Was kann das „trumputinistische“ Projekt einer Entzivilisierung des Kapitalismus stoppen?

Ein aggressiv nationalchauvinistischer, und familienpolitisch reaktionärer Populismus geht um. Über die „sozialen Medien“ drängt Verachtung alles Mitmenschlichen in den öffentlichen Raum und nährt die Vorstellung, Demokratie sei das Recht einer entfesselten Meute, Repräsentanten und Verteidiger der Demokratie öffentlich den Tod an den Hals zu wünschen. Der sich mit unschuldigem Augenaufschlag als volksnaher Sorgenentsorger ausgebende Rechtspopulismus bietet Anknüpfungspunkte zum Hitlerismus, was aber nicht heißt, dass seine sich gegenwärtige herausbildende Gestalt eines trumputinistisch-republikanischen Mischwesens nicht bedrückend genug ist. Wir erleben derzeit, wie sich eine von Putins feudal-kapitalistischer Lügenrepublik gepuschte Internationale des Anti-Liberalismus anschickt, einmal wieder mit dem Projekt Weltgeschichte zu schreiben, den Kapitalismus von seinem zivilisatorischen Schnickschnack zu befreien.

Spätestens nach der Wahl Donald Trumps zum US Präsidenten muss man der Gefahr ins Auge sehen, dass die weltweite Entzivilisierung des Kapitalismus forciert wird und sehr schnell zu einem Grad voran schreiten könnte, ab dem alles Mitmenschliche, Vernünftige, Demokratische, Rücksichts-, Sorgen-, Liebe- und Lustvolle, kreativ Fantastische, alle wissenschaftliche Neugierde und Experimentierfreudigkeit, das stille Vergnügen an der Erkenntnisgewinnung und über Sachlichkeit garantierenden Regeln in einen sich selbst verstärkenden Sog der Entzivilisierung gerät. Gleich dem wilden Tanz eines stramm aufgeblasenen und urplötzlich sich selbst überlassenen Luftballons könnten dann die zunehmend entfesselten Triebkräfte der privateigentümlichen Vergesellschaftung ein letztes Mal furios über sich hinaus schießen – um am Ende als nutzlose Hülle um ein Nichts ins Bodenlose zu fallen. Die Aussicht auf ein solches Ende der menschlichen Kulturgeschichte ist alles andere als ein Grund zur Vorfreude. Sozialismus, verstanden als Übergang zu einem (welt-) gesellschaftlichen Für- und Voneinander, das auf Basis „öko-kommunistischer“ (Re-) Produktionsbeziehungen funktioniert, braucht die Luft zum Atmen, die gegenwärtig in der Tat nur ein halbwegs zivilisierter Kapitalismus mit leidlich demokratischer Verfasstheit und Menschenrechten garantieren kann. Und der (sozialistische) Übergang ins Zeitalter ökologisch reflektierter Mitmenschlichkeit braucht einen besonders langen Atem.

Was heißt das für mein öffentliches Nachdenken über Notwendigkeit, Möglichkeit, Gestalt und Vernunft einer an Marx/Engels (öko-) kommunistischen Humanismus (bzw. ökohumanistischen Kommunismus) anknüpfenden Transformationsperspektive?

Thesen:

