“ noch LEDIGLICH  „eine Betrachtungsweise“ (bzw. Wahrnehmung dieser Eigenschaft und Begehren, sie nutzen zu können), er ist stets eine Kombination aus beidem. Er ist Betrachtung der Eigenschaft eines Dinges  (einer Leistung, eines Versprechens usw.) als etwas, über das verfügen zu können, einen Nutzen verspricht. Das gilt für ganz unterschiedlichen Gesellschaften mit sehr verschiedenen Produktionsbedingungen, auch wenn sich Qualität und Quantität sowohl des Begehrten als auch des Begehrens auf Grundlage unterschiedlicher Produktionsweisen natürlich sehr unterscheiden.

Die Bedeutung (Rolle, Funktion) der Gebrauchswerte von WAREN ist etwa davon bestimmt, dass sie von privaten Unternehmen mittels Lohnarbeit und eigener  Verfügung über Produktionsmittel zum Zwecke der eigenen Selbstbereicherung produziert werden und die Selbstbereicherung den erfolgreichen Verkauf der Gebrauchswertträger (deren Eintausch gegen Geld) erfordert, also die Aneignung ihrer Tauschwerte, und die, die tatsächlich über die Gebrauchswerte ihrer Gebrauchswerte Willen verfügen wollen, für die legale Möglichkeit ihrer Aneignung (sie zu nutzen) Geld zahlen müssen. Und dabei ist etwa zu bedenken: Die Menge des zu zahlenden Geldes, (dessen Gebrauchswert den Tauschwert des begehrten Gebrauchswertträgers zum Ausdruck bringt) ist NICHT von der subjektiven Wertschätzung der beteiligten Warentauscher abhängig. Käufer von Gebrauchswertträgern können unter den Angeboten verschiedener Anbieter das Angebot wählen, das ihnen für das zu veräußernde Geld den meisten Gebrauchswert verspricht. Eben aus diesem Grund schwanken die Preise unter der Voraussetzung freier Konkurrenz und als Ware frei erwerbbarer Lohnarbeit  um einen Wert, der vom Arbeitsaufwand generiert wird, der für die Herstellung des Gebrauchswert im GESELLSCHAFTLICHEN Durchschnitt notwendigerweise aufzubringen ist. Produktivitätsfortschritte senken den gesellschaftlichen Tauschwert der Gebrauchswertträger ganz unabhängig von deren subjektiven Wertschätzung. Allerdings gehen mit den Produktivitätsfortschritten meist eine qualitative Aufwertung einher, und erfordert diese mehr Arbeit wird der Wertverfall konterkariert. Die Behauptung, dass der Gebrauchswert von Waren mit deren physischen Eigenschaften nichts zu schaffen habe, ist also falsch wie es übrigens auch falsch wäre zu behaupten,  dass die Tauschwerte mit den physischen Eigenschaften nichts zu schaffen haben. Die haben etwas damit zu schaffen insofern insofern deren Her- und Bereitstellung mehr oder weniger Arbeit erfordern.

  1. Sind Nutzen und Nützlichkeit positive Begriffe oder gar analytische Kategorien?

„Nutzen“ (englisch „utility“) ist die modernste Form der „Gebrauchswert“-Kategorie. Mit dem Begriff des Gebrauchswerts verband die klassische Ökonomie (und verbindet bis heute die marxistische) „objektiv“ und unveränderlich gedachte Eigenschaften materieller Dinge (oder moderner: „physischer Mengen“). Die Weiterentwicklung zum neoklassischen „Nutzen“begriff verlagerte den Inhalt dieser Kategorie auf die Subjektebene: sie beschreibt statt „objektiver“ Eigenschaften nun deren (eingebildete) Wirkungen auf Subjekte. Darin drückt sich u.a. die Fortentwicklung des Kapitalismus über seine industrielle Phase hinaus aus.

Es gibt Fragen, die sich beim allerbesten Willen nicht sinnvoll beantworten lassen. Denn was soll das sein, ein „positiver Begriff“?  So einer wie die im anti-kapitalistischen Jargon so beliebten Begriffe „emanzipatorisch“ oder „befreite Gesellschaft“? Diese mögen  die Sehnsucht nach einem paradiesischen Jenseits des Kapitalismus sehr gut in Schwingungen versetzen, aber  helfen auch über den Mangel an realtätstauglichen Vorstellungen hinweg, wovon es sich zu emanzipieren gilt und wohin genau und die Reise gehen soll. Besteht der Nutzen oder Nützlichkeit von „positiven Begriffen“ etwa darin, das Ersehnte im Unbestimmten zu belassen? Das würde erklären, warum „Nutzen“ und „Nützlichkeit“ zu „negativen Begriffen“ erklärt werden.

