Das Anthropozän gestalten!

Zur Machbarkeit planetarischer Vernunft

Ein erster Einblick in das Projekt, an dem ich gerade arbeite.  Ich hoffe, damit in nicht allzu fernen Zukunft eine brauchbare Handreichung für alle vorlegen zu können, die meinen, dass die Parole „System change instead of Climate change“ über das Stadium einer linksidentitären Provokation hinaus gelangen sollte, dies aber eine etwas nähere Auseinandersetzung mit der Frage erfordert, wie vermieden werden kann, dass aus einem Gutgemeint erneut ein Schlechtgelaufen wird. Kritik, Ideen, Fragen aller Art herzlichst erwünscht.  Benötigt wird beizeiten auch Hilfe bei der Übersetzung ins Englische.

Worum geht es?

Dieses Buch soll ermutigen, über das Ende der Geschichte kapitalistischer Vernunft hinaus zu denken und einen offenen Diskurs über Notwendigkeit, Realisierungs- und Rationalitätsbedingungen eines organisierten Übergangs zu „öko-kommunistisch“1 bestimmten Produktionsbedingungen zu wagen.

Warum?

Die menschliche Gestaltungskraft ist zum prägenden Faktor des biologi­schen, geologischen und atmo­sphärischen Geschehens auf der Erde ge­worden. In den Geowissenschaften wird diskutiert, diese Ver­änderungen als eine neue Periode der Erdgeschichte zu verstehen, das Anthropozän, das Erdzeitalter des Menschen. Das ist keine frohe Botschaft, die vom Sieg menschlicher Vernunft über die zivilisationsge­fährdende Gewalt eines unbe­herrschten Naturzustands kündet. Die gesellschaftli­chen Mechanismen, die dem vernunftbegabten Wesen eine solche Wirkmacht be­schert haben, treten den han­delnden Individuen und deren Institutionen im Gegenteil als eine ihnen fremde Naturgewalt gegenüber, die sie unterjocht, statt von ihnen beherrscht zu werden.2

Marx vor nunmehr über 150 Jahren formulierte Zustandsbeschrei­bung scheint verblüffend aktuell.

„Die soziale Macht, d.h. die vervielfachte Pro­duktionskraft, die durch das in der Teilung der Arbeit bedingte Zusammen­wirken der verschiedenen Individuen entsteht, erscheint diesen Individuen, weil das Zusammenwirken selbst nicht freiwillig, sondern naturwüchsig ist, nicht als ihre eig­ne, vereinte Macht, sondern als eine fremde, außer ihnen stehende Gewalt, von der sie nicht wissen wo­her und wohin, die sie also nicht mehr beherrschen können, die im Gegenteil nun eine eigentümliche, vom Wollen und Laufen der Menschen unabhängige, ja dies Wollen und Laufen erst dirigierende Rei­henfolge von Phasen und Entwicklungsstufen durchläuft.“3

Wir erleben heute eine bedrohliche Zuspitzung dieses paradoxen Zustands. Die inzwischen weltweit interagierenden Subjekte des anthropogenen Zusammenwirkens, Individuen, Institutionen oder Assoziationen, verfügen über eine schier unendlich erscheinende Vielfalt an Möglichkeiten, vernunftgeleitete Entscheidungen zu treffen. Ihre „kombinierte Produktivkraft“ konnten sie dabei ins Unermessliche steigern. Moderne Wissenschaft und Demokratie erlauben Aufklärung auch über die Kehrseiten unserer menschlichen Siege über die Natur. Doch ungeachtet all unserer Kenntnisse über das Zerstörungsvermögen, das ein nahezu ungebremstes Wachstum menschlicher Kraft und Herrlichkeit bis heute akkumuliert hat, scheint es nach wie vor ein Ding der Unmöglichkeit, das anthropogene Zusammenwirken insgesamt nach Maßgaben sozialer oder ökologischer Vernunft zu gestalten. Unser globalisiertes Zusammenwirken ist uns immer noch nicht zur „eig­nen, vereinte Macht“ geworden. Mensch und Natur bleiben den stets bedrohlicheren Launen der Naturgewalt ausgesetzt, als die sich ihr eigenes Zusammenspiel gestaltet.

