Wie der Wortschritt einmal über die 11. Feuerbachthese stolperte und danach meinte, sie sei hinfällig

Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert,es kömmt darauf an, sie zu verändern

Marx berühmte 11.These zu Feuerbach bringt seine gemeinsam mit Engels verfasste Kritik der Junghegelianer auf den Punkt. Diese philosophische Strömung (der M&E einst selbst nahe gestanden waren)  hatte sich der ideologiekritischen Aufklärung verschrieben. Die Junghegelianer fühlten sich berufen, einen Zustand der Vernunft zu kritisieren, bei dem die von sich selbst entfremdet ist – zum Beispiel in Gestalt der Religion oder, das unterschied sie von ihrem staatsergebenen Lehrmeister Hegel – des Staatswesens. Damit verbunden war die frohe Erwartung, dass die Vernunft durch die Kritik ihrer Entfremdung zu sich selbst kommt und den Menschen so dann ein Wohlgefallen sein wird – zum Beispiel in der Gestalt des Sebstbewusstseins, eines wohlverstandenen Egoismus usw.

Marx (und Engels) nannten das „Deutsche Ideologie„, die ihrer Ansicht nach Ausdruck erstarrter Verhältnisse in den (damaligen) deutschen Landen sei. Weil die keine wirklichen, d.h. keine sozialen bzw. politischen Fortschritte erlaubten, würden die fortschrittlichen Philosophen das Heil der Menschheit im Austausch der von ihnen als falsch erkannten Ideen suchen, und damit das Bestehende höchstens anders erkennen. Das würde nach Marx/Engels verkennen, dass den verkehrten Ideen verkehrte Verhältnisse zugrunde liegen, die, solange sie bestehen, die kritisierten Vorstellungen stets aufs Neue hervorbringen.

Damit diese „Entfremdung, um den Philosophen verständlich zu bleiben“ eine unerträgliche Macht wird, gegen die man revoltiert, müsste sich die soziale Ohnmacht, die sich aus der Abhängigkeit vom Geschäftserfolg privateigentümlich aufgestellter Ausbeutungsagenturen ergibt, weitgehend verallgemeinert haben. Ferner müssten sie im Gegensatz zu einer Welt der Bildung und des Reichtums stehen und als unnötige, irrationale Hemmnisse für die Überwindung unerträglicher Zustände gesehen werden. Die Überwindung der bestehenden Ordnung müsste außerdem von hinreichend vielen Menschen als notwendig angesehen und für erreichbar gehalten werden. All das setzte wiederum voraus, dass die Globalisierung des menschlichen Füreinanders hinreichend voran gekommen und  technische Mittel, die für eine befriedigende Problemlösung notwendig sind. weitgehend entwickelt sind oder doch schnell entwickelbar scheinen. Hinreichend viele Akteuren des Weltgeschehens muss zugleich notwendig als auch im Prinzip möglich vorkommen ein Miteinander zu etablieren, das auf eine (welt-)gemeinschaftliche Kontrolle der Produktionszwecke, -methoden usw. beruht. Außerdem müssen die Risiken des Unterfangens beherrschbar erscheinen.

Die Aktualität dieser Perspektive sollte sich aus der Frage nach gegenwärtigen (bzw. absehbaren) Problemen des kapitalistischen Für- und Voneinanders erschließen und nach gegenwärtig entwickelten (oder prinzipiell herstellbaren) Ansätzen zu bewältigen, was als Menschheitsprobleme (an-) erkannt wird.  Was verlangt heute nach der Entwicklung von Formen der Globalisierung, die ein rationales, d.h. ein ziel- bzw. umweltbewusstes Zusammenwirken aller erlaubt? Was geht in diese Richtung? Was sind die Erfolgsbedingungen, was die – wie zu überwindenden – Hemmnisse?

Hans-Gerd Gräbes Aufsatz „Wie geht Fortschritt“  zeigt, dass sich das Räsonieren über die 11. Feuerbachthese auch prima dafür eignet, um diesen heißen Brei herum zu philosophieren.

[Der Gerechtigkeithalber sei erwähnt, dass selbiger Aufsatz auch einen lesenswerten Abschnitt enthält in dem sich der Autor für die Lesenden äußerst gewinnbringend über die Rückwirkung von Fortschritten der verlustfreien Reproduzierbarkeit in der Mikroelektronik auf die Eigentumsordnung nachdenkt. Aber ich bin erst einmal gezwungen mich allein auf  die Würdigung von Gräbes Auseinandersetzung mit der Feuerbachthese und  der von ihm für notwendig gehaltenen neuen Naturbegriff zu beschränken]

In einer Diskussion im Keimform-Blog hatte Gräbe nach einem neuen Naturbegriff verlangt, der in dem Aufsatz „Wie geht Fortschritt“ erläutert sei.

Gräbe lehnt es dort ab, nach einer „richterlichen Instanz“ zu fragen, die entscheidet, was vernünftig ist bzw. den Unterschied von richtig und falsch erkennen lässt. Stattdessen muss …

… im Stirnerschen Sinne die Frage nach einer solchen externen Ratio verworfen werden, denn was kann anderes denn Meine Sache das Maß Meines Fortschrittsempfindens sein?

Und weiter:

Wie kann sich anders als im (kultivierten) Streit dieser Interessen ein neues Gleichgewicht herausbilden? Und ist nicht genau dies auch das Prinzip, nach dem Natur seit Jahrmillionen funktioniert?

Die Natur im kultivierten Streit egoistischer Interessen um neue Gleichgewichte? Gräbe sieht das seit Millionen von Jahren gegeben und die Natur dabei im kultivierten (sic!) Streit Allianzen eingehen, dabei Dynamiken entfachen, Rückkopplungen aller Art bewirken und so …

… entstand die heute zu beobachtende vielfältig stratifizierte, hochgradig granular aufgebaute Welt, die Welt der kulturell-gesellschaftlichen Institutionen der menschlichen Gemeinschaft eingeschlossen.

Bei Gräbes vermeintlich neuem Naturbegriff scheint es sich am Ende um eine modernisierte, d.h. um eine stärkere Berücksichtigung der Bedeutung von Allianzen erweiterte, Form einer alten Projektion zu handeln. Die paradiesische Unschuld  vorgaukelnde Vorstellung einer Allvernunft, die sich in wundersamer Weise als Ergebnis eines sich hinter den Rücken der Akteure vollziehenden Kampfes egoistischer Interessen einstellt, also der kapitalistischen Arbeitsteilung, findet so eine ihrer liberalen Unschuldsnatur gemäße Heiligung im „Begriff“ einer am Ende immer rationalen (Streit-) Natur.

