Zu Peter Rubens „K“-Verständnis (2/2)

Fortsetzung meiner Auseinandersetzung mit Peter Rubens „K“-Verständnis (1/2)

Ruben beklagt die verbreitete Gedankenlosigkeit beim Gebrauch des Wörtchen „Kommunismus“ und mahnt an, bei dessen Bestimmung ganze Sätze zu gebrauchen und besser noch eine Theorie des Kommunismus zu präsentieren. Seine (vorläufige?) Bestimmung von „K“ als Abwesenheit von Privateigentum allerdings führt geradewegs in des Teufels Küche. Selbst die Katholische Kirche (siehe 1/2)  oder gar der Stalinismus (siehe unten) gelten ihm nun als Formen des Kommunismus.

Der Kommunismus des 20. Jahrhunderts, der von der bolschewistischen Fraktion der russischen Sozialdemokratie zuerst zur politischen Herrschaft geführt worden ist, stellt mit Blick auf die angeführten Kommunismen nur eine historisch neu aufgetretene Kommunismusart dar (der chinesische, der vietnamesische etc. bilden weitere unterschiedene Arten in der Gattung kommunistisch geordneter Gemeinschaften).

Weil Ruben den Versuch einer normativen Bestimmung, die ein gesellschaftliches Werdensollen beschreibt, scheut wie der Realmarxist ein Ideal, muss er die Wahrheit des Kommunismus aus des Kaisers alte Kleider ableiten. Heraus kommt dann so ein Satz:

Die DDR war die deutsche Erfahrung des Kommunismus des 20. Jahrhunderts.

So bleibt uns die Mühe erspart, herauszuarbeiten, an was genau die Existenz bzw. Wirklichkeit oder die Abwesenheit kommunistischer (Re-) Produktionsbeziehungen erkannt werden könnte oder was als Indikator einer Annäherung an oder Entfernung von dessen Realität gewerten werden muss.

Das weiß Ruben selbst:

Es versteht sich, dass die Frage nach dem Wesen des Kommunismus in einer ordentlichen Theorie zu beantworten ist, die hier nicht vorgestellt werden kann.

Trotzdem fährt er fort, als wäre die Frage danach, was genau ein Verhältniss zu einem kommunistischen macht für ihn längst beantwortet. Und als müsse die geforderte „ordentliche Theorie“ das nur im Nachhinein plausibel machen.

Es sei im Weiteren vielmehr auf die wichtige Frage eingegangen, wie der russisch dominierte Kommunismus zu der Bezeichnung Sozialismus kam. Zunächst ist klar, dass das Wort Sozialismus keine Gemeinschaftsordnung meint, sondern eine Gesellschaftsordnung (Gesellschaft als deutsches Ersatzwort für das lateinische societas).

Keine Vorstellung von dem zu haben, was (nicht) als Kommunismus gelten SOLL hindert Ruben leider nicht am Verbreiten von Gewissheiten darüber, was DER Kommunismus alles angestellt hat. Zum Beispiel als kommunistischer Wolf im sozialistischen Schafspelz zu agieren. Allerdings weist Ruben zu Recht darauf hin, dass in einer marxistischen Perspektive „Sozialismus“ (ich würde allerdings sagen: noch) KEINE kommunistisch formierte Gesellschaft ist bzw. sein kann.

Wer glaubt, dass man die Inhalte der beiden deutschen Wörter Gemeinschaft und Gesellschaft nicht vernünftig unterscheiden könne, wird zwischen dem Kommunismus und dem Sozialismus keinen signifikanten Unterschied erkennen. Ihm kann man nur empfehlen, die berühmte erstmals 1887 publizierte Arbeit von Ferdinand Tönnies »Gemeinschaft und Gesellschaft. Abhandlung des Communismus und des Socialismus als empirischer Culturformen« zu studieren. Tönnies hat damit die deutsche Soziologie begründet…

Damit sind wir beim spannenden Punkt, nämlich der (richtigen) Unterscheidung von Gesellschaft  und Gemeinschaft (bzw. Vergemeinschaftung und Vergesellschaftung) und was dies für Fragen der sozialen Emanzipation HEUTE, d.h. im Zeitalter schmelzender Polkappen (aber auch der UN) bedeuten könnte.

