Wahrheit statt Kommunismus? Zu Carolin Amlingers „verkehrte Wahrheit“

Die von der Soziologin und Philosophin Carolin Amlinger verfassten Reflexionen über Die verkehrte Wahrheit hatte meine Neugierde geweckt. Das 2014 in der Edition LAIKAtheorie erschienene Buch verspricht Erhellendes „zum Verhältnis von Ideologie und Wahrheit bei Marx/Engels, Lukács, Adorno/Horkheimer, Althusser und Žižek„. Allein der Buchdeckel, hell, abwaschbar, doch mit griffiger Oberflächenstruktur, macht, dass man das Buch gern in die Hand nimmt. Durch jeweils nach innen geknickte Enden lässt sich der Buchdeckel von vorn wie von hinten als Lesezeichen verwenden. Das alles signalisiert den Willen des Verlags, Lesevergnügen zu bereiten.

Den nach innen geklappten „Lesezeichenenden“ lassen sich der Anlass der Mühe entnehmen:

Slavoj Žižek und Allain Badiou setzen der [im postmodernen Diskurs] postulierten Unmöglichkeit von Sinn im sozialen System positiv das Fundament der Wahrheit entgegen.“

Damit kommt es nach Meinung der Autorin „zur Renaissance von zwei Begriffen, die in der Philosophie des 21. Jahrhunderts  bislang nur noch rudimentär eine Rolle spielten: Ideologie und Wahrheit“.

Oh! Die Vorstellung, mich durch eine beinahe 200 Seiten starke Suche nach Ideologie und Wahrheit an und für sich, einem entsprechend korrekten Ideologie- und Wahrheitsbegriff usw. beißen zu müssen, dämpfte zunächst einmal meinen Frohgemut.

Von Slavoj Žižek und Allain Badiou hatte ich unlängst Beiträge in einer Anthologie über Demokratie geschmökert, die ich aus folgendem Grund wenig erkenntnisleitend fand: Die realen Abhängigkeitsverhältnisse derer, die notgedrungen als Wirtschaftssubjekte miteinander interagieren, fanden wenig Beachtung. So philosophierten sich die Autoren durch kapitalistische Seltsamkeiten. Sie können sich die Widersprüche zwischen Meinungen und Handeln nicht erklären, weil sie ihren Blick nicht wirklich auf die materiellen Verhältnisse werfen. Statt über eine intelligente Reformpolitik nachzudenken, die auch die Abhängigkeiten von gesamtgesellschaftlich bzw. ökologisch irrationalen Handlungszwängen angeht, soll Ideologiekritik das „unerklärliche“ Abfinden mit der kapitalistischen Ordnung erklären.

Wo bleibt der kommunistissche Horizont?

Meine bange Frage zu Beginn dieses Leseaberteuers war deshalb, ob es mir mit Amlingers Buch genau so gehen wird. Das muss ich am Ende tatsächlich bejahen. Umsonst war’s dennoch nicht. Das Werk bietet einen guten Einblick in das Bemühen der von ihr untersuchten Autoren, die (kapitalistischen) Grundlagen falscher Vorstellungen zu erfassen. Beeindruckende vierzehneinhalb Seiten umfasst die Literaturliste. Tatsächlich stellte sich schnell heraus, dass die Lektüre notwendiges, aktuelles und  weitgehend verlässliches Wissen über die Stärken und vor allem die Schwächen der Ideologiekritik seit Marx vermittelt. Für mein Anliegen, das ist an Marx/Engels öko-humanistischen Kommunismus anknüpfend zu begründen, warum es höchste Zeit ist, mehr – modernen – (Öko-) Kommunismus zu wagen, war die Lektüre hilfreich. Zweifellos ist sie eine Bereicherung für alle, die sich mit den Schwierigkeiten eines richtigen Denkens im falschen vertieft auseinandersetzen wollen. Aber  die Philosophielastigkeit dieser Suche nach einer in der Ideologiekritik versteckten „verkehrten Wahrheit“ liegt mir von Beginn an schwer im Magen. Von Kommunismus ist das erste Mal auf S 147 überhaupt die Rede. Vermittelst eines von Žižek bemühten Zitats von Badiou erfahre ich an dieser Stelle, dass für diesen „die kommunistische Hypothese richtig bleibt„.

