Fetisch des Fetischcharakters?

22. Februar 2009

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Wer wissen möchte, wie kapitalistisches In-der-Umwelt-Sein bzw.kapitalistische Umweltverhältnisse mit mangelndem Umweltbewusstsein bzw. -verhalten zusammenhängen, kommt um Marx Abhandlungen über den Fetischcharakter der Ware nicht herum.

Wie die (aus den privateigentümlichen Produktions- bzw. Aneignungsweisen unweigerlich hervor gehende) „Wahrnehmung sozialer Verhältnisse als Verhältnis von Sachen“ entsprechend beschränktes Verantwortungs- oder  (Un-) Rechtsbewusstsein hervor bringt und was gegen den Warensinn helfen könnte ist in dem Beitrag „Sind wir des Warensinns?“ behandelt.

Die Auseinandersetzung mit dem Fetischcharakter kann allerdings auch ganz seltsame Blüten treiben.  In seinem 2002 erschienenen Aufsatz  „Das Fetischismus-Konzept von Marx und sein Kontext“ äußert sich der Lehrstuhlinhaber des Kulturwissenschaftlichen Seminars der HU Berlin, Professor Dr. Böhme, begeistert über „Marx Fetisch-Konzept“. Das zeige nämlich, dass auch „die Moderne“ im Kern irrational und die einstige Verachtung afrikanischer Fetisch-Rituale deshalb wohl nur eine Projektion katholisch sozialisierter Euro-Zentristen  gewesen sei.  Soweit so gut! Erkenntnisreich beschreibt Böhme z.B. die Geschichte dieser Projektion und zeigt wie in manchen ländlichen Regionen Afrikas Fetischrituale eine soziale Verständigungsgrundlage schaffen, auf deren Basis der dem Fetisch verliehene Zauber tatsächlich wirkt.

Doch genau so stellt sich Böhme offenbar auch den Wirkungszusammenhang des  „Warenzaubers“  der bürgerlichen Welt vor.  Marx Erläuterungen der Voraussetzungen, Mechanismen und Probleme der verkehrten Wahrnehmung sozialer Verhältnisse als Verhältnisse von Sachen vollzieht Böhme nicht nach.  So sieht er auch nicht, dass deren Witz es gerade ist, dass diese unabhängig vom Willen (und den psychischen Motiven) der Menschen immer aufs Neueaus den privateigentümlichen Formen kapitalistischer Vergesellschaftung hervorgehen.

Stattdessen unterstellt Böhme nun Marx, der seiner Meinung nach hier „alles durcheinander bringt „, (?)  mittels geschickter Rhetorik und Metaphorik „ohne Zweifel“ erst die verzauberte Welt des Kapitalfetischs geschaffen, und lediglich seine eigene „Fetischisierung des Warenfetisch“ auf die „der Moderne“ projiziert zu haben.

Auf die skurrilen Einzelheiten der Böhmschen Vorstellung von der „Materialisierung“ marxscher Ideen näher einzugehen, fehlt es mir derzeit leider an Muße. Es sei aber auf die wunderbare Kritik  von Ingo  Elbe verwiesen: Hartmut Böhme:  Fetischismus und Kultur. Eine andere Theorie der Moderne

Die Böhm‘ schen Projektionen zeigen, wie schwer es gerade für „Bewusstseinsarbeiter“ ist, sich ein Bewusstsein davon zu erarbeiten, was es für das eigene Erkenntnisvermögen bedeutet, wenn die Notwendigkeit fehlt, sich die Einzelheiten der – sich unter kapitalistischen Behauptungsbedingungen unwillkürlich hinter den Rücken der Akteure herstellenden – Vergesellschaftung durch den Kopf gehen zu lassen.

Das wird auch dadurch erschwert, dass die privateigentümlich kopflose Form der Arbeitsteilung dafür sorgt, dass auch die als Vergesellschaftungs-Vorstellungs-Mittel fungierenden Begriffe ihre Funktion als mehr oder minder passende „Griffe an der Wirklichkeit zu ihrer besseren Handhabung“ nicht hinreichend erfüllen können.

Es versteht sich, daß die Aufhebung der Entfremdung immer von der Form der Entfremdung aus geschieht

Marx: Ökonomisch-philosophische Manuskripte aus dem Jahre 1844.MEW Bd. 40, S. 553

Begriffe wie “Freiheit”, “Gerechtigkeit”, “Entfremdung” ” Kapitalismus” , “Sozialismus”, “Produktivkräfte”, “Fortschritt”, “Entwicklung”,  “Natur”,  “Politik”, “Gott”, “Rationalität”, “Bedarf”, “Bedürfnisse”,” Selbstbestimmung” oder auch  “Fetischisierung” erscheinen uns als Fixsterne des Denkens und Handelns!

Sie gelten als die wahren Mittel der Erleuchtung oder zumindest der Beleuchtung des Elends dieser Welt und wie dem zu begegnen sei. Da sie der Orientierung dienen, ist deren Deutung – oft hart manchmal blutig – umkämpft.  Sie stehen für Protest gegen wirkliches Elend, für Seufzer  bedrängter Kreaturen, sind Herz ungemütlicher Zeiten und Geist geistloser Zustände (vgl .  MEW Bd. 1, S. 378)  Manchen versetzt ihr Gebrauch in einen wohligen Rausch.  Aber Vorsicht! Vor Halluzinationen wird gewarnt.

Fern aller konkreten Beziehungen, Interessen und Instinkte wirklicher Menschen und deren Behauptungsbedingungen beginnen uns diese mit eigenem Geist beseelt vorgestellte  Erscheinungen auf der Nase herum zu tanzen und dem menschlichen Denken und Handeln mal diesen und mal jenen Geruch zu verleihen ohne dass sich deren  Spur ins alltägliche  Leben konkret nachvollziehen ließe.

Um so besser kann ihr geschickter Gebrauch Flügel und übermenschliche Kräfte verleihen, die Menschen fesseln, ihnen Orientierung geben und  an der Nase herum führen. Doch nachhaltiges „Uns-aus-dem-Elend-zu-erlösen“ funktioniert so sicher nicht.

Was tun?!

Wie der Warenfetisch lässt sich ein dem sozialen Kontext entfremdeter Begriffsfetischismus  nicht einfach aus dem Kopf schlagen.  Das mag auch nicht in jedem Fall notwendig sein. Mit Hilfe der genannten Mittel der Orientierung (innnerhalb orientierungsloser Verhältnisse) lassen sich viel gute Dinge anstellen und alles ist halt eine Frage sozialer Kämpfe um Deutungsmacht.

Doch bei allem gebotenen Realismus: ein rationaler Diskurs, die Konstruktion einer „idealen Diskursgemeinschaft“ braucht eine Entfetischisierung der sprachlichen Wahrnehmungsmittel. Aber wie soll das gehen?

Faustregel: Um so klarer ihr Kontext, desto handhabbarer wird die begriffliche Erfassung der Wirklichkeit.

Nichts gegen „Entzauberung“ etwa eines trotz (oder wegen?) einer imperialistische Praxis spirituell aufgeladenen Begriffs von  „Rationalität“!

Aber was hilft es, „die Rationalistät“ oder (auch sehr beliebt, aber doppelt mystifizierend) „die westliche Rationalität“ etwa für Prozesse der Verdrängung von lokal angepassten Wirtschaftsweisen mit hoher Agrobiodiversität verantwortlich zu machen?  Welche Konsequenzen außer hilfloses Geister-Abschwören und Begriffs-Verteufelungen aller Art ergeben sich aus einer solchen Ursachenbestimmung?

Um dennoch den Tatsachen auf der Spur zu kommen, muss zumindest danach gefragt werden, in welcher Hinsicht und für welchen (und wessen) Zweck (oder Zeitrahmen) ein bestimmter Gedanke,  Plan, Spielraum, eine bestimmte Methode,  Produktionsweise  oder auch ein bestimmtes Gefühl  zweckdienlich und deshalb rational ist Und in welcher Hinsicht usw. nicht?

These: Alle Rationalität ist Zweckrationalität.

Selbst die sprichwörtliche Blindheit und zeitverschwenderische Verrücktheit Liebender oder der Spaß an künstlerischer Freiheit folgt mehr oder minder bestimmbaren Zwecken. Furztrockenheit und offensichtliche Berechnung wäre hier wenig rational.

Rationaler Diskurs und Entfetischisierung brauchen eine andere Art der Arbeitsteilung

Fehlt es an Möglichkeiten und wird keine Notwendigkeit gesehen, die Entwicklung und Anwendung der menschlichen Lebens- und Bereicherungsmittel  miteinander abzustimmen, erscheint das spezifisch Menschliche,  nämlich Arbeit nicht als freie Umgestaltung der Umwelt zu einem vorher (mit-)bestimmten  sozialen Zweck sondern als eine fremde, unbeherrschbare Angelegenheit, deren  Ergebnisse und Voraussetzungen einem nichts angehen.

Sozialismus hieße Verallgemeinerung des Vermögens, nach den sozialen Zwecken und den für deren Erfüllung notwendigen bzw. zu akzepzierenden Kosten des eigenen Tuns zu fragen,  danach gefragt zu werden und als ein das lokale und  globale Miteinander aktiv mitgestaltender Mensch gefragt zu sein. Nur in so weit die Individuen in entsprechende Rechtfertigungsverhältnissen hinein sozialisiert werden können und sich in ihnen behaupten müssen, können die individuellen Fähigkeiten, Bedürfnisse und Taten als gesellschaftlich bewusste Produuktivkräfte eingebracht (und behandelt) werden. Die Phrasen vom Selbstzweck hören auf und gemeinschaftliches (auch weltgemeinschaftliches) Zwecksetzen tritt an deren Stelle.

„Freiheit“, „Gleichheit“, „Geschwisterlichkeit“ waren die gedanklichen Fixsterne  der menschlichen Emanzipation in den Grenzen des Warenverkehrs. Von nun an geht es um die Erarbeitung der Möglichkeit, als  frei assoziierte Persönlichkeiten und Zusammenschlüsse gesamtgesellschaftlich rational denken und handeln zu können.

hh


Ökokapitalistischer New Deal? Na klar!

5. Februar 2009

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Der im Zuge der „Finanzmarkrise“ 2008 /09 innerhalb der Grünen aufgenommene Green New Deal Ansatz  verlor sich bald im politisch Bedeutungslosen, nachdem es in Deutschland relativ schnell gelungen war, mit einigen Notmaßnahmen wie Kurzarbeit, Abwrackprämie den Konjunkturmotor wieder anzuwerfen. Warum nur wurde der Ansatz nicht weiterentwickelt und warum hörte man etwa so gut wie nichts von Green New Deal Vorschlägen als Grundlage eines rot-grünen Europa-Projektes gerade hinsichtlich der Krise in den südlichen Ländern? Die Rentendiskussion der 2010er Jahre  fand ohne die Grünen statt. Das wäre mit Sicherheit anders, wenn die Grünen die Ökosteuer als Finanzierungselement im Rahmen eines GND  eingebracht hatten.

Die GND Überlegungen lösten sich in die sehr wenig auf Strategieentwicklung angelegte Wachstumskritikdebatte auf  und überlebte nur noch als identitätsstiftende Schmähkritik des „linken“ Anti-Kapitalismus, der von der Linkspartei dankbar als Jungbrunnengeplätscher aufgenommen wurde.

Nun hat sich in den USA aus dem Widerstand gegen den Trumpismus heraus eine Bewegung für ein Green New Deal entwickelt, der die Karten neu mischen.  http://www.greennewdealgroup.org/

Ein sehr guter Anlass, das Thema wieder aufzunehmen. Es dürfte sich nun zum Kernbereich des begonnenen Buchprojektes auswachsen.

Hier erst einmal die ollen Kamellen ab 2009

 

Mehr (Öko-)Sozialismus wagen heißt natürlich Ja zu Ökokapitalismus und ökologischem New Deal!

„Als die Europäischen Grünen vor knapp zwei Jahren gesagt haben, wir müssen eine globale Antwort auf die Krise geben, sagten die in der grünen Bundestagsfraktion: Green New Deal – was ist denn das? Das versteht doch keiner. Die haben das immer nur runtergeredet. Aber irgendwann hat sich das durchgesetzt, dass man weiter ausholen muss. Darum geht es: Man muss weiter ausholen. (…) Aber (wenn) die Grünen sich damit begnügen zu sagen, wir sind die Partei, die Reformen machen kann, dann geht es nicht. Wir müssen im Denken viel radikaler werden.“

Daniel Cohn-Bendit in der Taz vom 19./20.09.09

So wenig, wie militärische Konflikte mit rein militärischen Mitteln  beendet werden können, ist die augenblickliche Krise der politischen Ökonomie mit rein ökonomischen  Mitteln zu bewältigen.