In diesem Zustand taumelt das menschliche „Laufen und Wollen“ in die geologische Menschenzeit. Mit welcher Perspektive? Was könnte Wege in ein soziales Zeitalter der menschheitlichen Selbstbeherrschung ebnen? Hilft der Rückgriff auf Marx Vision einer Menschheit, die es den weltweit interagierenden Individuen, Gruppierungen und Institutionen gestattet, ihren „Stoffwechsel mit der Na­tur rationell re­geln, unter ihre gemeinschaftliche Kontrolle bringen, statt von ihm als von einer blinden Macht beherrscht zu werden; ihn mit dem geringsten Kraftauf­wand und unter den ihrer menschlichen Natur würdigsten und adäquatesten Bedingungen vollziehn4?

Als jemand, der sich seit den Zeiten seines politischen Erwachsenwerdens in den 1970er Jahren für die ökologischen Dimensio­nen des Menschseins interessiert und sich insbesondere nach Nutzung des zweiten Bildungswegs und Aufnahme seines Studiums der Soziologie in den 1980er Jahren, immer wieder intensiv mit dem Marx-Engels Werk auseinanderset­zen konnte, überrascht mich der akute Gebrauchswert der vor nunmehr über 150 Jahren formulierten Perspektive nicht.

Marx Bemerkung war kei­neswegs das zufällige Ergebnis einer idealisti­schen Schöngeisterei, die sich kunstvoll um das eigene Wunschdenken rankt. Das Metier des Forscherges­panns Marx und Engels waren die materiellen, das heißt, die durch bloße Denk­arbeit nicht ohne Weite­res veränderbaren Bedingungen des anthropogenen Tuns und Lassens. Ihr Interesse galt den grundlegenden Funktion und zeitgenössischen Problemen kapitalistischer Produktionsbedingungen, und es richtete sich insbesondere auf die darin angelegten Bedingungen ihrer „Negation“, d.h. sie fragen, was die Entwicklung des Kapitalismus an einen Punkt bringen könnte, an dem es maßgeblichen Teilen der Gesellschaft weltweit notwendig, denk- und auch machbar erscheinen könnte, zu einer Organisation des gesellschaftlichen Zusammenwirkens überzugehen, die es ihnen erlaubte, die Produktionsbedingungen unter ihre gemeinschaftliche Kontrolle zu bringen. Das unterscheidet das marx-engelssche Herangehen von der verbreiteten Vorstellung einer vom richtigen oder falschen Denken gelenkten Geschichte von der im Verlaufe dieser Arbeit noch öfter zu reden sein wird. Von Marx (und Engels5) lernen heißt aus meiner Sicht, zu erkennen, dass sich Vor­stellungen darüber, was ein gutes, menschliches oder ökologisch korrektes Leben sein soll (was dafür zu tun wäre oder auch, was die Richtigkeit dieser Vorstellun­gen zeigt) nicht zum Zeitgeist avancieren können, ohne dass sie sich als ein probates Mittel der Unterordnung unter die ökonomischen Handlungsnot­wendigkeiten und -erwartungen erweisen, wie sie aus den his­torisch jeweils vorherrschenden Formen der Arbeitstei­lung und der in dem Rahmen entwickelten Produktivkräfte unwillkürlich hervorgehen.

„Die Menschen sind die Produzenten ihrer Vorstellungen, Ideen pp., aber die wirklichen, wirkenden Men­schen, wie sie bedingt sind durch eine be­stimmte Entwicklung ihrer Produktivkräfte und des denselben entsprechen­den Verkehrs bis zu seinen weitesten Formationen hinauf. Das Bewußtsein kann nie etwas Andres sein als das bewußte Sein, und das Sein der Men­schen ist ihr wirklicher Lebensprozeß.6

