Projekt Menschliche Gemeinschaft

16. Juli 2012

Peter Wahl von WEED spricht in seiner Auseinandersetzung mit den (Nicht-) Ergebnissen von Rio+20: eine beachtliche Wahrheit aus

„Eine der Hauptursachen für die Diskrepanz zwischen Aufwand und Wirkung der Großkonferenzen besteht darin, dass die vielbeschworene Internationale Gemeinschaft nur als leere Abstraktion, nicht aber als handlungsfähiger Akteur existiert.“

Peter Wahl, Juni 2012: „Wenn Du merkst, Du reitest ein totes Pferd, steig ab!“ Rio+20 – Der Multilateralismus in der Sackgasse (PDF)

Sollte dann nicht die Herstellung einer als solche handlungsfähigen Menschheit als ein gesellschaftliches Projekt bestimmt werden? Hängt die Möglichkeit eines ökologisch halbwegs vernüftigen Weltwirtschaftens nicht tatsächlich vom Erfolg eines solchen Unternehmens ab? Warum möchte er nur ergründen, was einem (etwa klimapolitisch) erforgreichen UN-Multitatarismus (bzw. einem linken Stakeholderlobbyismus in diese Richtung) derzeit im Wege steht?

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RIO+20 endet mit schwachem Minimalkonsens. Und nun?

5. Juli 2012

Rio + 20 war ohne die erhoffe institutionelle Aufwertung des UN-Nachaltigkeitsprozesses zuende gegangen. In Richtung einer “grünen Witschaft” und dem Schutz vor Überfischung der Meere sind nur unverbindliche Absichtserklärungen formuliert. Und für die Erarbeitung von Nachhaltigkeitszielen unter Einschluss von Konsumzielen wurde erst einmal ein Arbeitskreis gebildet. Der soll nun bis 2014 die entsprechende Erweiterung der Millenium Development Goals erarbeiten.Immerhin! Eine kritische Begleitung dieses Prozesses mit Betonung auf Konsumziele und intelligente Finanzierungskonzepte nach dem Grundsatz der gemeinsamen aber differenzierten Verantwortung  könnte sich für die „emanzipatorischen“ Kräfte der „Zivilgesellschaft“ zu einem durchaus aufregenden Feld des organisierten Eingreifens entwickeln.

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Zu Ulrich Brands Reden gegen „das grüne Versprechen“

18. Mai 2012

„Schutz der Umwelt und soziale Gerechtigkeit gehören zusammen“ übertitelt  Ulrich Brand, Professor für Internationale Politik an der Universität Wien  seinen Taz-Kommentar vom 16.5. Hauptüberschrift:  „das grüne Versprechen“ Wer aber jetzt eine Abhandlung über vielversprechende grüne Strategien zur Lösung von Zielkonflikten zwischen einerseits Entwicklungsgerechtigkeit, weltweiter Chancengleichheit  usw. und der Notwendigkeit  zur drastischen Reduzierung von Ressourcenverbrauch und Emissionen andererseits, erwartet hat, den muss das dann Folgende enttäuschen.

Das beginnt mit Brandts Klage, dass der Begriff der „Nachhaltigkeit“ erstens inflationär gebraucht und deshalb konturlos sei, zweitens von Beginn an gar keine Konturen hatte, drittens Karriere gemacht und deshalb nun als Leerformel in aller Munde sei. Das nervt nicht nur deshalb, weil Beschwerden über einen „inflationären Gebrauch“ des Begriffs der Nachhaltigkeit längst selbst inflationär vorgebracht werden, sondern auch wegen der Konturlosigkeit bzw. Leerförmigkeit im eigenen Verständnis eines starken Begriffs von nachhaltiger Entwicklung, wie er angeblich früher gegolten habe.

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In Marx historisch-dialektischem Materialismus steckt mehr

9. Mai 2012

Entdecke  grade eine Sonderausgabe der Analyse&Kritik vom Sommer 2009   (Die Linke und die sozial-ökologische Frage)  In einem der zahlreichen Beiträge zu diesem Komplex kritisiert Dirk Lehmann in seinem Beitrag „Marx‘ anthropozentristischen Ökologismus“ einen Beitrag der vorherigen ak-Ausgabe ak 536, S. 13.  (Müller, Tadzio/Passadakis: „Das Märchen. Überlegungen zum Green New Deal im Angesicht der (grünen) Krise“) .  In Auseinandersetzung mit diesem, in linksradikal gängigem Wadenbeißerstil geschriebenen, Verriss eines jeden Gedanken an einen „Green New Deal“ war an einer Stelle ein Satz von Marx über die „Logik“ des Kapitals zitiert worden („Akkumuliert! Akkumuliert! Das ist  Moses und die Propheten!“) Lehmann mahnte:

