Zu K.H.Tjadens Empfehlung, die Finger vom Begriff »Produktivkraftentwicklung« zu lassen

30. September 2008

cropped-marxbah.jpg In der Entwicklung der Produktivkräfte tritt eine Stufe ein, auf welcher Produktionskräfte und Verkehrsmittel hervorgerufen werden, welche unter den bestehenden Verhältnissen nur Unheil anrichten, welche keine Produktionskräfte mehr sind, sondern Destruktionskräfte

Marx/Engels: Die deutsche Ideologie. MEW Bd. 3,  S. 69

Diese »Entfremdung«, um den Philosophen verständlich zu bleiben, kann natürlich nur unter zwei praktischen Voraussetzungen aufgehoben werden. Damit sie eine »unerträgliche« Macht werde, d.h. eine Macht, gegen die man revolutioniert, dazu gehört, daß sie die Masse der Menschheit als durchaus »Eigentumslos« erzeugt hat und zugleich im Widerspruch zu einer vorhandenen Welt des Reichtums und der Bildung, was beides eine große Steigerung der Produktivkraft, einen hohen Grad ihrer Entwicklung voraussetzt- und andrerseits ist diese Entwicklung der Produktivkräfte (…)  auch deswegen eine absolut notwendige praktische Voraussetzung, weil ohne sie nur der Mangel verallgemeinert, also mit der Notdurft auch der Streit um das Notwendige wieder beginnen und die ganze alte Scheiße sich herstellen müßte, weil ferner nur mit dieser universellen Entwicklung der Produktivkräfte ein universeller Verkehr der Menschen gesetzt ist, daher einerseits das Phänomen der »Eigentumslosen« Masse in allen Völkern gleichzeitig erzeugt (allgemeine Konkurrenz), jedes derselben von den Umwälzungen der anderen abhängig macht, und endlich weltgeschichtliche, empirisch universelle Individuen an die Stelle der lokalen gesetzt hat.

Marx/Engels: Die deutsche Ideologie, MEW Bd. 3, S. 34-35

„Im 20. Jahrhundert war Wachstum das Hauptziel der meisten Regierungen und ihrer Wirtschaftsberater geworden: steigende Einkommen trugen dazu bei, viele Menschen aus der Armut zu erlösen. (…) Dieses Wirtschaftsmodell hatte lange Zeit Bestand, aber es wird das 21. Jahrhundert nicht überleben. In einer globalisierten Welt kann materielles Wachstum nicht unendlich andauern, und wenn dieses Wachstum so exorbitant ist, und Riesenländer wie China und Indien einschließt, dann können diese Grenzen sehr schnell erreicht und überschritten werden, mit Folgen, die selbst die größten Wissenschaftler kaum vorherzusagen vermögen. Die ökologischen Systeme, die die Weltwirtschaft stützen, sind außergewöhnlichen Belastungen ausgesetzt: von sinkenden Wasserspiegeln über steigende Ölpreise bis hin zu zusammenbrechenden Fischgründen. Wirtschaftswissenschaftler, die bisher glaubten, die Welt der Ökonomie so betrachten zu können, als habe sie mit der physischen nichts zu tun, könnten es in den nächsten Jahren schwer haben, Arbeit zu finden.“

Chistopher Flavin, Präsident des Worldwatch Institute in Washington

Ob Marx/Engels eine in sich geschlossene Theorie sozialer Emanzipation aufgestellt hatten, sei dahin gestellt. Vieles aus dem Marx-Engelschen Fundus ist zu Lebzeiten unveröffentlichtes Material, teilweise ausdrücklich dem eigenen Selbstverständnis gewidmet und gilt vielen als von späteren Ausführungen überholt. Doch enthält auch das Vorwärtstasten in den Grenzen des – auch in Marx persönlicher Entwicklung – geschichtlich Denkbaren eine Fülle von Denkanstößen und Ansätzen, die für eine Theorie (wie und warum sie geht oder gehen könnte) bzw. Philosophie (wie und warum sie geht bzw. gehen sollte) menschlicher Emanzipation eine – vielleicht unverzichtbare – Bereicherung bedeuten könnte. Eine Periodisierung der MEW in einen frühen „philosophischen“ und späten „wissenschaftlichen“ Marx, (manches Mal gar mit einer Exkommunikation von Engels verbunden), mag wissenschaftsgeschichtlich angebracht und für die Bewertung der MEW erkenntnisträchtig sein (Ich habe da meine Zweifel). Doch wenn für das Verständnis der Marx/Engelschen Befreiungsperspektive so zentrale Zusammenhänge wie die – mittels Produktivkraftentwicklung möglich und notwendig werdende – Aufhebungvon Entfremdung (von den Voraussetzungen, Mitteln und Zwecken der Arbeit) im sozialen Prozess des  „Sich-zu-eigen-Machens“ der Produktionsbedingungen (der Umwälzung der nicht mehr zu verantworteten Produktionsverhältnisse) nicht einmal erörterbar ist, weil das dazu notwendige Vokabular gemieden wird wie der Teufel das Weihwasser, wird es schräg. So erklärte der ehernwerte Ökosoziologe Karl HermannTjaden jüngt „Produktivkräfte“ bzw. „Dialektik von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen“ zu zwei von drei „marxistischen Begriffen, von denen man besser die Finger lassen sollte:

Der Begriff „Produktivkräfte“ wird bei Marx des öfteren als nahezu gleichbedeutend mit dem Begriff „Produktivkraft der Arbeit“ (den er klar als Aufwand-Ergebnis-Relation begreift, vgl. MEGA² II/8, 77f) gebraucht, ist aber im Unterschied zu letzterem ein schillerndes Allerweltswort, das zu verdinglichendem Gebrauch zu reizen scheint, der wiederum zu fatalen Fehleinschätzungen der Bedeutung der Arbeitsmittel für die Entwicklung der Arbeitsproduktivität geführt hat. Benannt wurden in der Marx-Nachfolge damit (aktuelle oder potentielle) Produktionselemente und Produktionskontexte der verschiedensten Art, beispielsweise, ja nach Gusto des Autors, die Arbeitskräfte, -mittel und -gegenstände, die Bildung, die Wissenschaft und die Technik, die gesamtwirtschaftliche Organisation der Produktion und selbst das Wirken der „sozialistischen Staatengemeinschaft“. Es ist nur selten (so von Autoren in der DDR) darauf hingewiesen worden, daß es sich bei solchen Momenten der Produktion (selbst bei den umgangssprachlich so genannten Arbeitskräften) nicht um Kräfte handelt, und vor allem, daß sie allenfalls zusammengefaßt, als in die Arbeitstätigkeit einbezogene, eine Produktivkraft der Arbeit begründen, welche ein Wirkungsverhältnis ausdrückt, das erst im Kontext konkreter Beziehungen zwischen tätigen Menschen und außermenschlicher Naturumwelt ganz begriffen werden kann.