Denn sie ist zugleich Ausdruck und Ergebnis von „Entfremdung“ der dominierenden Produktionsantriebe von den Zwecken, Voraussetzungen und Nebenwirkungen der Produktion. Die können allesamt nicht auf einer mitmenschlichen Weise bestimmt werden. Nicht Wissen um und Leiden an ökologischer Verödung oder Erkenntnisse (und entsprechende Abkommen) darüber, was für ein zukunftsfähiges, ökologisch tragfähiges Miteinander von bald 7 Milliarden Erdenbürger/innen zu tun wäre,  welche Produktivkräfte dafür zu entwickeln wären und wie die (gemeinsam) zu schaffen, einzusetzen und zu kontrollieren wären,  bestimmen die Produktionszwecke und -methoden, sondern der blinde Wettlauf um Konkurrenzvorteile  beim privaten Plusmachen. Konkurrenzvorteile sind für die Unternehmen überlebenswichtig und die haben Einsparen des Arbeitsaufwands und damit die Fähigkeit zur Befriedigung immer mehr privater (also nicht unbedingt sozial bzw. ökologisch reflektierter) Bedürfnisse zur Voraussetzung.  Struktureller Wachstumszwang!

Ob Arbeitsersparnis und Wachstum Folge intelligenter Technik und Arbeitsorganisations ind, die Natur und Gesundheit schonen, oder im Gegenteil Folge von Raubbau, ist für den – Vorsicht nichtssagende Phrase!  – „wirtschaftlichen Erfolg“ ebenso egal, wie die Bedeutung der Produktionserfolge für persönliches Lebensglück oder ob sie  einen Zugewinn an sozialer Handlungskompetenz bringen.

Die Krise einer solchen politischen Ökonomie bedarf deshalb der Kritik einer politischen Ökologie. Wo kann diese ansetzen?

Das führt zu der Frage, was an den öffentlich verhandelten Lösungsstrategien am Ehesten in Richtung einer sozialen Zweckbestimmung geht, der Arbeitsersparnis untergeordnet ist (und nicht umgekehrt) und die den ökologischen Herausforderungen am ehesten gerecht wird.

Hier sollen deshalb in Richtung eines „Ökologischen New Deals“ formulierten Vorstellungen vorgestellt werden

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Verstaatlichung = Sozialismus?

13. Januar 2009

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Schließlich haben wir gezeigt, daß die Aufhebung des Privateigentums und der Teilung der Arbeit selbst die Vereinigung der Individuen auf der durch die jetzigen Produktivkräfte und den Weltverkehr gegebenen Basis ist. Innerhalb der kommunistischen Gesellschaft, der einzigen, worin die originelle und freie Entwicklung der Individuen keine Phrase ist, ist sie bedingt eben durch den Zusammenhang der Individuen, ein Zusammenhang, der teils in den ökonomischen Voraussetzungen besteht, teils in der notwendigen Solidarität der freien Entwicklung Aller, und endlich in der universellen Betätigungsweise der Individuen auf der Basis der vorhandenen Produktivkräfte.

Es handelt sich hier also um Individuen auf einer bestimmten historischen Entwicklungsstufe, keineswegs um beliebige zufällige Individuen, auch abgesehen von der notwendigen kommunistischen Revolution, die selbst eine gemeinsame Bedingung ihrer freien Entwicklung ist.

Marx/Engels: Die deutsche Ideologie, MEW Bd. 3, S. 425

 

„Den Eindruck einer Verstaatlichung der Commerzbank versucht man in Berlin zu vermeiden“ vermeldete Nicola Liebert in der Taz vom 10.1.09 Und:

Der SPD-Vorsitzende Franz Müntefering betonte im ZDF, es handele sich keinesfalls um eine Teilverstaatlichung und die Bundesregierung werde „auf die Geschäfte keinen Einfluss nehmen“. Ein Sprecher des Bundesfinanzministeriums führte aus: „Es wäre völlig fatal, wenn eine Regierung in solcher Situation versuchen würde, auf das operative Geschäft Einfluss zu nehmen.“

Dem Bericht zufolge hat der Bund bereits 18 Milliarden € in die Commerzbank gesteckt – für ein Unternehmen, dass an der Börse zur Zeit des „Eingriffs“ nur noch 3,8 Milliarden Euro wert war. Dafür verfügt der Deutsche Staat nun über ein Viertel des Aktienbestandes, das aber um Himmels Willen nicht für politische Richtungsentscheidungen (etwa zur Förderung von Klimaschutzprogrammen) genutzt werden soll.

Das zeigt, wie durch und durch „kapitalistisch“ diese Teilverstaatlichung verläuft und im Übrigen wie viel neoliberale Ideologie immer noch im Spiel ist.  Eine Entideologisierung der Frage nach dem (möglichen) Sinn von Staatsunternehmen, und unter welchen Voraussetzungen (!) sie mehr soziale Steuerung ermöglichen könnten, wäre allerdings notwendig.

Natürlich ist Michael Heinrichs Einwand (in der Taz vom 14.01.09) richtig, dass an sich  „eine Verstaatlichung lediglich die Akteure austauscht, ohne die Struktur anzutasten“, und dass es darauf aufkommt, die Spielregeln zu verändern nach denen Reichtum heute weltweit produziert und angeeignet wird.

Allerdings: Wenn Banken to big to fail sind und durch Staatsgarantien gerettet werden müssen, weil sonst deren Pleite den gesamten Zahlungsverkehr zum Erliegen bringen kann, liegt die Frage nahe, ob so ein riesiges Erpressungspotenzial in privaten Händen gut aufgehoben ist. Und es stellt sich die Frage,  wie  es unter diesen Umständen mit der gesellschaftlichen Macht zur Anpassung  der Spielregeln an soziale und ökologische Anforderungen bestellt ist.

Der Fehlanreiz, den so eine Pleiteversicherung für das Risikoverhalten der Privatakteure hat, ist außerdem nicht unähnlich der von  „neoliberaler“ Seite (einst) vorgebrachten Argumente gegen jede Staatswirtschaft.  Der auf die staatliche KFW zeigende Finger (dessen Risikoverhalten in der Tat von dem sicheren Gefühl eigener Unsinkbarkeit beeinflusst sein mag) entkräftet die Frage nach einer systematischen Fehlsteuerung durch übermächtige Privatunternehmen aber nicht wirklich.

Das heute selbst vom verbohrtesten Marktliberalen (wie etwa Hans Werner Sinn) zugestandene „Marktversagen“ lässt ganz selbstverständlich nach neuen Formen der Regulierung bzw. der  sozialen Kontrolle der Finanzmärkte suchen, die deren Risiken abmildern sollen.  Zugestandenes  „Staatsversagen“ wirft dagegen so gut wie nie die Frage auf, welche bessere Regulierungen bzw.  bessere soziale Kontrollen und Anreize es für das Handeln von  Staatsunternehmen geben könnte.

Nahe liegend wäre eine möglichst Ideologie freie Suche nach einer zeitgemäßen, Problem bewussten Antwort auf die Frage nach Notwendigkeit, Form und Inhalt von sozialer Kontrolle bzw. Mitbestimmungskompetenz.

In einem aktuell sichtbaren Fall: Kann eine sozial und umweltverträgliche Wärmeversorgung garantiert werden, wenn ein einziges Unternehmen (Gazprom)  in der Lage ist, ganzen Weltregionen seine Bedingungen zu diktieren? Ist hier nicht genauer nach Inhalt und Form der sozialen Kontrolle der staatlichen Aktienmehrheit zu fragen? Und wäre im Angesichts schmelzender Polkappen, Nahrungsmittelkrisen, Überfischung und Biodiversitätsverluste ein weltweites öffentliches Ressourcenmanagement unter der Regie einer reformierten UNO sooo undenkbar?

Überzeugene Argumente für eine Verstaatlichung der Banken führt der Chefökonom des DGB Dirk Hierschel im Handelsblatt ins Feld.  Nur so könne nicht nur eine „Kernschmelze“ der Banken verhindert, sondern auch  ein Minimum an sozialer Kontrolle und Schutz vor Sozialisierung garantiert und verhindert werden, dass  „Sachzwänge“ entstehen, die die Sozialisierung der Verluste zementieren.

Handelsblatt vom 07.04.2009
Der ökonomische Gastkommentar

Verstaatlicht die Banken!

von Dierk Hierschel

Die Verstaatlichung ist der effektivste Ausweg aus der Bankenkrise. Sie ist die billigste, risikoärmste und hinsichtlich der Lastenverteilung gerechteste Möglichkeit. Die Banken müssen nicht ewig in Staatshand bleiben. Aber zumindest so lange, bis sie die Kosten des Rettungseinsatzes erwirtschaftet haben.

Michael Jäger denkt im Freitag laut über eine Enteignung der Immobilienbesitzerin von Karstatt nach. Ein Gedanke, der das Geschäftsmodell „Unternehmen kaufen, dessen Immobilien an eine Tochterfirma verkaufen,  die das Unternehmen mit Wuchermieten in die Pleite treibt“ von vornherein mit einem gewissen Risiko behaften würde. Ja, warum nicht?

Die Angestellten von Karstadt müssen für Wuchermieten aufkommen. Da zeigt sich denn doch, dass Staatshilfe sinnvoll wäre, nämlich eine Enteignung des Vermieters nach Artikel 14 des Grundgesetzes. Schade, das haben die Grünen nicht gefordert, aber tat es denn statt ihrer die SPD?

Michael Jäger im Freitag vom 18.6.09

Marx zum Thema Verstaatlichung (1)


Sind wir des Warensinns?

23. November 2008

Über strukturelle Voraussetzungen eines hinreichenden Bedürfnisses zur Verbraucheraufklärung

marxhandy

Wer die Wahrheit übers unmittelbare Leben erfahren will, muß dessen entfremdeter Gestalt nachforschen, den objektiven Mächten, die die individuelle Existenz bis ins Verborgenste bestimmen.
Theodor W. Adorno  Minima Moralia, Reflexionen aus dem beschädigten Leben
„… der Kapitalismus ist schon in der Grundlage aufgehoben durch die Voraussetzung, daß der Genuß als treibendes Motiv wirkt, nicht die Bereicherung selbst.
Marx: Das Kapital, MEW Bd. 24, S. 123

Bei der Suche nach Antworten auf Fragen nach strukturellen Hintergründen einer bornierten „Geiz ist geil“  Moral gehören Marx Ansichten des Fetischcharakters der Ware“ auf den Tisch, der  „sobald er als Ware auftaucht, auf dem Kopf zu stehen scheint und aus seinem Holzkopf heraus Grillen entwickelt“.

In der Regel müssen moderne Bürger von Welt das zum guten Leben Notwendige weder eigenhändig der Natur ihrer unmittelbaren Umwelt abtrotzen noch müssen sie für die sozialen bzw. ökologischen Kosten gerade stehen, die das Abtrotzen mit sich bringt. Die Kaufkräftigen aller Länder scheinen auf Ewig von der Sorge befreit, ob und wie sie es schaffen, die Kräfte der Natur für die eigenen Nachkommen zu bewahren oder anzureichern. Stets volle Regale bieten keinen Anlass, sich um die Zukunftsfähigkeit der Naturkräfte zu sorgen, die das Begehrte auf ewig zuverlässig bereit zu stellen scheinen.

Auch der kleine Bürger-König-Kunde von der Straße profitiert – zunächst- von Überfischung, Bodenverwüstung oder dem Raubbau an menschlicher Arbeitskraft. Aus Sicht eines Großeinkäufers, Weiterverarbeiters oder Endverbrauchers scheinen unangenehme Folgen der Übernutzung von Naturkräften auszubleiben, solange sie durch die Erschließung immer neuer Quellen des Wohlstandes kompensiert werden können. Natürliche Grenzen des „Nachwachstums“ scheinen aufgehoben.

Endstation Warensinn?

Die vom Politikwissenschaftler Francis Fukuyama geäußerte Vorstellung vom „Ende der Geschichte“ lebt möglicherweise von dieser Illusion. Warenverkehr versetzt das moderne Bewusstsein in in eine bequeme Lage. Das Losgelöstsein von der Last der Wahrnehmung unangenehmer Voraussetzungen oder Wirkungen des Konsumierens bestimmt offenbar auch den Horizont des philosophischen Zeitgeist, der nicht sieht, dass häufig kein Gras, (Regenwald oder Fisch) mehr nachwächst, wo menschlicher Fortschritt auftritt und sich das unbekümmert als ewiger Kreislauf vorgestellte „Ende der Menschheitsgeschichte“ in einer ökologischen Abwärtsspirale bewegt.