  1. Der per kapitalistischer Effizienz möglich gewordene hohe Grad an individueller Kompetenz und Unabhängigkeit ist zugleich Voraussetzung  und Hindernis der Fähigkeit, Aufklärung über bedrohliche und nicht ohne Weiteres bewältigbare Entwicklungen, in gesamtgesellschaftlicher bzw. ökologischer Hinsicht rational, das heißt zugunsten eigenem Mittuns an der Entwicklung entsprechender  – gesellschaftlicher – Problemlösungskompetenz, zu verarbeiten. Dass Problemlösungskompetenz derzeit nur sehr bedingt und das heißt auch, je nach sozialer Lage, Bildungs- und somit Mobilitätsgrad sehr unterschiedlich entwickelt werden kann, bzw. als Zumutung oder gar als Bedrohung der eigenen Existenzgrundlagen empfunden werden muss, scheint mir die wesentliche Grundlage der Gehässigkeiten gegen als „arrogante Eliten“ gesehene Pioniere mitmenschlicher  bzw. ökologischer Weltvernunft zu sein, wie sie derzeit in den Kommentarspalten sozialer Medien zu beobachten sind.
  2. Ohnmachtsgefühl, Missgunst, Neid, Angst, unterdrückte Gefühle der Minderwertigkeit und Schuld und deren Kompensation mittels nationalistischem Chauvinismus (bzw. Wohlstandschauvinismus) sind oft Ausdruck einer kollektiven Regression als Reaktion auf  eine strukturelle Überforderung. Sie können als Symptome einer Wachstumskrise des bürgerlich-emanzipatorischen Individualismus gesehen werden kann. Es gilt, aufzupassen,  deren Ausbeutbarkeit durch den Rechtspopulismus nicht auch noch ungewollt zuzuarbeiten (was leider oft leichter getan als gesagt ist).
  3. Der Rechtspopulismus  kann solange erfolgreich sein, wie die von ihm angebotenen Mittel der Flucht in die Illusion kindlicher Unschuld begierig aufgegriffen werden, weil sie helfen, Gefühle der Überforderung, Unsicherheit, Ohnmacht und Furcht vor Verlusten aller Art zu verdrängen, die eine angemessene Wahrnehmung der komplexen Wirkungszsammenhänge, Gefahren und Chancen gegenwärtiger Globalisierungs- und Modernisierungsschübe unter den gegebenen Umständen vielfach hinterlassen müssen.
  4. Damit sich weltweit mehr Menschen mit gutem Grund in der Lage fühlen können, höchstpersönlich selbst zur Etablierung eines Regelwerks beizutragen, das weltweit allen Menschen ein gutes Leben im Rahmen gesamtgesellschaftlicher bzw. ökologischer Vernunft ermöglicht, muss zuallererst Klarheit darüber herrschen (müssen sie sich zuallererst klar machen können), warum keines der Probleme, die derzeit so viele Menschen ängstigen, auf nationaler Ebene zu bewältigen ist. Und schon gar nicht durch einen Rückfall in nationalem Egoismus, Autoritarismus und projektive Feindseligkeit gegenüber zu Sündenböcken erkorenen Persönlichkeiten, Gruppen oder Institutionen! Das gilt für schwindende Aussichten auf geregelte Arbeitsverhältnisse, die lebenslang zufriedenstellende Einkünfte garantieren, für das untergründige Gefühl der Unmöglichkeit einer sozialverträglichen Regelung globaler Wanderbewegungen und vor allem für die Dinge, die dem zugrunde liegen: ein chaotischer Verlauf weltweiter Industrialisierungs-, Moderniesierungs- und Globalisierungsprozesse (die immer auch Ausbeutungsverhältnisse sind) in oftmals autoritären oder regellos auseinanderbrechender Staatsgebilden. Und das gilt erst recht für das Gefühl der Unmöglichkeit einer sozialverträglichen Bewältigung der gravierenden Herausforderungen ökologischer Natur oder der Schaffung einer globalen Sicherheitsarchitektur, die auf Achtung der universellen Menschenrechte aufbaut.
  5. Zugleich muss verstanden werden, dass internationale Übereinkünfte selbst beim besten Willen und günstigsten Kräfteverhältnissen die realen Probleme, die diesen Ängsten bzw. Abwehrbedürfnissen mehr oder auch minder zugrunde liegen, nicht in den Griff bekommen können, solange dabei der Grundsatz der UN-Nachhaltigkeitsziele, dass dabei niemand (wo auch immer) zurück gelassen werden darf, nicht in allen Sphären der Gesellschaft sei es im Politik-, Wissenschafts-, Kultur- oder Medienbetrieb, sei es im Alltag im Bildungsbereich oder wo auch immer, als gemeinsame Herausforderung erster Güte behandelt wird.
