Über den sehr unterschiedlichen Gebrauchswert des Gebrauchswerts und der Gebrauchswerte (2/3)

Teil III

Im ersten Teil meiner Auseinandersetzung mit Franz Schandels Beitrag zum Streifzüge-Schwerkunft „Gebrauchswerte“ das unschuldige Ding entdeckten wir unter anderem Schandls Verwechsung von Kategorie und Wirklichkeit, und sahen Anzeichen einer Moralisierung von Begriffen der Wahrnehmung wie es auch im Folgenden recht klar zum Ausdruck kommt.

Der Gebrauchswert ist nicht das unschuldige Ding, das da vom Tauschwert befallen wird.

Das hat wirklich niemand behauptet und das ist auch mit Marx Bemerkung nicht gesagt, dass es immer Gebrauchswerte geben wird und zwar ganz unabhängig von deren konkrete Gestalt, gesellschaftliche Funktion oder moralische Korrektheit. Natürlich können auch kommunistisch bestimmte Gerauchswerte kein „unschuldig Ding“ sein weil es Bedürfnisse eben nicht sind.

Nur gemeinsam konstituieren sie die Ware. Den ledigen Gebrauchswert, den gibt es nicht, selbst wenn es Gebrauchswerte gibt, die, weil sie unmittelbar verzehrt und vernutzt werden, niemals in die Zirkulation gelangen. Der reine Gebrauchswert ist ein reines Gedankenkonstrukt, nicht mehr.

Ja, der Gebrauchswert als solcher ist eine Abstraktion, eine kategoriale Bestimmung, also eine gedankliche Leistung, ebenso wie die Beschreibung konkreter Daseinsformen von Bedürfnissen nach Aneignung konkret dieser oder jener Gegenstände, Handlungen bzw. Wirkungen. Auch diese ist keineswegs mit dem Beschriebenen identisch. Beide Weisen der gedanklichen Konstruktion, die kategoriale und die die Wirklichkeit beschreibene sind gleichermaßen Mittel der Erfassung von Realität bzw.  der Erkenntnisgewinnung. Sie sind dennoch verschieden und sollten nicht verwechselt werden.

Die Ware hat einen Gebrauchswert, aber die Ware ist nicht ein Gebrauchswert.

Waren sind Gebrauchswertträger, die gekauft werden müssen um über deren Potenzial verfügen zu können.

Die Ware ist Synthese, nicht Symbiose. Beide Aspekte gehören zu einem konkreten Ganzen, sind nicht Teile einer Zusammenfügung.

So wie man zu einem Apfel in der Hand nichts hinzu fügt, wenn man ihn Obst nennt und erkennt, dass es auch Obst gibt, das kein Apfel ist.

Eigenschaft und Bestandteil, Charakter und Komponente sind zu unterscheiden, können aber nicht geschieden werden.

Solange wir Waren betrachten. Waren existiert nur als Einheit von (sozialem) Gebrauchswert und (ökonomischem) Tauschwert. Nach dem Kauf wird deren Gebrauchswert vom Tauschwert getrennt, ist aber nur deshalb selbstständig, weil er nicht mehr Gebrauchswert einer Ware ist.

Schon gar nicht können Tauschwert und Gebrauchswert schlicht nach Form und Inhalt getrennt werden.

Wie bitte?

Die Bestimmungen sind um vieles komplexer.

?

Die Ware verkörpert die organische Synthese von Gebrauchswert und Tauschwert,

Diese Ansicht ist natürlich Ausdruck des von Marx beschriebenen Fetischcharakters der Ware.

Die bürgerliche Produktion hat Charakter, nicht Doppelcharakter. Sie produziert nicht Gebrauchswerte und Tauschwerte, sie produziert Waren, die in der Doppelform von Gebrauchswerten und Tauschwerten auftreten.

Tatsächlich hat die bürgerliche Produktion Doppelcharakter. Den sah Marx (und sah Freund Engels) im Widerspruch zwischen einerseits dem gesellschaftlichen (letztlich auch weltgesellschaftlichen) Charakter des kapitalistischen Produzierens (es ist Produktion für andere, d.h. für die Konsumbedürfnisse anderer) und andererseits den privaten (und in so fern von sozialer bzw. ökologischer Verantwortung / Vernunft befreiten) Formen, in denen die Ergebnisse der Produktion (nicht nur Lebensmittel, und Mittel des Luxuskonsums sondern auch als Bereicherungsvermögen dienende Tauschwertträger) angeeignet werden. Notwendigkeit, Möglichkeit und Charakter eines Übergangs zur Vergesellschaftung auf Basis (öko-) kommunistisch bestimmter Produktion und Aneignung ergeben sich aus historischen Problemen und Lösungsversuchen eben dieses Widerspruchs. Die Realität dieses Übergangs (wenn man so will die Realität von Ökosozialismus) zeigte sich an Fortschritten der Aufhebung dieses Widerspruchs zwischen Charakter und Formen des kapitalistischen Produzierens.