Vielleicht war Karl Marx hier doch weitsichtiger. Für ihn beginnt (!) die Geschichte der Menschheit erst, wenn die entscheidenden Fragen des „Was?“, „Wer?“, „Wo?“, „Wie?“, Wieviel?“, „Wem?“ und „Warum?“ der Produktion – im Großen und Ganzen – in gemeinsamen Abwägungsprozessen entschieden werden können und müssen. Nur in so weit die Menschen die Freiheit besitzen, sich gegenseitig zu nötigen, die soziale und ökologische Vernunft (Verträglichkeit, Nachhaltigkeit) der beabsichtigten Produktionsziele und -methoden zu belegen, kann von einer wirklich gemeinsam handelnden „Menschheit“ die Rede sein. Wie viel Marktwirtschaft zur Herstellung einer solcherart gemeinsam handelnden Menschheit möglich oder auch notwendig ist, mag dahin gestellt sein. Fest steht: Solange eine in ihrer sozialen und ökologischen Wirkung weitgehend blinde Konkurrenz (und damit vor allem die Einsparung von Arbeitsaufwand) die Entscheidungen der Menschen über den Erfolg der Produktion (und damit de Vorsellungen ber deren „Richtigkeit“ bzw. „Rationalität“) bestimmen, treibt das den menschlichen Reichtum in einem unangenehmen Sinne „wie verrückt“ voran! Denn das Verrückte ist, dass den beteiligten Menschen der letztlich bewirkte Schaden (oder Nutzen) herzlich egal bleiben kann, solange sie selbst nicht unmittelbar betroffenen sind. Solange und soweit produzierter Nutzen (oder Schaden) jedoch als Privatsache gelten (kann), scheint auch das philosophische Denken vom Warensinn getrübt.

Geld stinkt nicht .

Warum rebelliert das menschliche (Un-) Rechtsbewusstsein so selten gegen das leichtfertige in Kauf nehmen selbst schwerer Verbrechen im Wortsinne mörderischer Produktionsbedingungen? Vielleicht fehlt es einfach an genau diesen Möglichkeiten, Produktion und Konsum gemeinsam, nach (welt-) gemeinschaftlich reflektierten Kriterien zu steuern. Denn ohne dem kann jedes Glied der globalen Produktions- und Konsumketten nur seinen borniert-privaten Vorteil (oder Nachteil) sehen mit der Folge, dass das durch Raubbau am Meer gewonnene Mehr an Meeresfruchtpizza sogar als Zugewinn an Gerechtigkeit erscheint.

Denn für mich sieht es so aus: ich habe mir die Pizza durch Arbeit redlich verdient. Ein Mehr an Pizza für das gleiche Geld ist für mich wie die Vermehrung des Ergebnisses eigener Mühen. Im Dunklen bleibt, dass nicht ich, sondern die Tier- und Pflanzengesellschaften des Meeres die Meeresfrüchte produzierten (und die endlose Kette fremder Arbeitsvorgänge, sie schließlich auf meinen Teller platzierten). Wie also soll ich riechen, dass mein Gerechtigkeitsgefühl aus Vorgängen gestrickt ist, die meine Mitmenschen arm und die Meere leer macht?

Geld stinkt nicht, und Frutti di Mare auf der Pizza schmecken nicht nach leer gefischtem Meer. Wir müssen offenbar erst mit der Nase darauf gestoßen werden.

Stinkt Geld doch?

Das geschieht etwa, wenn Greenpeace mit Tausenden der Sommerhitze ausgesetzter toter Fische, Krebse und Muscheln zeigt, dass eine Politik stinkt, die es zulässt, dass jedes Jahr allein in der Nordsee 700.000 Tonnen Meerestiere als Beifang völlig sinnlos sterben, weil sie nicht einmal im Hafen angelandet, sondern gleich wieder tot oder sterbend über Bord gekippt werden.“

Mit fair Trade zur Mitmenschlichkeit!

Aktionen für ökologisch und sozial verantwortungsvollen Konsum, wie etwa die Kampagne „Augen auf beim Blumenkauf,“ Fair Trade, umweltbewusstes Reisen, oder der Erwerb von Fisch mit Ökosiegel helfen weiter.

Die individuelle zur Kenntnisnahme und Zähmung des inneren Schweinehundes bei jeder Kaufentscheidung, die täglich mehrfache Entscheidung für oder wider höhere Warenpreise, die durch Mehraufwand für zukunftsfähige, faire Produktion notwenig werden, ist notwenig, lehr- und hilfreich.

Verantwortung öffentlicher Beschaffung

Der Effekt wäre größer, würden die öffentliche Hand und andere Großeinkäufer fair und umweltfreundlich einkaufen (müssen). Auch in diese Richtung gibt es viel versprechende Bewegung.

Zukunftsfähiges Nachfragen nach (oder durch) Mindeststandards?

Soziale und ökologische Kriterien bei der Vergabe von öffentlichen Aufträgen oder der Güter-Beschaffung durch die öffentliche Hand wären – insbesondere in Kombination mit der Frage nach der Erreichbarkeit globaler Nachhaltigkeitsziele  – ein großer Fortschritt bei der Entwicklung eines hinreichenden Willens zu einer sozial und ökologisch reflektierten Nachfrage nach zukunftsfähigen Formen der Produktion. Denn das Bedürfnis, nach der Zukunftsfähigkeit des eigenen Wohlstands zu fragen, wird sich nur in dem Maße entwickeln können, wie Regeln (und deren Anwendung) mit bestimmt werden können, die das mitmenschliche und ökologisch bewusste Handeln zur Normalität machen. Doch auch eine verantwortlich einkaufende „Öffentliche Hand“ wäre dafür nicht ausreichend.

Grad wo private Konkurrenz ums Schneller und Besser im Wortsinne mörderisch wird und sich die freundliche Dr. Jekyll Gestalt der unsichtbaren Hand privaten Aneignens zur Mr. Hyde Klaue zu formen beginnt, müssen soziale und ökologische Mindeststandards festgelegt werden, die weltweit gültig und deshalb in der Lage sind, Sozial- und Ökodumping durch drohende Sonderabgaben oder auch Verkauf von „Verschmutzungsrechten“ usw. zu verunmöglichen.

Erst die Möglichkeit zur Mitbestimmung sozialer Regeln, gibt (gäbe) Anlass, ernsthaft über die Gerechtigkeit dieser und jener Festlegung zu streiten, stachelt das Verlangen nach Informationen über die Grundlagen der zu treffenden Entscheidungen an, macht jede auch noch so privat erscheinende Nachfrage zu einem Gegenstand öffentlichen Nachfragens.

Erlöse aus „Verschmutzungsrechten“, Öko- und Sozialsteuern und -zölle (oder umgekehrt Gutschriften), die so einen Entwicklungsprozess steuern, müssten allerdings dafür eingesetzt werden, Nationen, Branchen usw., die ihre Konkurrenzvorteil bisher weitgehend aus dem Raubbau bzw. dem Mangel an sozialer und ökologischer Zukunftsfähigkeit gewinnen, den Umstieg in ein zukunftsfähiges (menschenwürdiges und naturverträgliches) Wirtschaften zu ermöglichen.

hkeulen(Globale) Notwendigkeiten und (regionale) Möglichkeiten müssen also berücksichtig und finanzielle Mittel wie Maßnahmen zur Förderung nationaler Umbauprogramme so in Zeit und Raum eingeordnet werden, dass auch die sozial und ökologisch problematisch produzierende Nationen in den Prozess einwilligen können. International gültige Mindeststandards und nationale Nachhaltigkeitsstrategien müssten also massentierhaltung macht billigHand in Hand geschaffen und finanziert werden.

Die Herstellung eines solcherart „gemeinsamen Menschheitsgeschichte“ könnte nur als Bündel geschichtlicher Prozesse geschehen, die bestehende oder bereits mögliche Ansätze fortsetzen. Das Kleine (zertifizierte Ökowaren, fair Trade oder freiwilliger Audit) darf aber nicht klein (d.h. auf privaten Goodwill angewiesen) bleiben und es käme darauf an, aus ihnen Regeln zu entwickeln, die aus der sozialen Nische, lebensweltlicher Moden und „Szenen“ heraus führen und auf Veränderungen im Großen und Ganzen abzielen.

Angesichts der rasanten Entwicklung von Nachfragemacht in Ländern wie China, Indien oder Brasilien bleibt für diese „historischen Veränderungsprozesse“ nicht allzu viel Zeit.

hh

Story of Stuff – German from UTOPIA AG on Vimeo.

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Arbeit schafft(e) den Menschen

6. November 2008

Spinnen Menschen, hatten sie einen Plan:

Die Arbeit ist zunächst ein Prozeß zwischen Mensch und Natur, ein Prozeß, worin der Mensch seinen Stoffwechsel mit der Natur durch seine eigne Tat vermittelt, regelt und kontrolliert. Er tritt dem Naturstoff selbst als eine Naturmacht gegenüber. Die seiner Leiblichkeit angehörigen Naturkräfte, Arme und Beine, Kopf und Hand, setzt er in Bewegung, um sich den Naturstoff in einer für sein eignes Leben brauchbaren Form anzueignen. Indem er durch diese Bewegung auf die Natur außer ihm wirkt und sie verändert, verändert er zugleich seine eigne Natur. Er entwickelt die in ihr schlummernden Potenzen und unterwirft das Spiel ihrer Kräfte seiner eignen Botmäßigkeit. (…) Eine Spinne verrichtet Operationen, die denen des Webers ähneln, und eine Biene beschämt durch den Bau ihrer Wachszellen manchen menschlichen Baumeister. Was aber von vornherein den schlechtesten Baumeister vor der besten Biene auszeichnet, ist, daß er die Zelle in seinem Kopf gebaut hat, bevor er sie in Wachs baut. Am Ende des Arbeitsprozesses kommt ein Resultat heraus, das beim Beginn desselben schon in der Vorstellung des Arbeiters, also schon ideell vorhanden war.

Marx: Das Kapital, MEW Bd. 23, S. 192-193

Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen

Die Arbeit ist die Quelle alles Reichtums, sagen die politischen Ökonomen. Sie ist dies – neben der Natur, die ihr den Stoff liefert, den sie in Reichtum verwandelt. Aber sie ist noch unendlich mehr als dies. Sie ist die erste Grundbedingung alles menschlichen Lebens, und zwar in einem solchen Grade, daß wir in gewissem Sinn sagen müssen: Sie hat den Menschen selbst geschaffen.

Vor mehreren hunderttausend Jahren, während eines noch nicht fest bestimmbaren Abschnitts jener Erdperiode, (…) ein Geschlecht menschenähnlicher Affen von besonders hoher Entwicklung. Darwin hat uns eine annähernde Beschreibung dieser unsrer Vorfahren gegeben. Sie (…) lebten in Rudeln auf Bäumen. Wohl zunächst durch ihre Lebensweise veranlaßt, die beim Klettern den Händen andre Geschäfte zuweist als den Füßen, fingen diese Affen an, auf ebner Erde sich der Beihülfe der Hände beim Gehen zu entwöhnen und einen mehr und mehr aufrechten Gang anzunehmen. Damit war der entscheidende Schritt getan für den Übergang vom Affen zum Menschen. Alle noch jetzt lebenden menschenähnlichen Affen können aufrecht stehn und sich auf den beiden Füßen allein fortbewegen. Aber nur zur Not und höchst unbehülflich. Ihr natürlicher Gang geschieht in halbaufgerichteter Stellung und schließt den Gebrauch der Hände ein. Die meisten stützen die Knöchel der Faust auf den Boden und schwingen den Körper mit eingezogenen Beinen zwischen den langen Armen durch, wie ein Lahmer, der auf Krücken geht. Überhaupt können wir bei den Affen alle Übergangsstufen vom Gehen auf allen vieren bis zum Gang auf den beiden Füßen noch jetzt beobachten. Aber bei keinem von ihnen ist der letztere mehr als ein Notbehelf geworden.