Peter Ruben:

Hier sei festgehalten: Tönnies schlägt vor, die Gemeinschaft von der Gesellschaft zu unterscheiden. Wird dies gemacht, so versteht sich von selbst, dass eine Gemeinschaftsordnung (z. B. der Kommunismus) nicht mit einer Gesellschaftsordnung (eine solche wäre dann z. B. der Sozialismus) verwechselt werden darf.

Die Unterscheidung kann gemacht werden, sieht man die Gesellschaft im ökonomischen Austausch (im Weltmarkt) verwirklicht, dagegen die Gemeinschaft in der unmittelbaren Kooperation ihrer Individuen, komplettiert durch die Ver- bzw. Zuteilung des gemeinschaftlich Produzierten. Gemeinschaften bilden die Menschen schon wegen der mit der sexuellen Reproduktion gekoppelten Kinderaufzucht. Gesellschaften bilden sie, wenn sie vom zufälligen stummen Tausch zum geregelten Austausch übergehen. Vergesellschaften heißt demgemäß, eigene Produkte oder Dienste für fremde Produkte oder Dienste abzugeben bzw. zu empfangen. Die Warenzirkulation ist also die Wirklichkeit der Gesellschaft (nicht etwa – wie Engels meinte – eine große Betriebsbelegschaft). Robert Kurz‘ »warenförmige Gesellschaft« ist so etwas wie ein hölzernes Holz, ein eisernes Eisen, d. h. eine begrifflose Vorstellungsverdopplung.

Einen noch größeren Erkenntnisgewinn ermöglichte eine andere Unterscheidung. Gesellschaft bzw. Vergesellschaftung ist schlicht dadurch gegeben, dass für andere produziert wird bzw. das Produzierte eine Bedeutung für andere erlangt. Alles menschliche Tun ist demgemäß gesellschaftlich, das den Bereich der Autarkie / Subsistenzwirtschaft verlässt. Vergemeinschaftungsprozesse sind eben diese besondere Formen der Vergesellschaftung.

Vergemeinschaftung wird möglich bzw. geschieht insofern die Entwicklung historischer, persönlicher, institutioneller Umstände und Bedürfnissen, Möglichkeiten usw. Menschen und deren Institutionen befähigen, gemeinsame Ziele (mit) zu bestimmen und zu verfolgen. Wobei der Charakter der Vergemeinschaftung ein sehr unterschiedlicher sein kann, und die Frage ist, was Vergemeinschaftung zur einer kommunistischen macht.

Ein sinnvoller Gradmesser für den Kommunismusgehalt von Vergemeinschaftungsprozessen scheint mir das Ausmaß und die Qualität von Entscheidungsfreiheit und Mitentscheidungsmöglichkeit derer zu sein, die an der Bestimmung, dem Möglichmachen, dem Gewinn oder auch den Problemen der jeweiligen Ziele und deren Erfüllung (Veränderung, periodische Erneuerung, Erweiterung usw.) beteiligt sind. Im Gegensatz zur repressiven Gleichschaltung setzt kommunistische Gemeinsamkeit logisch voraus, dass die unterschiedlichen Bedürfnisse und Möglichkeiten derer, die gemeinsam Verantwortung tragen, zu berücksichtigen sind. Was insbesondere für alles gilt, was zur Anpassung gegenwärtiger Bedürfnisse und Möglichkeiten an die miteinander verabredeten Ziele geschieht. Der Grad der Freiwilligkeit entscheidet schließlich, inwieweit  das eigene Handeln in den gemeinsam (miteinander) bestimmten Zwecken kommunistisch aufgehoben sein kann oder die besonderen Bedürfnisse und Fähigkeiten schlicht (repressiv) negiert werden.

Ein an Marx/Engels Vorstellungen anknüpfender  Kommunismus ist die von den gegenwärtigen Möglichkeiten ausgehende praktische Entwicklung dieser Möglichkeiten. Eine kommunistische Formation des gesamten gesellschaftlichen Füreinanders (eine kommunistische Weltgesellschaft) ist keine Realität, solange die Globalisierten dieser Erde die grundlegenden Ziele und Grenzen ihres menschlichen Stoff(bedeutungs)wechsels mit einander und mit der außermenschlichen Natur nicht tatsächlich (welt-) gemeinschaftlich miteinander abstimmen – können.