  6. Ein Regelwerk, mit dessen Hilfe die global handelnden Individuen (Völker, Institutionen, Assoziationen) die ihnen bisher als eine Naturgewalt gegenübertretenden Industrialisierungs- bzw. Beschleunigungsschübe kontrollieren lernen und das Weltwirtschaften zur sozio-ökologischen Vernunft (die niemanden zurück lässt) bringen könnte, kann nur im Ineinandergreifen lokaler (bzw. regionaler) und globaler Regularien funktionieren.
  7. Unglücklicherweise kann die Erkenntnis, dass mitmenschlich bestimmte Formen der Globalisierung eine notwendige Voraussetzung für die Garantie regionaler Mitmenschlichkeit sind, nicht per gut meinender Aufklärung zur Wissensallmende einer vereinigten Menschheit werden. Es bedarf Erfahrungen mit Konzepten und entsprechenden Bemühungen, das innerhalb der bestehenden Verhältnisse in diese Richtung Menschenmögliche (also naturgemäß wenig ideale) zu tun, ohne aufzuhören, nach der Notwendigkeit, Möglichkeit, möglichen Gestalt und Vernunft grundlegend neuer Bedingungen der Existenzsicherung und  Bereicherung zu fragen, die es den Globalisierten dieser Erde schließlich erlaubten, gesamtgesellschaftlich bzw. ökologisch vernünftige Produktions- bzw. Konsumstandards und – ziele zu bestimmen und durchzusetzen.
  8. Tatsächlich gibt es keine richtige Politik im falschen Leben. Die gegenwärtigen Existenzbedingungen generieren Furcht vor Maßnahmen zur Abwendung des Klimawandels und blockieren Lust auf die Suche nach gangbaren Wegen, die Erderwärmung zu stoppen. Die derzeitige strukturelle Unmöglichkeit einer hinreichend zielführenden Klimapolitik darf aber nicht heißen, das Feld des derzeit Machbaren den Einfallslosen oder einem Populismus zu überlassen, der Angstbefreiung durch eine Entmenschlichung verspricht, die geradewegs in des Teufels Küche, nämlich einer trumputinistischen Diktatur der Brown Economy führt.
  9. Überforderung und die Schwierigkeiten, sie zu überwinden sind kein Privileg politischer Funktionsträger oder aufgehetzter Sorgenbürger. Sie sind struktureller Natur. Niemand ist davon befreit. Sie zeigt sich auch in der negativistischen Verachtung derer, die das politisch Mögliche versuchen. Auch dies ist der Versuch einer regressiven Flucht in die Illusion kindlicher Unschuld und führt ebenso wie die Furcht, sich im Gegenteil mit Utopismus zu blamieren weit weg vom rettenden Ausgang aus unverschuldeter Unmündigkeit.
  10. Uns aus dem Elend zu erlösen können wir nur selber tun und das könnte mit dem Versuch beginnen, einfache Fragen wie die folgenden selbst zu beantworten:
    • Ist die Entwicklungsperspektive eines gutes Leben weltweit aller, das nicht zugleich die Grundlagen eines gut Lebens aller untergräbt, vernünftig?
    • Ist es notwendig, in diese Richtung zu gehen?
    • Wenn ja, gilt es dann nicht, darüber nachzudenken, was man selbst zur Entwicklung besserer Konzepte und erfolgversprechenderer Bemühungen in diese Richtung Gehendes voran zu bringen und zugleich über Ort, Zeit und Bedingung für das noch nicht Machbare zu diskutieren und wie man zu den notwendigen Strukturveränderungen kommen kann, die eine nachhaltige Wohlstandsentwicklung in dem erforderlichen Umfang tatsächlich möglich machten?
    • Könnte das aktive Mittun daran nicht helfen, Veränderungsstress abzubauen, statt ihn um den Preis der eigenen Entmenschlichung zu verdrängen?
  11. Erfahrungen mit einem klugen Zusammenspiel von pragmatischem Aktionismus und Utopie, könnten die Subjekte der Globalisierung befähigen, ihr persönliches Glück im Rahmen des Aufbaus eines gesamtgesellschaftlich bzw. ökologisch vernünftigen Zusammenwirken zu suchen. Dazu müssten allerdings all den dabei  notwendigerweise (!) auftretenden Zielkonflikten, Widersprüchen, Inkonsistenzen, Gefahren und  Schwierigkeiten beherzt ins Auge gesehen und öffentliche Debatten darüber geführt werden, welche Ansätze, Ideen, reale Schritte usw. zu einer sozio-ökologisch vernünftigen Überwindung der Zielkonflikte, Widersprüche usw.
    1. zielführend sind
    2. bereits (von wem) unternommen oder eingefordert werden
    3. noch entwickelt bzw. durchgesetzt werden müssen