Die Grenzen zwischen Theologie (bzw. von Ideologie im Allgemeinen) und Theorie verschwimmen, wo Begriffe ohne jeden Kontext mit „positiver“ oder „negativer“ Bedeutung aufgeladen werden.  Sie wirken als scheinbar mit eigenem Geist beseelte Subjekte. Als solche wird ihnen die gottgleiche Autorität zugesprochen, über richtig und falsch, gut und böse bzw. positiv oder negativ zu entscheiden.  Natürlich „wissen“ linke Nützlichkeitskritiker, dass „die Nützlichkeit“ oder „der Nutzen“  Menschenwerk sind. Naklar sind die  von bürgerlichen Ideologen am Begriffshimmel installiert worden um  dem Kapitalismus bzw. den  kapitalistisch produzierten und angebotenen Gütern einen Nutzen bzw. Nützlichkeit andichten zu können.  Und der Marxismus? Der will der Industriegesellschaft Nützlichkeit andichten. Deshalb habe „auch der Marxismus mit dem Begriff des Gebrauchswerts objektiv und unveränderlich gedachte Eigenschaften materieller Dinge“ behauptet. Dass diese „Marx-Kritik“ nur die eigene Ahnungslosigkeit vom Gegenstand der Kritik verrät, ist klar, aber auch die erste Behauptung führt in die Irre.  Beides reist jedenfalls die Grenze nieder zwischen der sehr berechtigten Kritik am Utilitarismus (nicht zuletzt von Max und von ihm beeinflussten Autoren) also an eine  realpolitisch-positivistische Bestimmung von Nützlichkeit auf Grundlage der Perspektiven kapitalistisch vereinzelter Einzelner, und der ebenso berechtigten Frage nach Wegen, zugleich individuell als auch gesamtgesellschaftlich bzw. ökologisch rationale Bestimmungen nicht nur von Nützlichkeit zu ermöglichen als auch nach der  individuellen, gesellschaftlichen bzw ökologischen Rationalität der (individuellen, gesamtgesellschaftlichen bzw. ökologischen) Kosten der Herstellung und Pflege, des Genusses, Abfallentsorgung oder -weiterverwertung der materiellen Träger des Nützlichkeitspotenials zu fragen.  Statt (öko-) kommunistische Perspektiven zu ergründen läuft so das Ganze auf eine Art atheistische Theologie hinaus!

  1. Was macht der Terminus „Wert“ im Gebrauchswert? Ist die Herrschaft des Werts den Gebrauchswerten oktroyiert oder inhärent?

„Wert“ und „Gebrauchswert“ sind ein für das warenförmige Denken typisches Paar von Begriffen: keiner kann ohne den anderen existieren, sie stehen sich ausschließend gegenüber, und sie kämpfen um die Oberhand („Herrschaft“, „oktroyiert“). Andere solche Paare sind schwarz/weiß, Teufel/Gott, böse/gut, radikal/gemäßigt, Diktatur/Demokratie, Revolutionär/Revisionist, Ketzer/Rechtgläubiger etc. Das alltäglichste Paar sind Käufer/Verkäufer; beide kämpfen im Markt um den (ökonomisch: „Gleichgewichts-“) Preis, wobei stets der eine verliert, was der andere gewinnt. Wegen dieses Basisantagonismus gelang es bereits dem Begründer der Lehre vom „für alle guten“ Kapitalismus nicht, bis zu einem Wohlstand der gesamten Menschheit vorzudringen. Er schaffte es nur bis zum Wohlstand von (miteinander darum kämpfenden) Nationen.

Es kömmt nach Meinung des Autors anscheinend doch nicht darauf an, die kapitalistische Art der Vermittlung von Bedürfnissen, Arbeits- Produktions- und Entwicklungsvermögen, der dabei benutzten Naturumwelt usw. zu verändern , d.h. Übergänge zu öko-kommunistisch bestimmten Interaktionsbedingungen zu organisieren. Stattdessen: nieder mit den falschen Gedanken! Gedanken sollen nicht mehr warenförmig sein!  Aber was mag das sein? Ein warenförmiger Gedanke? Was sein Gebrauchswert? Ist er zu kaufen? Was ist sein Preis? Hoffentlich teuer, denn so ein warenförmiger Gedanke hat, wie wir erfahren,  stets ein Gegenüber ohne den er nicht existieren kann, echt schlimm: schwarz gegen weiß, Teufel gegen Gott, böse gegen gut, radikal gegen gemäßigt, Diktatur gegen Demokratie, Revolutionär gegen Revisionist, Ketzer gegen Rechtgläubiger etc.  Aha. Dass der warenförmige Gedanke weiß statt schwarz ist, revisionistisch statt revolutionär, göttlich statt  des Teufels, scheint aber immerhin klar.

Etwas wertvoll finden ist böse, weil gegen dass das weniger wertvolle diskriminiert?