Die epochalen Unterschiede in der Art, wie sich diese Lebensprozesse jeweils gestalten, bildeten sich nach Marx bisher urwüchsig und auf die Menschheitsentwicklung als Ganzes bezogen ziellos, aber keineswegs zufällig. Am Ende verlangte der in einer Epoche er­reichte Grad der Produktivkraftentwicklung, das heißt, das in den zeitgenös­sischen Produktions- Transport- und Vergesell­schaftungstechniken, im Know How der Produktionsagenten usw. angelegte Produktions- und Aneignungsvermögen, die Art, wie, wo, von und für wen dieses Potenzial eingesetzt und weiter entwickelt wird. Diese „Produktionsverhältnisse“ bilden wiederum die Grundlage der gesellschaftlichen Organisation und mit ihr auch ihr Selbstverständnis. Die in der Menschheitsgeschichte jeweils vorherrschenden Produktionsbedingungen unterscheiden sich im Wesentlichen im Ausmaß und in der Art der Arbeitsteilung, das heißt, inwie­weit und wie in der jeweiligen Epoche Produktion und Transport, Organisati­on, Für- und Vorsorge, Wissenser- und -vermittlung, Ideenproduktion und -an­wendung, notwendi­ge Schutzmaßnahmen usw. geteilt und auf welcher Grundlage dabei über das Recht und das tatsächliche Vermögen entschieden wird, sich das dabei Produzierte anzueignen. Wer also ein anderes Denken über gesellschaftlich notwendige Ziele, Prioritäten usw. etabliert sehen möchte, sollte nach den materiellen Voraussetzungen der Möglichkeit schauen, Formen der gesellschaftlichen Arbeitsteilung zu etablieren, die das gewünschte Denken verlangen bzw. das Erdachte tatsächlich Wirklichkeit werden zu lassen. Vereinfacht gesagt:

„Steht es den Menschen frei, diese oder jene Gesellschaftsform zu wählen? Kei­neswegs. Setzen Sie einen bestimmten Entwick­lungsstand der Produktiv­kräfte der Menschen voraus, und Sie erhalten eine bestimmte Form des Ver­kehrs [commerce] und der Konsumtion. Setzen Sie bestimmte Stufen der Entwicklung der Produktion, des Verkehrs und der Konsumtion voraus, und Sie erhalten eine entsprechende soziale Ordnung, eine entsprechende Or­ganisation der Familie, der Stände oder der Klassen, mit einem Wort, eine entspre­chende Gesellschaft [société civile]. Setzen Sie eine solche Gesell­schaft voraus, und Sie erhalten eine entsprechende politische Ordnung [état politique], die nur der offizielle Ausdruck der Gesellschaft ist.“7 Vereinfacht gesagt: „Die Handmühle ergibt eine Gesellschaft mit Feudalherren, die Dampfmühle eine Gesellschaft mit industriellen Kapitalisten.“„

Ergeben heute also Digitalisierung, Internet und Nutzung regenerativer Energiequellen eine Gesellschaft mit „öko-kommunistisch“ interagierenden Weltbürger*in­nen, die ihren planetarischen Stoffwechsel untereinander und mit der sie umgebenden Natur auf Grundlage weltge­meinschaftlich erarbeiteter und verfolgter Ziele und Standards organisieren? Selbstredend verspricht das vereinfacht Gesagte keinen Automatismus. Notwendigkeit, Vernunft und Erfolgsbedingungen einer solchen Perspektive können ebenso wenig aus Theorien abgeleitet werden, wie aus guten Ab­sichten oder fixen Menschenbildern. Was Marx als universal gelehrter Wissenschaftler, Theoretiker, Journalist und politischer Organisator über die Funktionsweisen, Probleme und Entwicklungsmöglichkeiten kapitalistischer Produktions- bzw. Austauschbeziehungen und über darin angelegte Bedingungen der Möglichkeit, sie am Ende Geschichte werden zu lassen, herausfand, kann helfen, in einer erkenntnisproduktiven Weise Grundlagen und Entwicklungsbedingungen gesellschaftlicher Perspektiven zu ergründen, kann deren Ergebnisse aber nicht vorwegnehmen.

„Da, wo die Spekulation aufhört, beim wirklichen Leben, beginnt also die wirkliche, positive Wissenschaft, die Darstellung der praktischen Betätigung, des praktischen Entwicklungsprozesses der Men­schen. Die Phrasen vom Bewusstsein hören auf, wirkliches Wissen muss an ihre Stelle treten.“8

Die Richtigkeit von Hypothesen, Prognosen, Kritik usw. muss anhand von empirisch erfassten Daten oder von Funktionsanalysen der gegebenen bzw. erwartbaren Interaktionsbedingungen belegt bzw. plausibel erklärt und gegen Kritik argumentativ verteidigt werden können. Marx wird das Wissen nicht liefern, das uns verraten könnte, ob die Menschheit tatsächlich einmal im Begehren vereint sein wird, ihren Stoffwechsel mit der Na­tur „unter den ihrer menschlichen Natur adäquatesten Bedingungen vollziehn“ zu können und ob sie jemals zu der Erkenntnis gelangen wird, dass sie ihr planetarisches Wirken „unter ihre gemeinschaftliche Kontrolle bringen“ müsste, wenn das keine Utopie bleiben soll. 