Ist diese Perspektive die eines öko-kommunstischen Humanismus? Ja, könnte man so nennen. Man könnte auch von einem öko-humanistischen Kommunismus sprechen.

Warum nenne ich das so?

Kommunismus ist für mich wirkliche Bewegung in Richtung der Möglichkeit, Art und Zielsetzung der für die menschliche Existenzsicherung und Bereicherung notwendigen Beziehungen (und des dabei gegebenen Stoffaustausch mit der Naturumwelt) gemeinschaftlich zu regeln, wo bzw. insoweit es notwendig erscheint .

Das Öko-Kommunistische zeigt sich in der Befähigung zur Aufrechterhaltung oder Verbesserung der ökologischen Qualität unseres Stoffaustausches mit der Natur.

(Öko-) Humanistische ist für mich die (Weiter-) Entwicklung bzw. Verallgemeinerung des Willens und der Fähigkeit,

  • einen Nutzen für sich und andere gezielt her- und bereitzustellen, d.h. die Nützlichkeit der Ergebnisse bereits vor- und während des Tätigseins im Kopfe vorweg zu nehmen
  • dabei gewonnene Erkenntnisse über gute und faule Früchte des gesellschaftlichen Tun und Lassens zur Grundlage für die Verbesserung von Produktionsmethoden, – bedingungen bzw. Zielsetzungen fruchtbar machen zu können, die den Beteiligten erlaubt, für die Voraussetzungen und Ergebnisse des eigenen Tun und Lassens gerade zu stehen.
  • den Nutzen der dabei gewonnenen Freiheiten zu genießen und sie sich gezielt nutzbar zu machen – und sei es für Momente der  Befreiung vom ewigen Nützlichsein.

Muss man das unbedingt öko-kommunistischen Humanismus (oder öko-humanistischen Kommunismus) nennen?

Natürlich nicht. Die hier angedeutete Utopie einer postkapitalistischen Gesellschaftsformation ist die eines mitmenschlich bestimmten Für- und Voneinanders, das nach allem, was wir bisher wissen, nur auf der Basis eines – am Ende weltgemeinschaftlichen – Nachhaltigkeitsmanagements funktionieren könnte. Nur in solch einem Rahmen könnten Genuss und Kosten der menschlichen Existenzsicherung und Bereicherung nach sozio-ökologisch vernünftigen Kriterien und Regeln vermittelt; bzw. aufgeteilt werden, (was zum Beispiel die Möglichkeit voraussetzt, Abhängigkeit von Arbeitsplätzen oder auch Arbeitszeiten überwinden zu können, die mehr Schaden anrichten, als dass sie einen menschlichen Gewinn einbrächten).

Diese Entwicklungsperspektive zielt auf eine Globalisierung der Möglichkeit fröhlicher Lebensentwürfe, die Sicherheit im Kampf um weitere Fortschritte in Richtung gesamtgesellschaftlicher bzw. ökologischer Vernunft finden. Sie folgt der Einsicht, dass eine hinreichend tiefe und verbreitete Erkenntnis der dafür zu meisternden Strukturveränderungen, nur aus Erfahrungen mit ernsthaften Bemühungen entstehen können, in diese Richtung praktisch voran zu kommen.