„Der Rückgriff auf Marx übersieht, wie sehr noch Marx selbst derjenigen Tradition verhaftet bleibt, die er recht eigentlich zu überwinden trachtet.“

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Rio+20 im Fokus ökofeministischer Sorgen

4. April 2012

„Ein Hauptanliegen des Ökofeminismus war, den Dualismus von Frau/Gefühl/Natur versus Mann/Vernunft/Kultur/Technik ebenso zu dekonstruieren wie die Parallelität der Unterwerfung von Frauen und Natur. Ein Hebel dazu war die Kritik am „männlichen Machbarkeits- und Technikwahn“, der ursächlich sei für das 3-W-Entwicklungsmodell, das auf BIP-Wachstum, Wettbewerbsfähigkeit und den Weltmarkt orientiert, ebenso wie für die risikoreichen Großtechnologien, den Verlust an Biodiversität und die andauernde Aufrüstung.“

Dr. Christa Wichterich in:  Feministische Diskurse im Vorfeld von Rio+20. Wider die Begrünung durch die Märkte, in: Informationsbrief Weltwirtschaft & Entwicklung (W&E), Luxemburg, 29. März 2012 (www.weltwirtschaft-und-entwicklung.org)

Damit dürfte ein wesentliches Problem des sich in Deutschland seit Ende der 1970er Jahre herausbildenden Ökofeminismus auf den Punkt gebracht sein.

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Rettet den Regenwald: Penan bitten um Unterstützung. Rettet unseren Wald!

7. Dezember 2011

An der Protestaktion haben sich seit dem 24.11.2011 17934 Menschen beteiligt

Die Penan versperren dem Holzkonzern Interhill den Weg  
Die Penan versperren dem Holzkonzern Interhill den Weg

Der Interhill-Konzern macht mit dem Einschlag tropischer Edelhölzer im Regenwald von Sarawak, dem malaysischen Teil der Insel Borneo, seit vielen Jahren kräftig Kasse. Die Gelder investiert die Unternehmensgruppe unter anderem in Luxus-Immobilien. Dazu gehören der Bau eines 5 Sterne-Hotels samt Einkaufszentrums in der Stadt Kuching. Betreiber des Pullman Kuching Hotels ist die französische Accor-Gruppe.

Accor sind die Praktiken seines Geschäftspartners Interhill sehr wohl bekannt. Bereits 2009 hatten beide Konzerne eine unabhängige Studie zum Holzeinschlag von Interhill in Auftrag gegeben. Wenig später hat Interhill einen Aktionsplan für soziale Unternehmensverantwortung veröffentlicht. Doch selbst diese minimalen Grundlagen wurden von der Holzfirma nie eingehalten. Die Penan haben nun eine Straßenblockade errichtet. Interhill soll damit gehindert werden, weiterhin die Bäume auf ihrem Regenwaldterritorium abzuholzen.

Die Accor-Gruppe ist einer der größten Hotelbetreiber weltweit mit 4.229 Hotels in 97 Ländern. Zu den verschiedenen Marken des Konzerns zählen die Luxushotels Sofitel und Pullman, Novotel-Hotels in der Mittelklasse und für den schmaleren Geldbeutel die Ibis-Hotels.

Die Schweizer Menschenrechtsorganisation Bruno Manser Fonds unterstützt die Penan schon seit vielen Jahren. Der Gründer der NGO hat jahrelang bei den Penan im Regenwald gelebt und ist dort seit 2000 spurlos verschwunden. BMF betreibt auch die Webseite Stop-Interhill (auf Englisch).

Bitte unterschreiben Sie den Protestbrief. Rettet den Regenwald sammelt die Unterschriften und wird sie in Kürze den Verantwortlichen Empfängern übergeben. Die deutsche Übersetzung des nachfolgenden Schreibens an die Regierung Malaysias, Interhill und Accor finden Sie hier.