„Ohne den Horizont des Kommunismus, ohne diese Idee, braucht im historischen und politischen Werden nichts den Philosophen zu interessieren. […] Was uns als Aufgabe, ja sogar, könnte man sagen, als philosophisches Werden zugewiesen ist, ist dabei zu helfen, daß sich ein neuer Existenzmodus der Hypothese herausbildet“

    Badiou, Alain, Wofür steht der Name Sarkozy, Zürich: Diaphanes, 2008, S. 122

Žižek will diesen Existenzmodus, so ist weiter zu erfahren, mit einer schroffen Ablehnung jeglicher politischer Aktivitäten erreichen mit Ausnahme des einzig noch möglichen Wahrheitsaktes, nämlich einer revolutionären Zerschlagung alles Kapitalistischen bzw, eines symbolischen Tuns, das die Bereitschaft dazu demonstriert. Denn gerade das neunmal-kluge Bescheidwissen über die Boshaftigkeit des Kapitalismus würde vergessen machen, dass man per alltäglicher Praxis doch genötigt sei, an der Richtigkeit des Mitmachens zu glauben ohne wissen zu können, dass dies nur ein Glaube sei. Der begehrte „Existenzmodus der kommunistischen Hypothese“ ließe sich deshalb nicht über Aufklärung herstellen sondern einzig und allein durch einen radikalen „Glaubenssprung“. Ausgehend von der Militanz „Nicht-Anteil-Habender“, die, wie etwa der Slumbewohner der wachsenden Megastädte, nichts mehr zu verlieren haben, müsste der Menschheit der rettende Sprung in den Glauben an das vom Kommunismus versprochene Wahre gelingen.

Gut zu wissen!

Das ist gut zu wissen, denn damit ist der Irrsinn des reinen Anti-Kapitalismus auf den Punkt gebracht, und man weiß nun besser, wovor man sich in Acht zu nehmen hat. Die Vorstellung einer vom bösen Geist des Kapitalismus unbefleckten Geburt eines unschuldig die Welt erblickenden Kommunismus lässt an zwanghaftem Reinheitsbegehren denken. Die historische Erfahrung damit zeigt, dass dies leicht in Säuberungsaktivitäten endet, die das Ganze am Ende ziemlich dreckig aussehen lassen. Heilserwartungen verschieben die Aufmerksamkeit außerdem vom Inhalt zur Äußerungsform, was einer Fetischisierung auch aller möglichen Formen von Militanz Vorschub leistet.

 Carolin Amlinger sieht das Problem:

„In der Betonung, dass der Bruch mit der herrschenden Ordnung einzig im politischen Akt [der revolutionären Empörung Anm. hh] selbst begründet ist, suspendiert Žižek jedoch gleichzeitig den Inhalt aus dem politischen Handeln; revolutionär ist einzig der formale Charakter des Bruchs. Damit wird der revolutionäre Akt  zu einem erlösend-messianischen Eingriff, dessen Wahrheit einzig in seiner konstitutiven Transzendenz besteht“ (S. 151)

Žižeks Konsequenz:

„Besser nichts tun, als sich an vereinzelten Aktionen zu beteiligen, deren Funktion es letztlich ist, das System reibungsloser laufen zu machen“

Žižek, Slavoj, die politische Suspension des Ethischen, Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 2005, 8

Wobei er die Bedeutung des Nichts vergisst und dass man nicht nur nicht „nicht kommunizieren“ sondern auch nicht „nicht politisch wirksam sein“ kann. Funktioniert doch gerade das vermeintliche Nichtstun hervorragend als eine „herrschaftssichernde“ Tugend.

Womit nun mein Versuch einer Besprechung des Werks geradewegs in den Zustand seiner Nutzung übergegangen ist, was sicher auch den Gebrauchswert von Amlingers Suche nach der im Ideologischen versteckten Wahrheit andeutet. Ihr im Schlusssatz zusammengefasstes Forschungsergebnis mag sich wenig sensationell anhören: Da der Mensch im Handeln unmittelbar gesellschaftliche Widersprüche erfährt, sei Wahrheit kein transzendenter Akt sondern ….