Wenn der aufrechte Gang bei unsern behaarten Vorfahren zuerst Regel und mit der Zeit eine Notwendigkeit werden sollte, so setzt dies voraus, daß den Händen inzwischen mehr und mehr anderweitige Tätigkeiten zufielen. Auch bei den Affen herrscht schon eine gewisse Teilung der Verwendung von Hand und Fuß. Die Hand wird, wie schon erwähnt, beim Klettern in andrer Weise gebraucht als der Fuß. Sie dient vorzugsweise zum Pflücken und Festhalten der Nahrung, wie dies schon bei niederen Säugetieren mit den Vorderpfoten geschieht. Mit ihr bauen sich manche Affen Nester in den Bäumen oder gar, wie der Schimpanse, Dächer zwischen den Zweigen zum Schutz gegen die Witterung. Mit ihr ergreifen sie Knüttel zur Verteidigung gegen Feinde oder bombardieren diese mit Früchten und Steinen. Mit ihr vollziehen sie in der Gefangenschaft eine Anzahl einfacher, den Menschen abgesehener Verrichtungen. Aber grade hier zeigt sich, wie groß der Abstand ist zwischen der unentwickelten Hand selbst der menschenähnlichsten Affen und der durch die Arbeit von Jahrhunderttausenden hoch ausgebildeten Menschenhand.

(…) Bis der erste Kiesel durch Menschenhand zum Messer verarbeitet wurde, darüber mögen Zeiträume verflossen sein, gegen die die uns bekannte geschichtliche Zeit unbedeutend erscheint. Aber der entscheidende Schritt war getan: Die Hand war frei geworden und konnte sich nun immer neue Geschicklichkeiten erwerben, und die damit erworbene größere Biegsamkeit vererbte und vermehrte sich von Geschlecht zu Geschlecht.

So ist die Hand nicht nur das Organ der Arbeit, sie ist auch ihr Produkt. Nur durch Arbeit, durch Anpassung an immer neue Verrichtungen, durch Vererbung der dadurch erworbenen besondern Ausbildung der Muskel, Bänder, und in längeren Zeiträumen auch der Knochen, und durch immer erneuerte Anwendung dieser vererbten Verfeinerung auf neue, stets verwickeltere Verrichtungen hat die Menschenhand jenen hohen Grad von Vollkommenheit erhalten, auf dem sie Raffaelsche Gemälde, Thorvaldsensche Statuen, Paganinische Musik hervorzaubern konnte.

Aber die Hand stand nicht allein. Sie war nur ein einzelnes Glied eines ganzen, höchst zusammengesetzten Organismus. Und was der Hand zugute kam, kam auch dem ganzen Körper zugute, in dessen Dienst sie arbeitete (…)

Die allmähliche Verfeinerung der Menschenhand und die mit ihr Schritt haltende Ausbildung des Fußes für den aufrechten Gang hat unzweifelhaft auch durch solche Korrelation auf andre Teile des Organismus rückgewirkt. Doch ist diese Einwirkung noch viel zu wenig untersucht, als daß wir hier mehr tun könnten, als sie allgemein konstatieren.

Weit wichtiger ist die direkte, nachweisbare Rückwirkung der Entwicklung der Hand auf den übrigen Organismus. Wie schon gesagt, waren unsre äffischen Vorfahren gesellig; es ist augenscheinlich unmöglich, den Menschen, das geselligste aller Tiere, von einem ungeselligen nächsten Vorfahren abzuleiten. Die mit der Ausbildung der Hand, mit der Arbeit, beginnende Herrschaft über die Natur erweiterte bei jedem neuen Fortschritt den Gesichtskreis des Menschen. An den Naturgegenständen entdeckte er fortwährend neue, bisher unbekannte Eigenschaften. Andrerseits trug die Ausbildung der Arbeit notwendig dazu bei, die Gesellschaftsglieder näher aneinanderzuschließen, indem sie die Fälle gegenseitiger Unterstützung, gemeinsamen Zusammenwirkens vermehrte und das Bewußtsein von der Nützlichkeit dieses Zusammenwirkens für jeden einzelnen klärte. Kurz, die werdenden Menschen kamen dahin, daß sie einander etwas zu sagen hatten.

Das Bedürfnis schuf sich sein Organ: Der unentwickelte Kehlkopf des Affen bildete sich langsam aber sicher um, durch Modulation für stets gesteigerte Modulation, und die Organe des Mundes lernten allmählich einen artikulierten Buchstaben nach dem andern aussprechen.

(…) Arbeit zuerst, nach und dann mit ihr die Sprache das sind die beiden wesentlichsten Antriebe, unter deren Einfluß das Gehirn eines Affen in das bei aller Ähnlichkeit weit größere und vollkommnere eines Menschen allmählich übergegangen ist. Mit der Fortbildung des Gehirns aber ging Hand in Hand die Fortbildung seiner nächsten Werkzeuge, der Sinnesorgane. Wie schon die Sprache in ihrer allmählichen Ausbildung notwendig begleitet wird von einer entsprechenden Verfeinerung des Gehörorgans, so die Ausbildung des Gehirns überhaupt von der der sämtlichenSinne. Der Adler sieht viel weiter als der Mensch,aber des Menschen Auge sieht viel mehr an den Dingen als das des Adlers. (…)

Die Rückwirkung der Entwicklung des Gehirns und seiner dienstbaren Sinne, des sich mehr und mehr klärenden Bewußtseins, Abstraktions- und Schlußvermögens auf Arbeit und Sprache gab beiden immer neuen Anstoß zur Weiterbildung, einer Weiterbildung, die nicht etwa einen Abschluß fand, sobald der Mensch endgültig vom Affen geschieden war, sondern die seitdem bei verschiednen Völkern und zu verschiednen Zeiten verschieden nach Grad und Richtung, stellenweise selbst unterbrochen durch örtlichen und zeitlichen Rückgang, im ganzen und großen gewaltig vorangegangen ist; einerseits mächtig vorangetrieben, andrerseits in bestimmtere Richtungen gelenkt durch ein mit dem Auftreten des fertigen Menschen neu hinzutretendes Element – die Gesellschaft.

Hunderttausende von Jahren – in der Geschichte der Erde nicht mehr als eine Sekunde im Menschenleben – sind sicher vergangen, ehe aus dem Rudel baumkletternder Affen eine Gesellschaft von Menschen hervorgegangen war. Aber schließlich war sie da. Und was finden wir wieder als den bezeichnenden Unterschied zwischen Affenrudel und Menschengesellschaft? Die Arbeit. Das Affenrudel begnügte sich damit, seinen Futterbezirk abzuweiden, der ihm durch die geographische Lage oder durch den Widerstand benachbarter Rudel zugeteilt war; es unternahm Wanderungen und Kämpfe, um neues Futtergebiet zu gewinnen, aber es war unfähig, aus dem Futterbezirk mehr herauszuschlagen, als er von Natur bot, außer daß es ihn unbewußt mit seinen Abfällen düngte. Sobald alle möglichen Futterbezirke besetzt waren, konnte keine Vermehrung der Affenbevölkerung mehr stattfinden; die Zahl der Tiere konnte sich höchstens
gleichbleiben. Aber bei allen Tieren findet Nahrungsverschwendung in hohem Grade statt, und daneben Ertötung des Nahrungsnachwuchses im Keime. Der Wolf schont nicht, wie der Jäger, die Rehgeiß, die ihm im nächsten Jahr die Böcklein liefern soll; die Ziegen in Griechenland, die das junge Gestrüpp abweiden, eh‘ es heranwächst, haben alle Berge des Landes kahlgefressen. Dieser »Raubbau« der Tiere spielt bei der allmählichen Umwandlung der Arten eine wichtige Rolle, indem er sie zwingt, andrer als der gewohnten Nahrung sich anzubequemen, wodurch ihr
Blut andre chemische Zusammensetzung bekommt und die ganze Körperkonstitution allmählich eine andre wird, während die einmal fixierten Arten absterben. Es ist nicht zu bezweifeln, daß dieser Raubbau mächtig zur Menschwerdung unsrer Vorfahren beigetragen hat. Bei einer Affenrasse, die an Intelligenz und Anpassungsfähigkeit allen andern weit voraus
war, mußte er dahin führen, daß die Zahl der Nahrungspflanzen sich mehr und mehr ausdehnte, daß von den Nahrungspflanzen mehr und mehr eßbare Teile zur Verzehrung kamen, kurz, daß die Nahrung immer mannigfacher wurde und mit ihr die in den Körper eingehenden Stoffe, die chemischen Bedingungen der Menschwerdung. Das alles war aber noch keine eigentliche Arbeit.

Die Arbeit fängt an mit der Verfertigung von Werkzeugen. (…) Werkzeuge der Jagd und des Fischfangs, erstere zugleich Waffen. Jagd und Fischfang aber setzen den Übergang von der bloßen Pflanzennahrung zum Mitgenuß des Fleisches voraus, und hier haben wir wieder einen wesentlichen Schritt zur Menschwerdung. (…) Die Fleischkost führte zu zwei neuen Fortschritten von entscheidender Bedeutung: zur Dienstbarmachung des Feuers und zur Zähmung von Tieren. Die erstere kürzte den Verdauungsprozeß noch mehr ab, indem sie die Kost schon sozusagen halbverdaut an den Mund brachte; die zweite machte die Fleischkost reichlicher, indem sie neben der Jagd eine neue regelmäßigere Bezugsquelle dafür eröffnete, und lieferte außerdem in der Milch und ihren Produkten ein neues, dem Fleisch an Stoffmischung mindestens gleichwertiges Nahrungsmittel. So wurden beide schon direkt neue Emanzipationsmittel für den Menschen; auf ihre indirekten Wirkungen im einzelnen einzugehn, würde uns hier zu weit führen, von so hoher Wichtigkeit sie auch für die Entwicklung des Menschen und der Gesellschaft gewesen sind.

Wie der Mensch alles Eßbare essen lernte, so lernte er auch in jedem Klima leben. Er verbreitete sich über die ganze bewohnbare Erde, er, das einzige Tier, das in sich selbst die Machtvollkommenheit dazu besaß. Die andren Tiere, die sich an alle Klimata gewöhnt
haben, haben dies nicht aus sich selbst, nur im Gefolge des Menschen, gelernt: Haustiere und Ungeziefer.

Und der Übergang aus dem gleichmäßig heißen Klima der Urheimat in kältere Gegenden, wo das Jahr sich in Winter und Sommer teilte, schuf neue Bedürfnisse: Wohnung und Kleidung zum Schutz gegen Kälte und Nässe, neue Arbeitsgebiete und damit neue Betätigungen, die den Menschen immer weiter vom Tier entfernten.

Durch das Zusammenwirken von Hand, Sprachorganen und Gehirn nicht allein bei jedem einzelnen, sondern auch in der Gesellschaft, wurden die Menschen befähigt, immer verwickeltere Verrichtungen auszuführen, immer höhere Ziele sich zu stellen und zu erreichen. Die Arbeit selbst wurde von Geschlecht zu Geschlecht eine andre, vollkommnere, vielseitigere. Zur Jagd und Viehzucht trat der Ackerbau, zu diesem Spinnen und Weben, Verarbeitung der Metalle, Töpferei, Schiffahrt.

Neben Handel und Gewerbe trat endlich Kunst und Wissenschaft, aus Stämmen wurden Nationen und Staaten. Recht und Politik entwickelten sich, und mit ihnen das phantastische Spiegelbild der menschlichen Dinge im menschlichen Kopf: die Religion. Vor allen diesen Gebilden, die zunächst als Produkte des Kopfs sich darstellten und die die menschlichen Gesellschaften zu beherrschen schienen, traten die bescheidneren Erzeugnisse der ar-
beitenden Hand in den Hintergrund; und zwar um so mehr, als der die Arbeit planende Kopf schon auf einer sehr frühen Entwicklungsstufe der Gesellschaft (z.B. schon in der einfachen Familie) die geplante Arbeit durch andre Hände ausführen lassen konnte als die seinigen. Dem Kopf, der Entwicklung und Tätigkeit des Gehirns, wurde alles Verdienst an der rasch
fortschreitenden Zivilisation zugeschrieben; die Menschen gewöhnten sich daran, ihr Tun aus ihrem Denken zu erklären statt aus ihren Bedürfnissen (die dabei allerdings im Kopf sich widerspiegeln, zum Bewußtsein kommen) – und so entstand mit der Zeit jene idealistische Weltanschauung, die namentlich seit Untergang der antiken Welt die Köpfe beherrscht hat.

Sie herrscht noch so sehr, daß selbst die materialistischsten Naturforscher der Darwinschen Schule sich noch keine klare Vorstellung von der Entstehung des Menschen machen können, weil sie unter jenem ideologischen Einfluß die Rolle nicht erkennen, die die Arbeit dabei gespielt hat.