Zum „Prager Frühling“ Inteview mit Michael Hardt („Kommunismus neu denken“)

14. November 2011

Kommunismus  spukt inzwischen nicht mehr allein in seiner schreckgespenstischen Gestalt des untergegangenen „Realsozialismus“ durch die Köpfe, sondern kann offenbar zunehmend (wieder) als Verallgemeinerung sozialer Bewegungen identifiziert werden, die  in einer freiheitlichen Weise (das jeweils Besondere also nicht gering achtend) gemeinsame Ziele bestimmen und zu erreichen trachten. Oder perspektivisch gesehen als Etablierung eines Weltsystems gemeinsamer  Selbstbeherrschung, das den (weltweit) miteinander interagierenden Individuen und ihren Institutionen erlaubt, Produktion, Konsum und Wissenschaft sowie Reflexion und Wahrnehmung sozialer bzw. ökologischer Mitverantwortung rational, d.h. auf Basis weltgemeinschaftlich abgestimmter Zwecksetzungen zu regeln, die die Möglichkeit nachhaltigen Wohlergehens und -tuns kommender Generationen (und außermenschlicher Lebenszusammenhänge) im Blick hat.

Eines der hier und da aufblitzenden Zeichen für den gesellschaftlichen Neustart eines entsprechenden Verständnis von Kommunismus scheint das Buch „Commonwealt“ von Toni Negri und Micharel Hadt zu sein. Darauf deutet zumindest das Interview des „Prager Frühlings“ mit dem Mitautoren des „Commonwealth“ Michael Hardt hin. Da ich nicht weiß, ob ich jemals dazu kommen werde, mich durch diesen  Wälzer durchzubeißen, (meine To Read List ist eh schon lang genug) bin ich doch recht dankbar für diesen kleinen Einblick in das derzeit viel diskutierte Werk.

Michael Hardt meinte in dem Interview folgendes:

Um den Kommunismus neu zu begründen, schlagen Toni und ich vor, mit der Perspektive des Gemeinsamen (Common) zu starten. Es bezeichnet Formen des Wohlstands (Wealth), den wir auf offene Art und Weise teilen. Einerseits sind die Erde und ihre Ökosysteme wie Wasser, Luft und Boden Gemeingüter – oder sollten es zumindest sein. Wir teilen alle die Vorzüge dieser Elemente und teilen auch die Folgen von steigender Umweltzerstörung. Auf der anderen Seite sind die Resultate der immateriellen Produktion, wie Ideen, Sprachen und Affekte Gemeingüter, also Commons. Wir meinen mit den Commons in beiden Hinsichten Gemeingüter, die weder Privateigentum noch Staatseigentum sind. Die Gemeingüter sind die Basis dafür, den Kommunismus neu zu denken.“

Kein schlechter Gedanke!  Damit Kommunismus nicht nur neu gedacht sondern auch tatsächlich gemacht werden, d.h.  sich als eine Perspektive sozialer Bewegungen entwickeln kann, die das kapitalistischen Füreinander tatsächlich zum ökohumanistischen Miteinander machen, (was sie aus den eigenen Existenzbedingungen heraus allerdings so explizit nicht  im Programm haben können), sollte der Gedanke allerdings vertieft um nicht zu sagen, noch etwas besser fundiert werden.

Es sollte z.B. nicht der Fehler gemacht werden, sich Commons (Bereiche gemeinsamer Verantwortung) idealistisch als schon vorhanden vorzustellen. Das hieße ja, dass bereits (welt-)gemeinschaftlich über deren Nutzung und Pflege entschieden werden könnte.  Diese Möglichkeit gilt es aber in der Regel erst herzustellen.

Produktivkräfte (wie etwa  Sonnenschein,  Software zur Errechnung eines Speicher – und Einspeiseoptimums für Solarenergie oder die steigende Möglichkeiten, Produktivitätsfortschritte in Industrie, Landwirtschaft oder der Energieversorgung  und -nutzung) können womöglich das erste Mal in der (Vor-)Geschichte der Menschheit wirklich einer (welt-)gemeinschaftlichen Steuerung unterworfen werden.  Aber die Notwendigkeit wie auch die Möglichkeiten dessen (sowie die mehr oder auch weniger bewussten Ansätze in eine solche Richtung), müssen tagtäglich neu herausgearbeitet und in soziale Energie zur Entwicklung bzw. Verallgemeinerung einer solchen Perspektive verwandelt werden.