… ist in der Ideologie latent präsent in der konkreten Erfahrung der Entfremdung. In dem Verkennen der realen Existenzbedingungen ist also, wenn auch nicht die Wirklichkeit, so aber die Möglichkeit des Erkennens immer explizit aufgehoben“. (S. 171)

Dass der mögliche Gebrauchswert von Amlingers Suche nach der Wahrheit in der Falschheit (oder in der Unwahrheit?) mehr in einer Auseinandersetzung mit ihren umfangreichen Expiditionsnotizen steckt, am Ende ihres Buches aber nicht mehr bleibt als die Erkenntnis der Möglichkeit der Erkenntnis der Aufgehobenheit konkreter Entfremdungserfahrung im Verkennen der realen Existenzbedingungen, könnte auf ihre Ausgangsfragen zurückgehen.  Als ihren theoretischen Ausgangspunkt nennt Amlinger z.B. …

„… das Paradox, welches marxistische Ideologietheorien seit jeher beschäftigt: die freiwillige Unterstellung unter entfremdete Herrschaftsformen“

Freiwillige Unterstellung?

Was ist die Vorstellung der freiwilligen Unterstellung anderes als der falsche Schein, den die kapitalistischen Formen der Arbeitsteilung unwillkürlich hervorrufen? Entfremdung ist ja nicht einfach das miese Gefühl der Verlassenheit, Heimatlosigkeit usw. gegen die der Mensch naturgemäß rebelliert. Entfremdung ist keine Last, sie entlastet. Sie macht auch Spaß, ist Freiheit, befreit vom Gefühl, ausgebeutet zu sein und selbst mit auszubeuten. Das Rätsel der Geschichte ist nicht das scheinbare Paradox, dass diese furchtbare „Entfremdung“ freiwillig ertragen wird.

Gerade weil kapitalistisch vergesellschaftete Subjekte (Individuen wie Organisationen) von den (welt-) gesellschaftlichen Voraussetzungen und Wirkungen ihres Tun und Lassens weitgehend absehen können, können Kopfarbeiterinnen  (Kopfarbeiter) behaupten, dass vor allem das Verkennen der tatsächlichen Verhältnisse daran hindert, sich ihner zu entledigen. Das Haupthemmnis sozialer Emanzipation sind immer noch die individuellen Existenzbedingungen, und dass die Geschichte der Gesellschaftssformationen leider kein Markt der beliebigen Möglichkeiten ist, bessere Vergesellschaftungsbedingungen für die – notgedrungen in kapitalistischen Formen der Arbeitsteilung – handelnden Individuen also erst einmal nicht zur Verfügung stehen. Der Mensch muss essen.

Es sind tatsächlich die materiellen, d.h. die individuell nicht ohne weiteres zu ändernden, strukturellen Behauptungsbedingungen, die die Behauptungen der Menschen bestimmen bzw. entscheiden, welche davon sich am Ende behaupten. Die einzelnen Individuen, Familien, Unternehmen, Verbände und Aktionsgruppen, staatliche Institutionen usw. behaupten ihre Stellung, Macht, Chancen, Reproduktionsräume  usw. nicht entlang der Bedeutung, die Ihr Tun und Lassen tatsächlich füreinander hat. Was sie einander tatsächlich antun, brauchen sie nicht voreinander rechtfertigen. Dies auf Grundlage der gegebenen Abhängigkeitsverhältnisse zu erwarten, wäre Moralismus also inhuman.

Perspektive: Entprivatisierung der Aneignung

Das in Wahrheit aufzulösende Paradox ist ein anderer. Es ist der von Marx/Engels konstatierte Widerspruch zwischen dem gesellschaftlichen Charakter der Produktion und der privaten Form ihrer Aneignung. Der manifestiert sich u.a.  in der Trennung der Rechtfertigungsbeziehungen von den tatsächlichen Behauptungsbedingungen (im Sinne von Existenzbedingungen) der weltweit für und voneinander tätigen bzw. lebenden Individuen, Familien, Unternehmen, usw.