Die Tiere, wie schon angedeutet, verändern durch ihre Tätigkeit die äußere Natur ebensogut, wenn auch nicht in dem Maße wie der Mensch, und diese durch sie vollzogenen Änderungen ihrer Umgebung wirken, wie wir sahen, wieder verändernd auf ihre Urheber zurück. Denn in der Natur geschieht nichts vereinzelt.

Jedes wirkt aufs andre und umgekehrt, und es ist meist das Vergessen dieser allseitigen Bewegung und Wechselwirkung, das unsre Naturforscher verhindert, in den einfachsten Dingen klarzusehn. Wir sahen, wie die Ziegen die Wiederbewaldung von Griechenland verhindern; in Sankt Helena haben die von den ersten Anseglern ans Land gesetzten Ziegen und Schweine
es fertiggebracht, die alte Vegetation der Insel fast ganz auszurotten, und so den Boden bereitet, auf dem die von späteren Schiffern und Kolonisten zugeführten Pflanzen sich ausbreiten konnten. Aber wenn die Tiere eine dauernde Einwirkung auf ihre Umgebung
ausüben, so geschieht dies unabsichtlich und ist, für diese Tiere selbst, etwas Zufälliges. Je mehr die Menschen sich aber vom Tier entfernen, desto mehr nimmt ihre Einwirkung auf die Natur den Charakter vorbedachter, planmäßiger, auf bestimmte, vorher bekannte Ziele gerichteter Handlung an.

Das Tier vernichtet die Vegetation eines Landstrichs, ohne zu wissen, was es tut. Der Mensch vernichtet sie, um in den freigewordnen Boden Feldfrüchte zu säen oder Bäume und Reben zu pflanzen, von denen er weiß, daß sie ihm ein Vielfaches der Aussaat einbringen werden. Er versetzt Nutzpflanzen und Haustiere von einem Land ins andre und ändert so die Vegetation und das Tierleben ganzer Weltteile. Noch mehr. Durch künstliche Züchtung werden Pflanzen wie Tiere unter der Hand des Menschen in einer Weise verändert, daß sie nicht wiederzuerkennen sind. Die wilden Pflanzen, von denen unsre Getreidearten abstammen, werden noch vergebens gesucht. Von welchem wilden Tier unsre Hunde, die selbst unter sich so verschieden sind, oder
unsre ebenso zahlreichen Pferderassen abstammen, ist noch immer streitig.

Es versteht sich übrigens von selbst, daß es uns nicht einfällt, den Tieren die Fähigkeit planmäßiger, vorbedachter Handlungsweise abzustreiten. Im Gegenteil. Planmäßige Handlungsweise existiert im Keime schon überall, wo Protoplasma, lebendiges Eiweiß existiert und reagiert, d.h. bestimmte, wenn auch noch so einfache Bewegungen als Folge bestimmter
Reize von außen vollzieht. Solche Reaktion findet statt, wo noch gar keine Zelle, geschweige eine Nervenzelle, besteht. Die Art, wie insektenfressende Pflanzen ihre Beute abfangen, erscheint ebenfalls in gewisser Beziehung als planmäßig, obwohl vollständig bewußtlos. Bei den Tieren entwickelt sich die Fähigkeit bewußter, planmäßiger Aktion im Verhältnis zur Entwicklung des Nervensystems und erreicht bei den Säugetieren eine schon hohe Stufe. Auf der englischen Fuchsparforcejagd kann man täglich beobachten, wie genau der Fuchs seine große Ortskenntnis zu verwenden weiß, um seinen Verfolgern zu entgehn, und wie gut er alle Bodenvorteile kennt und benutzt, die die Fährte unterbrechen. Bei unsern im Umgang mit Menschen höher entwickelten Haustieren kann man tagtäglich Streiche der Schlauheit beobachten, die mit denen menschlicher Kinder ganz auf derselben Stufe stehn. (…) Aber alle planmäßige Aktion aller Tiere hat es nicht fertiggebracht, der Erde den Stempel ihres Willens aufzudrücken. Dazu gehörte der Mensch.

Kurz, das Tier benutzt die äußere Natur bloß und bringt Änderungen in ihr einfach durch seine Anwesenheit zustande; der Mensch macht sie durch seine Änderungen seinen Zwecken dienstbar, beherrscht sie. Und das ist der letzte, wesentliche Unterschied des Menschen von den übrigen Tieren, und es ist wieder die Arbeit, die diesen Unterschied bewirkt.

Engels: Dialektik der Natur. Marx/Engels: Ausgewählte Werke, S. 444 – 452

Allerdings:

Schmeicheln wir uns indes nicht zu sehr mit unsern menschlichen Siegen über die Natur.


Natur-Ideologie und das Gespenst des weißen Mannes

5. Oktober 2008

Wie wird in Linksparteikeisen über die Bedeutung von Ökologie für gesellschaftliche Entwicklungs-Perspektiven diskutiert.

In einem auf der Website der Rosa Luxemburg Stiftung in der “Reihe Manuskripte” veröffentlichten “fiktiven Briefwechsel” mit Hanna Behrend (NACHHALTIGKEIT ALS POLITISCHE ÖKOLOGIE) schreibt Peter Döge

Die Gleichsetzung von Natur, Frau und im weiteren Kolonie als ausbeutbare Ressourcen bildet – so MARIA MIES in Patriarchat und Kapital – die Basis der kapitalistischen Ökonomie. Die „‘Naturalisierung’ der afrikanischen Frauen“ wird dabei begleitet von der Hausfrauisierung der weißen Frau in den kapitalistischen Staaten, die „… gleichbedeutend ist mit Externalisierung oder Ex-Territorialisierung der Kosten, die sonst von den Kapitalisten gedeckt werden müssen. Das heisst, dass Frauenarbeit als Naturressource betrachtet wird, die wie Luft und Wasser frei verfügbar ist“. Dieser ausbeuterische Gesamtzusammenhang schließt Gewalt gegen Frauen zwangsläufig mit ein.

Döge untermauert sein Statement mit einem Zitat von Maria Mies

„Was Natur, Frauen und ‘Dritte Welt’ verbindet, ist die Tatsache, dass diese Bereiche der Wirklichkeit seit der Renaissance die wichtigsten Kolonien des weißen Mannes sind. Auf ihrer gewaltsamen Unterwerfung und Ausbeutung beruht sein Menschenbild, seine Zivilisation, sein Begriff von Wissenschaft, Technik und Fortschritt, sein Modell von immerwährendem ökonomischen Wachstum, sein Begriff von Freiheit und Emanzipation, seine Gesellschaft und sein Staat. Diese drei Kolonien wurden zur ‘Natur’ erklärt, das heisst zu Quellen möglichst kostenloser, ausbeutbarer Ressourcen (Rohstoffe, Arbeitskräfte, Leben).“

MARIA MIES, 1992: Patriarchat und Kapital. Frauen in der internationalen Arbeitsteilung, Zürich: Rotpunkt

Begriffe sind Griffe die wir der Wirklichkeit anheften, um sie (die Wirklichkeit!) handhabbar zu machen. Sie können mehr oder minder passen. Partikularen Interessen (zum Beispiel Ausbeutung zu legitimieren) können sie förderlich oder abträglich sein. Begriffe haben also eine soziale Qualität, ermöglichen mehr oder minder herrschaftsfreien Diskurs und damit Wissenschaftlichkeit.

Döge und Mies zeigen hier, wie ungeeignete Begriffe (hier biologische Begriffe wie „weiße Frauen“, „Frauenarbeit“, „Hausfrauisierung“, „weißer Mann“) die kritische Absicht ins Gegenteil verkehren können. Statt den historischen Wirkungsbereich der kritisierten Zuordnungen zur ausbeutbaren Naturressource (mitsamt ihrer Grenzen) genauer zu beschreiben und die Bedingungen ihrer sozialen (Re-)Produkion oder auch  deren Überwidung näher zu ergründen, verpauschalisieren sie die historisch bedingte (und auch nur begrenzte) Zuschreibung von „Natur“ auf bestimmte Geschlechter oder Regionen.

Indem sie die biologistischen Begriffe beibehalten und nur (zugunsten der zur Passivität verdammten „Opfer“) kritisch wenden möchten, reproduzieren und verstetigen sie die der Ausbeutung dienlichen ideologischen Konstrukte.

Dabei beschreiben sie Akteure der kritisierten Verhältnisse nicht in ihren jeweiligen Rechtfertigungsbedingungen – und nehmen die Lebensbedingungen nicht selbst ins Vesir. Die menschlichen Akteure geraten stattdessen zur Kategorie, die wahlweise idealisiert bzw. dämonisiert wird – etwa wenn Döge behauptet, dass „die Kapitalisten“ unbezahlte Hausarbeit deshalb als „Natur = Frauenarbeit“ sehen würden, weil sie den ökonomischen Wert eines nicht als Ware produzierten Leistung sonst „decken“ müssten. (Was im übrigen falsch ist, da nicht „die Kapitalisten“ sondern deren Kunden weniger für sich hätten, wenn Hausarbeit nicht mehr nur für Kost, Logie und Unterhaltsversicherung zu haben wäre.

Döge sucht nicht nach der materiellen Basis ideologischer Konstrukte in der ökonomischen Struktur der Produktionsverhältnisse. Er behauptet, dass die ideologischen Konstrukte umgekehrt die Basis der materiellen Verhältnisse seien: „Die Gleichsetzung von Natur, Frau und im weiteren Kolonie als ausbeutbare Ressourcen bildet (…) die Basis der kapitalistischen Ökonomie“.

Die materiellen (hier kapitalistischen) Verhältnisse, also die von den Menschen individuell nicht ohne weiteres zu ändernden Behauptungsbedingungen der menschlichen Individuen und ihrer Institutionen (wie die Voraussetzungen des Besitzes von Kapital oder die Anlagemöglichkeiten des eigenen Arbeitsvermögens, Konkurrenz, Bildungschancen usw.) sieht Döge nicht als Basis sondern als Ergebnis falscher (der Ausbeutung dienlicher) Naturbegriffe.

Die von Döge zitierte Maria Mies nun sieht im „weißen Mann“ die materielle Basis des Übels Ausbeutung, nämlich der Ausbeutung von „Frauen“, „Dritte Welt“ und „Kolonien“. Damit biologisiert sie aber historisch (!) vorherrschende Rollen, Kräfteverhältnisse und ökonomische Strukturen und bringt nebenbei die ganz normale Ausbeutung bezahlter Arbeitskraft auf wundersamer Weise zum „verschwinden“.

Das Ausbeutersein des biologistischen Konstrukts „weißer Mann“ bestimmt nach Mies dessen falsches Bewusstsein, nämlich seine falschen Vorstellungen von Wissenschaft, Technik, Fortschritt, Freiheit, Emanzipation und immerwährendem ökonomischen Wachstum. So ist die „Schuldfrage“ scheinbar geklärt – und nichts erklärt. Etwa auf welche Weise die Struktur der ökonomischen Verhältnisse (die Art und Praxis der Arbeitsteilung) zum ökologisch blindem Wirtschaftswachstum zwingt oder welche Grenzen Lohn- und Gehaltsabghängkeit und ökologisch blinde Konkurrenz dem Gedanken setzen, die Zunahme des Angebots an Gütern und Dienste von einer ganzen Reihe sozialer Kosten Nutzen Rechnungen abhängig zu machen.


Zu K.H.Tjadens Empfehlung, die Finger vom Begriff »Produktivkraftentwicklung« zu lassen

30. September 2008

cropped-marxbah.jpg In der Entwicklung der Produktivkräfte tritt eine Stufe ein, auf welcher Produktionskräfte und Verkehrsmittel hervorgerufen werden, welche unter den bestehenden Verhältnissen nur Unheil anrichten, welche keine Produktionskräfte mehr sind, sondern Destruktionskräfte

Marx/Engels: Die deutsche Ideologie. MEW Bd. 3,  S. 69

Diese »Entfremdung«, um den Philosophen verständlich zu bleiben, kann natürlich nur unter zwei praktischen Voraussetzungen aufgehoben werden. Damit sie eine »unerträgliche« Macht werde, d.h. eine Macht, gegen die man revolutioniert, dazu gehört, daß sie die Masse der Menschheit als durchaus »Eigentumslos« erzeugt hat und zugleich im Widerspruch zu einer vorhandenen Welt des Reichtums und der Bildung, was beides eine große Steigerung der Produktivkraft, einen hohen Grad ihrer Entwicklung voraussetzt- und andrerseits ist diese Entwicklung der Produktivkräfte (…)  auch deswegen eine absolut notwendige praktische Voraussetzung, weil ohne sie nur der Mangel verallgemeinert, also mit der Notdurft auch der Streit um das Notwendige wieder beginnen und die ganze alte Scheiße sich herstellen müßte, weil ferner nur mit dieser universellen Entwicklung der Produktivkräfte ein universeller Verkehr der Menschen gesetzt ist, daher einerseits das Phänomen der »Eigentumslosen« Masse in allen Völkern gleichzeitig erzeugt (allgemeine Konkurrenz), jedes derselben von den Umwälzungen der anderen abhängig macht, und endlich weltgeschichtliche, empirisch universelle Individuen an die Stelle der lokalen gesetzt hat.