Das zeigt einmal wieder die Fragwürdigkeit des Unterfangens, Begriffe wie „Natur“, „Vernunft“ oder „Fortschritt“ vom jeweiligen Sinnzusammenhang zu isolieren und als mit eigenem Geist beseelte Wesen zu heiligen – oder zu verteufeln.

Begriffe lieber entzaubern

a) Natur

Meines Erachtens würde es vollkommen reichen, NATUR ganz profan als das jeweils Eigene einer Entität und die außer- bzw. unmenschliche Natur als den Teil des Daseins zu sehen, der nicht der menschlichen Willkür unterworfen ist. Außerhalb des Menschen ist Natur danach definitiv unmenschlich. Erst in der menschlichen Natur (= Kultur) kann Naturalismus humanistisch (mitmenschlich) werden. Die mitmenschliche Natur aber entwickelt sich mit der Fähigkeit und Gelegenheit zur bewusst vorher bestimmten Herstellung eines gesellschaftlichen Nutzens (bzw. zur Korrektur von als unerwünscht bestimmten Ergebnissen und dazu führender Umstände).  So verstandene ARBEIT nutzt und entwickelt Spielräume der Gestaltung von Naturumwandlung also KULTUR d.h. Freiheit zur Kultivierung und damit der sukzessiven Emanzipation von den „Launen“ der außermenschlichen Natur.

Was im Übrigen auch für die Befreiung aus der Naturgewalt zu sagen wäre, als die uns die kapitalistische Formen menschlicher Zusammenarbeit entgegen tritt.  Zwar erwachsen die MATERIELLEN Bedingungen zur Überwindung des Unvermögens einer hinreichenden sozialen Steuerung des Produktionsgeschehens aus der Eigengesetzlichkeit der sich entwickelnden Naturgewalt Kapitalismus. Aber ohne eine zielbewusste Nutzung und Weiterentwicklung der sich dabei (auch) unwillkürlich ergebenen Spielräume, d.h. ohne gezielte Arbeit an der weiteren Mensch(heits)werdung, täte sich rein gar nichts, denn:

„Die kapitalistische Produktion entwickelt daher nur die Technik und Kombination des gesellschaftlichen Produktionsprozesses, indem sie zugleich die Springquellen allen Reichtums untergräbt: die Erde und den Arbeiter.

(MEW, 23,530)

Dass Emanzipationsbemühungen aus der Naturgewalt (einschließlich der des Kapitalismus) Dispositive herausbilden, die ohne entschiedenes Gegensteuern auf eine ideologischen Sanktionierung menschlichen Größenwahns hinauslaufen könnten (der dann selbst zur Naturgewalt würde) muss allerdings bedacht sein. Was sonst blühen kann haben der Deutsche Nazifaschismus und nicht zuletzt auch der Stalinismus eindrucksvoll gezeigt. Die Entwicklung der spezifisch menschlichen Natur erfordert immer auch eine intensive Arbeit an einer – ökologisch kompetenten – Kultur der Mitmenschlichkeit bzw. von Bedingungen der Möglichkeit, dies im öffentlichen Diskurs (mit-) bestimmen bzw. kontrollieren zu können. Die Art der Mitbestimmung und der Reichweite menschlicher Emanzipationsbemühungen (mittels Wissenschaft, sozialer Bewegung, Institutionalisierung usw.) müssen stimmen. Und es müssen philosophisch-normativ (etwa als öko-humanistisch) bestimmte Kriterien gefunden werden, die helfen, Ansätze zu (allzu) menschlichem Größenwahn zu erkennen und ihm rechtzeitig entgegen zu wirken.

In diesem Sinne eingesetzte Wissenschaft nimmt das gesamte Behauptungsgeschehen von Organismen, die leben wollen ins Visier um deren Wechselbeziehungen und die daraus erwachsenen evolutionären Prozesse oder die Anlagen dazu besser zu verstehen und zu erkennen, wie das gerade auch außerhalb der Menschenwelt Erstaunliches zuwege bringt.

„Schmeicheln wir uns indes nicht zu sehr mit unsern menschlichen Siegen über die Natur. Für jeden solchen Sieg rächt sie sich an uns.

Engels: Dialektik der Natur, MEW Bd. 20, S. 452

Das heißt aber umgekehrt keineswegs, dass sich das menschliche Füreinander jetzt und in aller Zukunft im Gottvertrauen auf  die evolutionäre Allvernunft des Behauptenmüssens egoistischer Kräfte entfalten sollte – nur hier und da durch Kooperationen als klügere Form des Interessenkampfes ergänzt. Dafür sind die menschlichen Produktivkräfte zu weit entwickelt. Einmal im Hinblick auf deren Destruktivvermögen, zum anderen aber auch auf deren mögliche Rolle bei der Erarbeitung ökologisch verantwortungsbewusster (öko-humanistischer) Formen der Nutzung menschlicher Gestaltungsfreiheit, d.h. bei der Schaffung neuer (öko-humanistischer bzw. öko-kommunistischer) Formen der Aufteilung von Arbeit, Genuss, Verantwortung, Sorge und Zweckbestimmungsvermögen, die ein hinreichend zweckgerichtetes Miteinander auf Weltebene erlauben.

b) Fortschritt

FORTSCHRITT ist erst einmal nichts anderes als die Veränderung eines Zustandes in eine irgendwie und von irgendwem gewünschte Richtung.  Der Gebrauchswert des Worts Fortschritt für die Identifizierung von Anhaltspunkten für den Stand der Entwicklung menschlicher Behauptungsbedingungen, die eine Verallgemeinerung öko-humanistischer Gestaltungsfreiheit und Mitverantwortung erlauben, lässt sich nicht durch die Behauptung (Kultivierung) eines bestimmten Fortschrittsbegriffs  erhöhen, um deren Anerkennung als quasi Natureigenschaft des Begriffs fortan zu streiten wäre. Weiter kommt man m.E. mit mit einem sich aus dem jeweiligen Kontext ergebenen ganz und gar profanen Gebrauch des Wortes im Hinblick auf bestimmte Ziele. Etwa im Hinblick auf durch Arbeitsersparnis frei gesetzte disponible Zeit für die kritische Begutachtung und am Ende Bewältigung der großen Menschheitsprobleme.

c) Vernunft/Rationalität

Über die VERNUNFT (= RATIONALITÄT) eines Fortschritts lässt sich sinnvoll nur streiten, in so weit sie (unter Einschluss der dafür genutzten Mittel) an nachvollziehbare Zwecke / Ziele gemessen werden kann, die im herrschaftsfreien Diskurs idealtypisch aller potenziell Beteiligten bzw. Betroffenen als vernünftig anerkannt werden könnte. Ich empfehle deshalb, die Begriffe „Vernunft“ bzw. „Rationalität“ von irgendwelchen geheimnisvollen Bedeutungsschwangerschaften möglichst zu befreien, d.h. die Begriffe zu entzaubern, ohne nun vom Heiligungs- in den Verteuflungsmodus zu wechseln.