Sozialismus als Übergangsgesellschaft zu kommunistischen Formen der Vergesellschaftung wird zur Realität insoweit die ENTWICKLUNG weltgemeinschaftlicher Verantwortung für die zentralen Angelegenheiten der menschlichen (Re-)Produktionsverhältnisse – für jedermensch nachvollziehbar – der weltgesellschaftlich VORHERRSCHENDE historische Prozess ist. Der Kommunismusgehalt bzw. Grad an kommunistischer Vergemeinschaftsung dieser Prozesse sind nicht zuletzt am Grad ihrer Freiwilligkeit ablesbar .

Die – vom kapitalistischen Hier und Heute ausgehenden – Prozessfortschritte  des staatlichen Gesetzgebens und -hütens in Richtung  Förderung der freien Vergemeinschaftung dürfte von Änderungen der Existenzbedingungen ihrer Akteure abhängen, d.h. zunächst wie es gelingt, Wählerstimmen oder Steuereinnahmen vom sozioökologisch ruinöser Geschäftserfolge (Standortvorteile usw.) zu entkoppeln.

Ruben setzt Gemeinschaft mit Zwang gleich und stellt den Zwangsbeiträge (Steuern) einforderten Staat gegen eine auf privateigentümliche Plusmacherei beruhende Vergesellschaftung (bzw. Gesellschaft).

Überall, wo man Beiträge, zu denen auch die Steuern gehören, bezahlt, ist man Gemeinschaftsmitglied. Als Steuerzahler heißt das Individuum Staatsbürger, dem empfindliche Strafen drohen, wenn es seinen gesetzlich verordneten Anteil am Gemeinvermögen nicht zahlt.

Staat  = Kommunismus? Sozialismus = zur sozialen Vernunft gebrachtes Privateigentum an Produktionsmitteln?  Das exakt scheint Rubens Idee:

Eine Gesellschaft dagegen wird als Vereinigung von Personen gebildet, die im Besitze ihres Vermögens bleiben (einen Verein kann man von einer Vereinigung unterscheiden; vereinen heißt eine Einheit, ein Produkt bilden, vereinigen heißt eine Summe bilden). Die Gesellschaft überhaupt kommt zustande, wenn Personen oder Gemeinschaften – auch in Vertretung durch ihre Repräsentanten – aufeinander treffen, um den Austausch ihrer Produkte zu betreiben. Karl Poppers berühmte Unterscheidung zwischen »offener« und »geschlossener Gesellschaft« hat vernünftigen Sinn, wenn man den Weltmarkt als die offene Gesellschaft schlechthin denkt und geschlossene Gesellschaften nicht – wie es Popper passiert – für Gemeinschaften hält, sondern für das, was im BGB beschrieben ist (GmbH, GbR, Personengesellschaft etc.).

So sind allerdings weder spezifisch kapitalistische, noch spezifisch kommunistische Formen der Vergesellschaftung und deren Probleme zu erfassen. Schon, weil es ohne den modernen „Zwangsvergemeinschaftungsaparat“ Staat keinen fröhlich freedom, democracy and wealth verschenkenden Weltmarkt geben kann.Was, wie wir wissen, in einer sehr verschiedene Weise geschieht, je nachdem, um was für Zwangsvergemeinschaftungsaparate -subjekte, -objekte bzw. -formen es sich konkret handelt. Auch die Regulierung des Marktgeschehen nimmt bzw. nahm in Kolonialstaaten, in deren Nachfolgestaaten, im Nazistaat, im Staat eines Exportweltmeisters oder eines nahezu bankrotten Staat Südeuropas sehr verschiedene Gestalten an.

Und wie kam es zu dieser Art Fassungslosigkeit?

Ruben:

Nach diesem Zwischenschritt in den Überlegungen sei notiert, wie der bolschewistische Kommunismus zum Namen Sozialismus kam: Am 24. Dezember 1918 sandte das ZK der KPR(B) ein Funktelegramm in die Welt, in dem es die Teilnahme an einer Wiederbelebungskonferenz der II. Internationale mit folgender Proklamation ablehnte: »Die Kommunistische Partei Russlands … lehnt die Teilnahme an Konferenzen der Feinde der Arbeiterklasse, die sich mit dem Namen des Sozialismus maskieren, ab …« (s. »Die Weltpartei aus Moskau«, hg. v. W. Hedeler u. A. Vatlin, Dokument 1). Und am 27. oder 28. Dezember 1918 schreibt Lenin an Tschitscherin, Volkskommissar für Äußeres: »… wir stellen auf die Tagesordnung die Frage einer entschiedenen Lossage von dem Namen ›sozialdemokratische‹ und ›sozialistische‹ Partei, die Frage der Bezeichnung als kommunistische Partei.« (Ebd., Dokument 2). Im selben Brief ist für Lenin natürlich klar, daß die KPR(B) mit dem Eintreten für die Rätemacht die sozialistische Revolution betreibe. So haben wir es mit einer Partei zu tun, die es vehement ablehnt, »sozialistische Partei« zu heißen, aber die »sozialistische Revolution« verwirklichen will. Dieser – sanft gesagt – kuriose Wortgebrauch zeigt unmissverständlich das Fehlen sowohl einer Theorie des Kommunismus als auch des Sozialismus an.