Der Gebrauchswert von Waren ist allerdings kein falscher bzw. böser Gedanke. Noch einmal: Privateigentümliches Produzieren von Gebrauchswert für andere zum Zwecke der Selbstbereicherung mittels Tausch des Gebrauchswertträgers gegen die Überware Geld ist eine der kapitalistischen Ära angehörige gesellschaftliche Realität, die sich nicht einfach aus dem Kopfe schlagen lässt. Das per Lohnarbeit und Kapital her- und bereitgestellte Gebrauchswertpotenzial  muss für andere einen privat (und eben nicht gemeinschaftlich) bestimmten Gebrauchswert haben damit die Existenzbedingung der Kapitalvermögenden (Selbstbereicherung) bzw. der Arbeitsvermögenden (Lebensmittel einkaufen zu können) erfüllt werden kann. Die von ihnen her- und bereitgestellten Gebrauchswertträger müssen Eigenschaften aufweisen, die in anderen das Begehren weckt, über sie verfügen und im Tausch gegen Geld erwerben zu können. Tausch- und Gebrauchswerte von Waren sind also auch keine Gegensätze, sondern zwei  Funktionsmerkmale kapitalistisch produzierter Güter, die einander ergänzen bzw. bedingen. Das heute zu überwindene und auch prinzipiell überwindbare Problem ist, dass die privaten Bedürfnisse, Existenz- und Bereicherungsbedingungen vereinzelter Einzelner nicht unbedingt gesamtgesellschaftlich bzw. ökologsch vernünftig sind .

Zu negativ?

Immerhin lässt sich aus der Klage, dass Adam Smith nur den Wohlstand der Nationen im Sinn hatte und nicht den der ganzen Menschheit,  die Sehnsucht nach der Möglichkeit unmittelbar gesellschaftlicher Produktion entsprechend weltgemeinschaftlich bestimmter Entwicklungsziele herauslesen. Wäre also eine Einigung darauf möglich, dass die Notwendigkeit, die Bedingungen der Möglichkeit und die nachhaltige Wünschbarkeit solch einer Transformation der basalen Interaktionsbedingungen zu untersuchen  wären?

  1. Macht der Begriff eines Gebrauchswerts überhaupt Sinn? Sind Gebrauchswerte universeller Natur, zumindest von hoher ontologischer Härte, unbeeindruckt von verschiedensten Produktionsverhältnissen, eine eherne und unhintergehbare Größe von Aristoteles bis hinein in den Kommunismus? Gibt es etwa einen Unterschied zwischen einem Gebrauchswert und einem Gut?

Meistens (auch weiter oben) ist nicht von „einem“, sondern von „dem“ Gebrauchswert die Rede. Der unbestimmte Artikel löst hier (beabsichtigt?) einen weiteren Kernbestandteil des wertförmigen Denkens zumindest teilweise auf: es kennt keine Vielfalt. Es betrachtet die (Waren-)Dinge am liebsten nur unter dem Gesichtspunkt ihres Tauschwerts. Ökonomen treiben diese Beschränktheit auf die Spitze, indem sie ganze Bibliotheken mit Versuchen füllen, „ihm“ auch noch eindeutige („alternativlose“) Zahlenwerte zuzuschreiben. „Den“ Gebrauchswert mit dem verräterischen bestimmten Artikel versucht man in gleicher Weise zu denken. Die Vielfalt der realen Welt bleibt dieser Art Denken verborgen. Ohne warenförmige Brille betrachtet kann ein Stück Eisen in zahllosen Funktionen auftreten, in der einen heute und in der anderen morgen: als Ballast, als Baustoff oder als Magnet, um einige bekannte Verwendungen zu nennen. Und natürlich als Instrument zum Töten von Menschen. Eine spezielle Vielfalt von Eigenschaften macht es zum „Eisen“; fehlte der Magnetismus, würde man möglicherweise „Aluminium“ denken.

Ich lasse einmal das unlösbare Rätsel beiseite, was man sich unter „warenförmige Brillen“ vorstellen soll oder warum das entsprechend bekrittelte „wertförmige Denken“ keine Vielfalt kennt und Menschen tötet.

Zur Frage:

Macht der Begriff eines Gebrauchswerts überhaupt Sinn?“ 

Das ist wieder so eine Frage: Woran sind „Sinn machende Begriffe“ zu erkennen?  Ohne Akteure zu benennen, deren jeweilige Möglichkeiten und Fähigkeiten, die von ihnen jeweils verfolgten Zwecke usw. sind Sinnfragen definitiv sinnlos.

Sinnvoll zu beantworten wäre vielleicht die Frage, inwieweit der Begriff „Gebrauchswert“ für die Gewinnung von  Erkenntnissen über die Rationalitäsbedingungen (und -grenzen) der bürgerlichen Produktionsweise zu gebrauchen ist,  bzw. für die Gewinnung brauchbarer Erkenntnissen über die Bedingungen (die Ermöglichungs- und Rationalitätsbedingungen) ihrer Transformation in (öko-) kommunistisch bestimmte  (Re-) Produktionsbedingungen. Aber das wäre dann natürlich – ohgottogott –  die  Frage nach deren „verdummter Nützlichkeit“.  Übergeht man allerdings das „linke“ Gebot der Vermeidgung allen Begehrens nach Nützlichkeit, ließe sich ein sinnvoller Gebrauch des Wortes „Gebrauchswert“ für eine Theorie der sozialen Emanzipation aus der kapitalistischen Selbstbereicherungsökonomie sehr wohl finden.