Die Auflösung diieses Paradox ließe sich mit dem Žižek’schen Glaubenssprung tatsächlich nicht bewerkstelligen. Ich teile Carolin Amlingers Sicht, dass dies nur die Inhalte verschwinden lässt um die zu ringen es ankäme. Bekenntnisse gehen hier vor –  womöglich korrumpierende – Erkenntnisse. Das war nicht zufällig eines der Markenzeichen des so genannten „realen Sozialismus“.

Aber Amlinger scheint sich in dem Zusammenhang auch selbst nirgends der Erkenntnis zu nähern, dass kommunistische Hypotheses heute nach einem revolutionären Reformismus verlangen, d.h. nach einer Gleichzeitigkeit öko-kapitalistischer Reformpolitik und der parallelen Entwicklung eines kommunistischen Horizonts der die Richtung zur gesamtgesellschaftlichen bzw. ökologschen Vernunft absteckt. Das hülfe, nach wirklichen oder wirklich machbaren Ansätzen, Motiven, Umständen, Bewegungen usw. zu schauen, die in Richtung einer (welt-) gesellschaftlichen Aneignung (= Zweckbestimmung) des für- und voneinander zu Leistenden gehen – könnten.

Die Wahrheit oder vielmehr Richtigkeit (Anm. 2)  DIESER Hypothese kann sich natürlich nicht an DER Praxis an und für sich zeigen wie es Carolin Amlinger als Kernaussage einer „Wahrheitstheorie“ angibt, die Marx Thesen über Feuerbach und die daran anschließende Kritik der Deutschen Ideologie ihrer Meinung nach enthalten. Kommunismus wächst zunächst als ein untergründiger Prozess der Befähigung, des Mehrwollens und eines entsprechend Mehrwissenwollens. Und das geschieht mit den tatsächlich gemachten oder zumindest in den Bereich der Möglichkeit gerückten Fortschritten in die beschriebene Richtung. (Anm.1).

 Die relative Richtigkeit des Agierens kann sich nur anhand einer bestimmten Praxis zeigen, die die gegebenen Realitäten in Richtung (welt-) gesellschaftlicher Aneignung in der Tendenz transzendieren bzw. transformieren. Es wird erst nach und nach plausibel erscheinen können, dass dieser kommunistische Horizont tatsächlich erreicht werden müsste, um nicht im Hamsterrad des kapitaisltischen Produzirens um des Produzierens Willen zu verenden. Die Quintessenz der Deutschen Ideologie ist nicht einfach „mehr Gesellschaftswissenschaft!“ und „Aufklärung ist möglich!“, sondern Wissenschaft und Aufklärung in den Dienst der kommunistischen Weltveränderung zu stellen.

Hier ist natürlich Amlingers Hinweis interessant (allerdings auch anhand der Originalquellen zu überprüfen), dass nicht nur Žižek sondern auch schon Adorno und Horkheimer in ihrer Dialektik der Aufklärung die Menschen offenbar vom notwendigerweise bornierten Baum der Erkenntnis holen wollten, weil Aufklärung und Vernunft nur die Identifikation mit dem falschen Leben stärken würde. Amlingers sinngemäßes Resumé, dass diese Position droht, im Gottvertrauen auf ein – durch Kunstgenuss vermitteltes Hier-und-Jetzt-Glück zu enden, also in der esoterischen Entpolitisierung, klingt jedenfalls plausibel.

Kleine Abschweifung zur Frage der Rationalitätsdialektik

Dass die kapitalistisch gepuschte Entwicklung des Produktivvermögens (technologischer wie geistiger Natur) zugleich die menschliche Fähigkeit steigert, einander auszubeuten und Schaden zuzufügen, liegt auf der Hand. Das kann aber vernünftigerweise nicht heißen, nun das gesamte moderne (kapitalistische) Leben einschließlich Aufklärung und Vernunft als Ausgeburt einer teuflischen Zweckrationalität in Grund und Boden zu verdammen. Alle Rationalität ist am Ende in irgend einer Hinsicht Zweckrationalität, und sei es, dass Erholung vom Gefühl des andauernden Zweckmäßigseinmüssens gesucht wird. Woran sonst erweist sich die Rationalität von Gedanken (und deren Verdrängung), praktischem Tun (und Lassen) oder von Gefühlen (oder deren Abwesenheit) wenn nicht dadurch, dass dies bestimmten Zwecken dienlich war? (Anm. 4)