Das Berichtete zeigt vor allem, wie bereits am Tag der Vorführung von des Zaren kommunistische Kleider einer Theorie GEWALT angetan wurde nämlich der Theorie der Notwendigkeit einer langen Periode von Übergangsgesellschaften, in denen die historischen Errungenschaften aus den Zeiten der Vorherrschaft kapitalistischer Vergesellschaftungsformen (mit ihren spezifischen Fortschritten und Problemen) nicht negiert sondern auf eine höheren Stufe aufzuheben sind, die es erlaubt, die Probleme privateigentümlich (und national) bornierter Aneignung bzw. Zweckbestimmung in den Griff zu bekommen. Womit aber nun gerade nicht, wie Ruben glaubt, „der Kommunismus“ (die Gemeinschaft) über „den Sozialismus“ (die Gesellschaft) gesiegt hatte.

In Wirklichkeit hatte der „kommunistisch“ ummäntelte „Realsozialismus“ jeglichen Kommunismus als Entwicklungsprozess in Richtung  gemeinsamer Verantwortung zum Teufel geschickt. Folglich auch die Aussicht auf eine Gesellschaftsformation in der der historische Prozess der Vergemeinschaftung sozialer (bzw. ökologischer) Vernunft der gesamtgesellschaftlich vorherrschende Prozesses wäre oder am Ende gar die basale Form des menschlichen Füreinanders. Dass die damalige Kriegsbefürwortung der sozialdemokratischen Seiten dieses historischen Entwicklungspotenzials zu den „realsozialismischen“ Irrtümern nicht wenig beigetragen hatten, muss berücksichtigt werden, entschuldigt aber nichts.

hhh

Anm. Zum Komplex Sozialismus, Vergesellschaftung und Vergemeinschaftung sihe auch meine Auseinandersetzung mit einem Beitrag des Ökosozialisten K.H. Tjaden.

4 Responses to Zu Peter Rubens „K“-Verständnis (2/2)

  1. Es kann allerdings nicht oft und deutlich genug gesagt werden, dass den „Kommunismus“ den (die Art der Vergemeinschaftung, die) wir brauchen, nur ein moderner, das heißt, freiheitlicher, individuelle Entscheidungsfreiheiten innerhalb der gemeinsam bestimmten Grenzen oder auch in Richtung der (Mit-)Bestimmung gemeinsamer Grenzen, Ziele usw. maximierender Kommunismus (die individuellen Entscheidungsfreiheiten maximierende Vergemeinschaftungsproesse) sein kann. Zwangsvergemeinschaftung ist der Tod eines jeden Kommunismus.

  2. hhirschel sagt:

    Eine recht interessante Annäherung an ein sinnvolles „K“ Verständnis, das an die marxschen Vorstellungen anknpft, versucht augenblicklich Werner Goldschmidt. Nachzulesen in dem Online gestellten Beitrag der aktuellen Auswgabe der Zeitschrift Z.Zeitschrift marxistische Erneuerung ‘Kommunismus’ – ein falsch verstandener Begriff? Überlegungen zur Dialektik von Individualität und Kollektivität bei Marx

    Eine ausführichere Würdigung soll demnächst folgen.

  3. Habe heute der leichteren Lesbarkeit bzw. besseren Klarheit wegen kleinere Korrekturen vorgenommen.

  4. In seiner Reihe Philosophiosche Gespräche“ hat Helle Panke e.V. inzwischen in Heft 36: Texte von Peter Ruben herausgegeben, die auf seinem Vortrag zu der Festveranstaltung anlässlich seines 80. Geburtstages beruhen. Das Heft kosten 3 Euro und kann bei der Hellen Panke bestellt werden. http://www.helle-panke.de/topic/158.publikationen.html?productId=65207

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