Das menschliche Verlagen, über etwas verfügen zu können, dessen Gebrauch einen Nutzen verspricht, und deshalb für die Begehrenden (potenziellen) „Gebrauchswert“ hat, gibt es in allen gesellschaftlichen Entwicklungsstadien bzw. Gesellschaftsformen, aber natürlich unterscheidet es (das Verlangen, bzw. er, der Gebrauchswert) sich je nach den historisch bzw. regional oder auch für einzelne Bevölkerungsgruppen jeweils vorherrschenden Aneignungs- und Produktionsbedingungen, dem Stand der Produktivkkraftentwicklung, der auf die materiellen Produtionsbedingungen aufbauenden Vorstellungen von richtig und falsch usw. Die jeweils vorherrschenden Behauptungsbedingungen formen Art und Qualität des Begehrens und die Qualität des Begehrten, die sozialen bzw. ökologischen Implikationen seiner Her- und Bereitstellung, Pflege oder Entsorgung usw.

Noch einmal: Kapitalistische Interaktionsbedingungen basieren bekanntlich auf dem Wettbewerb privater Selbstbereicherungsagenturen um die Fähigkeit, Gebrauchswerte für andere,  her- und bereitstellen zu lassen,  die um darüber verfügen zu können, ihrerseits etwas hergeben müssen, das sie privat besitzen, das wiederum für diejenigen einen Gebrauchswert hat, die das Begehrte  (das potenzielle Verfügungsobjekt) besitzen, weil sie es privat (statt gemeinsam mit denen, für die Ergebnisse der Mühen sind) haben produzieren lassen.

Aller Gebrauchswert existiert immer nur in Abhängkeit zu den Bedürfnissen, Möglichkeiten, Fähigkeiten usw. der sozialen Akteure, denen es nach seinem (potenziellen) Gebrauch verlangt. Das gilt übrigens auch für den Gebrauchswert des Geldes, das bei der kapitalistischen Art der Aneignung von Gebrauchswerten aller Verkaufsgegenstände (=Waren) zum Einsatz kommt, für deren Her- und Bereitstellung andere Arbeit verausgaben mussten. Für die Nochnichtbesitzer der in den Selbstbereicherungsagenturen erarbeiteten Güter- und Dienstleitungsangebote, besteht der Gebrauchswert ihres Geldes darin, es den Besitzern der von ihnen begehrten Gebrauchswertträgern übereignen zu können, um im Tausch das Recht zu erwerben,über die in den Gebrauchswertträgern angelegten Gebrauchswerte nun frei (= privat) verfügen zu können, d.h. im Wesentlichen ohne Notwendigkeit der Rücksichtnahme auf die gesamtgesellschaftliche bzw. ökologische Vernunft des Ganzen Waren einzukaufen, mit deren Hilfe die eigene Existenz gesichert bzw. schön gekauft werden kann.  Der Gebrauchswert des Geldes ist also auf Seiten derer, die nach einem Gebrauchswert verlangen, dessen Tauschwert, weil dessen Besitz befähigt, ihn gegen begehrte Mittel der eigenen Existenzsicherung bzw. Bereicherung eintauschen zu können.

Für die Selbstbereicherungsagenturen „macht“ der mittels Arbeit unter ihrer Regie her- und bereitgestellte Gebrauchswert für andere den „Sinn“, das für den Kauf von Rohstoffen, Halbfertigprodukten, Produktionsmitteln und Arbeitsvermögen investierte Bereicherungsvermögen zu vermehren, d.h. sich den durch die Arbeit am Gebrauchswertzuwachs generierten Tauschwertzuwachs anzueignen.

Dass das so funktioniert liegt etwa am Gebrauchswert der Freiheit Arbeitsvermögender. Deren Freiheit von der Möglichkeit, selbst im größeren Umfang Produktionsmittel einzusetzen um die selbst bzw. gemeinsam benötigten Mittel der Existenzsicherung und Bereicherung  her- und bereitzustellen, bzw. deren Freiheit von der Notwendigkeit, als ein Sklave oder Leibeigener selbst  organischer Teil des Produktionsmitteleigentums anderer zu sein, korrespondiert mit deren Freiheit, selbst zu bestimmen, welcher Selbstbereicherungsagentur sie den Gebrauchswert ihres Arbeitsvermögens als eine Ware anbieten, die, dieser Ware als Mittel der eigenen Existenzsicherung und Bereicherung bedarf und bereit und in der Lage ist,  sich deren Gebrauchswert im Tausch gegen Geld anzueignen.  Nur-Arbeitsvermögende, die in diesem Moment das Geld aneignen, versetzt dessen Gebrauchswert wiederum in die Lage,  trotz ihrer Produktionsmittellosigkeit an die Mittel zu kommen, mit deren Hilfe sie ihre physische und psychische Existenz  als Arbeitsvermögende sichern und in diesem Rahmen (!) das eigene Leben zu bereichern.