Na wunderbar!  Man entkommt der Entfremdung nicht dadurch, dass man sie nicht einmal ignoriert. Tjadens Erkenntnis, dass die Bedeutung von Produktivkraftentwicklung für die soziale Entwicklung nur „aus dem Kontext konkreter Beziehungen zwischen tätigen Menschen und außermenschlicher Naturumwelt ganz begriffen werden kann“ (sehr richtig!) zieht nun nicht die Fragen nach diesem oder jenem Kontext nach sich in dem Produktivkraftentwicklung dies oder das an Naturzerstörung oder deren Vermeidung möglich oder auch notwendig macht. Oder zumindest ein Bedauern, dass dies von „den Marxisten“ in der Vergangenheit kaum geschehen ist und sich dadurch ein Haufen Arbeit angestaut hat!

Lieber  schimpft Tjaden auf  „das schillernde Allerweltswort“ Produktivkräfte, weil das die – in konkreten Beziehungen tätigen – Menschen zu einem verdinglichtem Gebrauch zu reizen (sic!)  scheint. (Dieses unverfrorene dumme Ding!)

Das aus den kapitalistischen Formen der Arbeitsteilung hervor gehende  Entfremdungsphänomen „Nachdenken über die Bedeutung  von Produktivkräften ohne nach deren konkrete Bedeutung für konkete Produktionsverhältnisse, (die das menschliche Verhalten und Bdenken bestimmen) zu fragen“, macht, dass der Begriff  „Produktivkraft“ als ein von der Entwicklung der Produktionsverhältnisse losgelöstes Ding erscheint (wie z.b. „der Fortschritt“).

Dieses Entfremdungsphänomen in kritischer Absicht für die (der kapitalistischen Arbeitsteilung immanenten) „Verdinglichung“  verantwortlich zu machen, ist eine Verwechslung von Ursache und Wirkung und nährt die falsche Vorstellung, dass beziehungslos gebrauchte Begriffe von Fortschritt, Produktivkraftentwicklung usw. tatsächlich zu einem über die Verhältnisse herrschenden „Ding“ geworden sind. Und dass man sich der Herrschsucht oder Verführungskraft des bösen Begriffs am Besten durch Nichtnennen entzieht.

Machen wir uns lieber ans Werk,  die vielfältigen Produktivkräfte (mitsamt der Vielfalt ihrer Wechselwirkungen auch untereinander) näher zu bestimmen.

Was kann die Hypothese, dass eine bestimmte Produktivkraftentwicklung notwendig ist, um die Produktionsverhältnisse in Frage stellen zu können, bedeuten?  Welches Herstellungsvermögen treibt, unter welchen Umständen womöglich über kapitalistische Vergesellschaftungsweisen hinaus, macht neue Vergesellschaftungsweisen notwendig UND möglich?