Marx/Engels: Die deutsche Ideologie, MEW Bd. 3, S. 34-35

„Im 20. Jahrhundert war Wachstum das Hauptziel der meisten Regierungen und ihrer Wirtschaftsberater geworden: steigende Einkommen trugen dazu bei, viele Menschen aus der Armut zu erlösen. (…) Dieses Wirtschaftsmodell hatte lange Zeit Bestand, aber es wird das 21. Jahrhundert nicht überleben. In einer globalisierten Welt kann materielles Wachstum nicht unendlich andauern, und wenn dieses Wachstum so exorbitant ist, und Riesenländer wie China und Indien einschließt, dann können diese Grenzen sehr schnell erreicht und überschritten werden, mit Folgen, die selbst die größten Wissenschaftler kaum vorherzusagen vermögen. Die ökologischen Systeme, die die Weltwirtschaft stützen, sind außergewöhnlichen Belastungen ausgesetzt: von sinkenden Wasserspiegeln über steigende Ölpreise bis hin zu zusammenbrechenden Fischgründen. Wirtschaftswissenschaftler, die bisher glaubten, die Welt der Ökonomie so betrachten zu können, als habe sie mit der physischen nichts zu tun, könnten es in den nächsten Jahren schwer haben, Arbeit zu finden.“

Chistopher Flavin, Präsident des Worldwatch Institute in Washington

Ob Marx/Engels eine in sich geschlossene Theorie sozialer Emanzipation aufgestellt hatten, sei dahin gestellt. Vieles aus dem Marx-Engelschen Fundus ist zu Lebzeiten unveröffentlichtes Material, teilweise ausdrücklich dem eigenen Selbstverständnis gewidmet und gilt vielen als von späteren Ausführungen überholt. Doch enthält auch das Vorwärtstasten in den Grenzen des – auch in Marx persönlicher Entwicklung – geschichtlich Denkbaren eine Fülle von Denkanstößen und Ansätzen, die für eine Theorie (wie und warum sie geht oder gehen könnte) bzw. Philosophie (wie und warum sie geht bzw. gehen sollte) menschlicher Emanzipation eine – vielleicht unverzichtbare – Bereicherung bedeuten könnte. Eine Periodisierung der MEW in einen frühen „philosophischen“ und späten „wissenschaftlichen“ Marx, (manches Mal gar mit einer Exkommunikation von Engels verbunden), mag wissenschaftsgeschichtlich angebracht und für die Bewertung der MEW erkenntnisträchtig sein (Ich habe da meine Zweifel). Doch wenn für das Verständnis der Marx/Engelschen Befreiungsperspektive so zentrale Zusammenhänge wie die – mittels Produktivkraftentwicklung möglich und notwendig werdende – Aufhebungvon Entfremdung (von den Voraussetzungen, Mitteln und Zwecken der Arbeit) im sozialen Prozess des  „Sich-zu-eigen-Machens“ der Produktionsbedingungen (der Umwälzung der nicht mehr zu verantworteten Produktionsverhältnisse) nicht einmal erörterbar ist, weil das dazu notwendige Vokabular gemieden wird wie der Teufel das Weihwasser, wird es schräg. So erklärte der ehernwerte Ökosoziologe Karl HermannTjaden jüngt „Produktivkräfte“ bzw. „Dialektik von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen“ zu zwei von drei „marxistischen Begriffen, von denen man besser die Finger lassen sollte:

Der Begriff „Produktivkräfte“ wird bei Marx des öfteren als nahezu gleichbedeutend mit dem Begriff „Produktivkraft der Arbeit“ (den er klar als Aufwand-Ergebnis-Relation begreift, vgl. MEGA² II/8, 77f) gebraucht, ist aber im Unterschied zu letzterem ein schillerndes Allerweltswort, das zu verdinglichendem Gebrauch zu reizen scheint, der wiederum zu fatalen Fehleinschätzungen der Bedeutung der Arbeitsmittel für die Entwicklung der Arbeitsproduktivität geführt hat. Benannt wurden in der Marx-Nachfolge damit (aktuelle oder potentielle) Produktionselemente und Produktionskontexte der verschiedensten Art, beispielsweise, ja nach Gusto des Autors, die Arbeitskräfte, -mittel und -gegenstände, die Bildung, die Wissenschaft und die Technik, die gesamtwirtschaftliche Organisation der Produktion und selbst das Wirken der „sozialistischen Staatengemeinschaft“. Es ist nur selten (so von Autoren in der DDR) darauf hingewiesen worden, daß es sich bei solchen Momenten der Produktion (selbst bei den umgangssprachlich so genannten Arbeitskräften) nicht um Kräfte handelt, und vor allem, daß sie allenfalls zusammengefaßt, als in die Arbeitstätigkeit einbezogene, eine Produktivkraft der Arbeit begründen, welche ein Wirkungsverhältnis ausdrückt, das erst im Kontext konkreter Beziehungen zwischen tätigen Menschen und außermenschlicher Naturumwelt ganz begriffen werden kann.

Na wunderbar!  Man entkommt der Entfremdung nicht dadurch, dass man sie nicht einmal ignoriert. Tjadens Erkenntnis, dass die Bedeutung von Produktivkraftentwicklung für die soziale Entwicklung nur „aus dem Kontext konkreter Beziehungen zwischen tätigen Menschen und außermenschlicher Naturumwelt ganz begriffen werden kann“ (sehr richtig!) zieht nun nicht die Fragen nach diesem oder jenem Kontext nach sich in dem Produktivkraftentwicklung dies oder das an Naturzerstörung oder deren Vermeidung möglich oder auch notwendig macht. Oder zumindest ein Bedauern, dass dies von „den Marxisten“ in der Vergangenheit kaum geschehen ist und sich dadurch ein Haufen Arbeit angestaut hat!

Lieber  schimpft Tjaden auf  „das schillernde Allerweltswort“ Produktivkräfte, weil das die – in konkreten Beziehungen tätigen – Menschen zu einem verdinglichtem Gebrauch zu reizen (sic!)  scheint. (Dieses unverfrorene dumme Ding!)

Das aus den kapitalistischen Formen der Arbeitsteilung hervor gehende  Entfremdungsphänomen „Nachdenken über die Bedeutung  von Produktivkräften ohne nach deren konkrete Bedeutung für konkete Produktionsverhältnisse, (die das menschliche Verhalten und Bdenken bestimmen) zu fragen“, macht, dass der Begriff  „Produktivkraft“ als ein von der Entwicklung der Produktionsverhältnisse losgelöstes Ding erscheint (wie z.b. „der Fortschritt“).

Dieses Entfremdungsphänomen in kritischer Absicht für die (der kapitalistischen Arbeitsteilung immanenten) „Verdinglichung“  verantwortlich zu machen, ist eine Verwechslung von Ursache und Wirkung und nährt die falsche Vorstellung, dass beziehungslos gebrauchte Begriffe von Fortschritt, Produktivkraftentwicklung usw. tatsächlich zu einem über die Verhältnisse herrschenden „Ding“ geworden sind. Und dass man sich der Herrschsucht oder Verführungskraft des bösen Begriffs am Besten durch Nichtnennen entzieht.

Machen wir uns lieber ans Werk,  die vielfältigen Produktivkräfte (mitsamt der Vielfalt ihrer Wechselwirkungen auch untereinander) näher zu bestimmen.

Was kann die Hypothese, dass eine bestimmte Produktivkraftentwicklung notwendig ist, um die Produktionsverhältnisse in Frage stellen zu können, bedeuten?  Welches Herstellungsvermögen treibt, unter welchen Umständen womöglich über kapitalistische Vergesellschaftungsweisen hinaus, macht neue Vergesellschaftungsweisen notwendig UND möglich?

Thesen zu Produktivkräften …

  1. In einem gesellschaftlichen Für- und Voneinander, das auf Grundlage kapitalistischer Produktionsweisen funktionieret, vermitteln, (ermöglichen, motvieren, begrenzen usw.) private Aneignungsvermögen bzw. -rechte in der Form von (Tauschwert, bzw. Kaufkraft repräsentierendem) Geld die Herstellung und Aneignung nahezu aller Mittel der meschlichen Existenzsicherung und Bereicherung,  außer einiger noch frei anzueignender Gütern wie die Luft zum Atmen. In Geldbesitz gespeicherte Aneignungsvermögen bzw. -rechte sind ein Aggregatzustand der sich selbst vermehrenden Produktivkräfte des Kapitals. Das als „variables Kapital“ verausgabte Geld erlaubt die Aneignung des Produktivvermögens „Arbeitskraft“ als eine Produktivkraft des Kapitals – zwecks Herstellung von Waren, deren Veräußerung die vom Unternehmen und deren Finanziers begehrte Vermehrung ihres Bereicherungsvermögens einbringt. Und das vom Produktivvermögen „Arbeitskraft“ als Lohn- und Gehalt angeeignete Vermögen vermittelt die Aneignung von Gütern und Diensten, die der (Wieder-) Herstellung seiner Produktivkraft für das Kapital dienen.
  2. Unabhängig von der historisch vorherrschenden Produktionsweise sind Produktivkräfte alles (z.B. natürliche, kulturelle, wissenschaftlich-technische,  institutionelle und strukturelle) Potenzial, das eine Gesellschaft zur Erzielung von Gebrauchswerten (= nützlichen Dingen oder Tätigkeiten) befähigt, deren Aneignung irgend einem menschlichen Bedürfnis entspricht (unter Einschluss des Bedürfnisses nach Umwelt- und Naturschutz) .
  3. Menschliche Bedürfnisse und entsprechende Wahrnehmungen eines produzierten Nutzens oder dessen Infragestellung (Risiken, Schäden, schlechter Ruf) sind nicht nur Voraussetzung sondern auch Produkt gesellschaftlicher Anstrengungen zur Erzielung von Gebrauchswerten. Die soziale bzw. ökologische Qualität dieser Bedürfnisse hängt von den historischen Möglichkeiten und Notwedigkeiten der Handelnden ab, Dinge oder Tätigkeiten her- und bereit zu stellen, die einen bestimmten Nutzen versprechen. Sie sind sebst Produktivkräfte bzw. deren Agregatzustand und Mittel.
  4. Auch die ökologische Qualität einer „menschzentrierten“ Sicht ändert sich mit der Entwicklung historischer Möglichkeiten (etwa zur Naturerfahrungen und deren Verarbeitung) und Zwänge. Beides wirkt auf die ökologische Qualität der menschlichen Bedürfnisse, die sodann als menschliche Produktivkraft nach Verbesserung bzw. Vermehrung des Produkts „Naturfreudlichkeit“ bzw. Erhalt von „Produktivkräften der Natur“ stebt.
  5. Produktivkräfte bergen Risiken. Jedes Nützlichkeitspotenzial kann Schaden anrichten, enthält immer auch ein destruktives Potenzial  (Stärkung der Arbeitskraft durchs Apfelessen destruiert den Apfel. Mehr Apfelerne- und -verteilungskraft als naturverträglich, zerstört deren Nachhaltigkeit). Die Verhältnismäigkeit bzw. Vernünftigkeit sozioökologischer Produktion und Zerstörung (ob innerhalb oder außerhalb von Ware-Geld-Beziehungen) kann nur im konkreten Kontext beurteilt werden. Gesellschaftliche Vernunft (bzw. gesamtgesellschaftliche Vernünftigkeit) wächst mit der Möglichkeit (dem Vernunftproduktionsvermögen) potenziell Geschädigter zur Mitbestimmung dessen, was als sozialer bzw. ökologischer Nutzen gelten soll.
  6. Von menschlicher Produktion Bewirktes (Nutzen, Schaden oder Risiken) betrifft immer auch die (gegenwärtige und  mögliche) Produktivität der Naturumwelt, die nicht nur für Menschen bedeutend ist.
  7. Die Entwicklung des geistigen Produktivvermögens (quantitativ wie qualitativ) steht in einem – historisch – mehr oder weniger engen Zusammenhang mit der Entwicklung der technologischen Möglichkeiten (der Möglichkeiten gegenständlicher Produktionsmittel, von Infrastruktur,  der Arbeitsorganisation usw.)  und treibt seinerseits die technologische Entwicklung voran.
  8. Entsprechend dem Entwicklungsstand der gesellschaftlichen Potenziale zur (Wieder-) Herstellung von Gebrauchswerten (einschließlich ihrer Risiken und Schäden und Möglichkeiten, die einzudämmen), bilden sich passende Formen der Arbeitsteilung (Produktionsverhältnisse) heraus,  bzw. der Aufteilung von Arbeit, Genuss und sozialer Verantwortung, die den Beteiligten als vom individuellen Willen unabhängige  Struktur gegenüber tritt die die  individuellen wie institutionellen Verhaltensspielräume bestimmen.
  9. Die wissenschaftlich-technischen Möglichkeiten der Produktion und die mit ihnen – im Rahmen entsprechender Produktionsbeziehungen – wirksam werdenden Bedürfnisse und Machtinteressen bestimmen (mehr oder weniger) die Art und Weise der Produktionsmittel. Deren Gestalt (z.B.  Windmühlen oder Atomkraftwerke) wirkt seinerseits auf die Produktionsbeziehungen und die in ihnen wirksamen Bedürfnisse, Machtinteressen usw. zurück.