Die Freiheit der kapital- bzw.  Selbstbereicherungsvermögenden, Arbeitsvermögen einzukaufen, das ihnen entsprechend ihrer Bedürfnisse Träger von Gebrauchswerten für Dritte produziert, die für sie selbst den Gebrauchswert haben, durch Arbeit generierte Tauschwerte darzustellen, d.h. sie zu Geld machen zu können,  (weil die, die ihrer bedürfen oder zu bedürfen meinen, ihr Geld hergeben müssen um darüber verfügen zu können) hat für das Funktionieren des Ganzen wiederum den Gebrauchswert, auf ein Über- oder Unterangebot bestimmter Gebrauchswerte, (welche  die Preise deren Träger und damit die Möglichkeit des „Geldmachens“ steigen oder fallen lassen) durch eine Verminderung und Vermehrung  ihres Einsatzes an Arbeitsvermögen zu reagieren.

Idealtypisch gleiche Produktivität unter den Konkurrenten und absolut freier Wettbewerb vorausgesetzt, können bei einem Unterangebot eines Gebrauchswerts Preise über und bei einem Überangebot nur unter den Wert erreicht werden, der zu erzielen wäre, wäre exakt das im gesellschaftlichen Durchschnitt notwendige Maß an Arbeitsvermögen  zum Einsatz gekommen. Überduchschnittliche Möglichkeiten, durch das Her- und Bereitstellenlassen von Gebrauchswerten für Dritte Geld zu machen veranlasst  die Selbstbereicherungsagenturen (unter den genannten Voraussetzungen) mehr Arbeitsvermögen einzusetzen und unterdurchschnittliche Möglichkeiten veranlasst sie weniger einzusetzten. Die freie Konkurrenz der Selbstbereicherungsagenturen. Die Freiheit der Arbeitsvermögenden von der Möglichkeit, eigenständig Produktionsmittel in Gang zu setzen, um die notwendigen Gebrauchswerte zu schaffen oder selbst – als Sklave –   Produktionsmitteleigentum anderer zu sein) sorgt also dafür, dass die Preise um einen gesellschaftlichen Tauschwert oszillieren, der zu erzielen wäre, würde sich Angebot und Nachfrage exakt die Waage halten.

Allerdings schließen sich einerseits freier Wettbewerb von auf Basis von privatem Produktionsmittelbesitz operierenden Selbstbereicherngsagenturen um die Möglichkeit, mittels eingekauftem Arbeitsvermögen begehrte Mittel der Existenzsicherung und Bereicherung produzieren zu lassen und möglichst selbstbereicherungsproduktiv zu Geld zu machen und andererseits gleichbleibende und unter des konkurrierenden Selbstbereicherungsagenturen gleiche Produktivität praktisch aus.

Wer unter den Konkurrenten produktiver produzieren kann, sprich in der Lage ist, mit dem gleichen Einsatz an Arbeitsvermögen mehr Gebrauchswerteinheiten  her- und bereitzustellen als die Konkurrenz es vermag, kann selbst bei Preisen unter dem gesellschaftlichen Durchschnittstauschwert selbst mehr Tauschwert (Kaufkraft, Geld usw.) aneignen als notwendig wäre, um die eigene Existenz (als Selbstbereicherugsagentur) zu sichern.

Wer umgekehrt NICHT in der Lage ist, zumindest gleich produktiv wie die Konkurrenz zu produziert, kann seine Existenz selbst bei einem Gleichgewicht von Angebot und Nachfrage, bzw. bei Preisen, die sich entsprechend des gesellschaftlichen Durchschnitts an notwendigem Arbeitsaufwand einpendeln NICHT sichern.

Die miteinander konkurrierenden Unternehmen sind deshalb „bei Strafe ihres Untergangs“ genötigt, den Gebrauchswert exklusiver Konkurrenzvorteile aller Art in den Blick zu nehmen, seien es exklusive Möglichkeiten des Raubbaus an Natur und menschlichem Arbeitsvermögen, oder eine besonders günstige Lage hinsichtlich Verkehrsanbindung,  Absatzmärkten, Steuervorteile oder gut ausgebildetes und motiviertes Arbeitsvermögen vorzufinden oder aber dass deren Träger (die Arbeitsvermögenden)  sich mehr Bescheidenheit hinsichtlich des Tauschwertes ihrer Ware leisten können oder dazu mehr genötigt sind als die, die die Konkurrenz vorfindet. Einen entscheidenden Hebel der Selbstbereicherung hält ein Unternehmen in der Hand, das in der Lage ist, effektivere Produktionsmittel als die Konkurrenz einsetzten zu können und das also mit weniger Einsatz an Arbeitsvermögen, mehr Gebrauchswertpotenzial anbieten kann, das sich zu Geld machen lässt, und so am Ende für sich selbst selbst bei individuell geringeren Preisen (die den Konkurrenzvorteil garantieren) überdurchschnittlich viel Geldzuwachs aneignen kann, was dann wieder die Möglichkeit des Erwerbs weiter Konkurrenzvorteile erleichtert.