Thesen zu Produktivkräften …

  1. In einem gesellschaftlichen Für- und Voneinander, das auf Grundlage kapitalistischer Produktionsweisen funktionieret, vermitteln, (ermöglichen, motvieren, begrenzen usw.) private Aneignungsvermögen bzw. -rechte in der Form von (Tauschwert, bzw. Kaufkraft repräsentierendem) Geld die Herstellung und Aneignung nahezu aller Mittel der meschlichen Existenzsicherung und Bereicherung,  außer einiger noch frei anzueignender Gütern wie die Luft zum Atmen. In Geldbesitz gespeicherte Aneignungsvermögen bzw. -rechte sind ein Aggregatzustand der sich selbst vermehrenden Produktivkräfte des Kapitals. Das als „variables Kapital“ verausgabte Geld erlaubt die Aneignung des Produktivvermögens „Arbeitskraft“ als eine Produktivkraft des Kapitals – zwecks Herstellung von Waren, deren Veräußerung die vom Unternehmen und deren Finanziers begehrte Vermehrung ihres Bereicherungsvermögens einbringt. Und das vom Produktivvermögen „Arbeitskraft“ als Lohn- und Gehalt angeeignete Vermögen vermittelt die Aneignung von Gütern und Diensten, die der (Wieder-) Herstellung seiner Produktivkraft für das Kapital dienen.
  2. Unabhängig von der historisch vorherrschenden Produktionsweise sind Produktivkräfte alles (z.B. natürliche, kulturelle, wissenschaftlich-technische,  institutionelle und strukturelle) Potenzial, das eine Gesellschaft zur Erzielung von Gebrauchswerten (= nützlichen Dingen oder Tätigkeiten) befähigt, deren Aneignung irgend einem menschlichen Bedürfnis entspricht (unter Einschluss des Bedürfnisses nach Umwelt- und Naturschutz) .
  3. Menschliche Bedürfnisse und entsprechende Wahrnehmungen eines produzierten Nutzens oder dessen Infragestellung (Risiken, Schäden, schlechter Ruf) sind nicht nur Voraussetzung sondern auch Produkt gesellschaftlicher Anstrengungen zur Erzielung von Gebrauchswerten. Die soziale bzw. ökologische Qualität dieser Bedürfnisse hängt von den historischen Möglichkeiten und Notwedigkeiten der Handelnden ab, Dinge oder Tätigkeiten her- und bereit zu stellen, die einen bestimmten Nutzen versprechen. Sie sind sebst Produktivkräfte bzw. deren Agregatzustand und Mittel.
  4. Auch die ökologische Qualität einer „menschzentrierten“ Sicht ändert sich mit der Entwicklung historischer Möglichkeiten (etwa zur Naturerfahrungen und deren Verarbeitung) und Zwänge. Beides wirkt auf die ökologische Qualität der menschlichen Bedürfnisse, die sodann als menschliche Produktivkraft nach Verbesserung bzw. Vermehrung des Produkts „Naturfreudlichkeit“ bzw. Erhalt von „Produktivkräften der Natur“ stebt.
  5. Produktivkräfte bergen Risiken. Jedes Nützlichkeitspotenzial kann Schaden anrichten, enthält immer auch ein destruktives Potenzial  (Stärkung der Arbeitskraft durchs Apfelessen destruiert den Apfel. Mehr Apfelerne- und -verteilungskraft als naturverträglich, zerstört deren Nachhaltigkeit). Die Verhältnismäigkeit bzw. Vernünftigkeit sozioökologischer Produktion und Zerstörung (ob innerhalb oder außerhalb von Ware-Geld-Beziehungen) kann nur im konkreten Kontext beurteilt werden. Gesellschaftliche Vernunft (bzw. gesamtgesellschaftliche Vernünftigkeit) wächst mit der Möglichkeit (dem Vernunftproduktionsvermögen) potenziell Geschädigter zur Mitbestimmung dessen, was als sozialer bzw. ökologischer Nutzen gelten soll.
  6. Von menschlicher Produktion Bewirktes (Nutzen, Schaden oder Risiken) betrifft immer auch die (gegenwärtige und  mögliche) Produktivität der Naturumwelt, die nicht nur für Menschen bedeutend ist.
  7. Die Entwicklung des geistigen Produktivvermögens (quantitativ wie qualitativ) steht in einem – historisch – mehr oder weniger engen Zusammenhang mit der Entwicklung der technologischen Möglichkeiten (der Möglichkeiten gegenständlicher Produktionsmittel, von Infrastruktur,  der Arbeitsorganisation usw.)  und treibt seinerseits die technologische Entwicklung voran.
  8. Entsprechend dem Entwicklungsstand der gesellschaftlichen Potenziale zur (Wieder-) Herstellung von Gebrauchswerten (einschließlich ihrer Risiken und Schäden und Möglichkeiten, die einzudämmen), bilden sich passende Formen der Arbeitsteilung (Produktionsverhältnisse) heraus,  bzw. der Aufteilung von Arbeit, Genuss und sozialer Verantwortung, die den Beteiligten als vom individuellen Willen unabhängige  Struktur gegenüber tritt die die  individuellen wie institutionellen Verhaltensspielräume bestimmen.
  9. Die wissenschaftlich-technischen Möglichkeiten der Produktion und die mit ihnen – im Rahmen entsprechender Produktionsbeziehungen – wirksam werdenden Bedürfnisse und Machtinteressen bestimmen (mehr oder weniger) die Art und Weise der Produktionsmittel. Deren Gestalt (z.B.  Windmühlen oder Atomkraftwerke) wirkt seinerseits auf die Produktionsbeziehungen und die in ihnen wirksamen Bedürfnisse, Machtinteressen usw. zurück.

Und die Produktionsverhältnisse?