Und die Produktionsverhältnisse?

  1. Zustände, Tätgkeiten/Ereignisse oder Gegenstände herzustellen und sich zu eigen zu machen, von denen erwartet wird, dass sie irgendwelche menschlichen Bedürfnisse befriedigen können, geschieht stets in bestimmten Abhängigkeits- und Rechtfertigungsverhältnissen bzw. -mustern, die nach historisch vorherrschenden Regeln, Gewohnheiten, Möglichkeiten oder Notwendigkeiten funktionieren, wobei die technologischen Möglichkeiten der Existenzsicherung und Bereicherung einer gegebenen Zeit oder Region das Moment sein dürfte, das die die ökonomischen Strukturen und die sie sichernden Instanzen (also die Produktionsverhältnisse) in letzter Instanz bestimmt.
  2. Für kapitalistische Produktionsverhältnisse charakteristisch sind die weitgehende Trennung der Arbeitenden von der Möglichkeit, über die außerhalb des eigenen Körpers vergegenständlichten Produktionsmittel zu verfügen und damit auch über die Zwecke oder Nebenwirkungen des Produzierens (bzw. dderen Vernünftigkeit) mitzuentscheiden, dafür umgekehrt die Notwendigkeit, die eigene Arbeitskraft gegen Geld an Unternehmen, staatliche Institutionen usw. zu vermieten, um sich damit die für den eigenen Bedarf notwendigen Dinge aneignen zu können. Auf Seiten der Unternehmen bedeutet dies produktiver Konsum der Mietsache „Arbeitskraft“ zum Zwecke des Verkaufs der dabei zu produzierenden Gebrauchswerte. In der Regel unter der Bedingungen mehr oder weniger freier Konkurrenz ums attraktivste Angebot. Außerdem Steuern, national- und auch transstaatliche Institutionen zur Zivilisierung der dabei unwillkürlich aufeinander prallenden Interesssensgegensätze.
  3. Zweck der Produktion ist aus Sicht der Unternehmen die Vermehrung von Geldbesitz (bzw. Geldforderungen), aus Sicht der lohn- und gehaltsabhämgig Beschäftigten ausreichend Lohn und Gehalt und erträgliche Arbeitsbedingungen, aus der Sicht staatlicher Garantie-Instanzen Steuern und Wählerzufriedenheit. Eine hinreichend (welt-) gesellschaftliche Abstimmung wesentlicher Produktonszwecke mit den sozialen bzw. ökologischen Voraussetzungen und Nebenwirkungen von Produktion, Produktaneignung und Weiterverwertung/Entsorgung ist innerhalb dieser Art Produktionsverhältnisse nicht möglich. In Ansätzen geschieht dies meist staatlich vermittelt also spärlich weil in Abhängigkeit vom Erfolg der jeweilig „heimischen Wirtschaft“ – nicht zuletzt bei der Ausnutzung eben der gegebenenfalls zu bekämpfenden sozialen Ohnmacht für privateigentümliche Zwecke.
  4. (Konstantes) Kapital ist privateigentümliche Verfügung über außerhalb des eigenen Körpers befindliche Produktionsmittel (Produktionsstätten Technik, Know How), und damit über Möglichkeiten zum Ankauf von Rohstoffen, Vorprodukten und menschlicher Arbeitskraft  zum Zwecke der Vermehrung des eigenen Bereicherungsvermögens. Es ist also der in Privatbesitz eines Unternehmens (und seiner Anteilseigner und Investoren) befindliche Teil des menschlichen  Produktiv-/Destruktivvermögens. Er dient den Bereicherungssubjekten nicht unmittelbar dem Lebensgenuss sondern dem Erhalt und der Vermehrung der für die private Bereicherung notwendigen Mittel (Geld, Produktionsmittelbesitz usw.) der (Anm.1)  seitens der Unternehmen und dessen Anteilseigner und Investoren.
  5. Vom Standpunkt dieses (privaten) Bereicherungsvermögens aus betrachtet gilt deshalb nur die Kraft als produktiv, deren Anwendung das eigene Bereicherungsvermögen hinreichend  vermehrt. Der dabei gewonnene Lebensgenuss ist nur Mittel zum Zweck.
  6. Diese (kapitalistische) Art Bereicherungsvermögen setzt das Unvermögen des Gros der Bevölkerung voraus, das außerhalb des eigenen Körpers befindliche Bereicherungsvermögen nach selbst- bzw. gemeinsam bestimmten Zwecken in Bewegung zu setzen.
  7. Lediglich über das im eigenen Körper gebildete (private) Produktivvermögen zu verfügen nötigt zu dessen Vermietung, als „variables Kapital“ für die Arbeitskraft anmietende Instanz weil ohne die Mieteinnahmen (Lohn und Gehalt) die für die eigene Reproduktion benötigten Gebrauchswerte nicht (privat) angeeignet werden könnten.
  8. Gesamtgesellschaftlich wirksame Interessengegensätze ergeben sich grob entlang der Frage, wie viel Arbeitszeit für die Produktion von Waren verausgabt werden muss, die der (Re-)Produktion von Arbeitskraft dienen und wie viel (Re-) Produktion gegenständlicher Produktionsmittel und Waren des Luxusbedarfs der Kapitalbesitzenden und -dirigierenden zu dienen haben. Entsprechend formieren sich sozial, politisch und unter Umständen auch kulturell gegensätzliche Interessen und Bedürfnisse in Hinblick auf die Anwendung, Kontrolle und Entwicklung von Produktivkräften.
  9. Die sich den einzelnen Unternehmen darbietenden Aneignungsbedingungen sind mit den Reproduktionsbedingungen der tauschwertproduktiv Arbeitskraft konsumierenden Klasse als Ganzes nicht identisch. Die auf die Gesamtgesellschaft bezogene Kategorie der „Klassenherrschaft“ in der Form des Vermögens, „Mehrwert“ anzueignen ergibt sich aus dem gesellschaftlichen Anteil der Arbeitszeit, die für die privateigentümlichen Reproduktions.- bzw. Bereicherungszwecke der Nicht-Arbeitenden verausgabt werden muss. Die einzelnen Unternehmen sind genötigt, ihren eigenen Arbeitskraftkonsum als Konkurrenzfähigkeit bzw. Profit mindernden Kostenfaktor zu behandeln und ihn infolgedessen zu minimieren. Was nicht nur Antieb zu Lohndrückerei ist, (die vielfach auch gesamtkapitalistisch betrachtet unvernünftig ist) sondern auch steter  Stachel zur Steigerung der Produktivkräfte.
  10. Eine gesamtgesellschaftlich bzw. ökologisch betrachtet vernünftige Steuerung der Produktivkraftentwicklung und deren Anwendung (wie etwa eine vernünftige Aufteilung der erreichten Zugewinne) sind unter Bedingungen privateigentümlich (geldvermittelt) vergesellschafteter und nationalstaatlich leidlich nachzivilisierter Produktion und Aneignung der gesellschaftlichen Existenz- bzw. Bereicherungsmittel kaum möglich. Ein herrschaftsfreies, öffentliches Reflektieren des gemeinsamen Stoff(bedeutungs)wechsels zur Grundlage der Vermittung von Produktionsbedürfnissen mit deren Möglichkeiten und Kosten als Basis des menschlichen Für- und Voneinanders setzt die Etablierung einer tatsächlich als winw Weltgemeinschaft organisierten Menschheit voraus. Nicht nur die auf die Vermehrung ihrer privateigentümlich funktionierenden Bereicherungsmittel ausgerichtete Rationalität kapitalistischer Unternehmen bzw. Investoren wird deshalb zunehmend (mit der Entwicklung der menschlichen Produktivkräfte zunehmend) zum Problem aller. Gleiches gilt, wenn auch nicht auf der gleichen Stufe sozialer Mächtigkeit (und damit Mitverantwortung) stehend, für die – nichts desto trotz – ähnlich bornierte Form der Aneignung von Konsumgütern zur Gestaltung der individuellen bzw. familiären Lebens(raum)gestaltung. Kapitalistische Produktivkraftentwicklung steigert das Aneignungsvermögen „privater Haushalte“ als Kaufkraftsteigerung. Dies geschieht entweder in der Form von Lohn- und Gehaltssteigerungen oder mittels „geiler Preise“. Die den mehr oder minder Kaufkräftigen allerdings als Eigenschaft der Waren gilt und deshalb ebenso wie eine Lohnsteigerung als ein Mehr an eigenem Verdienst für eigene Leistungen bzw. als ein Mehr an sozialer Gerechtigkeit. (Hier hinein gehört die durch die Form der Warenproduktion und damit dem Fetischcharakter der Ware bestimmten Grenzen der  sozialen Reichweite des persönlichen (Un-)Rechtsbewusstsein. Siehe auch: Sind wir des Warensinns?).
  11. Verallgemeinerung von Produktivkraftentwicklung bedeutet (monetäre) Entwertung der produzierten Waren. Für die Produktion des gleichen (monetären) Bereicherungsvermögens (Geld, Besitzanteile usw. mit dem Produktionsmittel in Gang gesetzt werden können) können und müssen immer mehr Gebrauchswerte produziert werden. (Durch freie Konkurrenz erzeugter Wachstums- und Konzentrationszwang!). Dies vergrößert den Reichtum in Gestalt von Waren aller Art (sowohl quantitativ als auch qualitativ) aber auch die praktische Unmöglichkeit einer vernünftigen Steuerung menschlicher bzw. vom Menschen beeinflusster Produktivkraftentwicklung. Aber bei gleichzeitiger Entwicklung der prinzipiellen Möglichkeit (und Notwendigkeit), genau dies zu tun (etwa im Hinblick auf ein vernünftiges Arbeitszeitmanagement bzw. der Wahrnehmung vernünftiger Gründe, Umstände und Formen der Verkürzung notwendiger Arbeit bzw. die entstehende Freizeit zu gestalten.
  12. Unter den gegebenen (privateigentümlichen, einander und der Naturumwelt entfremdenden) Aneignungsformen, -rechten und -pflichten bedeutet Produktivkraftentwicklung, in aller einkaufsparadiesischen Unschuld die Grenzen des natürlichen Wiederherstellungsvermögen – systematisch zu überschreiten –  lokal und regional und zunehmend überregional und global. Die damit einher gehenden Risiken und Schäden stellen die gegebenen Behauptungsbedingungen (unsere privateigentümlich strukturierten Aneignungsformen, -rechte und -pflichten) allerdings nur in dem Maße in Frage, wie Menschen eine soziale Praxis entwickeln können, die sie dieser zwanghaften Mechanismen gewahr werden und nach gangbaren Auswegen nicht nur aus selbstverschuldeter sondern auch aus unverschuldeter Unmündigkeit suchen lässt.
  13. Die Frage ist demnach, was den Individuen (und ihre Institutionen) die Notwendigkeit aber auch die Möglichkeit gewahr werden lässt, die Entwicklung und Anwendung des menschlichen Produktivvermögens unter Einschluss der ihnen inne wohnenden Destruktivkräfte (welt-) gemeinschaftlich mitzubestimmten um zu einer sozial bzw. ökologisch reflektierten, rationalen Steuerung zu kommen, mit der sie sich (gegenseitig) in die Lage versetzt, sogenannte „Menschheitsfragen“ zu bewältigen (Eindämmung des anthropologischen Treibhauseffektes, des Verlustes an Wäldern, Wiesen, an biologischer oder auch kultureller Vielfalt landwirtschaftlich nutzbarer Böden, Hunger, elendige Wohn- und Arbeitsbedingungen usw.
  14. Es gilt, das für die Bewältigung dieser „Menschheitsfragen“ (in adäquaten Zeiträumen)  notwendige technische und geistige bzw. soziale Potenzial  (was an Konzepten und wirklicher Bewegung bereits zur Problembewältigung geschieht und noch zu tun ist) herauszuarbeiten und die Verallgemeinerung dieses (ökokommunistischen, ökohumanistischen oder wie auch immer genannten) Potenzials zur Herstellung geeigneter Produktions-/Aneignungsbeziehungen voran bzw. zur Anwendung zu bringen.