„Es ist (…) daran zu erinnern, dass die Gebrauchswerte immer schon in Preisform gesetzt sind.

Das ist allerdings nicht richtig. Gebrauchswerte, deren stoffliche Träger nicht gekauft werden müssen um über sie verfügen zu können (dazu jene, die bereits gekauft worden sind) sind keinesweigs „in Preisform gesetzt“.  Und Preisform haben auch nicht die Gebrauchswerte sondern die Tauschwerte der Waren.  Ein Warenpreis sagt nicht: „ich will dir nützlich sein, und ich glaube, dieser Nutzen ist dir 100 Euro wert. Abgemacht?“ Er sagt: Zu dem Preis kann ich dir meinen Gebrauchswert überlassen , weil der der Konkurrenz auch nicht niedriger ist, und mein Warenhüter ebenso wie der des Konkurrennzproduktes dennoch den erwarteten Gewinn machen kann. Wenn du das nicht akzeptierst, muss mein Warenhüter in Zukunft in ein anderes Produkt investieren, denn ohne Gewinn kann er nicht existieren.“  Bezahlt werden muss nicht die Wertschätzung des zum Kauf stehenden Gegenstandes (der zum Kauf stehenden Handlung oder die zum Kauf stehende Wirkung) sondern ein Äquvalent des für die Reproduktion des Gebrauchswertes gesellschaftlich notwendig aufzubringenden Arbeitsaufwands. Der bbestimmt – unter der Bedingung freier Konkurrenz – den gesellschaftlichen (Tausch-) Wert um den herum sich die Preise notwendigerweise bewegen.

Insofern ist die Redeweise, dass die Gleichsetzung zweier Gebrauchswerte ein ‚Verhältnis‘ herstellt, missverständlich: Rock und Leinwand werden nicht gleichgesetzt, sondern sind je schon gleichgesetzt.

Rock und Leinwand sind als Gebrauchswerte gleich gesetzt? Aha.  Das ist ja ganz etwas neues.

Die Gleichsetzung ist vollzogen, weil sie einem Dritten, dem Gold, gleichgesetzt werden und auf diesem Umweg einander gleich sind. Das Wertverhältnis ist stets Wertausdruck, das Verhältnis von Ware und Geld.“ (Hans-Georg Backhaus, Dialektik der Wertform. Untersuchungen zur marxschen Ökonomiekritik, Freiburg 1997, S. 48)

Ja, das Tauschwertverhältnis.

Der organische Zusammenhalt von Tauschwert und Gebrauchswert liegt in der Arbeit selbst, primär jener für den Markt, aber insgesamt auch aller anderen Tätigkeiten, die, ob sie wollen oder nicht, in die Bildung der Ware Arbeitskraft als auch in deren Arbeit selbst eingehen, also sowohl des Tauschwerts als auch des Gebrauchswerts.

???

Was den Gebrauchswert der Arbeitskraft schafft ist nicht identisch mit dem, was in dessen Tauschwert eingeht. Das sind ausschließlich die Arbeitsprodukte bzw. -leistungen, die eingekauft werden müssen um über sie verfügen zu können. Der Gebrauchswert der Arbeitskraft für das Kapital ist, sie Gebrauchswert für andere erarbeiten zu lassen, die für deren Aneignung Geld zahlen. So kann es aus dem investierten.  Bereicherungsvermögen (in der Form von Geld bzw. Geldforderungen) mehr Bereicherungsvermögen (Geld) in den eigenen Händen machen. In gewisser Hinsicht steigt dieser Gebrauchswert durch Vorgänge wie etwa die häusliche Familienarbeit, insofern diese eine Verbilligung des Lohnarbeitsvermögens bewirkt. Denn sinkt die Arbeitszeit, die nicht für die Produktion von Waren verausgabt werden muss, deren Aneignung die (Re-) Produktion der Arbeitsvermögenden sichert, steht mehr Arbeitsvermögen für die Erfüllung von Kapitalbedürfnissen zur Verfügung, also für die Mehrung von Kapital. Andererseits kann aber auch ein besonders hoher (Tausch-) Wert von Lohnarbeitsvermögen für das Kapital mit einem hohen Gebrauchswert verbunden sein, weil für die (Re-) Produktion hochwertiger Fähigkeiten nun einmal mehr Lohnarbeitszeit zu herausgaben ist.