Eine solche Entwicklungsphilosophie kann,  muss aber keineswegs auf einen allgemeinverbindlichen Begriff gebracht werden. Man mag es nennen wie man lustig ist. Wer sich beispielsweise als Anti-Kommunist sieht und glaubt, dass sich gerade darin seine bzw. ihre Mitmenschlichkeit zeigt, andererseits aber dem hier skizzierten Konzept in Etwa zustimmt und nicht auf einen begrifflichen Wegweiser für eben diese Entwicklungsperspektive verzichten möchte, nenne sie schlicht „nachhaltige Entwicklung“ oder denke sich etwas neues aus. Ich möchte nur zu bedenken geben, dass in allen (!) politischen Richtungen und sozialen Bewegungen immer auch Dispositive totalitärer Menschenfeindlichkeit angelegt sind, die aufzuspüren und in adäquater Weise zu bekämpfen sind. Und mein Eindruck ist: je unschuldiger ein in unsicherer Lage Orientierung versprechender Begriff daher kommt, desto größer scheint mir die Gefahr, dass die damit verbundene Vorstellung, ohne jeden Zweifel auf dem Pfad des Guten, Wahren und Schönen zu wandeln, zu einem Element der Heiligung wahrhaft hässlicher Bosheiten wird. Ich halte es für überlebenswichtig, versteckte Dispositive totalitärer Menschenfeindlichkeit nicht nur bei den politischen Gegnern sondern gerade auch innerhalb der eigenen Orientierung aufzuspüren, sich mit deren möglichen Verlaufsformen auseinander zu setzen und ernsthafte Anstrengungen zu unternehmen, sie mit den Mitteln der öffentlichen Reflexion in Schach zu halten bzw. zu minimieren.

Was heißt das praktisch?

Es wäre einiges gewonnen, könnte auf Seiten der linken Kapitalismuskritik das Dogma überwunden werden, dass das kritische Mitformulieren und Mitverfolgen positiver Ziele innerhalb des kapitalistisch Möglichen zwecklos oder gar kontraproduktiv sei, weil allein die systemimmanenten Grenzen einer richtigen Wahrnehmung der zu bewältigenden Herausforderungen (und erst recht der Möglichkeiten, sie in einer gesamtgesellschaftlich bzw. ökologisch hinreichend vernünftigen Weise zu meistern) zum Verlust anti-kapitalistischer Radikalität führen müsse. „Ökokommunistisch“ bestimmte Interaktionsbedingungen werden der Welt aber nicht vom Väterchen Weltgeist in den vom sündigen Kapitalismus gänzlich unbefleckten Schoß gelegt. Auf der Ebene der Theoriebildung wäre so etwas wie eine (anteil-) teilnehmende Emanzipationswissenschaft vonnöten. Es müssen die Potenziale bzw. Bedeutungen der sich entwickelnden Produktivkräfte für das historische (also entsprechend wenig ideale) Werden und Vergehen gegensätzlicher Motive, Interessen, Bedürfnisse, Freiheiten usw. auf eine Weise nachvollziehbar gemacht werden die die sozialen Akteure befähigt, die bisher weitgehend urwüchsig verlaufenden Entwicklungsprozesse systematisch in Richtung sozio-ökologisch bestimmter Vernunft zu bewegen. Dazu bedarf es ein minimales Verständnis der dialektischen Natur von Entwicklungsprozessen und die Bereitschaft, die richtigen Konsequenzen daraus zu ziehen.

Ohne „unvernünftige“ Bemühungen, die Unmöglichkeit eines richtigen Leben in falschen zu schaffen, bliebe „die radikalen Kritik des Bestehenden“ eine sinnlose Leidenschaft. Bestenfalls! Nicht selten schwächt sie sogar die gesellschaftlichen Kräfte, die in Richtung gesamtgesellschaftliche bzw. ökologische Vernunft unterwegs sind. Zwar mag es der „reinen Kritik“ unter Umständen gelingen,  die durch politische Enthaltsamkeit gewonnene Vorstellung ihrer Unverfälschtheit, Heiligkeit. moralischen Überlegenheit  usw. dafür einzusetzen, in aller Unschuld Aufruhr, Wutbürgerlichkeit, Hass auf das System und deren „Eliten“ usw. zu schüren, muss dann aber, wie die Erfahrung zeigt, damit rechnen, dass der Rechtspopulismus die Früchte des Zorns erntet und am Ende der „anti-Kapitalismus der dummen Kerls“ triumphiert.

