Karl-Hermann Tjadens Grußwort für die bereits im Juni 2010 stattgefundene Konferenz über „ökologischen Sozialismus“ mit dem Titel Kapitalbewegung und Klimageschehen ist zwar nicht mehr so ganz druckfrisch, aber für den Versuch einer (öko-)kommunistischen Ortsbestimmung scheint mir eine Auseinandersetzung mit dem dort Ausgesagten nach wie vor lohnend. Der Anfang dieser Reflexion schmorte eine lange Zeit als „Entwurf“ vor sich hin und ich hatte das längst vergessen. Nach der kürzlichen Wiederentdeckung vor die Alternative gestellt, das nun ganz und gar sein zu lassen, zumal in meiner Auseinandersetzung mit dem ökosozialistischen Manifest das Meiste, was dazu zu bemerkenden wäre, bereits in aller Ausführlichkeit gesagt ist, habe ich das nun doch hervorgeholt und vervollständigt.
Vorerst eine Vorbemerkung zur Frage des Verallgemeinesungspotenzials sozialwissenschaftlicher Fachbegriffe. Anlass ist der von Tjaden gewählte Begriffs der „symbolischen Gewalt“.
Während des unlängst von der Rosa Luxemburg Stiftung veranstalteten dreitägigen Podium-Marathons zur Lage des Marxismus hatte jemand das Begehren geäußert, die vortragenden und miteinander diskutierenden Marxgelehrten mögen doch bitteschön den Ehrgeiz entwickeln, sich möglicht so auszudrücken, dass dies mit den Mitteln der Alltagssprache nachvollzogen bzw. überprüft werden könne. Alex Demirović von der RLS widersprach heftig. Auch Fächer übergreifendes Verständigen über das Sein und Sollen sozialer Angelegenheiten benötigt Fachbegriffe, die als solche anerkannt sind. Und notfalls gelehrt (bzw. gelernt) werden müssen!
Stimmt natürlich. Trotzdem wäre es nicht verkehrt, die intuitive Verallgemeinerungsfähigkeit von Begriffen im Blick zu behalten. Das wird z.B. erschwert, insoweit sie bewährten Bedeutungsgewohnheiten widersprechen. Wird etwa über symbolische Interaktionen geredet nervt mein vom Alltag gehobelter Verstand mit der dämlichen Frage, ob die gemeinte Interaktion etwa nur eine symbolische sei und also nicht wirklich wirklich stattfindet. In Wörtern, Gesten, Kleidung, Ritualen, Diskursen usw für etwas Bestimmtes stehende Zeichen (Symbole) sind allerdings nicht die Wirklichkeit der Interaktion sondern sondern vermitteln sie. Das wäre also mit den Wörtern symbolvermittelte Interaktion“ sehr viel beser auf den Begriff gebracht.
Vielleicht würde mir der folgende Satz aus Karl Hermann Tjadens Grußwort an die „Konferenz für Ökologie und Sozialismus“ weniger rätselhaft erscheinen, hätte er vom Wirken symbolvermittelter Gewalt auf Denkschranken aus Unmündigkeit geredet statt vom Wirken „symbolischer Gewalt“.
Putins Klemptrokratie steht für ein Russland, das derzeit zur (öko-) kommunistischen Perspektive eines Für- und Voneinanders, das auf Grundlage eines – am Ende weltgemeinschaftlichen – Nachhaltigkeitsmanagements funktioniert, einen exakten Gegenpol bildet. Die bitterböse Ironie der 70 Jahre währenden historischen Landnahme eines wahrlich realen SCHRECKGESPENSTES des Kommunismus, scheint zu sein, einen Kapitalismus mit feudalistischem Anlitz hervorgebracht zu haben, mitsamt Blut und Boden Ideologie, geostrategischem Größenwahn und einer entsprechenden reaktionären Familienideologie.
Die von der Soziologin und Philosophin Carolin Amlinger verfassten Reflexionen über „Die verkehrte Wahrheit„ hatte meine Neugierde geweckt. Das 2014 in der Edition LAIKAtheorie erschienene Buch verspricht Erhellendes „zum Verhältnis von Ideologie und Wahrheit bei Marx/Engels, Lukács, Adorno/Horkheimer, Althusser und Žižek„. Allein der Buchdeckel, hell, abwaschbar, doch mit griffiger Oberflächenstruktur, macht, dass man das Buch gern in die Hand nimmt. Durch jeweils nach innen geknickte Enden lässt sich der Buchdeckel von vorn wie von hinten als Lesezeichen verwenden. Das alles signalisiert den Willen des Verlags, Lesevergnügen zu bereiten.