Gegen die Fetischisierung hilft nur weltgemeinschaftliche Zwecksetzung

Die Dialektik der Aufklärung als eine kommunistsche Herausforderung zu verstehen, hieße, danach zu fragen, was die für- und voneinender produzierenden bzw. lebenden Produktions- und Aneignungsagenten bzw. -agenturen (Anm. 3) in die Lage versetzen könnten, die wesentlichen Zwecke ihres (welt-) wirtschaftlichen Tun und Lassens tatsächlich miteinander auszuhandeln, d.h. die sozio-ökologischen Inhalte (Mengen, Akteure, Perspektiven usw.) der Zweckerfüllung mitsamt der wahrscheinlichen Voraussetzungen und Folgen der Aneignung ihrer Gewinne und Verluste gemeinsam abzustecken. Dass etwas in Richtung eines so gesteckten „kommunistischen Horizonts“ ginge, wäre an einer prozessualen Entprivatisierung (auch Entfragmentierung, Globalisierung u.a.m.) der Rechtfertigungsbeziehungen zu erkennen. In dem Maße, wie die Entscheidungen über die wesentlichen Produktionszwecke, deren sozio-ökologische Kosten, die Vemmeidung und Verteilung von Schaden und Nutzen usw. auf gemeinsam erarbeitete Ziele hin ausgerichtet werden können, werden die Beteiligten ihr Tun und Lassen  voreinender rechtfertigen können, d.h. entsprechend der tatsächlichen Bedeutung ihres Stoffwechsel füreinander – und für die menschliche Umwelt.

Die mit den Tauschbeziehungen miteinander konkurrierender Marktsubjekte gegebene Unmöglichkeit oder auch fehlende Notwendigkeit, die tatsächlichen (Wechsel-) Wirkungsketten bzw. -netze nachzuvollziehen, d.h. am Ende auch für deren Gesamtheit gerade zu stehen, schaffen die beklagten  Verdinglichungseffekte, die dem Bedenken der sozialen Verhältnisse bzw. deren sozio-ökologische Bedeutungen seine – historischen – Grenzen setzt. Die privateigentümlich bornierten Existenzbedingungen schaffen die falsche Vorstellung, dass das Wirken menschlicher Produktivkräfte (innerhalb spezifischer Produktionsverhältnisse) die Eigenschaft der Sachen sei, die ihre  Produktionsbeziehungen zu vermitteln haben: Geld und andere Waren.

Aber auch Orientierung versprechende Begriffe wie etwa Wahrheit und Ideologie vermitteln Zusammenhänge (Behauptiungsbedingungen), die unter den gegebenen Verhältnissen nicht ohne weiteres verstanden bzw. nicht ohne Weiteres als Zusammenhängend verstanden werden – wollen oder brauchen. Das gilt prinzipiell auch für die Begriffe Kommunismus, Kapitalismus, Gott, Aufklärung oder den der kritisierten Verdinglichung selbst. Deren Fetischisierung ist aber ebenso wie der Warenfetisch nicht einfach irrational. Sie kann auch ebenso zur wirklichen Erkenntnis der Zusammenhänge oder ihrer Veränderungsbedürftigkeit hinführen wie davon wegführen.

Carolin Amlingers Versprechen, sich nicht um die Konstruktion neuer Begriffe (also eines womöglich besseren, differentierteren usw. Verständnis) von Wahrheit und Ideologie zu bemühen, sondern den bunten Strauß an Interpretationen, seitens der von ihr vorgestellten Autoren, als gegebene Vielfalt zu akzeptieren, scheint der Gefahr der Begriffsfetischisierung auf dem ersten Blick auf eine kluge Weise Rechnung zu tragen. Doch gerade der Verzicht auf eine genaue, nachvollziehbare Bestimmung ihrer Bedeutungen (und damit eben auch dem Inhalt ihrer Aneignung), verstärkt deren Fetischfunktion. Gedeutet werden Begriffe immer. Doch je unbestimmter sie sind desto mehr stellt sich deren Deutung hinter dem Rücken ihrer Nutzer*innen her. Das stärkt naturgemäß deren ideologische, d.h. vorwissenschaftliche, einseitig bedürfnisorientierte, ohne Weiteres nicht auf überprüfbare Erkenntnisse orientierende Wirksamkeit.