Ohne Weiteres ist dieses Wissen derzeit aber auch dem wirklichen Leben nicht zu entlocken. Da Machbarkeit und Vernunft einer solchen Perspektive nicht a priori zu „falsifizieren“ sind, scheint manchen auch jede sozialwissenschaftliche Bearbeitung dieser Frage dazu verdammt, im Spekulativen zu verharren. Dass zukünftige Ereignisse mittels wissenschaftlicher Ergründung notwendiger Voraussetzungen, Möglichkeit oder Wahrscheinlichkeiten ihres Eintreffens nicht annähernd so zuverlässig und präzise vorhergesagt werden können, wie schnöde Wahrsagerei es mit Leichtigkeit aus einem Kaffeesatz herauszulesen verspricht, beweist allerdings nicht, dass auf Zukunftsfragen gerichtete Gesellschaftswissenschaft von vornherein nichts als Ideologie hervorbringen kann. Um mehr als nur halbwegs plausibel klingende Einschätzungen über vielleicht wünschenswerte Entwicklungsperspektiven hervorbringen zu können, müssen wir selbstredend etwas anders fragen. Zwar kann in der Tat keine Wissenschaft der Welt voraussagen, ob und wenn ja, wann die Völker der Welt zu der Einsicht gelangen werden, dass sie ihren planetarischen Stoffaustausch unter ihre gemeinschaftliche Kontrolle zu bringen haben, wenn es ihnen tatsächlich gelingen soll, die Naturgewalt, als die ihr kapitalistisches Wollen und Tun zum prägenden Faktor des biologi­schen, geologischen und atmo­sphärischen Geschehens auf der Erde geworden ist, zur planetarischen Vernunft zu bringen.

Durchaus verorten lassen sich aber Grundlagen, Entwicklungsbedingungen und mögliche Verlaufsformen gesellschaftlicher Problemlagen, die die Herausbildung einer entsprechend einsichtigen Menschheit nicht nur notwendig, sondern unter Umständen auch möglich machen können. Dafür wäre beispielsweise herauszuarbeiten, mit welchen wann und wo zu ergreifenden Maßnahmen, (die welche und wessen Anstrengungen und Ressourcen stofflicher und finanzieller Natur bedürfen), es mit welcher Wahrscheinlichkeit möglich gemacht werden kann, allein die in den Dokumenten und Programmen der Vereinten Nationen bereits als zu lösende Menschheitsprobleme anerkannten Herausforderungen zu bewältigen. Das wären etwa Maßnahmen, mit denen es tatsächlich gelingen könnte, positive Rückkopplungseffekte im Erdklimasystem und damit eine sich selbst verstärkende Beschleunigung der Erderwärmung zu vermeiden. Gleiches lässt sich zu Bemühungen sagen, den Verlust an biologischer Vielfalt, Bodenfruchtbarkeit, Fischreichtum, Wäldern usw. zu stoppen oder einen menschenwürdigen Umgang mit den Problemen derjenigen zu finden, sich vom kapitalismusgetriebenen Fortschritt – oft einhergehend mit politischer oder militärische Gewalt – um ihre gewohnten Existenzbedingungen gebracht sehen und deren Schicksale sich in in Statistiken und und Berichten über Massenmigration, Landflucht, unkontrolliert wachsende Elendsquartiere, Erwerbsarbeitslosigkeit, Hunger und Hungerlöhne einordnen. Es wären die bereits in Erscheinung tretenden und die noch zu erwartende Hemmnisse und Zielkonflikte herauszuarbeiten, die das Erreichen vereinbarter Ziele schwer oder unmöglich machen können, und es müsste nach Möglichkeiten geschaut werden, diese zu überwinden. Es wäre herauszuarbeiten, welche Art und welches Maß an Entwicklungsgerechtigkeit und Demokratisierung die Erreichbarkeit der als notwendig erkannten Ziele verlangt. Müssen neue Formen der demokratischen Teilhabe gefunden werden, damit das als Teil des Problems erkannte Wollen und Tun mehr Teil der Problemlösung werden kann? Braucht es neue Formen der Konfliktbewältigung, damit die Ressourcen, die die Anwendung und Androhung militärischer Gewalt gegenwärtig weltweit verschlingen, eingespart und dafür eingesetzt werden können, all diese Herausforderungen zu meistern?