Den nach innen geklappten „Lesezeichenenden“ lassen sich der Anlass der Mühe entnehmen:
„Slavoj Žižek und Allain Badiou setzen der [im postmodernen Diskurs] postulierten Unmöglichkeit von Sinn im sozialen System positiv das Fundament der Wahrheit entgegen.“
Damit kommt es nach Meinung der Autorin „zur Renaissance von zwei Begriffen, die in der Philosophie des 21. Jahrhunderts bislang nur noch rudimentär eine Rolle spielten: Ideologie und Wahrheit“.
Oh! Die Vorstellung, mich durch eine beinahe 200 Seiten starke Suche nach Ideologie und Wahrheit an und für sich, einem entsprechend korrekten Ideologie- und Wahrheitsbegriff usw. beißen zu müssen, dämpfte zunächst einmal meinen Frohgemut.
Grundgesicherte Zeitsouveränität ist wunderbar, aber sie hat auch ihre Fallen. Man kann an sich selbst studieren, wie gerade Reichtum zur Armutsfalle werden kann. Das gilt offenbar nicht nur für den Warenüberfluss im kapitalistischen Krisenparadox und auch jenseits der Herstellung und Garantie von Konkurrenzfähigkeit auf einem Markt. Zwar scheint die Entwicklung meiner frei umher assoziierenden „Produktivkräfte“ immer noch auf das Prächtigste vom Zeitreichtum zu profitieren. Aber trotz ihrer sozialen Brauchbarkeit, wie ich finde, lässt deren „(öko-) kommunistische“ Vergesellschaftung doch immer noch weitgehend auf sich warten. Höchste Zeit also, einmal verstärkt auch die höchstpersönlich eigenen „Produktionsverhältnisse“ unter die Lupe zu nehmen.
1) Sozio-ökologisch betrachtet rücksichtsloses Wachstum von Kaufkraft bzw. von im Kaufkraftmittel Geld gemessenen Reichtum gründet nicht in falschen Einstellungen. Unmenschliche Vorstellungen sind im Wesentlichen Symptome, nicht Ursache der Rücksichtslosigkeit und können deshalb nicht wesentlich durch Aufklärung und dem guten Beispiel einer Avantgarde des rücksichtsvollen Konsums korrigiert werden.
2) Die zentralen Hindernisse einer gesamtgesellschaftlich bzw. ökologisch hinreichend vernünftigen Organisation des füreinander Produzierens, Sorgens, Organisierens, Regelsetzens usw. sind struktureller Natur. Zwar sind die menschlichen Produktivkräfte heute zu einem Grad entwickelt, der nicht nur die Notwendigkeit evident macht, den (welt-) gesellschaftliche Fortschritt entlang umweltbewusst gesetzter Ziele zu entwickeln. Von der wissenschaftlichen oder technologischen Potenz her ist die Möglichkeit, dies zu tun, auch längst angelegt. Dennoch scheint immer noch außer Frage zu stehen, dass das moderne Leben weiterhin auf freie Konkurrenz voneinander unabhängig operierender Agenturen der privateigentümlichen Bereicherung beruhen muss. Doch solange das so ist, bestimmt der betriebsblinde Wettbewerb um die Befriedigung sozioökologisch bornierter Privatinteressen und -bedürfnisse, was, wie, warum und für wen wachsen oder weichen soll.
3) Die historische Rationalität ( = Zweckmäßigkeit) eines Fortschritts, der von der freien Konkurrenz privateigentümlich operierender Geldvermehrungsagenturen (= Agenturen der privateigentümlichen Kaufkraftvermehrung und -konzentrierung) angetriebenen ist, zwang immer schon zu einer fatalen Verknüpfung von zivilisatorischem Fortschritt und moderner Barbarei. Das kapitalistische Zeitalter umschließt ärgste Verbrechen. Gegenwärtig scheint nichts die Globalisierung existenzbedrohender Risiken und Desaster aufhalten zu können. Das ist auch deshalb so, weil die kapitalistisch vorangepeitschte Hyperbeschleunigung der Produktion die materielle Grundlage des zivilisatorischen Fortschritts ist. Mit stets geringer werdendem Aufwand an Arbeitszeit können in Ausmaß, Vielfalt und letztlich auch Qualität stets wachsende Bedürfnisse einer immer größeren Zahl Menschen befriedigt werden. Wachstumszwang heißt auch Nötigung zum Wachstum der der modernen Weltgesellschaft eigenen Diversifizierung, Bildung und Kultur auf die all unsere Freiheit und Demokratie aufbauen.