Bei Amlingers Suche nach der „verkehrten Wahrheit“  wird mir deshalb auch nie klar, ob die gesuchte „Wahrheit“  im Gegensatz zur „Falschheit“ oder zur „Unwahrheit“ steht oder ob diese jeweils logischer oder historischer Natur sind. Ich kann keine eingehende Erörterung der sozialen (z.B. auch historischen) Bestimmtheit dessen endecken, was nun warum wahr, unwahr, falsch oder richtig gefunden wird. Ebenso wenig sehe ich die notwendigen Unterscheidung von Wahrnehmung und Wahrheit thematisiert.

Mehr (Öko-) Kommunismus wagen 😉

Auch Kommunismus taucht hier nur in der von ihr – zurecht – abgewartschten Vorstellung eines Omnipotenz verschaffenden Zaubertranks auf. Aber Amlinger lässt ihrer Kritik an Žižeks emphatischen Kommunismusbegriff keine positive Bestimmung eines kommunistischen Horizonts folgen. Einen solchen Versuch zu wagen hätte ihr aber helfen können, in den gegenwärtigen Verhältnissen mehr zu sehen als „die Herrschaftsverhältnisse“ unter denen sich die Menschen seltsamerweise unterordnen.

Die ideelle Vorwegnahme eines (welt-) gesellschaftlichen Zustands, der den Globalisierten dieser Erde eine gesamtgesellschaftlich bzw. ökologisch rationale Bestimmung der wesentlichen Produktions- bzw. Aneignungszwecke als eine – natürlich stets mit Vorsicht zu genießende – kommunistische Hypothe erlaubte, miteinander bestimmen, was deren Erfüllung an Anstregungen, Risiken, Nachteilen, Naturveränderungen usw. kosten darf, also zu einem Für und Voneinander zu kommen, das auf Grundlage eines – am Ende weltgemeinschaftlichen – Nachhaltigkeitsmanagement funktionierte. Dies wäree ein – in meinen Augen notwendiges – Mittel der Entfetischisierung auch  von deren Gegenbegriffe Kapitalismus, Herrschaftsverhältnisse, Herrschaft usw.

Sollte auch Carolin Amlinger dem Fetischcharakter des Begriffes „der Herrschaftsverhältnisse“ erliegen, die sie als das Reich des Bösen erscheinen lassen, in das sich einzuordnen nur bedeuten kann, dessen Macht zu steigern?  Und sieht als den einzig noch möglichen Wahrheitssphäre, die unabhängige Wissenschaft?

Das wäre allerdings fatal. Die anti-kapitalistische Dämonisierung von Herrschaft an und für sich, unabhängig von den historischen Umständen,  Inhalten, Entwicklungsperspektiven usw. usf. blockiert für gewöhnlich jeden inhaltlichen Gedanken an ein (welt-) kommunistisches Zweckbestimmungspotenzial, das in öko-kapitalistischer Reformideen bzw. deren Praxis angelegt sein könnte.

Kann etwa der Gedanke an einen Green New Deal mit Ökosteuern oder -zöllen, grünen Investions- bzw. Umbauprogrammen, Festlegung von Grenzwerten usw. oder eines konstruktiven, den Aufbau gesellschaftlicher Problemlösungskompetenz im Blick habenden Einmischens in den gegenwärtigen Prozess zur Findung von UN-Nachhaltgkeitszielen nur als Stärkung der – als feindliches Außen  vorgestellten – Herrschaftsverhältnisse gesehen werden, so schwächt das natürlich nur die gesellschaftlichen Motivationen, Kompetenzen usw., die sich in Richtung eines (öko-) kommunstischen Horizons bewegen oder – unter Umständen – bewegen könnten – und es damit überhaupt erst in dem Bereich des Möglichen rücken, dass die Gesellschafft als Ganzes darüber hinaus gelangt.