Nehmen wir die Bewegung gegen TTIP. Es ist nicht zu leugnen, dass so eine Kampagne ihre Kraft zunächst aus der blanken Negation gewinnt. Um in Gang zu kommen musste sie „Komplexität reduzieren“ oder genauer: die Komplexitätswahrnehmung. Sie musste sich zunächst auf Aufklärung über drohende Aufweichungen sozialer bzw. ökologischer Standards beschränken und auf Warnungen, dass die eh bereits sehr geringen Möglichkeiten einer sozialen bzw. politischen Kontrolle globaler Produktionsbeziehungen noch weiter reduziert werden könnten. Ohne dem würde es heute mit Sicherheit kein so breit aufgestelltes Verlangen nach Machtbegrenzung der großen Globalisierungsplayer geben.

Die linksliberal-bürgerlich bis anti-kapitalistisch-links aufgestellten Akteure, die die Kampagne anführen, täten allerdings gut daran, sich nicht allzu sehr am großen Erfolg ihrer gesellschaftlich notwendigen Beschränktheit zu berauschen. Besser, sie gingen in Klausur und berieten, was die so radikal Aufgewühlten am Ende zur emanzipationsproduktiven Vernunft bringen könnte. Also nicht WIEDER zur Vernunft, d.h. nicht zurück zur vermeintlich „vernünftigen“ Akzeptanz der historischen Umstände und Akteure, die die ewige Unmöglichkeit eines sozio-ökologisch richtigen Lebens zu beweisen scheinen! Nein, es muss ihnen gelingen,  öffentliche Debatten über eine Reform des Welthandelsregimes anzuzetteln, das heiß über Handelsbedingungen, die Handlungsfreiheit für die Umsetzung sozio-ökologisch vernünftiger Zielsetzungen erlauben.

Jenseits von Markt und Staat?

Muss dazu die Marktwirtschaft überwunden werden? Ja, vielleicht, aber später, wenn die Erkenntnis der Notwendigkeit, Machbarkeit und Vernunft deren (öko-kommunistischer) Überwindung aus dem gesellschaftlichen Leben (Auseinandersetzungen) selbst hervorgeht. Nicht ausgeschlossen, dass die  national- bzw. zwischenstaatlich regulierte Konkurrenz privateigentümlich aufgestellter Bereicherungsagenturen um die Möglichkeit der Befriedigung ebenso privateigentümlicher (= gegenüber gesellschaftlichen bzw. ökologischen Anforderungen nicht rechenschaftspflichtiger) Bedürfnisse nicht ewig als der alternativlose Fortschrittsmotor gesehen wird. Höchstwahrscheinlich werden die globalisierten Individuen (und deren Institutionen) einmal in der Lage sein, ihre unterschiedlichen Bedürfnisse in einer gesamtgesellschaftlich bzw. ökologisch rationalen (= zweckgerichteten) Weise mit den sozialen und ökologischen Kosten ihrer Befriedigung ins Benehmen zu bringen. Gelänge es, Ansprüche und soziale bzw. ökologische Kosten ihrer Erfüllung auf der Grundlage gemeinschaftlichen Forschens, Beratschlagens, Experimentierens, Treffens und Umsetzens von Vereinbarungen usw. zu er- und vermitteln, hätte das Kaufen und Verkaufen wohl ausgedient und Geld wäre nur noch ein Andenken an die „Vorgeschichte der Menschheit“ (Marx) .