Am besten wir gebrauchen diese Begriffe in einem ganz und gar profanen Sinne, nämlich als Synonym für Zweckdienlichkeit. Denn ist nicht alle Rationalität am Ende in irgend einer Weise Zweckrationalität? Sind etwa ethische Rationalität, die Verrücktheiten der Kunst oder frisch Verliebter am Ende zwecklos? Auch scheinbare Zweckfreiheit, Dinge, die sich einem rationalen Verständnis zunächst zu entziehen scheinen, sind in irgendwelcher Hinsicht für irgend wen oder was zweckdienlich, haben ihre eigene Rationalität.

Wenn die unsichtbaren Hand verbirgt, wo genau die Rationalität eines unerklärlich scheinenden Verbrechens oder deren Nichtwahrnehmung als ein solches zu suchen ist, heißt das nicht, dass sie unter allen Umständen unauffindbar wäre.

Und wenn heute der Gedanke an die tatsächliche Herstellung eines ökologisch vernünftigen Umgangs mit den gesellschaftlichen Produktivkräften (noch) oft als eine Verrücktheit erscheint und das vom kapitalistischen Alltag geprägte Reflexionsvermögen bei diesem Gedanken nicht mitspielen möchte,  so steckt diese „unvernünftige“  Bewusstseinsbockade der handelnden Personen und Institutionen mit Gewissheit in Rationalitätsbedingungen fest, für die Gefühle der Überforderung und Weigerung, sich des eigenen Verstandes zu bedienen, nicht mehr als vernünftig sind.

Warum es aber vernünftig sein soll, sich des Verstandes von Max Stirner zu bedienen, kann ich nicht nachvollziehen.

Hans-Gerd Gräbe schreibt:

„Es blieb dem „Präanarchisten“ Max Stirner vorbehalten, mit einem paternalistischen Staats- und letztlich Vernunftverständnis grundlegend aufzuräumen und dem Ruf nach Pflicht und Gehorsam sein ”Was soll nicht alles meine Sache sein! Vor allem die gute Sache, die Sache Gottes, die Sache der Menschheit, der Wahrheit, der Freiheit [. . . ] Nur Meine Sache soll niemals Meine Sache sein. ’Pfui über den Egoisten, der nur an sich denkt!’“ entgegenzuschmettern.“

Und weiter:

Marx’ Versuch der Auseinandersetzung mit einem derart radikalen Ansatz ist intensiv – „Sankt Max“ nimmt in (MEW 3) dreimal so viel Raum ein wie Feuerbach und ”Sankt Bruno“ zusammen –, fällt dennoch halbherzig aus und lässt ihn später (MEW 13, S. 10) mit Erleichterung feststellen, aus damaligen widrigen Umständen heraus die entsprechenden Überlegungen der nagenden Kritik der Mäuse überlassen zu haben, „als wir unsern Hauptzweck erreicht hatten – Selbstverständigung“.

Was ihn auf folgende Fragen bzw. in Fragen gekleidete Anti-Thesen bringt:

Kann aber ein anderes als dieses anarchistische Prinzip den Kern einer Assoziation bilden, worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist (MEW 4, S. 482)? Wieso reagierte der Sozialismus des 20. Jahrhunderts“ so allergisch auf dieses Gedankengut und kämpfte gegen die „Abweichler“ bis hin zum brutalen Einsatz bewaffneter Gewalt mit vielen Toten?

Wir werden später sehen, dass Gräbe in der Tat nahe legt, die Schuld in den „problematischen“ Prinzipen der Marxschen Feuerbachthesen zu suchen. Aber zunächst zu den ersten beiden Punkten.

Gräbes Rolle rückwärts mitten hinein in die Deutsche Ideologie zeigt sich bereits in der Vorstellung, dass ein sich über unwissende Massen erhaben dünkender Aufklärer imstande sein könnte, per Aufklärung bzw. Belehrung „mit einem paternalistischen Staats- und letztlich Vernunftverständnis grundlegend aufzuräumen“.   (Siehe dazu auch Marx FT 3 am Ende dieses Textes) Mit einem paternalistischen Staats- bzw. Vernunftverständnis grundlegend aufräumen lässt sich eben tatsächlich nur mit einer die wirklichen Grundlagen der paternalistischen Fürsorglichkeit erschütternden gesellschaftlichen Praxis. Und das ist nicht die Praxis einer massenhaften Ergriffenheit von dieser Theorie  (eine entsprechende Formulierung in der Einleitung seiner Kritik an der Hegelschen Rechtsphilosophie zeigt, dass auch der Marx des Jahres 1844 nicht ganz frei von solch idealistischen Flausen war). Benötigt wird die mittels zunehmender Selbsterfahrung im politischen Kampf um mehr Demokratie bzw. Partizipation, in einem Prozess des Sich-zu-Eigen-Machens gesellschaftlicher Ziele usw. Die gesellschaftliche Tiefe und Breite dieser Erfahrung (und deren Auswertung) hängt allerdings von den historischen Möglichkeiten ab, d.h. wesentlich vom Stand der Produktivkraftentwicklung. Sie bauen notwendig auf das auf, was  bisher an Möglichkeiten des Eingreifens entwickelt werden konnte.

Gräbes Spekulation, dass Marx im reiferen Alter wohl die Position Stirners übernommen und DESHALB, seinen Frieden damit gemacht habe, dass das Manuskript der Deutschen Ideologie mitsamt den Thesen zu Feuerbach zu seinen Lebzeiten nicht zur Veröffentlichung kam, ist schon recht kühn und deren Rationalität in meinen Agen unauffindbar. Zumal er nicht ein Wörtchen der umfangreichen Kritik von Marx  an Stirner zitiert, das einem die Plausibilität dieser Spekulation näher bringen könnte.

