Wie der Wortschritt einmal über die 11. Feuerbachthese stolperte und danach meinte, sie sei hinfällig

8. Januar 2013

Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert,es kömmt darauf an, sie zu verändern

Marx berühmte 11.These zu Feuerbach bringt seine gemeinsam mit Engels verfasste Kritik der Junghegelianer auf den Punkt. Diese philosophische Strömung (der M&E einst selbst nahe gestanden waren)  hatte sich der ideologiekritischen Aufklärung verschrieben. Die Junghegelianer fühlten sich berufen, einen Zustand der Vernunft zu kritisieren, bei dem die von sich selbst entfremdet ist – zum Beispiel in Gestalt der Religion oder, das unterschied sie von ihrem staatsergebenen Lehrmeister Hegel – des Staatswesens. Damit verbunden war die frohe Erwartung, dass die Vernunft durch die Kritik ihrer Entfremdung zu sich selbst kommt und den Menschen so dann ein Wohlgefallen sein wird – zum Beispiel in der Gestalt des Sebstbewusstseins, eines wohlverstandenen Egoismus usw.

Marx (und Engels) nannten das „Deutsche Ideologie„, die ihrer Ansicht nach Ausdruck erstarrter Verhältnisse in den (damaligen) deutschen Landen sei. Weil die keine wirklichen, d.h. keine sozialen bzw. politischen Fortschritte erlaubten, würden die fortschrittlichen Philosophen das Heil der Menschheit im Austausch der von ihnen als falsch erkannten Ideen suchen, und damit das Bestehende höchstens anders erkennen. Das würde nach Marx/Engels verkennen, dass den verkehrten Ideen verkehrte Verhältnisse zugrunde liegen, die, solange sie bestehen, die kritisierten Vorstellungen stets aufs Neue hervorbringen.

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Bemerkungen zu Armin Grunwalds „Ende einer Illusion Warum ökologisch korrekter Konsum uns nicht retten wird“ (1)

18. Dezember 2012

Ein E-Book zu konsumieren verbraucht weniger Papier und was dessen Produktion und Entsorgung an Wald, Wasser, Arbeit oder mit der Energieumwandlung verbundenen Problemen kostet. Ich musste zwar eine ordentliche Portion Geduld und Nerven investieren, bis die nötigen Downloads von Reader und E-Book mitsamt den dazu nötigen Passwörtern geglückt waren und nach langem Karusselfahren endlich mehr zu sehen war als die Gebrauchsanleitung des E-Readers. Aber zu guter Letzt ist das Konsumentenglück vollkommen. Jedenfalls kann ich hier jetzt also bequem und öffentlich produktiv meine Gedanken rund um das jeweils gerade Aufgelesene ranken lassen.

Ich beginne gleich mit dem ersten Abschnitt der ersten Seite:

Für die meisten Menschen in den reichen Ländern ist der Konsum von Gütern und Dienstleistungen selbstverständlicher Teil des Alltagslebens. Geld für individuelle Zwecke wie Kleidung, Essen, Unterhaltung, Kultur, Mobilität oder Urlaub ausgeben zu können, ist eine wesentliche Voraussetzung für Zufriedenheit und Lebensqualität. Der in die deutsche Sprache eingebürgerte Begriff vom »shoppen gehen« verdeutlicht: Beim Konsumieren geht es nicht einfach darum, elementare Bedürfnisse zu befriedigen. Es geht um ein Lebensgefühl. Durch Konsum werden sozialer Status und wirtschaftlicher Erfolg dokumentiert, vor sich selbst und vor anderen.

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LuXemburg 3/12 zum Themenfeld »Grüner Sozialismus«(3)

12. November 2012

Inzwischen liegt mir die LuXemburg 3/12 auch als Heft vor. Einer umfassenden Auseinandersetzung steht also nichts mehr im Wege außer dass gut Ding Weile braucht und hinreichend Muße.  Die gibt es aber meist nur häppchenweise.  (Siehe  bisher LuXemburg 3/12 zum Themenfeld »Grüner Sozialismus«(2)  und (1))

Aufgeschmökert sind inzwischen auch die bemerkenswerten Beiträge von Elmar Altvater, Roul Zilek und Frieder Otto Wolf sowie (leider sehr enttäuschend) Alex Demirovic zu denen ich ein anders Mal Stellung nehme.  Dazwischen geraten ist nun meine heutige Postfrühstückslektüre von Ulrich Brands Text über „Semantiken radikaler Transformation“.