Da sich aber die Produktivkräfte und Bedürfnisse, die eine solche Transformation der (welt-) gesellschaftlichen Interaktionsbedingungen möglich (notwendig und vernünftig) machten, nicht in den luftigen Höhen eines herbei phantasierten „Nichtortes“ entwickeln können, käme es weniger auf den – wenig erfolgversprechenden – Versuch an, den heiligen Zorn (auf konzernfreudliche Handelsbedingungen, auf den Kapitalismus im Allgemeinen oder auf die historischen Unzulänglichkeiten marktwirtschaftlicher Instrumente) immer weiter zu vermehren und am Kochen zu halten. Ein die materialistischen Grundlagen wirklich berücksichtigendes Vorgehen verlangte zunächst einmal Bemühungen,  den Konkurrenzvorteil für Waren aus sozial bzw. ökologisch desaströser Produktion zu kassieren, zu sehen, wo es Mengenbegrenzen geben müsste, und wo und zu einem welchen Punkt eine Ausweitung vonnöten wäre um dann zu sehen, wie dahingehende Fortschritte erreicht werden können, die Lust auf mehr (öko-kommunistischen Humanismus) machten. Dazu gehörten auch Finanzierungskonzepte, die einerseits organisch aus bestehenden Widersprüchen und Ansätzen hervorgehen, andererseits den Rahmen von Nationalstaaten sprengen.

Bei der Suche nach geeigneten Elementen entsprechender Strategien muss zum einen nach geeigneten Zielen gefragt werden, an die es anzuknüpfen oder die es zu entwickeln  und zu verfolgen gilt (deren Notwendigkeit, Träger, Opponenten, Risiken, mögliche Zielkonflikte und wie sie zu überwinden sind usw.) . Zum anderen muss über zur Verfügung stehenden oder in absehbarer Zeit entwickelbaren Mitteln geredet werden, sie zu erreichen (deren Träger, Konsistenz, Effizienz, Gefahren, Möglichkeiten usw.). und das muss immer auch heißen, in die Handelsbedingungen (und darüber in die Produktionsbedingungen) einzugreifen.

Soziale Ziele können vernünftigerweise nicht ohne die Frage ihrer Erreichbarkeit debattiert, aber die Erkenntnis deren Notwendigkeit auch nicht davon abhängig gemacht werden, wie bequem bzw. kurzfristig sie zu erreichen sind. Es steht dabei also stets die Frage nach Zeit, Ort und Bedingungen im Raum. d.h. die Frage, welche kurz-, mittel- und langfristig zu erreichende Ziele wo wie aufzugreifen (zu formulieren bzw. zu verfolgen) sind.

Dass Marktwirtschaft gesellschaftlich bestimmten Zielen nicht nur nicht im Wege stehen sondern es im Gegenteil möglich machen sollte, gemeinsam als notwendig oder wünschenswert Bestimmtes tatsächlich auch zu erreichen, ist zwar alles andere als (welt-) gesellschaftlicher Konsens. Aber beispielsweise Erwartungen von Vollbeschäftigung oder wenigstens einer akzeptablen Beschäftigungsquote, akzeptabler Steuereinnahmen und eines möglichst zunehmenden und zunehmend bunt gefächerten Warenangebots, das bestimmten qualitativen oder ästhetischen Ansprüchen genügt und nicht gefährlich oder übergebühr schädlich ist, zeigen, dass der Gedanke an gesellschaftlich bestimmten  Anforderung an das, was Marktwirtschaft für die Gesellschaft leisten soll, kein Utopismus ist.