Gucken wir uns an, wie Marx M.Stirners „radikalen Ansatz des grundlegenden Aufräumens mit einem paternalistischen Staats- und letztlich Vernunftverständnis“ kommentiert:

MEW 03: Die Deutsche Ideologie (Marx/Engels)

III Sankt Max S. 101 ff

Und er [Max Stirner bzw. Sankt Max] jammert herzzerreißend weiter, daß „Alles seine Sache sein soll“, daß man ihm „die Sache Gottes, die Sache der Menschheit, der Wahrheit, Freiheit, ferner die Sache Seines Volkes, Seines Fürsten“ und tausend andre gute Sachen aufbürdet. Der arme Mann! (…) Er untersucht die „Sache Gottes“, die „Sache der Menschheit“, p. 6 und 7, und findet, daß dies „rein egoistische Sachen“ sind, daß sowohl „Gott“ wie „die Menschheit“ sich nur um das Ihrige bekümmern, daß es „der Wahrheit, der Freiheit, der Humanität, der Gerechtigkeit“ „nur um sich, nicht um Uns, nur um Ihr Wohl, nicht um das Unsere zu tun ist“ – woraus er den Schluß zieht, daß sich alle diese Personen „ausnehmend gut dabei stehen“.

Er geht so weit, diese idealistischen Phrasen, Gott, Wahrheit usw., in wohlhabende Bürger zu verwandeln, die „sich ausnehmend gut stehen“ und eines „einträglichen Egoismus“ erfreuen. Das aber wurmt den heiligen Egoisten: „Und Ich?“ ruft er aus.“Ich Meinesteils nehme Mir eine Lehre daran und will, statt jenen großen Egoisten zu dienen, lieber selber der Egoist sein!“ Hätte Sankt Max sich die verschiedenen „Sachen“ und „Eigner“ dieser Sachen, z.B. Gott, Menschheit, Wahrheit etwas näher betrachtet, so wäre er zu dem entgegengesetzten Schluß gekommen, daß ein auf die egoistische Handlungsweise dieser Personen basierter Egoismus ebenso eingebildet sein müsse wie diese Personen selbst.

Statt dessen entschließt sich unser Heiliger, „Gott“ und „der Wahrheit“ Konkurrenz zu machen und seine Sache auf Sich zu stellen -„auf Mich, der Ich so gut wie Gott das Nichts von allem Andern, der Ich Mein Alles, der Ich der Einzige bin. – – Ich bin Nichts im Sinne der Leerheit, sondern das schöpferische Nichts, das Nichts, aus welchem ich selbst als Schöpfer Alles schaffe.“

Was wäre dem noch hinzuzufügen? Dass der grundlegende Aufräumer M.S. nicht nur nicht erkennt, dass er nur gegen bigotte Phrasen kämpft statt gegen die (einander „entfremdenden“) Verhältnisse, die sie notwendig hervorbringen? Dass er sein eigenes Gefühl der Fremdheit gegenüber in Fetischbegriffen ausgedrückten Idealen nicht anders zu deuten vermag, als dass sie seinen höchtpersönlichen Freiheitsdrang unterdrücken sollen? Letzteres lässt sich mit einigem guten Willen als ein unbeholfener Aufstand gegen die Zumutung abstrakter, nicht wirklich nachvollziehbarer, evt. also fremder Zwecke dienender Anstandsregeln interpretieren, wie sie Herbert Marcuse in seiner lesenswerten Verteidigung des Hedonismus beschreibt. Den Marcuse allerdings in einem rationalen Miteinander aufgehoben sehen möchte, in dem die Ansprüche an die Beteiligten in Bezug auf tatsächlich nachvollziehbare Ziele formuliert werden, die gemeinsame Ziele sind, weil sie auf wirkliche Übereinkommen der Beteiligten/Betroffenen beruhen. Davon ist bei Stirner nicht die Rede und auch nicht – wie bei Marx – davon, dass…

„… das religiöse Elend [man könnte ergänzen: und das Elend der Stirner pisakenden ethischen Werte, anm hhh] ist in einem der Ausdruck des wirklichen Elendes und in einem die Protestation gegen das wirkliche Elend. Die Religion ist [die ethischen Werte sind] der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist [sind].

Karl Marx. Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung, MEW 1, 378

Oder kömmt es vielmehr darauf an, Marx These anders zu interpretieren?

Die Aussage der 11. Feuerbachthese ist unter Einschluss der in ihr enthaltenen Zweideutigkeit (verändert gehören die Welt und damit  auch die Philsophen) eindeutig. Damit die Gesellschaft sich von problematischen Deutungen des Weltgeschehens lösen kann, müssen die gesellschaftlichen Grundlagen des Bedenkens (sowohl des Bedenkenkönnens als auch die des Bedenkenmüssens) entsprechend geändert werden, also die problematischen Behauptungsbedingungen und damit zugleich auch die Deuter und Bedenker selbst. (Das geht bei dem später von Engels eingeschobenen „aber“ leider verloren).

Fortschritte in eine solche Richtung wären nicht zuletzt daran zu erkennen, inwieweit die Deuter und Bedenker das erkennen und von ihnen herausgearbeitete Einzelheiten von denen genutzt werden (können), die sich an die Veränderungsarbeit (die an der Selbstveränderung eingeschlossen) machen.  Die Philosophen müssen es dabei keineswegs aufgeben, geistreich oder auch eigenwillig geistreich zu sein.

H-G Gräbe deutet alles ganz anders. Vielleicht vom Bedürfnis getrieben,  den im so genannten „Realsozialismus“ verfolgten Anarchisten späte Gerechtigkeit wiederfahren zu lassen oder sich von einem einstmals marxistischen Gewissen zu befreien (ich kann da nur wild spekulieren) begibt er sich auf die Suche nach ihm problematisch erscheinenden Marx-Ideen, die ihm eine Erklärung sowohl für die stalinistischen Gräueltaten wie für von ihm diagnostizierte philosophische Mängel in der Linken (wie etwa latente Wissenschaftsfeindlichkeit) liefern könnten.  Sich am Wort „Welt“ störend, weil die bunte Wirklichkeit damit unzulänglich definiert sei (!), kommt Gräbe zu folgendem Ergebnis:

Allerdings ”kömmt“ es im Spannungsfeld von Denken und Handeln (…) auch darauf an, ”die Welt verschieden zu interpretieren“, denn erst daraus schöpft die Kraft der Gedanken ihre Bilder der Multioptionalität von Zukunft und damit eine angemessene Prognosefähigkeit, die mit der realen Multioptionalität der „globalsingularen“ Zukunft praktisch umzugehen weiß.