Dass Brands Anti-Kapitalismus nicht von einem übertrieben dialektischen Verständnis von sozialer Entwicklung (und den Entwicklungsbedingungen ihrer Wahrnehmung) geprägt ist und kommunistische Perspektiven dabei eh keine Rolle  spielen, war mir schon geläufig. Es war also keine Überraschung, dass sich des Autors Aufmerksamkeit einmal wieder auf von ihm als problematisch oder gar feindlich eingestufte (weil „Herrschaft“ ausübende) Wörter richtete.

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LuXemburg 3/12 zum Themenfeld »Grüner Sozialismus«(2)

6. November 2012

Die neue LuXemburg versammelt 17 Beiträge zum Themenfeld “Grüner Sozialismus” Im Netz sind bis jetzt neben dem Text von Mario Candeias (Was ist sozialistisch am Grünen Sozialismus?) ein zweiter und dritter Beitrag veröffentlicht. (Christoph Spehr Volks-Autos und Kollontai-Höfe? Einstiege in einen Grünen Sozialismus 2030 und Andreas Exner Gleichheit ist rot & grün)  Text Eins und Zwei habe ich im Blog der Zeitschrift  LUXEMBURGGesellschaftsanalyse und linke Praxis kommentiert, mit allerdings dem Nachteil der Verewigung von Schreibfehlern und Ungenauigkeiten oder stilistisch allzu Unausgereiftem.

Obwohl der gleich nach Erscheinen als Appetidanreger veröffentlichte Candreis-Text eine arge Geduldsprobe war (Siehe u.a. meinen Kommentar vom  20.10.) ist meine Neugierde auf dem Rest vom Schützenfest noch ungebremst. Schließlich erwarten mich noch die Texte  von Elmar Altvater, Raul Zelik oder Frieder Otto Wolf.

Zunächst aber zu Andreas Exner. Er sagt einiges Richtige wie dass  …

„Wachstum des Kapitals (…) nicht ökologisch kompatibel sein, (kann) weil es mit steigendem Ressourcendurchsatz einhergeht. Den gilt es zu reduzieren, den Bergbau zurückzufahren und die Landnahme für Agrofuels und Nahrungsmittel zu stoppen.

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Staatsversagen ist Kapitalismusversagen. Und nun? (1)

18. September 2012

Dass der Staat nicht mit Geld umgehen könne und Steuern deshalb besser in privaten Händen verbleiben sollten (etwa denen des Hotel- und Gaststättengewerbes und dessen Kunden) gehört zu den zentralen Klassenkampfparolen unverbesserlich neoliberal geschniedelter Talkshowschnösel.

Unlängst kommentierte etwa der als Mensch bei Maischberger auftretende Weltwoche-Chef Roger Köppel  mit dieser Behauptung die u.a. von Sahra Wagenknecht und dem Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes Ulrich Schneider vorgebrachten Fakten über mangelnde finanzielle Möglichkeiten zur Erfüllung notwendiger Staatsaufgaben.

Die beiden hatten für eine Reichensteuer argumentiert, was ich, nebenbei bemerkt, für eine gute Idee halte, die aber eine noch bessere wäre, würde sie mit der Forderung nach einer sozio-ökologischen Reform der Mehrwertsteuer (national) und  des Welthandelssystems (international) einhergehen, so dass es um mehr ginge, als um eine gerechtere Verteilung ökologisch desaströser Raubbaugewinne.

Neoliberalisten wissen in ihrer einschlägigen Borniertheit natürlich nicht, dass in der kapitalistischen Ära moderne Sozialstaaten unverzichtbare Instrumente zur Begrenzung von Kapitalismusversagen  (man ist also versucht zu sagen: des eigenen Versagens) sind. Ohne Staaten gäbe es keinen Kapitalismus,  keine private Verfügung über Produktions-, Transaktions- und Konsumtionsmittel, kein Geld, kein Lohn und Gehalt, keinen privaten Unternehmensgewinn, kein Marktgeschehen ohne ständige Anfechtung durch Betrug oder Raub und keine den Geschäftsinteressen angemessene (Wieder-)Herstellung bzw. Anreicherung von Humankapital.