Konkurrenzvorteile auf Basis qualitativer Gebrauchswertunterschiede

Ein nicht weniger wirksamer Hebel  der Generierung von „Extraprofit“ durch einen exklusiven bzw. relativen Konkurrenzvorteil ist die Fähigkeit, Gebrauchswerte anbieten zu können. die von der Konkurrenz zumindest für eine gewisse Zeit nicht ohne weiteres reproduzierbar sind und so der übliche Ausgleichsmechanismus des freien Wettbewerbs außer Kraft gesetzt ist. Der freie Wettbewerb um das für die Verbraucher*innen günstigste Angebot kann so nicht mehr das Einpendeln der Warenpreise um einen Wert erzwingen, der dem zur Her- und Bereitstellung des betreffenden Gebrauchswertes –  unter diesen Bedingungen – gesellschaftlich notwendigen Arbeitsaufwands entsprechen würde.

Die zivilisationsgeschichtliche Entwicklung gewinnt bei diesem nicht nachlassenden Kampf um Konkurrenzvorteile eine sich selbst beständig beschleunigende Steigerung der menschlichen Fähigkeit zur Her- und Bereitstellung bzw. dem Genuss von – privateigentümlich bestimmten – Gebrauchswerten.  Immer mehr (Re-) Produktionssubjekte (Menschen, die konsumieren,  Selbstbereicherungsagenturen zu ihrem Bereicherungsgewinn verhelfen oder dessen Gebrauchswert zu schätzen wissen, in staatlichen Instanzen arbeiten etc. stehen immer mehr Gebrauchswertträger zur Verfügung. Neue Produkte und Branchen entstehen. Trotz bzw. auf Grundlage zunächst Raum greifender Vereinfachung, Standardisierung, Entqualifizierung erfordern und ermöglichen die Her- und Bereitstellung bzw. Genuss von Gebrauchswerten am Ende einen stets höheren Grad an Bildung und (welt-) bürgerliche Reflektiertheit.

Die sich anschließende Frage ist allerdings die nach der historischen Notwendigkeit, Möglichkeit und Gebotenheit eines Übergangs zu (öko-) kommunistisch „Sinn machenden“ Gebrauchswerten. Ein weites und nun unbedingt zu beackerndes Feld. Jetzt nur soviel. Ein spezifisch (öko-) kommunistisches Begehren nach Verfügung über  Ergebnisse menschlicher Arbeit (bzw. mittels Arbeit zu erschießende Naturressourcen) wäre unmittelbar  mit Fragen nach der gesamtgesellschaftlichen bzw. ökologischen Vernunft ihrer Her-und Bereitstellung bzw. ihres Genusses verknüpf, bzw. mit der Frage,  womit sich diese  herstellen ließe.


Über den sehr unterschiedlichen Gebrauchswert des Gebrauchswerts und der Gebrauchswerte (3/3)

25. September 2017

Teil I | Teil II

Teil III meiner Auseinandersetzung mit  dem Beitrag Franz Schandls Beitrag (das unschuldige Ding) zum Schwerpunkt des „wertkritischen“ Magazin Streifzüge  70/2017 zur möglichen Bedeutung des  Gebrauchswerts für eine Theorie der Befreiung. 

Sich die Gebrauchswertseite der gegenwärtigen Vergesellschaftsbedingungen genauer anzuschauen und daraufhin den Gebrauchswert diesbezüglicher Reflexionen von Marx  für die Konstruktion vernünftiger Wegweiser aus dem kapitalistischen Chaos kritisch zu betrachten, ist ein Verdienst des Streifzüge Schwerpunktes. Bisher bleibt es mir allerdings ein Rätsel, worauf das Ganze hinauslaufen soll. Ich vermute Probleme mit zwei Dogmen, die in weiten Teilen einer sich „marxistisch“ verstehenden Weltanschaung eine Rolle spielen,  nämlich, dass 1.) im Kapitalismus Bedürfnisse (nach Verfügung über Gebrauchswerte) keine Rolle spielen und 2.) dass es darauf ankäme, die Bedürfnisse zur Macht zu verhelfen.

Wie in den Teilen I/III und  II/III gehe ich abschnittsweise vor Den Rest des Beitrags lesen »


Anti-Anti-Kommunismus?