Wissenschaftlich fundierte Antworten auf diese Fragen könnten helfen, zu entsprechend zweck- oder sachgerechten (und insofern rationalen1) Entscheidungen über Arten und Reihenfolgen der jeweils zu erreichenden Ziele, der dafür zu erledigenden Zwischenschritte, der zu ergreifenden Maßnahmen und zu etablierenden Regeln bzw. Formen der Setzung von Forschungsprioritäten, Entscheidungsfindung, Kommunikation, Arbeitsteilung oder Ressourcenallokation zu kommen. Je mehr Klarheit über das geschaffen werden kann, was an gesellschaftlichen Zielen auf welche Weise zu erreichen ist, desto eher gelingt ein entsprechend emanzipationsproduktiver Blick auf das Problemlösungspotenzial der Bewegungen, Institutionen, Prozesse, Vorstellungen, Forderungen, Vorhaben, Bemühungen, usw. die bereits in Richtung des als notwendig Erkannten unterwegs sind oder sich unter Umständen in diese Richtung bewegen ließen. Die große Frage wäre dann, wie die Lücke geschlossen werden kann, die sich dem forschenden Blick dabei offenbaren dürfte zwischen dem, was den bisherigen Analysen gemäß unbedingt zu erreichen, und dem, was den Subjekten des realen Geschehens auf absehbarer Zeit in diese Richtung tatsächlich möglich ist.

Die noch viel größere Frage scheint aber zu sein, was geschähe, wenn die so ermittelte Faktenlage tatsächlich nur noch den einen Schluss zuließe: Höchste Zeit, dass die Völker der Welt ihr Zusammenwirken jetzt auf eine Weise organisieren, die es den globalisierten Individuen (Assoziationen und Institutionen) gestattete, die geologische Menschenzeit zur weltgemeinschaftlich gestalteten Epoche der organisierten Mitmenschlichkeit und ökologischen Vernunft zu machen. Sollte nicht Wissenschaft der Gesellschaft erlauben, sachgerechte Diskurse über die Notwendigkeit, Vernunft und Erreichbarkeit auch solcher Ziele zu ermöglichen, die gegenwärtig als Utopie und folglich nicht der Rede Wert gelten, weil das wirkliche Leben bisher wenig Veranlassung oder Gelegenheit geboten hat, über diese Ziele auch nur nachzudenken? Die Erfahrung zeigt allerdings, dass mit dem bloßen In-der-Welt-Sein wissenschaftlich gewonnener Einsichten keineswegs die gesellschaftlichen Voraussetzungen dieser Möglichkeit geschaffen sind. Tatsächlich stellt sich also die Frage, ob das Erforschen der „wirklichen Voraussetzungen“ der Machbarkeit planetarischer Vernunft, „von denen man nur in der Einbildung abstrahieren kann“ nicht vergebliche Liebesmüh bleiben muss, solange „die wirklichen Individuen, ihre Aktion und ihre materiellen Lebensbedingungen2 nicht bereits als eine vernunftbegabte Einheit funktionieren.

Dass und warum das gegenwärtige Kapitalistischsein nahezu alles Menschlichen (insbesondere auch das der menschlichen Fähigkeit zum vernunftgeleiteten Handeln1) die weltweit zusammenwirkenden „wirklichen Individuen“ (Assoziationen und Institutionen) davor bewahrt, ihr globalisiertes Wollen und Tun mit einem gemeinschaftlich verantworteten planetarischen Problembewusstsein (und den dazu gehörigen planetarischen Problemlösungskonzepten) auszustatten, werden wir hier in der gebotenen Sorgfalt behandeln. Dabei wird sich allerdings nicht nur zeigen, warum das dabei zu vergegenwärtigte Wissen um die strukturellen Grundlagen des gegenwärtigen Ausbleibens einer massenhaften Nachfrage nach eben diesem Wissen, diese fehlende Nachfrage nicht einfach schaffen kann. Wir werden auch sehen, zu welchen Fehlschlüssen diese ernüchternde Einsicht verleiteten kann, wenn außer Acht gelassen ist, dass wie alles „Sein“ auch das Kapitalistischsein der ökonomischen Grundstruktur auf deren Basis gegenwärtig Entscheidungen herbeizuführen, zu treffen, zu überdenken und gegebenenfalls zu verwerfen und daraus Schlüsse für künftige Entscheidungsprozesse zu ziehen sind, in Wirklichkeit ein beständiges Werden und Vergehens historischer Kräfte, Interessen, Regeln, Zwänge, Erwartungen, Werturteile, Erfahrungen, Gewohnheiten, Möglichkeiten, Erkenntnisse oder auch Spekulationen oft gegensätzlicher Natur sind. Und wir werden sehen, dass das insbesondere auch für die marxsche Erkenntnis gilt, dass die kapitalistischen Verhältnisse ohne Weiteres kein „massenhaftes kommunistisches Bewusstsein“2 hervorbringen, sondern dass „sowohl zur massenhaften Erzeugung dieses kommunistischen Bewußtseins wie zur Durchsetzung der Sache selbst eine massenhafte Veränderung der Menschen nötig ist, die nur in einer praktischen Bewegung, in einer Revolution vor sich gehen kann“. 3