Nischen eines sozio-ökologisch korrekten Konsums wie Fair-Trade oder Biowaren zeigen, dass Bedürfnisse nach einer sozialen Steuerung der Produktionsbedingungen und gewisse Fähigkeiten in diese Richtung keineswegs aus dem Nichts herbei gezaubert werden müssen. Nur lassen die gegebenen Verhältnisse eine systematische Weiterentwicklung sozio-ökologischer Vernunft zu einem Punkt, an dem sie die eigenen Entwicklungsbedingungen beherrschen, nicht zu. Zwar empfinden sich immer mehr Subjekte der Globalisierung als freie soziale Wesen, die als solche individuell (welt-) gesellschaftliche Verantwortung tragen, doch wäre die logische Voraussetzung ein globales Für- und Voneinander auf Grundlage eines weltgemeinschaftlich bestimmten  Nachhaltigkeitsmanagements. Für die meisten Menschen ist das aber noch nicht einmal eine Utopie. Das strukturelle Unvermögen, die Her- und Bereitstellung (Sicherung, Pflege, Aneignung, Entsorgung usw.) der zur  menschlichen Existenzsicherung und Bereicherung  benötigten Mittel weltgemeinschaftlich bestimmten Zielen unterzuordnen, bestimmt unglücklicherweise auch den Mangel am Bewusstsein dieses Mangels. Die Aufgabe  linker Kapitalismuskritiker wäre es daher, alles zu unternehmen, damit sich die öffentliche  Reflexionen um die Gewinnung sozio-ökologischer Vernunft um Konzepte und Aktivitäten drehen, die auf Produktionsbedingungen zielen, (d.h. auf eine Regulierung von Produktion, Aneignung, Entwicklung, Pflege, der dabei berührten Naturbedingungen usw), die ein sozio-ökologisch zweckgerechteres (=vernünftigeres)  Handeln erst möglich machten. Und hierzu müssen eben kurz, mittel- mittelfristige Ziele ermittelt und verfolgt werden.

Gute Anknüpfungspunkte für die Bestimmung kurz- und mittelfristig zu erreichender Ziele bieten internationale Vereinbarungen wie die Schlusserklärung der Klimakonferenz in Paris vom Oktober 2015 oder die im Januar 2016 in Kraft getretenen  17 Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen bieten . Es steht also die Frage, wieso die linksliberalen bzw. kapitalismuskritischen linken Lenker der Anti-TTIP Kampagne bisher keinerlei erkennbaren Versuche gestartet, daran konkret anknüpfend zu einer breiten gesellschaftlichen Debatte über Notwendigkeit, Vernunft und Möglichkeit einer sozio-ökologischen Reform der Welthandelsstruktur zu kommen? (Und lieber nur darüber klagen, dass die Aufstellung und Verfolgung von Zielen nachhaltiger Entwicklung nicht dort verhandelt werden, wo die Musik, d.h. der internationale Handel spielt)

So weit erst einmal diese essayartige  Erörterung. Das wird mit Gewissheit noch eine gewisse Zeit nachreifen und hier und da ergänzt und zusätzlich belegt werden müssen. Was auf alle Fälle noch fehlt und wohl eine nahe Fortsetzung notwendig macht , ist eine Auseinandersetzung mit konkreten Beispielen unzureichender Schuldzuweisungen und Erklärungsversuchen für gesehene oder empfundene Probleme der Globalisierung bzw. Modernisierung des Kapitalismus , wie sie in „linken“  liberalen bis anti-kapitalistischen Debatten oder bei den spontan Empörten beliebt, uns die (uns) in großer Gefahr bringen, zum nützlichen Idiotismus rechtspopulistische Strategien einer Entzivilisierung des Kapitalismus zu werden.

hhh

One Response to Was kann das „trumputinistische“ Projekt einer Entzivilisierung des Kapitalismus stoppen?

  1. Hendrik Müller bringt es im Spielgel Katalonien, Brexit, Trump Geistige Kleinstaaterei auf den Punkt:

    „Dass der nationale Wahn wieder die Hirne vernebelt, ist absurd und tragisch. Ein Land nach dem anderen taumelt auf diesem gefährlichen Irrweg einer schlechteren Zukunft entgegen – selbstzerstörerisch und aggressiv. Es geht wieder um Abgrenzung: nach außen, nach innen. Es geht um Grenzziehungen und Ausgrenzungen. Es geht um die alten, kleinlichen Fragen – wer gehört dazu, wer nicht?

    Es geht nicht darum, sich den großen, drängenden Zukunftsfragen zu stellen. So gesehen, sind die Nationalbewegungen bloße Ablenkungsmanöver.“

    http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/katalonien-brexit-trump-geistige-kleinstaaterei-a-1171814.html

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