  1. Zustände, Tätgkeiten/Ereignisse oder Gegenstände herzustellen und sich zu eigen zu machen, von denen erwartet wird, dass sie irgendwelche menschlichen Bedürfnisse befriedigen können, geschieht stets in bestimmten Abhängigkeits- und Rechtfertigungsverhältnissen bzw. -mustern, die nach historisch vorherrschenden Regeln, Gewohnheiten, Möglichkeiten oder Notwendigkeiten funktionieren, wobei die technologischen Möglichkeiten der Existenzsicherung und Bereicherung einer gegebenen Zeit oder Region das Moment sein dürfte, das die die ökonomischen Strukturen und die sie sichernden Instanzen (also die Produktionsverhältnisse) in letzter Instanz bestimmt.
  2. Für kapitalistische Produktionsverhältnisse charakteristisch sind die weitgehende Trennung der Arbeitenden von der Möglichkeit, über die außerhalb des eigenen Körpers vergegenständlichten Produktionsmittel zu verfügen und damit auch über die Zwecke oder Nebenwirkungen des Produzierens (bzw. dderen Vernünftigkeit) mitzuentscheiden, dafür umgekehrt die Notwendigkeit, die eigene Arbeitskraft gegen Geld an Unternehmen, staatliche Institutionen usw. zu vermieten, um sich damit die für den eigenen Bedarf notwendigen Dinge aneignen zu können. Auf Seiten der Unternehmen bedeutet dies produktiver Konsum der Mietsache „Arbeitskraft“ zum Zwecke des Verkaufs der dabei zu produzierenden Gebrauchswerte. In der Regel unter der Bedingungen mehr oder weniger freier Konkurrenz ums attraktivste Angebot. Außerdem Steuern, national- und auch transstaatliche Institutionen zur Zivilisierung der dabei unwillkürlich aufeinander prallenden Interesssensgegensätze.
  3. Zweck der Produktion ist aus Sicht der Unternehmen die Vermehrung von Geldbesitz (bzw. Geldforderungen), aus Sicht der lohn- und gehaltsabhämgig Beschäftigten ausreichend Lohn und Gehalt und erträgliche Arbeitsbedingungen, aus der Sicht staatlicher Garantie-Instanzen Steuern und Wählerzufriedenheit. Eine hinreichend (welt-) gesellschaftliche Abstimmung wesentlicher Produktonszwecke mit den sozialen bzw. ökologischen Voraussetzungen und Nebenwirkungen von Produktion, Produktaneignung und Weiterverwertung/Entsorgung ist innerhalb dieser Art Produktionsverhältnisse nicht möglich. In Ansätzen geschieht dies meist staatlich vermittelt also spärlich weil in Abhängigkeit vom Erfolg der jeweilig „heimischen Wirtschaft“ – nicht zuletzt bei der Ausnutzung eben der gegebenenfalls zu bekämpfenden sozialen Ohnmacht für privateigentümliche Zwecke.
  4. (Konstantes) Kapital ist privateigentümliche Verfügung über außerhalb des eigenen Körpers befindliche Produktionsmittel (Produktionsstätten Technik, Know How), und damit über Möglichkeiten zum Ankauf von Rohstoffen, Vorprodukten und menschlicher Arbeitskraft  zum Zwecke der Vermehrung des eigenen Bereicherungsvermögens. Es ist also der in Privatbesitz eines Unternehmens (und seiner Anteilseigner und Investoren) befindliche Teil des menschlichen  Produktiv-/Destruktivvermögens. Er dient den Bereicherungssubjekten nicht unmittelbar dem Lebensgenuss sondern dem Erhalt und der Vermehrung der für die private Bereicherung notwendigen Mittel (Geld, Produktionsmittelbesitz usw.) der (Anm.1)  seitens der Unternehmen und dessen Anteilseigner und Investoren.
  5. Vom Standpunkt dieses (privaten) Bereicherungsvermögens aus betrachtet gilt deshalb nur die Kraft als produktiv, deren Anwendung das eigene Bereicherungsvermögen hinreichend  vermehrt. Der dabei gewonnene Lebensgenuss ist nur Mittel zum Zweck.
  6. Diese (kapitalistische) Art Bereicherungsvermögen setzt das Unvermögen des Gros der Bevölkerung voraus, das außerhalb des eigenen Körpers befindliche Bereicherungsvermögen nach selbst- bzw. gemeinsam bestimmten Zwecken in Bewegung zu setzen.
  7. Lediglich über das im eigenen Körper gebildete (private) Produktivvermögen zu verfügen nötigt zu dessen Vermietung, als „variables Kapital“ für die Arbeitskraft anmietende Instanz weil ohne die Mieteinnahmen (Lohn und Gehalt) die für die eigene Reproduktion benötigten Gebrauchswerte nicht (privat) angeeignet werden könnten.
  8. Gesamtgesellschaftlich wirksame Interessengegensätze ergeben sich grob entlang der Frage, wie viel Arbeitszeit für die Produktion von Waren verausgabt werden muss, die der (Re-)Produktion von Arbeitskraft dienen und wie viel (Re-) Produktion gegenständlicher Produktionsmittel und Waren des Luxusbedarfs der Kapitalbesitzenden und -dirigierenden zu dienen haben. Entsprechend formieren sich sozial, politisch und unter Umständen auch kulturell gegensätzliche Interessen und Bedürfnisse in Hinblick auf die Anwendung, Kontrolle und Entwicklung von Produktivkräften.
  9. Die sich den einzelnen Unternehmen darbietenden Aneignungsbedingungen sind mit den Reproduktionsbedingungen der tauschwertproduktiv Arbeitskraft konsumierenden Klasse als Ganzes nicht identisch. Die auf die Gesamtgesellschaft bezogene Kategorie der „Klassenherrschaft“ in der Form des Vermögens, „Mehrwert“ anzueignen ergibt sich aus dem gesellschaftlichen Anteil der Arbeitszeit, die für die privateigentümlichen Reproduktions.- bzw. Bereicherungszwecke der Nicht-Arbeitenden verausgabt werden muss. Die einzelnen Unternehmen sind genötigt, ihren eigenen Arbeitskraftkonsum als Konkurrenzfähigkeit bzw. Profit mindernden Kostenfaktor zu behandeln und ihn infolgedessen zu minimieren. Was nicht nur Antieb zu Lohndrückerei ist, (die vielfach auch gesamtkapitalistisch betrachtet unvernünftig ist) sondern auch steter  Stachel zur Steigerung der Produktivkräfte.
  10. Eine gesamtgesellschaftlich bzw. ökologisch betrachtet vernünftige Steuerung der Produktivkraftentwicklung und deren Anwendung (wie etwa eine vernünftige Aufteilung der erreichten Zugewinne) sind unter Bedingungen privateigentümlich (geldvermittelt) vergesellschafteter und nationalstaatlich leidlich nachzivilisierter Produktion und Aneignung der gesellschaftlichen Existenz- bzw. Bereicherungsmittel kaum möglich. Ein herrschaftsfreies, öffentliches Reflektieren des gemeinsamen Stoff(bedeutungs)wechsels zur Grundlage der Vermittung von Produktionsbedürfnissen mit deren Möglichkeiten und Kosten als Basis des menschlichen Für- und Voneinanders setzt die Etablierung einer tatsächlich als winw Weltgemeinschaft organisierten Menschheit voraus. Nicht nur die auf die Vermehrung ihrer privateigentümlich funktionierenden Bereicherungsmittel ausgerichtete Rationalität kapitalistischer Unternehmen bzw. Investoren wird deshalb zunehmend (mit der Entwicklung der menschlichen Produktivkräfte zunehmend) zum Problem aller. Gleiches gilt, wenn auch nicht auf der gleichen Stufe sozialer Mächtigkeit (und damit Mitverantwortung) stehend, für die – nichts desto trotz – ähnlich bornierte Form der Aneignung von Konsumgütern zur Gestaltung der individuellen bzw. familiären Lebens(raum)gestaltung. Kapitalistische Produktivkraftentwicklung steigert das Aneignungsvermögen „privater Haushalte“ als Kaufkraftsteigerung. Dies geschieht entweder in der Form von Lohn- und Gehaltssteigerungen oder mittels „geiler Preise“. Die den mehr oder minder Kaufkräftigen allerdings als Eigenschaft der Waren gilt und deshalb ebenso wie eine Lohnsteigerung als ein Mehr an eigenem Verdienst für eigene Leistungen bzw. als ein Mehr an sozialer Gerechtigkeit. (Hier hinein gehört die durch die Form der Warenproduktion und damit dem Fetischcharakter der Ware bestimmten Grenzen der  sozialen Reichweite des persönlichen (Un-)Rechtsbewusstsein. Siehe auch: Sind wir des Warensinns?).
  11. Verallgemeinerung von Produktivkraftentwicklung bedeutet (monetäre) Entwertung der produzierten Waren. Für die Produktion des gleichen (monetären) Bereicherungsvermögens (Geld, Besitzanteile usw. mit dem Produktionsmittel in Gang gesetzt werden können) können und müssen immer mehr Gebrauchswerte produziert werden. (Durch freie Konkurrenz erzeugter Wachstums- und Konzentrationszwang!). Dies vergrößert den Reichtum in Gestalt von Waren aller Art (sowohl quantitativ als auch qualitativ) aber auch die praktische Unmöglichkeit einer vernünftigen Steuerung menschlicher bzw. vom Menschen beeinflusster Produktivkraftentwicklung. Aber bei gleichzeitiger Entwicklung der prinzipiellen Möglichkeit (und Notwendigkeit), genau dies zu tun (etwa im Hinblick auf ein vernünftiges Arbeitszeitmanagement bzw. der Wahrnehmung vernünftiger Gründe, Umstände und Formen der Verkürzung notwendiger Arbeit bzw. die entstehende Freizeit zu gestalten.
  12. Unter den gegebenen (privateigentümlichen, einander und der Naturumwelt entfremdenden) Aneignungsformen, -rechten und -pflichten bedeutet Produktivkraftentwicklung, in aller einkaufsparadiesischen Unschuld die Grenzen des natürlichen Wiederherstellungsvermögen – systematisch zu überschreiten –  lokal und regional und zunehmend überregional und global. Die damit einher gehenden Risiken und Schäden stellen die gegebenen Behauptungsbedingungen (unsere privateigentümlich strukturierten Aneignungsformen, -rechte und -pflichten) allerdings nur in dem Maße in Frage, wie Menschen eine soziale Praxis entwickeln können, die sie dieser zwanghaften Mechanismen gewahr werden und nach gangbaren Auswegen nicht nur aus selbstverschuldeter sondern auch aus unverschuldeter Unmündigkeit suchen lässt.
  13. Die Frage ist demnach, was den Individuen (und ihre Institutionen) die Notwendigkeit aber auch die Möglichkeit gewahr werden lässt, die Entwicklung und Anwendung des menschlichen Produktivvermögens unter Einschluss der ihnen inne wohnenden Destruktivkräfte (welt-) gemeinschaftlich mitzubestimmten um zu einer sozial bzw. ökologisch reflektierten, rationalen Steuerung zu kommen, mit der sie sich (gegenseitig) in die Lage versetzt, sogenannte „Menschheitsfragen“ zu bewältigen (Eindämmung des anthropologischen Treibhauseffektes, des Verlustes an Wäldern, Wiesen, an biologischer oder auch kultureller Vielfalt landwirtschaftlich nutzbarer Böden, Hunger, elendige Wohn- und Arbeitsbedingungen usw.
  14. Es gilt, das für die Bewältigung dieser „Menschheitsfragen“ (in adäquaten Zeiträumen)  notwendige technische und geistige bzw. soziale Potenzial  (was an Konzepten und wirklicher Bewegung bereits zur Problembewältigung geschieht und noch zu tun ist) herauszuarbeiten und die Verallgemeinerung dieses (ökokommunistischen, ökohumanistischen oder wie auch immer genannten) Potenzials zur Herstellung geeigneter Produktions-/Aneignungsbeziehungen voran bzw. zur Anwendung zu bringen.