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Zu Althussers Kampf gegen sozialistischen Humanismus als Leitbegriff einer sozialistischen Theorie sozialer Emanzipation (1/2)

28. August 2012

Wer nach strukturellen Grundlagen ökologisch reflektierter Mitmenschlichkeit sucht, und die Marx/Engels-Erkentnisse und Ideen als eine hilfreiche Quelle der Inspiration und Erkenntnisgewinnung für eine solche Perspektive betrachtet, wird sich an Althussers Essay-Sammlung „Für Marx“ aus den 1960’er Jahren reiben müssen. (Zu Teil 2/2)

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Das COMMONS BUCH (2)

26. August 2012

Ein erneuter Blick in das Commons Buch

Das von der Böllstiftung  und der Commons-Expertin Silke Helfrich herausgegebene 400 Seiten starke Lesebuch, in dem 90 Autor_innen aus 30 Ländern unter anderem darüber aufklären, was mehr wird wenn wir es teilen, ist natürlich ein MUSS.  Werde mich hier also nach und nach mit seinen einzelnen Beiträgen auseinandersetzen.

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Versuche zu acht Orientierungspunkten für das Commoning (2) – von der Wissenschaft zur Ideologie?

23. August 2012

Ja, so schnell kann es gehen. Da war ich am Ende wohl selbst  mit auf dem Weg von der Wissenschaft zur Ideologie. Während der ersten Commons-Sommerschule waren aus den Ostromschen Designprinzipien für erfolgreiches Commons-Management acht Orientierungspunkte für das Commoning  entwickelt worden. Die auf dem Commons-Blog auf deutsch und englisch wiedergegebenen Orientierungs-Punkte sind der Commons-Expertin Silke Helfrich zufolge zwar „relativ stabil“, aber da  Änderungsvorschläge „gleichwohl jederzeit willkommen!“ sind, fühlte ich mich angeregt, die in der „Wir-Form“ (aus einer Binnenperspektive heraus) wiedergegebenen O-Punkte in eigenen Worten und Gedanken zu fassen und sie dabei nach eigenem Gutdünken, also zuächst einmal für mich selbst, weiter zu entwickeln.

Erst danach habe ich mir die entsprechenden acht Designprinzipien für erfolgreiches Commons-Management von Elenor Estrom (in einer Übersetzung von Silke Helfrich) angesehen und muss nun erkennen, einer alle Klarheiten beseitigende Ideologisierung der aus zahlreichen Feldforschungen gewonnenen Prinzipien Ostroms nur noch eins drauf gegeben zu haben.

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Versuche zu acht Orientierungspunkten für das Commoning (1)

21. August 2012

Wie der Commons-Blog meldet, wurden während der ersten Commons-Sommerschule (im Juni 2012 in Bechstedt/Thüringen) aus den Ostromschen Designprinzipien für erfolgreiches Commons-Management acht Orientierungspunkte für das Commoning  entwickelt. Die auf dem Commons-Blog auf deutsch und englisch wiedergegebenen O-Punkte sind der Commons-Expertin Silke Helfrich zufolge „relativ stabil“. Änderungsvorschläge seien aber „gleichwohl jederzeit willkommen!“ Nun, denn:

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Sind die Begriffe „Selbstbestimmung“ und „Freiheit“ die neuen Götter, und sollten die nicht besser entzaubert werden?

15. August 2012

„Man muss, wenn von Freiheit gesprochen wird, immer wohl achtgeben, ob es nicht Privat­interessen sind, von denen gesprochen wird.“

(Hegel)

Die Helle Panke hatte zum Austausch über „Historischen Materialismus und/oder Geschichtsphilosophie?“  geladen. Und ich war mehr her- als hingerissen. Hingerissen wegen der zu erwartenen Anregungen und Hinweise für mich  philosophiegeschichtlich bildungsfernen Menschen, den nichts desto trotz die Frage nach dem Potenzial einer explizit (öko-)humanistischen Perspektive des historschen Materialismus á la Marx umtreibt, (gerade im Hinblick auf – in Widerspruch zur alten Ordnung geratenen – Prodktivkräften und welche Rolle dabei Philosohie und Wissenschaft jeweils spielen – sollten). Hergerissen weil mich philosophische Diskurse doch oft sehr nerven.

Das gilt insbesondere für das Hantieren mit Begriffen von diesem und jenem, die als Fetisch funktionierenden sobald sie  vom jeweiligen Kontext lösgelöst benutzt werden. Und sodann als ideologische Fixterne erstrahlen, die Orientierung versprechen. Freiheit und Selbstbestimmung sind z.B. solche Begriffe. Als mit eigenem Geist beseelt vorgestellte fixe Ideen steigen sie zu neuen Göttern auf, deren Macht es gegebenenfalls zu maximieren gilt. Gewiss eine unendliche Quelle der Inspiration. Aber als solche auch der (Selbst-)Suggestion mit relegiös anmutenden Weihen. Den Rest des Beitrags lesen »