Die Autorin äußerst sich nicht explizit gegen oder für politische Aktivität. Es sei aber festgehalten, was gegen eine ahistorisch  „anti-kapitalistische“ Perspektive zu sagen ist: Denen, die unter den gegebenen Kräfte- bzw. Abhängigkeitsverhältnissen (und den entsprechenden Problemen, diese sozio-ökologisch korrekt wahrzunehmen), um gesellschaftliche Fortschritte bemüht sind, ihre – nicht zu vermeidenden – Halbheiten, Widersprüchlichkeiten usw. vorzuhalten, ist kein Kunststück. Die Kunst ist, das – gesamtgesellschaftlich bzw. ökologisch betrachtet – jeweils ein Stückweit Vernünftigere zu erkennen und voran zu bringen. Eben dazu braucht es einen kommunistischen Horizont der mehr ist als politische Enthaltsamkeit und der Glaube an die allmächtige Herrlichkeit der Zerstörung.  Einen kommunistischen Horizont zu umreißen, halte ich für eine notwendige Bedingung dafür, aus der anti-kapitalistischen Nische heraus zu finden, dessen Lebenslexier die nicht nachlassende Delegitimation „der Herrschaftsverhältnisse“ ist.´und dadurch tragischerweise ins Reaktionäre abzudriften droht.  Bleibt also der Appell an Carolin Amlinger, beim nächsten Mal bitte mehr (Öko-) Kommunismus zu wagen 😉 ? (Schön, wäre es, wenn es so einfach wäre und nicht Verhältnisse zu schaffen wären, die das tatsächlich erlaubten).

Berlin, den 09.11.2014,  von Hans-Hermann Hirschelmann, Dipl. Soziologe, Berlin

Anm.1 Allerdings muss auch das Kommunistischen dieser Perspektive genauer bestimmt und die Brauchbarkeit dieser Bestimmung auch immer wieder überprüft und präzisiert werden. Das habe ich in dem Text über den Zweck dieses Blog versucht, Was heißt hier, mehr (Öko-) Kommunismus wagen 🙂  Begründete Einwände dagegen sind natürlich hochwillkommen.

Anm. 2 Amlinger erklärt, auf keinen neuen Begriff von Ideologie und Wahrheit aus zu sein und nimmt die vielfältigen Vorstellungen von deren Wesen, wie sie sie bei den ihr behandelten Autoren vorfindet, als gegeben. Die Begriffe in ihrer Unbestimmtheit zu belassen, verleiht ihnen aber naturgemäß einen Fetischcharakter, dessen Zauber

Anm. 3 Zwischen den Akteuren von Produktion und Aneignung stehen natürlich auch noch die der Pflege, Organisation, Forschung usw.

Anm. 4. Statt Was bringt es etwa, mit Habermas „die zweckrationale Vernunft“ für die letztlich wenig freiwillige Unterstellung unter „falsche“ Zwecke verantwortlich zu machen? Klagen über DIE Kolonisierung DER Lebenswelt oder, wie es nun „wertkritisch“ überall zu lesen ist, über eine allumfassende Komodifizierung des sozialen Lebens bringt uns einem kommunistischen Horizont ebensowenig näher wie Žižeks Glaubenssprung. Der Blick richtet sich dabei eher auf die Verteidigung (Herstellung, Pflege, Organisation, Verbesserung) so genannter „Freiräume“. Dabei käme es darauf an, das (welt-) gesellschaftliche Wirken (Herstellung, Pflege, Organisation, Verbesserung der menschlichen Exstenz und Bereicherungsmittel) im Großen und Ganzen gesamtgesellschaftlicher bzw. ökologischer Vernunft zu unterwerfen?

3 Responses to Wahrheit statt Kommunismus? Zu Carolin Amlingers „verkehrte Wahrheit“

  1. Hat dies auf Forum Politik rebloggt und kommentierte:
    Wahrheit statt Kommunismus?

  2. Habe heute einige kleinere Korrekturen und Präzisierungen vorgenommen.

  3. […] schillert Badious bereits andernorts erwähnte Vorstellung durch, dass die Ausgegrenzten aufgrund ihrer erzwungenen Nichtkorruption dazu […]

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