Soweit mein erster Versuch einer Systematisierung im Hinblick auf die Ermöglichung mitmenschlicher Formen der Händelung von Produktivkraftentwicklung. Das wird fortgesetzt. Mag ein heißes Eisen  sein. Aber man entkommt der Gefahr, sich dabei die Finger zu verbrennen nicht, indem man diese Aufgabe für irrelevant erklärt.

Diese noch sehr grobe Sicht muss vor einer näheren Beleuchtung der einzelnen Punkte noch um einen genaueren Blick auf die Entwicklungspotenziale freiberuflicher, bzw. kleinunternehmerischer Existenzen und Kreativer aller Art erweitert werden. Vor allem im Hinblick auf die mögliche Bedeutung einer vermehrten Zugänglichkeit zu entsprechenden Produktionsmitteln, was die steigende Bedeutung der Entwicklung geistiger Produktivkräfte anzeigt  – und woraus sich aktuell die Konflikte ums „geistige Eigentum“  bzw. Aneignungsansprüchen, die sich  aus privat produzierter „Geistesware“ ableiteten und auf der anderen Seite,  eine Bewegung für moderne Commons gegen den ganzen Warensinn.

hhh

(Letzte Änderung am 21.11.12)

Der Beitrag wird gerade überarbeitet, hhh am 25.8.13.

Und noch einmal am 15.7.15)

Links zur Reflexion des Komplex „Produktivkraftentwicklung / Produktionsverhältnisse“ anhand aktueller  Statements und Praxisbeispiele

Taz vom 27.05.09

1) Strom aus der Wüste (über das Desertec Programm)

2) SWR contra Nachgefragt: Ist Desertec eine neue Form des europäischen Kolonialismus?Gerhard Leitner im Gespräch mit unserer Korrespondentin in Kairo, Esther Saoub (6:27 min)

3) swr3.de: Wie Afrika künftig Europa einheizen soll

4) Skeptische Stimmen zum Desertec Programm

5) Die Wüste lebt im Freitag vom 23.7.09

Tscha!

Besonders interessant sind die Leserbriefe

Die ZEIT

Werte-Debatte: Maßhalten, um zu überleben

Wirtschaftswachstum – die neue Bescheidenheit

Kapitalismus – wir könnten auch anders


Wie wird der Mensch mehr Mensch?

28. September 2008

Man kann die Menschen durch das Bewusstsein, durch die Religion, durch was man sonst will, von den Tieren unterscheiden. Sie selbst fangen an, sich von den Tieren zu unterscheiden, sobald sie anfangen, ihre Lebensmittel zu produzieren (…) Wie die Individuen ihr Leben äußern, so sind sie. Was sie sind, fällt also zusammen mit ihrer Produktion, sowohl damit, was sie produzieren, als auch damit, wie sie produzieren. (…) Die Teilung der Arbeit innerhalb einer Nation führt zunächst die Trennung der industriellen und kommeziellen von der ackerbauenden Arbeit und damit die Trennung von Stadt und Land und den Gegensatz der Interessen Beider herbei. Ihre weitere Entwicklung führt zur Trennung der kommerziellen Arbeit von der industriellen. (…)

Die verschiedenen Entwicklungsstufen der Teilung der Arbeit sind ebensoviel verschiedene Formen des Eigentums; d.h. die jedesmalige Stufe der Teilung der Arbeit bestimmt auch die Verhältnisse der Individuen zueinander in Beziehung auf das Material, Instrument und Produkt der Arbeit.