9. Februar 2017

Leider hatte ich den Vortrag von Michael Koltan über „Liberalismus als antikommunistische Ideologie“ mit dem die „Jour Fixe Initiative“ ihren Zyklus zum Themenkomplex „Anti! Kommunismus“ begann, verpasst und die Wahrnehmung des zweiten Termins fiel meinem sonntäglichen  Erholungsbedürfnisses zum Opfer. Das Thema ist mir wichtig, und den Veranstaltern ist ein differenziertes Herangehen zuzutrauen. Von einer Auseinandersetzung mit den dort vorgetragenen Position verspreche ich mir Fortschritte mit der eigenen Positionsfindung in der Sache. Da die Initiative den Vortrag nicht zum Download bereit hält, halte ich mich erst einmal an den generellen Einladungstext für die Vortragsreihe.

Millionen waren es weltweit, die sich Kommunisten nannten, Militante, Parteimitglieder, Wähler oder Gesinnungsfreunde. Heute sind die meisten von ihnen verstummt und ihre Geschichte ist aus dem Gedächtnis gelöscht. Es gibt keinen Kommunismus mehr, der Antikommunismus aber wütet noch immer und zwar nicht als rationales Konzept sondern als Schimpfwort und nicht als Sache sondern als Aggression. Warum das alles? Ist dieser hohle Antikommunismus nicht vielleicht Angst? Warum hat man Angst? Und wovor?

Aus: Vittorio Foa, Miriam Mafai, Alfredo Reichlin, „Il silenzio dei comunisti“, übersetzt von Eberhard Spreng und Francesca Spinazzi.

Richtet sich das tatsächlich gegen „Antikommunismus“ als Schimpfwort? Oder ist das ein Versehen, und das gemeinte Schimpfwort ist die antikommunistische Schmähung alles „Kommunistischen“? Tatsächlich gäbe es gute Gründe gegen die Verwendung des Begriffs „Antikommunismus“ als Schimpfwort. Es ist tendenziell wissenschaftsfeindlich und allein deshalb nicht sehr kommunistisch. In meinem Verständnis besteht das Kommunistische nicht zuletzt in der Kunst der Wahrnehmung (und gegebenenfalls Herstellung und emanzipationsproduktiven Verarbeitung) gerade versteckter Dispositive der Entwicklung kommunistisch bestimmter Interaktionsbedingungen. Und wer  ernsthaft über deren Notwendigkeit, Möglichkeit und möglichen bzw. notwendigen Gestalt nachdenkt, sollte es nicht wundern, sie auch in bestimmten Formen des Antikommunismus zu entdecken, dass also ein erklärter, d.h. subjektiv als solcher gesehener „Anti-Kommunismus“ eben auch Kommunismuspotenzial enthalten kann.

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Was kann das „trumputinistische“ Projekt einer Entzivilisierung des Kapitalismus stoppen?

11. November 2016

Ein aggressiv nationalchauvinistischer, und familienpolitisch reaktionärer Populismus geht um. Über die „sozialen Medien“ drängt Verachtung alles Mitmenschlichen in den öffentlichen Raum und nährt die Vorstellung, Demokratie sei das Recht einer entfesselten Meute, Repräsentanten und Verteidiger der Demokratie öffentlich den Tod an den Hals zu wünschen. Der sich mit unschuldigem Augenaufschlag als volksnaher Sorgenentsorger ausgebende Rechtspopulismus bietet Anknüpfungspunkte zum Hitlerismus, was aber nicht heißt, dass seine sich gegenwärtige herausbildende Gestalt eines trumputinistisch-republikanischen Mischwesens nicht bedrückend genug ist. Wir erleben derzeit, wie sich eine von Putins feudal-kapitalistischer Lügenrepublik gepuschte Internationale des Anti-Liberalismus anschickt, einmal wieder mit dem Projekt Weltgeschichte zu schreiben, den Kapitalismus von seinem zivilisatorischen Schnickschnack zu befreien.

Spätestens nach der Wahl Donald Trumps zum US Präsidenten muss man der Gefahr ins Auge sehen, dass die weltweite Entzivilisierung des Kapitalismus forciert wird und sehr schnell zu einem Grad voran schreiten könnte, ab dem alles Mitmenschliche, Vernünftige, Demokratische, Rücksichts-, Sorgen-, Liebe- und Lustvolle, kreativ Fantastische, alle wissenschaftliche Neugierde und Experimentierfreudigkeit, das stille Vergnügen an der Erkenntnisgewinnung und über Sachlichkeit garantierenden Regeln in einen sich selbst verstärkenden Sog der Entzivilisierung gerät. Gleich dem wilden Tanz eines stramm aufgeblasenen und urplötzlich sich selbst überlassenen Luftballons könnten dann die zunehmend entfesselten Triebkräfte der privateigentümlichen Vergesellschaftung ein letztes Mal furios über sich hinaus schießen – um am Ende als nutzlose Hülle um ein Nichts ins Bodenlose zu fallen. Die Aussicht auf ein solches Ende der menschlichen Kulturgeschichte ist alles andere als ein Grund zur Vorfreude. Sozialismus, verstanden als Übergang zu einem (welt-) gesellschaftlichen Für- und Voneinander, das auf Basis „öko-kommunistischer“ (Re-) Produktionsbeziehungen funktioniert, braucht die Luft zum Atmen, die gegenwärtig in der Tat nur ein halbwegs zivilisierter Kapitalismus mit leidlich demokratischer Verfasstheit und Menschenrechten garantieren kann. Und der (sozialistische) Übergang ins Zeitalter ökologisch reflektierter Mitmenschlichkeit braucht einen besonders langen Atem.