Kritik der politischen Ökonomie wird dadurch zu einer, die sich nicht bloß auf die bezahlte Lohnarbeit kapriziert, sondern all ihre reproduktiven Vor- und Abläufe ebenso inspizieren und integrieren muss. Tatsächlich geht es um die Rolle des Gebrauchswerts im Reproduktionsprozess des Gesamtkapitals, nicht nur um jenen in der Zirkulation, wo alles viel einfacher erscheint, als es ist.

???

Gebrauchswert und Tauschwert sind lediglich gedanklich zu differenzieren, nicht jedoch reell.

Das stimmt nun ganz und gar nicht. Das trennt Marx von Hand und Fuß und stellt ihn auf den Bauch.  Für Diebe mag diese Sicht zutreffen, aber wer für den Gebrauchswert eines zum Kauf stehenden Gebrauchswertträgers zahlt, um über ihn verfügen zu können muss ein Äquivalent seines Tauschwertes aufbieten, nicht seines Gebrauchswertes.

Beide sind sie in der Einheit der Ware lokalisierbar.Nur dort sind sie situiert.

Nicht ganz. Nur dort bilden sie diese zwei Elemente eines Ganzen.

So „ist der Tauschwert die Form, unter der wir alle Gebrauchswerte zunächst anschauen: denn jedes Produkt hat Tauschwert für seinen Besitzer und Gebrauchswert für seinen Nichtbesitzer“. (Hans-Jürgen Krahl, Konstitution und Klassenkampf. Schriften und Reden 1966-1970, Frankfurt am Main, 4. Aufl. 1985, S. 83)

Nein, abgesehen vom Gebrauchswert, den zum Verkauf stehende Waren für das Kapital haben, ist der Tauschwert keine Form des Gebrauchswert. Er ist das zu überwindende Hindernis, um sich ihn bzw. seinen materiellen Träger aneignen zu können. Es ist nur so, dass in Warenform vorliegende Gebrauchswerte die falsche Vorstellung hervorrufen,  dass der Warenpreis   Eigenschaft des als Ware vorliegenden Gebrauchswert ist, und seine Qualität widerspiegelt bzw. die Intensität, mit der dessen Aneignung begehrt wird. Marx nannte das bekanntlich den Fetischcharakter der Ware.

Zwischenzeitlich ist auch noch zu fragen, ob die substanzielle Differenz der Einheit Ware nicht darin besteht, dass die eine Bestimmung auf das Sein und die andere auf das Haben abhebt. Demnach fände die Ware ihr Sein im Gebrauchswert und ihr Haben im Tauschwert. Der erste Blick, bei dem man natürlich nicht stehen bleiben darf, demonstriert Folgendes: Was sie ist, das will die Ware direkt vermitteln, was sie hat, also welchen Wert sie darstellt, das ist schon schwieriger zu ermitteln.

Das klingt nun fast so, als seien wir beim Versuch, einer uns als „esoterischer Marx“ vorgestellten Sichtweise auf die Schliche zu kommen, nun endgültig beim esoterischen  Franz Schandl angekommen. Naklar: eine Ware IST Gebrauchswert, der einen Tauschwert HAT. Allerdings IST dieses HABEN (sein Dasein) nichts anders als dass der Gebrauchswert für den potenziellen Kunden in einem Gebrauchswertträger steckt, der noch im privateigentümlichen Besitz seines Warenhüters ist, für den der Gebrauchswert dieses seines HABENS aber lediglich dessen Tauschwert IST, und dieses sein HABEN deshalb möglichst schnell an die loswerden will, die ihn HABEN wollen, weil es für sie ein Gebrauchswert IST und deshalb im Übrigen Gebrauchswert HAT, während das Geld, dessen HABEN sie an diejenigen übergeben, die den Träger des Gebrauchswertes vor dem Kauf im Besitz HATTEN über den sie gerne verfügen möchten, für sie den Gebrauchswert HATTE, den Tauschwert des Gebrauchswertträgers zu repräsentieren (dessen Tauschgegenstand zu SEIN).

Soweit so banal. Spannend wird es, wenn sich im Begehren nach Verfügung über Gebrauchswerte bzw. Gebrauchswertträgern das Begehren nach der Herstellung, Mehrung oder Aufrechterhaltung  eines (gesamt-) gesellschaftlich  bzw. ökologisch bestimmten Nutzens mischt.

Wird in den nächsten Tagen vielleicht noch etwas nachreifen.

Fortsetzung folgt in Bälde

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