Marx/Engels: Die deutsche Ideologie. vgl. MEW Bd. 3, S. 21 – 22

Die Tatsache ist also die: bestimmte Individuen, die auf bestimmte Weise produktiv tätig sind, gehen diese bestimmten gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse ein. Die empirische Beobachtung muß in jedem einzelnen Fall den Zusammenhang der gesellschaftlichen und politischen Gliederung mit der Produktion empirisch und ohne alle Mystifikation und Spekulation aufweisen. Die gesellschaftliche Gliederung und der Staat gehen beständig aus dem Lebensprozess bestimmter Individuen hervor; aber dieser Individuen, nicht wie sie in der eignen oder fremden Vorstellung erscheinen mögen, sondern wie sie wirklich sind, d.h. wie sie wirken, materiell produzieren, also wie sie unter bestimmten materiellen und von ihrer Willkür unabhängigen Schranken, Voraussetzungen und Bedingungen tätig sind.

Die Produktion der Ideen, Vorstellungen, des Bewusstseins ist zunächst unmittelbar verflochten in die materielle Tätigkeit und den materiellen Verkehr der Menschen, Sprache des wirklichen Lebens. Das Vorstellen, Denken, der geistige Verkehr der Menschen erscheinen hier noch als direkter Ausfluß ihres materiellen Verhaltens.

Von der geistigen Produktion, wie sie in der Sprache der Politik, der Gesetze, der Moral, der Religion, Metaphysik usw. eines Volkes sich darstellt, gilt dasselbe. Die Menschen sind die Produzenten ihrer Vorstellungen, Ideen pp., aber die wirklichen, wirkenden Menschen, wie sie bedingt sind durch eine bestimmte Entwicklung ihrer Produktivkräfte und des denselben entsprechenden Verkehrs bis zu seinen weitesten Formationen hinauf. Das Bewusstsein kann nie etwas Andres sein als das bewusste Sein, und das Sein der Menschen ist ihr wirklicher Lebensprozess. Wenn in der ganzen Ideologie die Menschen und ihre Verhältnisse wie in einer Camera obscura auf den Kopf gestellt erscheinen, so geht dies Phänomen ebensosehr aus ihrem historischen Lebensprozess hervor, wie die Umdrehung der Gegenstände auf der Netzhaut aus ihrem unmittelbar physischen.

Marx/Engels: Die deutsche Ideologie. vgl. MEW Bd. 3, S. 25 – 26

Wir unterstellen die Arbeit in einer Form, worin sie dem Menschen ausschließlich angehört.

Eine Spinne verrichtet Operationen, die denen des Webers ähneln, und eine Biene beschämt durch den Bau ihrer Wachszellen manchen menschlichen Baumeister. Was aber von vornherein den schlechtesten Baumeister vor der besten Biene auszeichnet, ist, daß er die Zelle in seinem Kopf gebaut hat, bevor er sie in Wachs baut. Am Ende desArbeitsprozesses kommt ein Resultat heraus, das beim Beginn desselben schon in der Vorstellung des Arbeiters, also schon ideell vorhanden war.

Marx: Das Kapital, MEW Bd. 23, S. 192-193


Auch Liberale? „So oder so“ rot war gestern.

11. Februar 2008

Wolf Bierman

„Auch Liberale werden wir befreien! So soll es sein. So soll es sein! So wird es sein!“

Es war ein typischer Biermann-Song der 70er Jahre: „So oder so, die Erde wird rot!“ („Entweder lebend rot oder tot rot!“). Der Optimismus war intelligent gebrochen. So etwas wie ein Argument lag in der Luft. Das Lied war gewiss kein Gewissheits-Agit-Prop!

Oder? Drohende Katastrophen ins Feld zu führen hat allerdings einen Nachteil. Es bleibt unklar, ob die Verhältnisse wirklich nur die Wahl zwischen „rot“ und tot“ lassen, oder wieder nur der autoritäre Zeitgeist die Regie führt für ein neues starkes Stück linker Anmaßung.

Dass Biermann die Erde in keinerlei Weise mehr „rot“ wünscht, kann – aus heutiger Sicht betrachtet – wohl als ein Fortschritt gesehen werden. Das „Argument“ war nur ein Todschlagargument. Der aus dem Song sprechende Eifer berührt – auch heutige Linke – eher peinlich! Man möchte fast froh sein, dass es weder so noch so sondern eben so kam, dass liberale Ideen den Sänger mitsamt eines Großteils seines einstigen Publikums von den einstigen Flausen befreiten.

Denn was all die „linke“ Durchhaltemusik bis dahin selten ahnen ließ: mehr Sozialismus kann es nur nur infolge frei willigen, individuellen (!) Begeherens nach sozialer Emanzipation geben. Wer waren „wir“, die „Libereale befreien“ wollten?

Wäre „linker“ Anti-Individualismus mit seinem Schreckgespenst einer „zunehmenden Individualisierung“ bereits damals auf dem Rückzug, hätten wir vielleicht gesungen:

Auch Liberale werden sich befreien!

Das ergäbe immerhin Anhaltspunkte für Diskussionen. Man könnte danach fragen, wovon sich Liberale denn nun konkret befreien sollten, wenn man ihnen angesichts schmelzender Polkappen zuruft:

Wer will, dass die Freiheit bleibt, wie sie ist, will nicht, dass sie bleibt!

Und nun?

Ja, fragen wir doch mal: Von welchen Freiheitsideen (und bornierten Klassenkampfstandpunkten) sollte sich der flotte Guido und die Seinen befreien?

Aber was will man einem Verein empfehlen, der sich grad in der politologischen Nische des Anti-Ökologismus räkelt – und sich dadurch im eigenen Populismus á la „Mein Geländewagen fährt auch ohne Wald!“ einigelt und deshalb auf die Fortdauer des Bedürfnisses nach kleinkindtrotziger Leugnung unangenehmer Wahrheiten angewiesen ist.

hhirschel


Umweltverbesserung Leitwährung einer höheren ökonomischen Gesellschaftsformation?

4. Februar 2008

„Vom Standpunkt einer höhern ökonomischen Gesellschaftsformation wird das Privateigentum einzelner Individuen am Erdball ganz so abgeschmackt erscheinen wie das Privateigentum eines Menschen an einem andern Menschen.