Was heißt das für mein öffentliches Nachdenken über Notwendigkeit, Möglichkeit, Gestalt und Vernunft einer an Marx/Engels (öko-) kommunistischen Humanismus (bzw. ökohumanistischen Kommunismus) anknüpfenden Transformationsperspektive?

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Reflexionen zu Axel Honneths Idee des Sozialismus (3)

25. Oktober 2016

Siehe auch Teil EINS und Teil ZWEI der Reflexionen über Axel Honneths Bemühungen um eine Neubestimmung der „Sozialistischen Idee“ Dieser Teil dürfte auch eine Weile nachreifen. Es wird hin und wieder durch zusätzliche Anmerkungen, Zitaten und Quellen ergänzt werden. Teil 4 folgt demnächst

„Das Reich der Freiheit beginnt in der Tat erst da, wo das Arbeiten, das durch Not und äußere Zweckmäßigkeit bestimmt ist, aufhört; es liegt also der Natur der Sache nach jenseits der Sphäre der eigentlichen materiellen Produktion. (…) Mit seiner Entwicklung erweitert sich dies Reich der Naturnotwendigkeit, weil die Bedürfnisse; aber zugleich erweitern sich die Produktivkräfte, die diese befriedigen. Die Freiheit in diesem Gebiet kann nur darin bestehn, daß der vergesellschaftete Mensch, die assoziierten Produzenten, diesen ihren Stoffwechsel mit der Natur rationell regeln, unter ihre gemeinschaftliche Kontrolle bringen, statt von ihm als von einer blinden Macht beherrscht zu werden; ihn mit dem geringsten Kraftaufwand und unter den ihrer menschlichen Natur würdigsten und adäquatesten Bedingungen vollziehn.“

Marx: Das Kapital, MEW Bd. 25, S. 828.

In seiner Reflexion über den Stellenwert des Begriffs Freiheit im frühsozialistischen Ideenhimmel beginnt Honneth sich ab etwa Seite 45/46, an Marx Kommunismus heran zu tasten bzw. zu dem, was er dafür hält..

Er bemerkt, dass …

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Plan A: dissidentes Drittel artikuliert sich und macht dadurch die Idee der Demokratie zu einem Drittel idealer (3/3)

16. Januar 2016

Thomas Seibert, Philosoph und Autor, Vorstandssprecher des Instituts für Solidarische Moderne, Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat der Rosa Luxemburg-Stiftung  und seit vielen Jahren politischer Aktivist hat ein Strategiepapier für linke Perspektiven in Europa vorgelegt.

Angelehnt an die Ankündigung der griechischen Regierung, für den Fall des Scheiterns der Verhandlungen um Schuldenschnitt vs. Kreditverlängerung bei ruinösen Auflagen  einen Plan B vorzulegen, was dann aber ausblieb, will Seibert die Formulierung eines Plan A anstoßen, der für die europäische  Linke insgesamt handlungsanleitend sein soll.

Die Grundfrage so eines Plans müsse nach Seibert sein:

Kann das dissidente Drittel der deutschen wie überhaupt der europäischen Gesellschaften zum artikulierten Drittel der Idee der Demokratie werden?

Die ist der dritte von vier Teilen einer kritischen Reflexion des Papiers – aus einer (öko-) kommunistischen Perspektive. Mein Hauptkritikpunkt ist bisher, dass das Schielen auf ein „dissidentes Drittel“ der Bevölkerung inhaltliche Unschärfe zum Ausdruck bringt und reproduziert. Fragen kurz- mittel und langfristiger Ziele, die einen bunten Strauß an mehr oder weniger temporärer Gemeinsamkeiten und Differenzen mit allen möglichen Kräften bzw. Institutionen  (Bedürfnissen, Fertigkeiten, Möglichkeiten)  geraten in der Tendenz zu reinen Machtfragen, begünstigen Projektionen und mindern Klarheit.

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Taz-Chefreporter enthüllt: Sloterdijk kritisiert jetzt das Klima

10. Dezember 2015

Peter Sloterdijk hat jetzt eine Klimaphilosophie, und mit der will er „vom ICH zum WIR“ gelangen. So schreibt es Peter Unfried in der Taz vom 5.12.2015, und weiter: Sloterdijk „nennt den Preis, den Menschen für die Freiheit zu zahlen haben“ und fragt: „haben wir es mit der Individualisierung übertrieben?“

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