So vermischt Gräbe Marx radikale Frage- bzw. Aufgabenstellung (die nach der Herstellung neuer weltlicher Grundlagen des Deutens und Bedenkens) mit den dabei  zu bedenkenden Einzelheiten.  Auch die sind selbstredend wichtig, aber Gräbe verwechselt geistige Mittel und gesellschaftlichen Zweck, was die marxschen Perspektive entsprechend verflacht.  Das um so mehr als er die eigene – fragwürdige – Behauptung als gefundene Tatsache ausgibt und so tut, als ob „damit“ logisch erscheinende Schlüsse gezogen werden können.

Damit entpuppt sich aber der unfertige Gedanke einer ”globalsingularen Welt“ als Phantom eines deterministischen Geschichtsverständnisses, das auch dem ”vom Kopf auf die Füße gestellten Hegel“ Marxscher Lesart noch anhaftet wie Eierschalen einem frisch geschlüpften Küken.

Welch eine grandiose Missdeutung! Marx Verwandlung des zu sich selbst kommenden Weltgeistes Hegels (seiner über den Wassern schwebende Vernunft an und für sich) in die Vorstellung einer sich per Produktivkraftentwicklung dialektisch vorwärts bewegenden Weltgeschichte verschiedener Produktionsordnungen, die sich über die Negation eines regionalen Urkommunismus (eines lokalen Commoning) durch die Entstehung von Produktionsordnungen auf der Grundlage von Klassenherrschaft (und entsprechenden Rationalitätsbedingungen) weiterentwickeln, und seine Erwartung, dass die Klassengesellschaft,  nachdem sie verschiedene geschichtliche Formen bzw. Stufen durchlaufen hat, selbst negiert werden würde (Negation der Negation) durch eine sich weltkommunistisch organisierende Menschheit, ist gewiss ständig in Gefahr, deterministisch und in so fern antihumanistisch-naturalistisch interpretiert zu werden!

Marx selbst, der sich wie kein anderer um die Entwicklung (und ständigen Weiterentwicklung) einer streng wissenschaftlichen Behandlung dieser Frage verdient gemacht hat, war dieser Versuchung, wie könnte es anders sein, auch tatsächlich hin und wieder erlegen (etwa bei Anklängen einer Verelendungstheorie, die allerdings auch historisch nachvollziehbar waren und der auch gegenteilige Aussagen gegenüberstehen). Auf den Unfug, dies aus dem Gebrauch des „globalsingularen“ Wortes „Welt“ in einer These (!) abzuleiten muss man aber erst kommen.  Einmal auf der Welt entwickelt Gräbes einzigartige Theorie aber ein beachtliches Eigenleben bzw. – nach Stirner –  einen beachtlichen Egoismus.

Für Gräbe verstärkt sich dieser angebliche (in Wirklichkeit nur eingebildete) Determinismus der 11. Feuerbachthese …

… noch einmal im Traditionsmarxismus des 20. Jahrhunderts mit dessen Gewissheiten über ”gesetzmäßige gesellschaftliche Entwicklungen“aus denen sich die ”führende Rolle der Arbeiterklasse“ ableitet und vor allem mit der ”Diktatur des Proletariats“ das Recht auf Anwendung von Gewalt gegen ”anders Denkende“.

Was die Gemeinheiten des so genannten „Realsozialismus“ nur reproduziert. Denn deren per Stasi, Dauerpropaganda und Kriminalisierung der Verbreitung unbequemer Meinungen oder Informationen durchgedrückte Avantgarde-Anmaßungen schlossen auch die Anmaßung einer  alleinigen Interpretationsgewalt dessen ein, was als marxistisch zu gelten habe.  Die Bezeichnung „Traditionsmarxismus“ für dies Art Legitimationsideologie ist ein Euphemismus und kommt einer Beleidigung weil ideelle Zwangsvergemeinschaftung all der Tranditionsmarxist/inn/en gleich, die der so genannte Realsozialismus wegzubeißen trachtete.

Und Schuld daran ist also Marx 11. Feuerbachthese. Denn die liegt nach Gräbes Ansicht  …

„… in der Nähe eines Weltverständnisses, das die Formbarkeit ”der Welt“ unter der Kraft der Gedanken wie die eines Tonklumpens zu nützlichen Gefäßen voraussetzt.

Womit Gräbe das Kunststück gelungen ist, seinen Standpunkt dadurch zu finden, dass er Marx These auf den eigenen  Kopf stehend betrachtet (bzw. den von Max Stirner) um aus einem so gewonnenen neuen Naturverständnis heraus gegen Marx „verkehrtes Weltbild“ zu polemisieren.

Gräbe übersieht hier offenbar die Funktion des realsozialistischen Geschichtsdeterminismus als feudalismusanaloges Rechtfertigungsmuster (nicht ohne Zufall verwandt mit dem Gottesgnadentum feudalistischer Potentaten)  infolge eines fragwürdigen Primats des Machterhalts, das der Natur der tatsächlichen gesellschaftlichen Verhältnisse entsprang.

Marx orientierte nicht auf menschliche Omnipotenz sondern hielt es lediglich für möglich, dass sich zu gegebener Zeit Produktionsverhältnisse herstellen ließen, die einer vereinigten Menschheit erlaubte, ihre Produktionszwecke, -mittel, orte, deren Umweltwirkungen usw. auf (welt-)gemeinschaftlich bestimmte Ziele hin ausrichten WEIL die Einzelnen dabei aktiv mitmischen und die gesellschaftlichen Ziele und das dafür zu Tuende somit wirklich zu ihrer eigenen Angelegenheit machen können.

Solch kommunistischen Flausen erscheinen in Gräbes Naturverständnis offenbar als widernatürlich.

Die latente Wissenschaftsfeindlichkeit der Linken hat zu einem guten Teil ihren Bezug und vielleicht auch ihren Ursprung (…) gerade auch in der 11. Feuerbachthese.