Selbst eine ganze Gesellschaft, eine Nation, ja alle gleichzeitigen Gesellschaften zusammengenommen, sind“ [Anm. hh: vom Standpunkt einer höheren Gesellschaftsform aus betrachtet] „nicht Eigentümer der Erde. Sie sind nur ihre Besitzer, ihre Nutznießer, und haben sie als boni patres familias den nachfolgenden Generationen verbessert zu hinterlassen.“

Marx: Das Kapital, MEW Bd. 25, S. 784


Was heißt hier Sozialismus?

22. Januar 2008

Der Begriff schillert. Im marxistischen Kontext steht „Sozialismus“ allgemein für Übergangsgesellschaft zum klassenlosen Weltkommunismus. Innerhalb der Linkspartei und um sie herum wird Sozialismus meist mit einer Zukunft oder Politik identifiziert, in der „sozialistische Werte“  wie etwa „soziale Gerechtigkeit“ vorherrschen und „die Gier nach Maximalprofiten“ überwunden ist.  Zur Abgrenzung vom so genannten Realen Sozialismus fällt auch der Begriff Staatssozialismus,  was also die Vorstellung einschließt, hier handelte es sich um eine besondere (wenn auch nicht besonders gelungene) Form „des“ Sozialismus.

Aber wie sozialistisch waren die einstigen Ostblockländer wirklich? Gibt es keine rational nachvollziehbaren Kriterien normativer Art nach denen (vergangene oder künftige) Gesellschaften nach Indikatoren abgesucht werden können, an denen die mehr oder auch weniger starke Anwesenheit bzw. Abwesenheit von „Sozialismus“  abgelesen werden kann?

Wer den Gedanken an eine „Diktatur des Weltproletariats“ mehr als fragwürdig findet, weil

  • die Gefährlichkeit der marx-engelschen Koketterie mit dem Begriff der „Diktatur“ inzwischen auf der Hand liegt, (auch wenn sie sich diese „Diktatur“ als eine soziale Herrschaft der Weltbevölkerungsmehrheit und also in der politischen Form einer Weltdemokratie vorgestellt hatten), und weil
  • „Proleratiat“ als strukturelles Element kapitalistischer Verhältnisse („variables Kapital“) ja just als menschenunwürdige Existenzform identifiziert wurde und in dem Moment aufhört „Proletariat“ zu sein, wie es sich aus diesen Verhältnissen emanzipiert,

und wer nun Festlegungen darüber treffen möchte, was die Übergangsgesellschaft  im Wesentlichen als eine charaktirisiert, die soziale Befreiung aus der bornierten  Klassenlage bringt,  könnte sich vielleicht mit folgender Bestimmung anfreunden.

  1. Im „Schoße der alten, kapitalistischen Verhältnisse“ existiert bzw. wächst Sozialismus (unabhängig vom Selbstverständnis seiner Träger) als sozialer Prozess, der im wachsenen Maaße zunehmend mehr Menschen befähigt, die menschlichen bzw. von Menschen beeinflussten Mittel der Existenzsicherung und Bereicherung  (mitsamt des diesen „Produktionsmitteln“ inne wohnenden Destruktivvermögens) nach – in sozialer und ökologischer Hinsicht  – gemeinsam reflektierten, und in so fern rationalen Maßstäben entwickeln und anzuwenden zu können.
  2. Von einer sozialistischen Gesellschaftsformation kann (unabhängig von deren Benennung) gesprochen werden, in so weit die Verallgemeinerung des Vermögens, miteinender Nutzen, Schaden oder Risiken von Produktivität und Produktion antizipieren und adäquate Produktionszwecke, -methoden, -qualitäten, -mengen, -orte oder Einwirkungen auf die natürliche Mitwelt aushandeln zu können, der (weltweit) vorherrschende soziale Prozess ist.

Eine solche Bestimmung sehe ich als Bedingung der Möglichkeit eines rationalen Diskurses.  Denn wie sonst könnte mit  sozialwissenschaftlichen Methoden reale Existenz, Abwesenheit, Notwendigkeit oder Möglichkeit von „Sozialismus“ erfasst werden, und wie sonst wäre es möglich, sich ein Bild von der Sache zu machen, das nicht durch bornierte Macht oder Ohnmacht,  Rechtfertigungsinteressen und entsprechenden Wahrnehmungsmustern konstruiert ist?  Wie sonst also wäre eine sachliche Diskussion des Gegenstandes möglich?

Eine solche Bestimmung schafft den Boden für empirische Forschung,  kann sie aber natürlich nicht ersetzen.  Eine „empirische Widerlegung“ der marx-engelschen Perspektiven aufgrund deren Einmauerung in die Rechtferigungsideologien „vormundschaftlicher Staaten“ staatsparteilicher Sozialismusversuche des letzten Jahrhunderts könnte sich auf einer solchen Grundlage allerdings auch als „zu früh gefreut“ (oder geärgert) heraus stellen.

In dem Zusammenhang ist es interessant, was Marx und Engels in iheren Selbstverständigungsschriften als Voraussetzung einer „Aufhebung von Entfremdung“ sahen.

Siehe dazu auch die Ausführungen von Thieß Petersen über “ Subjektive Voraussetzungen für die Transformation der kapitalistischen Gesellschaft“ im Glasnost Archiv

Zum Schluss: Keine Mitverantwortung für falsche Wege?

hhirschel


Lohn, Markt, Moral (von Menschen und ihren Mäusen)

20. Januar 2008

Nicht mehr Kommunismus aber immerhin mehr Leistungsgerechtigkeit fordert Prof. Dr. Werner Müller, (nicht mit dem gleichnamigen ehemaligen Bundeswirtschaftsminister identisch). Er lehrt seit 1997 am Fachbereich Wirtschaftswissenschaften der Fachhochschule Mainz und war vor seiner Berufung Financial Manager in der deutschen Gruppe eines dänischen Konzerns, sowie von 2002 bis 2006 Aufsichtsratsvorsitzender einer Unternehmensberatungs-AG.

Das ND veröffentlichte am 19.01. 08 einen offenen Brief Prof. Müllers an Bundespräsident Köhler mit einer Replik auf H. Köhlers Behauptung, Mindestlöhne würden Arbeitsplätze vernichten. Der Brief enthält einige Wahrheiten, die sich vom neo liberalen Mainstream recht angenehm absetzen.