Wer die marxschen Worte nicht als eine Momentaufnahme behandelt, deren Bedeutung und Bedeutungsgeschichte, Plausibilität und Plausibilitätsbedingungen und nicht zuletzt auch deren tatsächliche Wirkungsgeschichte und aktuelle Relevanz auf den Prüfstand gehören, sondern glaubt, darin die überhistorisch gültige Möglichkeitsbedingung einer postkapitalistischen Alternative entdeckt zu haben, neigt naturgemäß zur Mystifizierung „kommunistischer Revolutionen“ und deren Voraussetzungen und möglichen Folgen. Dies zeigt sich etwa in einer dem bekennenden „Anti-Kapitalismus“ eigentümlichen Leidenschaft, mit oder auch ohne direkten Verweis auf Marx Worte Menschen (Assoziationen oder Institutionen), die sich im Rahmen des kapitalistisch Möglichen für Mitmenschlichkeit und ökologische Vernunft einsetzen, vor Illusionen in „das System“ (des Kapitalismus) zu warnen. Da der Kapitalismus nun einmal, wie es in dem Kontext meist heißt, „nicht reformierbar“ sei, müsse nicht nur jeder Versuch scheitern, im Rahmen des kapitalistisch Machbaren zu einem befriedigenden Maß an Mitmenschlichkeit und ökologischer Vernunft zu kommen. Darüber hinaus würde jeder Versuch, mit Hilfe politischer Maßnahmen und Reformen zu diesbezüglichen Fortschritten zu kommen, das eigene Integriertsein in das System der Unmenschlichkeit und ökologischen Unvernunft nur noch weiter festigen. Als praktische (und damit auch geistig-moralische und entsprechend emotionale) Konsequenz bliebe deshalb allein: Schluss mit den korrumpierenden Reformversuchen! Desintegration! Revolution! Aufbau einer vom Kapitalistischsein befreiten Gesellschaft! Alles andere ist Magerquark, sprich illusionär.

Wir werden uns mit diesen Formen des Anti-Kapitalismus eingehend zu beschäftigen haben und dabei sehen, wie ein solches Herangehen das Problem, dessen einzige Lösung es zu sein verspricht, tatsächlich noch vergrößert. Wir sehen, wie die marxsche Einsicht in die Notwendigkeit einer massenhaften Revolution gegen das kapitalistische „Sein“ mitsamt der davon erwarteten massenhaften Befähigung zur Begründung einer „kommunistischen“ Perspektive zur fixen Idee gerinnt, wo das kapitalistische „Sein“ nicht als ein beständiges Werden und Vergehen der in der kapitalistischen Grundstruktur angelegten Interaktionsbedingungen, Kräfte und Perspektiven gesehen und nicht untersucht wird, welche Kräfte und Perspektiven einer kollektiven Selbstbefreiung sich innerhalb dessen unter welchen Bedingungen und mit welchen (wie möglicherweise zu überwindenden) Widersprüchen behaftet ausbilden – lassen. Anhand einschlägiger Beispiele werden wir nachvollziehen, wie der Verzicht auf die wissenschaftliche Ergründung notwendiger Voraussetzungen und möglicher Formen und Ergebnisse der erwarteten Revolution unwillkürlich dazu führt, dass ein zur fixen Idee geronnener Revolutionarismus die Regie über das anti-kapitalistische Forschungsinteresse übernimmt und gebieterisch nach allem verlangt, das die Unmöglichkeit zu beweisen scheint, auf Grundlage des kapitalistischen „Seins“ zu substanziellen Fortschritten in Richtung des als notwendig erkannten Maßes an Mitmenschlichkeit und ökologischer Vernunft zu kommen. Dass dies nicht selten die wissenschaftliche Korrektheit des Bemühens und seiner Ergebnisse infrage stellt, lässt sich denken.