Soweit mein erster Versuch einer Systematisierung im Hinblick auf die Ermöglichung mitmenschlicher Formen der Händelung von Produktivkraftentwicklung. Das wird fortgesetzt. Mag ein heißes Eisen  sein. Aber man entkommt der Gefahr, sich dabei die Finger zu verbrennen nicht, indem man diese Aufgabe für irrelevant erklärt.

Diese noch sehr grobe Sicht muss vor einer näheren Beleuchtung der einzelnen Punkte noch um einen genaueren Blick auf die Entwicklungspotenziale freiberuflicher, bzw. kleinunternehmerischer Existenzen und Kreativer aller Art erweitert werden. Vor allem im Hinblick auf die mögliche Bedeutung einer vermehrten Zugänglichkeit zu entsprechenden Produktionsmitteln, was die steigende Bedeutung der Entwicklung geistiger Produktivkräfte anzeigt  – und woraus sich aktuell die Konflikte ums „geistige Eigentum“  bzw. Aneignungsansprüchen, die sich  aus privat produzierter „Geistesware“ ableiteten und auf der anderen Seite,  eine Bewegung für moderne Commons gegen den ganzen Warensinn.

hhh

(Letzte Änderung am 21.11.12)

Der Beitrag wird gerade überarbeitet, hhh am 25.8.13.

Und noch einmal am 15.7.15)

Links zur Reflexion des Komplex „Produktivkraftentwicklung / Produktionsverhältnisse“ anhand aktueller  Statements und Praxisbeispiele

Taz vom 27.05.09

1) Strom aus der Wüste (über das Desertec Programm)

2) SWR contra Nachgefragt: Ist Desertec eine neue Form des europäischen Kolonialismus?Gerhard Leitner im Gespräch mit unserer Korrespondentin in Kairo, Esther Saoub (6:27 min)

3) swr3.de: Wie Afrika künftig Europa einheizen soll

4) Skeptische Stimmen zum Desertec Programm

5) Die Wüste lebt im Freitag vom 23.7.09

Tscha!

Besonders interessant sind die Leserbriefe

Die ZEIT

Werte-Debatte: Maßhalten, um zu überleben

Wirtschaftswachstum – die neue Bescheidenheit

Kapitalismus – wir könnten auch anders


Wie wird der Mensch mehr Mensch?

28. September 2008

Man kann die Menschen durch das Bewusstsein, durch die Religion, durch was man sonst will, von den Tieren unterscheiden. Sie selbst fangen an, sich von den Tieren zu unterscheiden, sobald sie anfangen, ihre Lebensmittel zu produzieren (…) Wie die Individuen ihr Leben äußern, so sind sie. Was sie sind, fällt also zusammen mit ihrer Produktion, sowohl damit, was sie produzieren, als auch damit, wie sie produzieren. (…) Die Teilung der Arbeit innerhalb einer Nation führt zunächst die Trennung der industriellen und kommeziellen von der ackerbauenden Arbeit und damit die Trennung von Stadt und Land und den Gegensatz der Interessen Beider herbei. Ihre weitere Entwicklung führt zur Trennung der kommerziellen Arbeit von der industriellen. (…)

Die verschiedenen Entwicklungsstufen der Teilung der Arbeit sind ebensoviel verschiedene Formen des Eigentums; d.h. die jedesmalige Stufe der Teilung der Arbeit bestimmt auch die Verhältnisse der Individuen zueinander in Beziehung auf das Material, Instrument und Produkt der Arbeit.

Marx/Engels: Die deutsche Ideologie. vgl. MEW Bd. 3, S. 21 – 22

Die Tatsache ist also die: bestimmte Individuen, die auf bestimmte Weise produktiv tätig sind, gehen diese bestimmten gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse ein. Die empirische Beobachtung muß in jedem einzelnen Fall den Zusammenhang der gesellschaftlichen und politischen Gliederung mit der Produktion empirisch und ohne alle Mystifikation und Spekulation aufweisen. Die gesellschaftliche Gliederung und der Staat gehen beständig aus dem Lebensprozess bestimmter Individuen hervor; aber dieser Individuen, nicht wie sie in der eignen oder fremden Vorstellung erscheinen mögen, sondern wie sie wirklich sind, d.h. wie sie wirken, materiell produzieren, also wie sie unter bestimmten materiellen und von ihrer Willkür unabhängigen Schranken, Voraussetzungen und Bedingungen tätig sind.

Die Produktion der Ideen, Vorstellungen, des Bewusstseins ist zunächst unmittelbar verflochten in die materielle Tätigkeit und den materiellen Verkehr der Menschen, Sprache des wirklichen Lebens. Das Vorstellen, Denken, der geistige Verkehr der Menschen erscheinen hier noch als direkter Ausfluß ihres materiellen Verhaltens.

Von der geistigen Produktion, wie sie in der Sprache der Politik, der Gesetze, der Moral, der Religion, Metaphysik usw. eines Volkes sich darstellt, gilt dasselbe. Die Menschen sind die Produzenten ihrer Vorstellungen, Ideen pp., aber die wirklichen, wirkenden Menschen, wie sie bedingt sind durch eine bestimmte Entwicklung ihrer Produktivkräfte und des denselben entsprechenden Verkehrs bis zu seinen weitesten Formationen hinauf. Das Bewusstsein kann nie etwas Andres sein als das bewusste Sein, und das Sein der Menschen ist ihr wirklicher Lebensprozess. Wenn in der ganzen Ideologie die Menschen und ihre Verhältnisse wie in einer Camera obscura auf den Kopf gestellt erscheinen, so geht dies Phänomen ebensosehr aus ihrem historischen Lebensprozess hervor, wie die Umdrehung der Gegenstände auf der Netzhaut aus ihrem unmittelbar physischen.

Marx/Engels: Die deutsche Ideologie. vgl. MEW Bd. 3, S. 25 – 26

Wir unterstellen die Arbeit in einer Form, worin sie dem Menschen ausschließlich angehört.

Eine Spinne verrichtet Operationen, die denen des Webers ähneln, und eine Biene beschämt durch den Bau ihrer Wachszellen manchen menschlichen Baumeister. Was aber von vornherein den schlechtesten Baumeister vor der besten Biene auszeichnet, ist, daß er die Zelle in seinem Kopf gebaut hat, bevor er sie in Wachs baut. Am Ende desArbeitsprozesses kommt ein Resultat heraus, das beim Beginn desselben schon in der Vorstellung des Arbeiters, also schon ideell vorhanden war.

Marx: Das Kapital, MEW Bd. 23, S. 192-193


Reich der Freiheit

29. März 2008

km1.jpgDas Reich der Freiheit beginnt in der Tat erst da, wo das Arbeiten, das durch Not und äußere Zweckmäßigkeit bestimmt ist, aufhört; es liegt also der Natur der Sache nach jenseits der Sphäre der eigentlichen materiellen Produktion.

(….)

Mit seiner Entwicklung erweitert sich dies Reich der Naturnotwendigkeit, weil die Bedürfnisse; aber zugleich erweitern sich die Produktivkräfte, die diese befriedigen.

Die Freiheit in diesem Gebiet kann nur darin bestehn, daß der vergesellschaftete Mensch, die assoziierten Produzenten, diesen ihren Stoffwechsel mit der Natur rationell regeln, unter ihre gemeinschaftliche Kontrolle ringen, statt von ihm als von einer blinden Macht beherrscht zu werden; ihn mit dem geringsten Kraftaufwand und unter den ihrer menschlichen Natur würdigsten und adäquatesten Bedingungen vollziehn.

Aber es bleibt dies immer ein Reich der Notwendigeit. Jenseits desselben beginnt die menschliche Kraftentwicklung, die sich als Selbstzweck gilt, das wahre Reich der Freiheit, das aber nur auf jenem Reich der Notwendigkeit als seiner Basis aufblühn kann.

Die Verkürzung des Arbeitstags ist die Grundbedingung.

Marx: Das Kapital, MEW Bd. 25, S. 828

Nunja, Marx hoch “kantiges” Lob des Selbstzwecks menschlicher Kraftentwicklung als Inbegriff von Freiheit ist zunächst – so einseitig – schwer nachvollziehbar. Auch eine mit sich selbst im Reinen befindliche Kraftentwicklung, müsste letztlich als öde weil “zwecklos” empfunden werden, wenn sie nicht vom Bewusstsein mitgetragen würde, auch “äußere Zwecke” zu erfüllten.

Schließlich sind gesellschaftliche Entwicklungen denkbar, die es zu einem Vergnügen machen, sich “äußere Zwecke” zu eigen zu machen. Dem “Selbst” eines mit dem sozialen Gegenüber assoziierten Produzenten könnte es ein inneres Bedürfnis geworden sein, die Zwecke gemeinsam zu bestimmen. Wer einen bestimmten Aufwand “unter den der menschlichen Natur am meisten adäquaten Bedingungen” leisten und den Zweck der Mühe selbst mitbestimmen kann, dem kann die egoistische Freude am eigenen Wirken nicht durch das Bewusstsein vermiest werden, damit zugleich auch anderen geholfen zu haben, ihre Zwecke zu erfüllen.

Das ist etwas anderes, als das, was mit der im “Realen Sozialismus” beliebten Floskel gemeint ist, dass Freiheit “Einsicht in die Notwendigkeit” sei. Solange Zwänge (und fremde Ziele) notwendig scheinen, um zu sozial und ökologisch verantwortbarem Handeln zu kommen, ist diese “Freiheit durch Einsicht” nur eine dem Umständen geschuldete Notlüge.

Für uns vom Warensinn durchdrungene “Charaktermasken” kapitalistischer Vergesellschaftung, die sich als losgelöst von den Bedürfnissen der Mitmenschen empfinden und zur Arbeit für andere genötigt werden müssen, könnten äußere – also nicht als Instrumente eigener Bedürfnisentwicklung und Befriedigung gewusste – Zwänge durchaus Fortschritte in der Befreiung bedeuten – etwa der Befreiung aus den Zwängen unzeitgemäßer Traditionen. Aber erst durch die Erfahrung, mit dafür gesorgt zu haben, dass beim “menschlichen Stoffwechsel mit der Natur” unnützer Aufwand und Schaden unterbleibt, betreten wir das Reich der Freiheit.

Arbeitszeitverlängerung ist Freiheitsberaubung!

Wie sollen sich Menschen, die mehr als 30 Stunden in der Woche fremdbestimmt arbeiten, zu allseits gebildeten Bürgern von Welt entwickeln, die zur demokratischen Teilhabe willens und fähig sind?

Der mit dem Begriff “Arbeitszeitverkürzung” beschriebene Freiheitsgewinn besteht allerdings nicht nur durch einen früheren Feierabend sondern auch als Senkung des Anteils an fremdbestimmten, ungewollten, nicht selbst mit durchdachten bzw. in einem (welt-) gemeinschaftlichen Abwägungsprozess als überflüssige, schädliche Zwecke (Mengen, Methoden usw.) der Produktion (an-)erkannt sind.

hhirschel


Umweltverbesserung Leitwährung einer höheren ökonomischen Gesellschaftsformation?

4. Februar 2008

„Vom Standpunkt einer höhern ökonomischen Gesellschaftsformation wird das Privateigentum einzelner Individuen am Erdball ganz so abgeschmackt erscheinen wie das Privateigentum eines Menschen an einem andern Menschen.

Selbst eine ganze Gesellschaft, eine Nation, ja alle gleichzeitigen Gesellschaften zusammengenommen, sind“ [Anm. hh: vom Standpunkt einer höheren Gesellschaftsform aus betrachtet] „nicht Eigentümer der Erde. Sie sind nur ihre Besitzer, ihre Nutznießer, und haben sie als boni patres familias den nachfolgenden Generationen verbessert zu hinterlassen.“

Marx: Das Kapital, MEW Bd. 25, S. 784