Zum Beispiel, dass Löhne am Markt „umgekehrt elastisch“ reagierten:

„Sinkt der Gebrauchtwagenpreis, so werden weniger Fahrzeuge angeboten. Sinkt der Arbeitslohn, so wird auf dem Arbeitsmarkt mehr Arbeitskraft angeboten, denn Arbeitnehmer müssen dann Überstunden machen oder Nebentätigkeiten aufnehmen, um ihren Lebensstandard zu halten oder nur die Existenz zu sichern.“

Zwar führten niedrigere Löhne unstrittig zu mehr Arbeitsplätzen im Niedriglohnbereich, aber um den Preis einer Lohnabwärtsspirale. Deren Stopp durch die Gewerkschaftsbewegungen des 19. und 20. Jahrhunderts hätte die wirtschaftliche Entwicklung allerdings nicht gestoppt sondern – durch Anreize zur Rationalisierung – eher beflügelt. Der durch das Wegrationalisieren von Arbeitsplätzen entstandene Wohlstandsverlust wurde durch die erreichten Produktivitätsgewinne lange überkompensiert.

Sollte sich die Gesellschaft nun aber trotz des Unterlaufens dieser historischen Dumpingbremse durch gebietsfremde Anbieter von Arbeitskraft gegen Mindestlöhne entscheiden, so solle sie doch konsequenterweise gleich eine andere Errungenschaft des 19. Jahrhunderts über Bord werfen:

„… und zwar die Abschaffung der Sklaverei! (…) Diese hat die Arbeitsplätze der Sklaven vernichtet. Und es gäbe auch heute sicher noch viele Sklaverei-Arbeitsplätze, wenn man sie zulassen würde. (…) Die Entscheidung für die Abschaffung der Sklaverei war aber primär eine moralische und keine ökonomische Frage. (…)
„Ebenso war der Kampf gegen Hungerlöhne für die Arbeiterbewegung eine moralische Frage. Die flächendeckende Einführung von Mindeststandards hat die wirtschaftlichen Folgen für die Unternehmen beherrschbar gemacht, weil sich kein Konkurrent den daraus folgenden höheren Kosten entziehen und daraus Wettbewerbsvorteile organisieren konnte. Es ist auch heute eine moralische Frage, ob auch in einer globalisierten Wirtschaft die Löhne aus einer Vollzeitbeschäftigung existenzsichernd sein müssen und ob deshalb die Vernichtung von Arbeitsplätzen im Niedriglohnbereich in Kauf genommen werden muss, wie die Gesellschaft auch die Vernichtung von Sklavenarbeitsplätzen im Null-Lohnbereich und sogar den Hungertod vieler potenzieller Sklaven in Kauf genommen hat. Nur mit gesetzlichen Mindestlöhnen kann diese moralische Entscheidung für existenzsichernde Löhne in der globalisierten Wirtschaft verteidigt werden. Wer sie ablehnt, müsste mit den gleichen Argumenten die Wiedereinführung der Sklaverei fordern …“

Ebenso provokant fordert Prof. Müller ein Ende der intransparenten Besetzung von Vorstandsposten mittels sozialer Seilschaften. Die Aktiengesellschaften sollten gesetzlich verpflichtet werden, ihre Vorstandsposten öffentlich auszuschreiben. Was nicht nur die Qualifikation der Vorstandsarbeit erhöhen, sondern auch die Vorstandsgehälter auf ein moralisch vertretbares Maß reduzieren würde.

Der gesamte ND Beitrag:

http://www.neues-deutschland.de/artikel/122581.html


Engels: Siege über die Natur oft wenig schmeichelhaft!

20. Juli 2007

„Schmeicheln wir uns indes nicht zu sehr mit unsern menschlichen Siegen über die Natur. Für jeden solchen Sieg rächt sie sich an uns (…).

Die Leute, die in Mesopotamien, Griechenland, Kleinasien und anderswo die Wälder ausrotteten, um urbares Land zu gewinnen, träumten nicht, dass sie damit den Grund zur jetzigen Verödung ihrer Länder legten, indem sie ihnen mit den Wäldern die Ansammlungszentren und Behälter der Feuchtigkeit entzogen.

Die Italiener der Alpen, als sie die am Nordabhang des Gebirgs so sorgsam gehegten Tannenwälder am Südabhang vernutzten, ahnten nicht, dass sie damit der Sennwirtschaft auf ihrem Gebiet die Wurzel abgruben; sie ahnten noch weniger, daß sie dadurch ihren Bergquellen für den größten Teil des Jahrs das Wasser entzogen, damit diese zur Regenzeit um so wütendere Flutströme über die Ebene ergießen könnten.

(…)

Und so werden wir bei jedem Schritt daran erinnert, daß wir keineswegs die Natur beherrschen, wie ein Eroberer ein fremdes Volk beherrscht, wie jemand, der außer der Natur steht – sondern dass wir mit Fleisch und Blut und Hirn ihr angehören und mitten in ihr stehn, und dass unsre ganze Herrschaft über sie darin besteht, im Vorzug vor allen andern Geschöpfen ihre Gesetze erkennen und richtig anwenden zu können.“

Engels: Dialektik der Natur, MEW Bd. 20, S. 452-453


Engels: Wir lernen immer besser, uns ökologisch zu beherrschen

17. Juli 2007

engels1.gif“Und in der Tat lernen wir mit jedem Tag ihre Gesetze [Anm. hh: die der Natur] richtiger verstehn und die näheren und entfernteren Nachwirkungen unsrer Eingriffe in den herkömmlichen Gang der Natur erkennen. Namentlich seit den gewaltigen Fortschritten der Naturwissenschaft in diesem Jahrhundert werden wir mehr und mehr in den Stand gesetzt, auch die entfernteren natürlichen Nachwirkungen wenigstens unsrer gewöhnlichsten Produktionshandlungen kennen und damit beherrschen zu lernen. Je mehr dies aber geschieht, desto mehr werden sich die Menschen wieder als Eins mit der Natur nicht nur fühlen, sondern auch wissen, und je unmöglicher wird jene widersinnige und widernatürliche Vorstellung von einem Gegensatz zwischen Geist und Materie, Mensch und Natur, Seele und Leib, wie sie seit dem Verfall des klassischen Altertums in Europa aufgekommen und im Christentum ihre höchste Ausbildung erhalten hat.”

Engels: Dialektik der Natur, MEW Bd. 20, S. 453