Bei näherer Betrachtung offenbart sich uns gar, wie selbst wissenschaftlich korrekte Einsichten in tatsächlich geschehene oder sich wirklich abzeichnende Verelendungsprozesse, Ungerechtigkeiten, Großrisiken und sonstiger Übelstände, und wirklich wirklichkeitsgetreue Darstellungen systemischer Hindernisse der Möglichkeit, das kapitalismusbedingte Elend auch nur zu lindern, unwillkürlich in die Irre führen, wenn erst die Idee regiert, dass die historische Möglichkeit und prinzipielle Vernünftigkeit der als notwendig erachteten Revolution prinzipiell jederzeit gegeben und die Bereitschaft zum anti-kapitalistischen Revolutionieren einzig davon abhängt, inwieweit es den bereits um dessen Notwendigkeit Wissenden gelingt, die dahingehend noch Unwissenden über die Alternativlosigkeit des anti-kapitalistischen Weltaufstandes aufzuklären.

Es fragt sich dann, was zu tun ist, wenn Aufklärung doch „der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“1 ist. Die mit „materialistischem“ Spürsinn aufgedeckten Wahrheiten über das Gefesseltsein nahezu alles Menschlichen an die kapitalistischen Bedingungen des Zurechtkommens, Vernünftigseins, Erfolgreichseins usw. offenbaren, dass der analysierte Zustand der „Unmündigkeit“ von struktureller Natur also „unverschuldet“ ist? Gegenstand der „anti-kapitalistischen“ Aufklärung ist schließlich der Ausgang aus der unverschuldeten (!) Undenkbarkeit eines „kommunistisch“ verantworteten Zusammenwirkens, der Marx zufolge allein durch eine „massenhafte Selbstveränderung der Menschen in einer praktischen Bewegung, einer Revolution2 möglich ist.

Eine konsequent „materialistische“ Analyse verlangte eigentlich einen prüfenden Blick auf die historischen Bedingungen und wirkliche Anzeichen des Heranreifens einer historischen Situation, in der die Völker der Welt tatsächlich bereit und in der Lage wären, gegen die kapitalistische Natur ihres Zusammenwirkens zu revolutionieren (und dabei möglicherweise eine kommunistische Perspektive zu entwickeln). Wir werden nun sehen, wie die Enthistorisierung des „materialistischen“ Blicks auf das kapitalistische Elend zur Grundlage einer zunehmend „idealistischen“ Aufklärungsperspektive wird. Unwillkürlich taucht die Frage auf, inwieweit das systemische Integriertsein in die kapitalistischen Interaktionsbedingungen tatsächlich so unverschuldet und nicht doch ein wenig selbstverschuldet ist. „Naturalisiert“ nicht in Wirklichkeit den Kapitalismus und macht vergessen, dass Menschen ihn einst etabliert hatten und er deshalb auch durch die menschliche Tat zu überwinden sein wird, wer immer nur wiederholt, dass die anthropogene Kraft und Herrlichkeit oder wie Marx es formulierte, „die soziale Macht, d.h. die vervielfachte Pro­duktionskraft, die durch das in der Teilung der Arbeit bedingte Zusammen­wirken der verschiedenen Individuen entsteht“ den kapitalistisch interagierenden Individuen, da die Arbeitsteilung nicht freiwillig auf der Basis gemeinsam verantworteter Ziele geschieht, „nicht als ihre eig­ne, vereinte Macht, sondern als eine fremde, außer ihnen stehende Gewalt“ gegenüber tritt? Und verleugnen nicht auch diejenigen Marxistinnen und Marxisten das der menschlichen Natur eigentümliche Gestaltungsvermögen, die den Warenwert als „automatisches Subjekt“ identifizieren, das anstelle bewusst gesteckter und gemeinsam zu verantwortender Ziele das kapitalistische Zusammenwirken bestimmt?

Außerdem: Verwandeln kleinere Erfolge im politischen Ringen um Linderung des kapitalistischen Elends nicht tatsächlich das eigentlich unverschuldete in ein aktiv bejahtes, und insofern mitverschuldetes Integriertsein in die unbeherrschte Naturgewalt, als die sich den weltweit kapitalistisch interagierenden Individuen (Assoziationen und Institutionen) das System ihres Zusammenwirkens darstellt?