Schon erstaulich, auf welche Ideen einem eine neue Naturanschauung so bringen kann. In Wirklichkeit markierte Marx Kritik der Deutschen Ideologie , deren Quintessenz die Erkenntnis der Notwendigkeit ist, die weltlichen Grundlagen problematscher Vorstellungen zu verändern, einen großen Schub in Richtung Wissenschaftlichkeit bei der Herausarbeitung der inneren Bedingungen der Entwicklung kapitalistischer Gesellschaftsformationen, die innerhalb des Realsozialismus so eben gerade NICHT fortgesetzt werden konnte.

Die nachgeordnete Bedeutung von Wissenschaft gegenüber dem Primat der Veräanderung der Welt – die Instrumentalisierung der Philosophen für diese Veränderung –, die diese These impliziert, führt zu einem instrumentellen Verhältnis zur Wissenschaft insgesamt, das zweckgerichteten Wissensformen – der Verfeinerung von Bildern, deren grobe Umrisse bereits bekannt sind – eine überhöhte Bedeutung beimisst.

Während Marx seine und die Perspektive der Philosophie insgesamt als Verwandlung der idealistischen „Phrasen über das Bewusstsein in wirkliches Wissen“ beschreibt und erkennt, dass dies gesellschaftliche Verhältnisse voraussetzt, die ein hinreichend umweltbewusstes Miteinandersein ermöglichen bzw. verlangen, behauptet der auf Stirners Ego-Füßen kopfstehende H-G G eine längst bestehende Identität von Philsosophie und Wissenschaft. Und er sieht nicht deren jeweiliges Eingebettetsein in die Reproduktionsbeziehungen der privateigentümlichen Plusmacherei als den veränderungswürdigen Fakt. Stattdessen unterstellt er Marx mit dessen 11. Feuerbachthese eine Instrumentalisierung der heiligen Philosophie für (unnatürliche?) kommunistische Flausen und eine Überhöhung „zweckgerichteter Wissensformen“ determiniert zu haben.  Damit aber ist gerade ein wissenschaftliches Verständnis von Rationaliät negiert, das Aussagen über einen angeblichen Rationaitätsgehalt daran misst, wie weit das bestimmte Zwecken dienlich ist. Und dies kommt gerade einem mystisfizierenden Verständnis von Rationaliät und Wissenschaftlichkeit entgegen. Gräbe sieht denn auch konsequenterweise die

… Instrumentalisierung der Kraft der Gedanken für das Gute, das Wahre, die Mission

… als Grundlage des realsozialistischen Übels, also gerade das, worin Marx die menschliche Natur am Wirken sah, nämlich die sich mit der Arbeit entwickelnde Kunst der gezielielten, bereits im Kopfe vorgebauten Herstellung eines gesellschaftlichen Nutzens.

Die Arbeit ist zunächst ein Prozeß zwischen Mensch und Natur, ein Prozeß, worin der Mensch seinen Stoffwechsel mit der Natur durch seine eigne Tat vermittelt, regelt und kontrolliert. Er tritt dem Naturstoff selbst als eine Naturmacht gegenüber. Die seiner Leiblichkeit angehörigen Naturkräfte, Arme und Beine, Kopf und Hand, setzt er in Bewegung, um sich den Naturstoff in einer für sein eignes Leben brauchbaren Form anzueignen.

Indem er durch diese Bewegung auf die Natur außer ihm wirkt und sie verändert, verändert er zugleich seine eigne Natur. Er entwickelt die in ihr schlummernden Potenzen und unterwirft das Spiel ihrer Kräfte seiner eignen Botmäßigkeit.

Wir haben es hier nicht mit den ersten tierartig instinktmäßigen Formen der Arbeit zu tun. Dem Zustand, worin der Arbeiter als Verkäufer seiner eignen Arbeitskraft auf dem Warenmarkt auftritt, ist in urzeitlichen Hintergrund der Zustand entrückt, worin die menschliche Arbeit ihre erste instinktartige Form noch nicht abgestreift hatte. Wir unterstellen die Arbeit in einer Form, worin sie dem Menschen ausschließlich angehört.

Eine Spinne verrichtet Operationen, die denen des Webers ähneln, und eine Biene beschämt durch den Bau ihrer Wachszellen manchen menschlichen Baumeister. Was aber von vornherein den schlechtesten Baumeister vor der besten Biene auszeichnet, ist, daß er die Zelle in seinem Kopf gebaut hat, bevor er sie in Wachs baut.

Am Ende des Arbeitsprozesses kommt ein Resultat heraus, das beim Beginn desselben schon in der Vorstellung des Arbeiters, also schon ideell vorhanden war. Nicht daß er nur eine Formveränderung des Natürlichen bewirkt; er verwirklicht im Natürlichen zugleich seinen Zweck, den er weiß, der die Art und Weise seines Tuns als Gesetz bestimmt und dem er seine Willen unterordnen muß.

Und diese Unterordnung ist kein vereinzelter Akt. Außer der Anstrengung der Organe, die arbeiten, ist der zweckmäßige Wille, der sich als Aufmerksamkeit äußert, für die ganze Dauer der Arbeit erheischt, und um so mehr, je weniger sie durch den eignen Inhalt und die Art und Weise ihrer Ausführung den Arbeiter mit sich fortreißt, je weniger er sie daher als Spiel seiner eignen körperlichen und geistigen Kräfte genießt.

Karl Marx, das Kapital MEW, S. 192

Gräbe, der im

 ”Sozialismus im 20. Jahrhundert“ (…) mit der These von der führenden Rolle der Arbeiterklasse und deren praktischer Realisierung als „Partokratie“

eine „spezifische Form der Verstandes-Herrschaft erprobt“ sieht, hält den realsozialistischen Irrsinn offenbar für eine Strafe Gottes für Marx (und Engels) „Anmaßung“, die Erkenntnis des Guten und Bösen (bzw. der in der Zukunft zu erwartenen Früchte des Tuns), für das wesentliche Merkmal menschlicher Emanzipation (nicht nur der Philosophen) zu halten. Was hindert ihn daran, Verstand als Voraussetzung wie Ergebnis wirklicher Verständigung zu sehen, als sachverständige Verständigung. Und deren Herrschaft gerade in ökologischer Hinsicht als gemeinsame Selbstbeherrschung.