Das ist auch deshalb nicht einfach, weil die Perspektive eines nicht privat und perspektivisch vielleicht nicht einmal staatlich regulierten Miteinanders sich nicht nur in Commons-Nischen entwickeln sondern eben auch explizit innerhalb des privat- oder nationalstaatseigentümlich vermittelten Füreinanders. Zum Beispiel als Einschränkung privater Willkür bzw.  Eingrenzung der  Belohnung von Raubbau durch den freien Markt durch Festlegung sozial bzw. ökologisch vernünftigerer  Standards, Ökosteuern usw (die eben auch im internationalen bzw. globalistischen Füreinander zu etablieren sind was etwa die Frage nach einer ökologischen Reform der WTO aufwirft.)

[Habe den  Text am 12.12.12 überarbeitet]

 


Bemerkungen zur Diskussionsgrundlage des ISM zur Bildung einer Allianz: „Sozialökologischer Gesellschaftsumbau auf dem Weg in eine Solidarische Moderne“

23. Oktober 2011

Ich fände ja ein Institut attraktiver, das bereits mit dem Titel andeutete, das es die Entwicklung eines am Ende weltgemeinschaftlichen Nachhaltigkeitsmanagements anstrebt, das auf Basis sich turnusmäßig weiter entwickelnder Nachhaltigkeitsstrategien (auf lokaler, (über-)regionaler bis globaler Ebene) funktionierte. Aber nun gut: Das von der ISM artikulierte Bedürfnis nach einer solidarischeren Moderne ließe eine solche Perspektive immerhin zu.

Das ISM will eine Allianz schmieden.

„Unter dem Titel „Sozialökologischer Gesellschaftsumbau auf dem Weg in eine Solidarische Moderne“ hat das Institut Solidarische Moderne (ISM) ein Diskussionspapier  zum sozialökologischen Gesellschaftsumbau veröffentlicht. Es möchte damit einen Beitrag für eine kulturelle, wissenschaftliche und politische Debatte gesellschaftlicher Alternativen leisten und darüber mit politischen Akteur_innen der politischen Linken diskutieren. Deshalb ist das Papier als Einladung an alle politisch Interessierten aus Politik, Wissenschaft, Zivilgesellschaft und sozialen Bewegungen gedacht, mit dem Institut Solidarische Moderne zu den anstehenden sozialökologischen Herausforderungen in einen Meinungsaustausch zu treten.

Ziel ist, den programmatischen und strategischen Verständigungsprozess weiter voranzubringen, der in der gesellschaftlichen und politischen Linken wie in der kritischen Wissenschaft und Kultur schon in Gang gekommen ist und durch die Wende in der Atompolitik neuerlichen Auftrieb gewonnen hat.

Dabei möchte das ISM weniger eine möglichst vollständige und durchgearbeitete Auflistung der verschiedenen einzelnen Schritte eines sozialökologischen Gesellschaftsumbaus leisten.  Vielmehr will es deutlich machen, dass ein solcher Umbau nur als ein zusammenhängendes soziales, kulturelles und politisches Projekt entworfen werden kann, als Projekt letztlich einer anderen Gesellschaft: einer Solidarischen Moderne. Zur fortlaufenden Ausgestaltung und Durchsetzung eines solchen Projekts muss sich eine breite Allianz verschiedener Akteur_innen herausbilden.

Dieser Allianz will das Institut Solidarische Moderne mit der Diskussion des vorliegenden Papiers erste Gelegenheiten der Zusammenkunft aufden Weg bringen.

Das Papier ist nach einem vom Institut Solidarische Moderne entwickelten Crossover-Arbeitsprozess entstanden. Ziel des Prozesses ist es, möglichst viele Positionen einer Mosaik-Linken miteinander zu vermitteln, gegenseitiges Verständnis der Gemeinsamkeiten und Differenzen zu erzielen und diesen Prozess zugleich so partizipativ wie möglich zu gestalten.“

Quelle: http://www.solidarische-moderne.de/de/article/231.ism-startet-debatte-zum-sozialoekonomischen-umbau.html

Zum Download:  Sozialökologischer Gesellschaftsumbau auf dem Weg in eine Solidarische Moderne

Na, dann werde ich mein kleines Mosaiksteinchen mal einbringen in den Prozess der großen Allianzschaffe.

Anmerkungen zum Diskussionspapier

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Über Bevökerungspolitik und Überausbeutung

12. Oktober 2011

Weils auf „utopia.de“ grad Thema ist. Ein heikles Thema mit dem viel Schindluder getrieben werden kann, und deshalb ist der hervorragende 3Sat-Beitrag auch sehr wertvoll.