Sicher lässt sich zeigen, wie unerbittlich die in der kapitalistischen Gesellschaft geltenden Regeln, Institutionen, Erwartungen, Gewohnheiten, Zwänge oder Freiheiten die ganze Variationsbreite des menschlichen Wollens und Tuns mitsamt all ihrer guten oder auch weniger guten Absichten, Fähigkeiten oder Bedürfnisse zu Mitteln der Reproduktion ihrer kapitalistischen Grundlage machen: Kapitalismus ist, wo der gesellschaftliche Bedarf an Dingen oder Handlungsoptionen, die das menschliche Wollen und Tun möglich machen und bereichern, weitgehend unter der Regie von Privatunternehmen geschieht, die das Begehrte als Waren her- und bereitstellen. Waren sind nicht nur Träger von gesellschaftlichen Gebrauchswerten. Da Kapitalismus nicht heißt, den gesellschaftlichen Bedarf an Gebrauchswerten, auf der Grundlage freiwillig eingegangener Verpflichtungen gemeinsam zu ergründen, und die Her- und Bereitstellung der dafür notwendigen Dinge oder Handlungsoptionen auf eine gemeinsam verabredete und zu verantwortende Art zu ergründen, zu bedenken, zu planen, zu entscheiden, schließlich zu erledigen und Lehren aus dem Erreichten zu ziehen, ist die Frage: Wie gelangen die unter privater Regie produzierten Träger des nachgefragten Nutzpotenzials in die Händen derer, die ihrer bedürfen aber selbst nicht die Möglichkeit haben, sie mit anderen gemeinsam zu produzieren? Die kapitalistische Antwort ist, dass die Bedürftigen den Warenanbietern eine gleichwertige Ware zum Tausch bieten, an deren Gebrauchswert die Waren anbietenden Unternehmen interessiert sind.

Fortsetzung folgt.

Die Fußnoten sind hier durcheinander geraten.

1„Die Voraussetzungen, mit denen wir beginnen, sind keine willkürlichen, keine Dogmen, es sind wirkliche Voraussetzungen, von denen man nur in der Einbildung abstrahieren kann. Es sind die wirklichen Individuen, ihre Aktion und ihre materiellen Lebensbedingungen, sowohl die vorgefundenen wie die durch ihre eigne Aktion erzeugten. Diese Voraussetzungen sind also auf rein empirischem Wege konstatierbar.“ Marx/Engels: Die deutsche Ideologie; MEW Bd. 3, S. 20

2Siehe …

3Marx

4 Marx/Engels: Die deutsche Ideologie, MEW Bd. 3, S. 70

5 Marx/Engels: Manifest der kommunistischen Partei, MEW Bd. 4, S. 465

6Siehe

1Diejenigen meiner Mitmenschen, die aus, wie ich finde und noch näher ausführen werde, durchaus verständlichen Gründen eine so große Abneigung gegen alles empfinden, das auch nur im Entferntesten nach einem Reaktivierungsversuch „des Kommunismus “ ausschauen könnte, mögen das Wörtchen „öko-kommunistisch“ an dieser Stelle durch „weltgemeinschaftlich“ ersetzen. Zu meiner Entscheidung, Marx Perspektive einer gemeinschaftlichen Kontrolle des anthropogenen Stoffaustausches als die eines „öko-kommunistisch bestimmten“ Gestaltung des Anthropozäns vorzustellen, siehe .

2 Vergl. Marx/Engels: Die deutsche Ideologie. MEW Bd. 3, S. 33

3 Marx/Engels: Die deutsche Ideologie, MEW Bd. 3, S. 34

Marx/Engels: Manifest der kommunistischen Partei, MEW Bd. 4, S. 465

4 Marx: Das Kapital, MEW Bd. 25, S. 828

5Siehe …

6„Die Voraussetzungen, mit denen wir beginnen, sind keine willkürlichen, keine Dogmen, es sind wirkliche Voraussetzungen, von denen man nur in der Einbildung abstrahieren kann. Es sind die wirklichen Individuen, ihre Aktion und ihre materiellen Lebensbedingungen, sowohl die vorgefundenen wie die durch ihre eigne Aktion erzeugten. Diese Voraussetzungen sind also auf rein empirischem Wege konstatierbar.“ Marx/Engels: Die deutsche Ideologie; MEW Bd. 3, S. 20

7Siehe …

8Marx

9 Marx/Engels: Die deutsche Ideologie, MEW Bd. 3, S. 70

13 Marx: Zur Kritik der politischen Ökonomie, MEW Bd. 13, S. 9

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