Was ist schlecht daran, in eine solche Richtung fortzuschreiten?

hhh

Siehe auch: https://oekohumanismus.wordpress.com/inhalt/fetischbegriff-bedarf/kapital-schafft-wissen-schaft-kapital-schafft/

Und: https://oekohumanismus.wordpress.com/2013/05/13/es-kommt-darauf-an/

Karl Marx

Thesen über Feuerbach 

Dies ist der ursprüngliche 1845 von Marx geschriebene (Text Marx-Engels Werke, Band 3)

  1. Der Hauptmangel alles bisherigen Materialismus (den Feuerbachschen mit eingerechnet)  ist, daß der Gegenstand, die Wirklichkeit, Sinnlichkeit, nur unter der Form des Objekts oder der Anschauung gefaßt wird; nicht aber als sinnlich menschliche Tätigkeit, Praxis; nicht subjektiv. Daher die tätige Seite abstrakt im Gegensatz zu dem Materialismus vom dem Idealismus – der natürlich die wirkliche, sinnliche Tätigkeit als solche nicht kennt – entwickelt. Feuerbach will sinnliche –  von den Gedankenobjekten wirklich unterschiedne Objekte: aber er faßt die menschliche Tätigkeit selbst nicht als gegenständliche Tätigkeit. Er betrachtet daher im „Wesen des Christenthums“ nur das theoretische Verhalten als das echt menschliche, während die Praxis nur in ihrer schmutzig-jüdischen Erscheinungsform gefaßt und fixiert wird. Er begreift daher nicht die Bedeutung der „revolutionären“, der „praktisch-kritischen“ Tätigkeit.
  2. Die Frage, ob dem menschlichen Denken gegenständliche Wahrheit zukomme – ist keine Frage der Theorie, sondern eine praktische Frage. In der Praxis muß der Mensch die Wahrheit, i.e. die Wirklichkeit und Macht, Diesseitigkeit seines Denkens beweisen. Der Streit über die Wirklichkeit oder Nichtwirklichkeit des Denkens –  das von der Praxis isoliert ist – ist eine rein scholastische Frage.
  3. Die materialistische Lehre von der Veränderung der Umstände und der Erziehung vergißt, daß die Umstände von den Menschen verändert und der Erzieher selbst erzogen werden muß. Sie muß daher die Gesellschaft in zwei Teile – von denen der eine über ihr erhaben ist – sondieren.
  4. Das Zusammenfallen des Ändern[s] der Umstände und der menschlichen Tätigkeit oder Selbstveränderung kann nur als revolutionäre Praxis gefaßt und rationell verstanden werden.
  5. Feuerbach geht aus von dem Faktum der religiösen Selbstentfremdung, der Verdopplung der Welt in eine religiöse und eine weltliche Welt. Seine Arbeit besteht darin, die religiöse Welt in ihre weltliche Grundlage aufzulösen. Aber daß die weltliche Grundlage sich von sich selbst abhebt und sich ein selbständiges Reich in den Wolken fixiert, ist nur aus der Selbstzerrissenheit und Sichselbstwidersprechen dieser weltlichen Grundlage zu erklären. Diese selbst muß also in isch selbst sowohl in ihrem Widerspruch verstanden als praktisch revolutioniert werden. Also nachdem z.B. die irdische Familie als das Geheimnis der heiligen Familie entdeckt ist, muß nun erstere selbst theoretisch und praktisch vernichtet werden.
  6. Feuerbach, mit dem abstrakten Denken nicht zufrieden, will die Anschauung; aber er faßt die Sinnlichkeit nicht als praktische menschlich-sinnliche Tätigkeit. Feuerbach löst das religiöse Wesen in das menschliche Wesen auf. Aber das menschliche Wesen ist kein dem einzelnen Individuum inwohnendes Abstraktum. In seiner Wirklichkeit ist es das ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse. Feuerbach, der auf die Kritik dieses wirklichen Wesens nicht eingeht, ist daher gezwungen:
    1. von dem geschichtlichen Verlauf zu abstrahieren und das religiöse Gemüt für sich zu fixieren, und ein abstrakt – isoliert – menschliches Individuum vorauszusetzen;
    2. Das Wesen kann daher nur als „Gattung“, als innere, stumme, die vielen Individuen natürlich verbindende Allgemeinheit gefaßt werden.
  7. Feuerbach sieht daher nicht, daß das „religiöse Gemüt“ selbst ein gesellschaftliches Produkt ist und daß das abstrakte Individuum, das er analysiert, in Wirklichkeit einer bestimmten Gesellschaftsform angehört.
  8. Alles gesellschaftliche Leben ist wesentlich praktisch. Alle Mysterien, welche die Theorie zum Mystizism[us] veranlassen, finden ihre rationelle Lösung in der menschlichen Praxis und im Begreifen dieser Praxis.
  9. Das Höchste, wozu der anschauende Materialismus kommt, d.h. der Materialismus, der die Sinnlichkeit nicht als praktische Tätigkeit begreift, ist die Anschauung der einzelnen Individuen und der bürgerlichen Gesellschaft.
  10. Der Standpunkt des alten Materialismus ist die bürgerliche Gesellschaft; der Standpunkt des neuen die menschliche Gesellschaft, oder die gesellschaftliche Menschheit.
  11. Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert; es kömmt drauf an, sie zu verändern.

Geschrieben im Frühjahr 1845.
Nach der Veröffentlichung des
Marx-Engels-Lenin-Instituts,
Moskau, 1932.

Der von Engels als Anhang zu „Ludwig Feuerbach und der Ausgang der deutschen Philosophie“ publizierte Fassung

12 Responses to Wie der Wortschritt einmal über die 11. Feuerbachthese stolperte und danach meinte, sie sei hinfällig

  1. hhirschel sagt:

    Habe eben einige kleinere Korrekturen und Ergänzungen angebracht, was auch für die nächsten Tage nicht ausgeschlossen ist.

  2. Lieber Herr Hirschelmann,

    eine ausführliche Argumentation, auf die ich nicht zwischen Tür und Angel eingehen werde, so dass ich um 2..3 Monate Geduld bitte. Zwei ganz große Missverständnisse, die ich beim flüchtigen Lesen bemerkte:

    1) „Wie geht Fortschritt?“ ist nicht ohne den Kontext zu verstehen, in dem der Text steht und entstanden ist, denn er ist Antwort auf aus meiner Sicht einseitige Argumentationen und deshalb selbst notwendigerweise einseitig. Er ist seit 2009 dreimal umgeschrieben worden als Bezug auf drei Debatten, wie auf meiner Texteseite http://hg-graebe.de/EigeneTexte zu sehen. Dort auch knappe Links auf die jeweiligen Debatten.

    2) Die Überlegung „neue Naturphilosophie“ ist _nach_ der Drucklegung hinzugekommen (Wahsners Texte), ich argumentiere also rezent, dass man beides zusammendenken müsse. Diese Arbeit steht noch bevor.