Meine Meinung: Das Problem heißt Kapitalismus und das Problem zu bewältigen heißt: weltweite Etablierung neuer Produktions/Aneignungsbedingungen die ein weltgemeinschaftliches Ressourcenmanagement bzw. Nachhaltigkeitsmanagement erlauben. Und das noch größere Problem heißt. Das muss in den nächsten Jahren bis Jahrzehnten auf den Weg gebracht sein.

Wo sich kapitalistische Verhältnisse neu entwickeln, produziert das immer noch – wie stets in der Geschichte – die Trennung der Landbevölkerung von ihren Produktions- bzw. Überlebensmitteln. Hunger gibt es derzeit vor allem in der Landbevölkerung.wo sich derartige Prozesse abspielen. Die Konkurrenz industriell erzeugter Güter und die Industrialisierung der Landwirtschaft enteignet die traditionellen Landbewirtschafter und bietet zugleich andere Existenzmöglichkeiten, die auf (kapitalistische) Trennung von Produktion und Konsum mit entsprechenden Bewusstseinslücken beruhen.

Erst in den Megastädten angekommen, ist Bevölkerungswachstum zugleich eine Wirkung von Armut und Perspektivlosigkeit und Grundlage deren Reproduktion. Das löste sich in der Geschichte immer wieder durch Produktivkraftentwicklungen auf, die allerdings zur Voraussetzung eine Minimierung der „Überbevölkerung“ haben – in Europa durch Hungersnöte und Auswanderung bewirkt, in Amerika u.a. durch Siedlerbewegungen. Dieses „Ventil“ versucht die EU grad zu verstopfen. Es funktionierte auch nicht mehr wirklich, und die Emanzipation der „Schwellenländer“ verschärft am Ende, wie wir wissen, sogar noch das Problem der Überausbeutung durch die hochproduktive Wirtschaft der Industrieländer.

Bevölkerungssoziologen des deutschen Hitlerfaschismus hatten die Entwicklungsbedingungen Europas und der USA studiert und daraus den Schluss gezogen, dass man das Problem mit Mord und Todschlag und einer Unterteilung der für „überlebenswert“ erachteten Bevölkerungsgruppen in gut lebende „Herrenvölker“ und aufs Existenzminimum reduzierte „Sklavenvölker“ „endlösen“ kann. Und es ist auch Teil des Wettlaufes in dem wir uns befinden, einer solchen – in Zukunft durchaus denkbaren – Option entgegen zu wirken.

Unter den Voraussetzung eines weltgemeinschaftlichen Nachhaltigkeitsmanagement könnten sich sicher mehr Menschen als sieben oder acht Milliarden ernähren, aber natürlich wird dabei die bloße Zahl der Menschen auch ein Thema sein müssen.

Sehenswert zum Thema auch das Interview mit Jean Zigler


Die kleine und die große Einheit

29. September 2011
Der 3. Oktober 1990 besiegelte, was sich bereits im Vorjahr im Wechsel der Parolen angekündigt hatte, die auf den Straßen Ostdeutschlannds gegen die unerträgliche Bevormundung der „Sozialistischen Einheitspartei“ laut geworden waren. Statt dem anfänglichen “WIR sind das Volk!“ hatte es bald „Wir sind EIN Volk!“ geheißen. Was mit dem Verlangen nach Volkssouveränität in einem – irgendwie reformsozialistischen – Staate Ost begann, endete in der Souveränität des von der überwiegenden Mehrheit der Menschen als besser empfundenen, weil immerhin demokratischeren und am Ende auch mehr Wohlstand versprechenden Einheitsstaates.

Kapitalismus? Der Staat des Klassenfeindes?

Das war jetzt alles Banane. Die war in der DDR ein knappes Gut und galt nun als Symbol der Überlegenheit marktwirtschaftlicher Prinzipien. Die von mir und anderen damals als Begrüßungsgeschenk verteilte ‚Wald-Welt-Geld-&-D.Wiesen-Zeitung‘ mit Infos über die wüsten Geschäfte der Lebensmittelgiganten half da wenig. Wie auch Wolf Biermanns Ermahnung an sein Leipziger Publikum während seines ersten Ost-Konzertes nach dem Fall der Mauer. Biermann erklärte „das Wort Wiedervereinigung nicht hören“ zu wollen „weil wir jetzt die einmalige Chance haben, aus dem nur nominellen Volkseigentum wirkliches Volkseigentum zu machen.“Doch die dafür notwendigen „Produktivkräfte“ wissenschaftlich-technischer, geistiger und moralischer Art hatten sich unter den Bedingungen einer Entwicklungsdiktatur ohne nennenswerte Meinungs- und Wissenschaftsfreiheit nicht entwickeln können. Und heute lässt sich sagen. Meine Güte, wie hätte das funktionieren können? Es war noch nicht einmal das Internet erfunden.