    Wir werden das Ganze im April in Dahlen verhandeln, siehe http://www.dorfwiki.org/wiki.cgi?HansGertGraebe/RohrbacherKreis/Dahlen-13, und auch auf der Mailingliste des Rohrbacher Kreises. Wenn Sie Zeit und Lust haben, auch auf ein Wochenende im Grünen, dann kommen Sie doch mit hinzu.

    Mit freundlichen Grüßen,
    Hans-Gert Gräbe

  3. hhirschel sagt:

    Danke für die Hinweise (werds lesen). Auch für die freundliche Einladung nach Dahlen. „Wochenende im Grünen“ hört sich ja gut an. Derweil werde ich mir noch einmal Engels späteren Text über Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie vornehmen.

    Vorbemerkung
    I
    II
    III
    IV

    Gruß hhh

  4. graebe sagt:

    Noch dies: Axel Popp (Potsdam) hatte vor einiger Zeit mein „Wie geht Fortschritt?“ ebenfalls ziemlich umfangreich auseinandergenommen, siehe https://groups.google.com/forum/?fromgroups=#!topic/rohrbacher-kreis/PyC9G2AEYuo

    hgg

  5. hhirschel sagt:

    Das Lesen ist durch die fehlende Darstellung der deutschen Sonderzeichen leider erschwert. Ich greife mal einen Satz heraus, den ich im Prinzip zustimmen würde, hätte das Wörtchen NUR hier nicht den falschen Eindruck der Zeitlosigkeit eines Gegensatzes zwischen „meiner“ und „unsere“ Sache nur umgedreht und damit erneuert.

    Letztlich erfordert jede Technologie eine Arbeits – und eine Betriebsorganisation zum Erreichen eines gemeinsamen Ziels der Produktion, da kann es nicht mehr “ Meine Sache „, sondern nur noch unsere Sache geben ! Die “ Kunst “ liegt in einer Motivation ohne verdecktem Herrschaftsanspruch, die etwas anders ist als ein plattes “ WIR – Gefï¿œhl „, wohl aber viel mehr mit Mitbestimmung zu tun hat.

    Nehem wir die Perspektive eines globalen Nachhaltigkeitsmanagements, das kann nur UNSERE Sachen werden insoweit das hinreichend viele Menschen (und deren Institutionen) zu IHRER (also aus deren Sicht jeweils MEINER) höchstpersönlich eigenen Angelegenheit machen – wollen und können.

  6. graebe sagt:

    „Das Lesen ist durch die fehlende Darstellung der deutschen Sonderzeichen leider erschwert.“ Ja, diese unperfekte Technik. Können Sie mir mal eine kurze Mail an graebe@informatik.uni-leipzig.de schicken für weitere PM?

  7. hhirschel sagt:

    Einem besseren Verständnis wegen habe ich heute einige Passagen leicht überarbeitet.

  8. Am besten wir gebrauchen diese Begriffe in einem ganz und gar profanen, also ökologisch-naturalen Sinne, nämlich als Synonym für Zweckdienlichkeit.

    Der Eintrag war in letzter Zeit öfter mal angesehen worden. So etwas ist ja immer ein guter Anlass, die eigenen ollen Kamellen noch einmal kritisch zu beäugen.Dabei bin ich nun auf diesen Satz gestolpert. Mit „in einem ökologisch-naturalen Sinne“ meinte ich, die tatsächliche Bedeutung des realen Soffwechsels hinsichtlich bestimmter Zwecke. Natürlich sind weder das Bedeuten noch das Zwecksetzen einfach „ökologisch-natural“ sondern eine kulturelle Leistung, wenn auch unter bestimmten – materiellen – Bedingungen. Werde das mal streichen. Es genügt zu sagen, dass Rationilätät sich ganz profan an messbarer oder anders plausibel gemachter Zweckdienlichkeit hinsichtlich bestimmter Zwecke zeigt.

  9. graebe sagt:

    Lieber Herr Hirschelmann,

    wie es mit den Versprechen „eine ausführliche Argumentation, auf die ich nicht zwischen Tür und Angel eingehen werde, so dass ich um 2..3 Monate Geduld bitte“ so ist – ich habe mehrfach angesetzt, aber dann doch nicht die Zeit gefunden, meine eigenen Gedanken zum Thema in die nötige Ordnung zu bringen. Der Lauf der Zeiten ist heuer ein gar zu schneller, wo (wenigstens mir) für derartige Muße zu wenig Zeit bleibt.

    Dennoch: Wir haben gerade im letzten Jahr in meinem „Interdisziplinären Lehrangebot“ http://bis.informatik.uni-leipzig.de/de/Lehre/Graebe/Inter ein paar spannende Facetten der Thematik erschlossen, die meinen etwas unbeholfenen Rekurs auf Stirner durchaus relativieren – indem wir uns um eine Unterscheidung von „Wirklichkeit“ und „Realität“ bemüht haben, in der „Wirklichkeit“ eng an „Wirklichkeitskonstruktion“ etwa nach Meads gebunden wird und so das (scheinbar) hochgradig subjektive Moment der unser Handeln „lenkenden“ Vorstellungen von Welt (was in diesem Kontext nur als Vorstellung von „Wirklichkeit“ gefasst werden kann) sprechbar wird. Siehe http://www.dorfwiki.org/wiki.cgi?HansGertGraebe/SeminarWissen/SS14 und insbesondere http://www.dorfwiki.org/wiki.cgi?HansGertGraebe/SeminarWissen/2014-06-03

    Beschreibungsformen, die wir heute sogar schon mit dem Computer bewegen, aber eine derart „verdinglichte“ Form ist weder neu noch spektakulär, denn sie begleitet uns, so lange uns techné begleitet. Für einen Informatiker wie mich, der an dieser ideologisch hoch aufgeladenen Front („Internet der Dinge“ und weitere „spannende“ Begriffsbildungen) praktisch unterwegs ist, dennoch ein zentraler Reflexionspunkt.

  10. graebe sagt:

    Ach ja, ganz vergessen:

    Jürgen Stahl: Konstruktion – Antizipation und gestaltende Fähigkeit des Subjekts

    http://www.leibniz-institut.de/archiv/2014-07-31.pdf

  11. Danke für die Hinweise. Werde mir das ansehen

  12. Einige kleinere Korrekturen und Ergänzungen vorgenommen

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