Und Marx?

Eine Karikatur ließ ihn „sorry“ sagen, und dass alles „nur so ’ne Idee von mir“ gewesen sei. Doch gerade Marx hatte davor gewarnt, einer fixen Idee folgend Utopien durchsetzen zu wollen, für die die materiellen Bedingungen noch nicht herangereift sind. Für Marx bedeutete Sozialismus (weltweite) Entwicklung und Verallgemeinerung der Möglichkeit, das menschliche und vom Menschen beeinflussbare Vermögen zur Herstellung und zum Genuss unserer Lebens- und Bereicherungsmittel (inklusive der Fähigkeit und den Willen zur Minimierung möglicher Risiken und Schäden) in öffentlichen Meinungsbildungs- und Abstimmungsprozessen entwickeln und anwenden zu können. Es geht also um ein (umwelt-)bewusstes, planvolles Zusammenspiel zwischen frei füreinander produzierenden Menschen und deren Institutionen, zwischen verschiedenen Regionen, unterschiedlichen Branchen oder zwischen Wissenschaft und Alltag – und dabei immer auch zwischen Produktion und Konsum.

Die Reale Existenz …

… eines solchen „Sozialismus“ wächst nicht durch staatlich garantierte Einbildung, Indoktrination und Kriminalisierung der Veröffentlichung abweichender Meinungen oder Erkenntnisse sondern mit der Verallgemeinerung der Möglichkeit, die unsichtbaren Grenzen zu überwinden, die an der Wahrnehmung der sozialen bzw. ökologischen Voraussetzungen und (Neben-)Folgen des menschlichen Schaffens hindern. Grenzen, wie sie gleichermaßen Gesellschaften eigen sind, die auf privateigentümliche oder auf bürokratische Aneignung und Steuerung gesellschaftlicher Reichtümer beruhen. Eine solche Grenzüberschreitung wird allerdings erst zum wirklichen Systemwechsel, wenn dies nachprüfbar – und zwar unabhängig von der dafür benutzten Begrifflichkeit – der weltgesellschaftlich vorherrschende soziale (!) Prozess ist. Die bisherigen Sozialismusversuche waren davon weit entfernt. Und sie sind nicht am Überfluss sondern am Mangel an Bewegung in eine solche Richtung gescheitert.

Und jetzt?

Ein Systemwandel ist keine Ware, deren Produktion einem nichts angeht und er kommt nicht aus dem Nichts. Der Übergang zum weltgemeinschaftlichen Nachhaltigkeitsmanagement, das auf Übereinkünfte freier Weltbürger/innen beruht, kann nur zum (weltweit) vorherrschenden Prozess werden, insoweit immer mehr Menschen lernen, die Bewältigung der großen Menschheitsprobleme zu ihrer persönlichen Angelegenheit zu machen. Jeder Zentimeter „wirkliche Bewegung“ zählt. Systemnotwendig Zu-kurz-Greifendes wie Ökosteuern, Ökoaudit, strategischer Konsum, Tarifkämpfe, Green New Deal oder auch der Ausbau von Commons-Nischen enthält stets auch ein beachtliches Emanzipationspotenzial. Was und wer auch immer zur Entwicklung von Möglichkeiten (und deren Verallgemeinerung) beiträgt, Produktionszwecke und deren Voraussetzungen und Wirkungen miteinander abzustimmen, bringt die „Vereinigte Menschheit“ voran, solange aus Opportunitätsgründen nicht das wirkliche Ausmaß der vorgefundenen Problemlagen und die Suche nach adäquateren Bedingungen ihrer Bewältigung aus dem Blick gerät. Es ist nicht falsch, unter allen Umständen das dafür Menschenmögliche zu tun – und sei es, durch Veränderung der Umstände.

hhh

Lesenswertes zum missratenen Sozialismusversuch

1.) Märkische Allgemeinen Zeitung (MAZ), 09.11.1994: Gespräch mit Prof. Rolf Reissig ueber die Wende, Reformer in der SED und den Sinn von Visionen

Dem Glasnost-Archiv entnommen)