Am Keimform-Blog (keimform.de) schätze ich neben Berichten und Reflexionen über Open Source oder Peer-to-Peer Projekten Zeichen ernsthaften Nachdenkens über Kommunismus.
Ganz unutopistisch sind reale Bewegungen ins Visier genommen, die als Keimformen eines kommunistischen Füreinanders identifiziert werden. Allerdings eines mit „C“ geschriebenen Kommunismus, der vom Begriff der „Commons“ abgeleitet ist bzw. vom „Commoning“. Denn Commons oder Allmendegüter, so wird hier zurecht betont, sind keine Dinge, deren Natureigenschaft es ist, für alle da zu sein. Commons werden erst durch das Commoning Realität. Und die existiert insoweit die Verarbeitung, Verwendung, Pflege, Wiederherstellung usw. von Ressourcen eine tatsächlich gemeinsam zu verantwortende Angelegenheit aller ist
Das unterscheidet sich insoweit nicht von meinem Verständnis eines (öko-) kommunistischen Füreinanders (oekohumanismus.wordpress.com/about). Nur suche ich dahin gehende Entwicklungspotenziale nicht allein in Sphären eines bereits verwirklichten „Commoning“, wo die Formen des menschlichen Füreinander-Produzierens bereits nahezu kommunistische (commonistische) sind.
Ruben beklagt die verbreitete Gedankenlosigkeit beim Gebrauch des Wörtchen „Kommunismus“ und mahnt an, bei dessen Bestimmung ganze Sätze zu gebrauchen und besser noch eine Theorie des Kommunismus zu präsentieren. Seine (vorläufige?) Bestimmung von „K“ als Abwesenheit von Privateigentum allerdings führt geradewegs in des Teufels Küche. Selbst die Katholische Kirche (siehe 1/2) oder gar der Stalinismus (siehe unten) gelten ihm nun als Formen des Kommunismus.
Der Kommunismus des 20. Jahrhunderts, der von der bolschewistischen Fraktion der russischen Sozialdemokratie zuerst zur politischen Herrschaft geführt worden ist, stellt mit Blick auf die angeführten Kommunismen nur eine historisch neu aufgetretene Kommunismusart dar (der chinesische, der vietnamesische etc. bilden weitere unterschiedene Arten in der Gattung kommunistisch geordneter Gemeinschaften).
Weil Ruben den Versuch einer normativen Bestimmung, die ein gesellschaftliches Werdensollen beschreibt, scheut wie der Realmarxist ein Ideal, muss er die Wahrheit des Kommunismus aus des Kaisers alte Kleider ableiten. Heraus kommt dann so ein Satz:
Die DDR war die deutsche Erfahrung des Kommunismus des 20. Jahrhunderts.
So bleibt uns die Mühe erspart, herauszuarbeiten, an was genau die Existenz bzw. Wirklichkeit oder die Abwesenheit kommunistischer (Re-) Produktionsbeziehungen erkannt werden könnte oder was als Indikator einer Annäherung an oder Entfernung von dessen Realität gewerten werden muss.
Das weiß Ruben selbst:
Es versteht sich, dass die Frage nach dem Wesen des Kommunismus in einer ordentlichen Theorie zu beantworten ist, die hier nicht vorgestellt werden kann.
Aus Anlass seines 80 Geburtstag hatte die Helle PankePeter Ruben zu einer kleinen Festveranstaltung geladen. Neugierig gestimmt hatten mich ebenso einige seiner Bemerkungen über Arbeit und Idealismus in von mir unlängst aufgelesenen Beiträgen von ihm wie auch die Geschichte seiner zweimaligen Verbannung durch die „realsozialistischen“ Hohenprister der wissenschaftlichen Weltanschauung für die Bekenntnisse zum Heiligen Sankt Materialismus alles und Erkenntnisse (jenseit der über eben dieses Bekenntniss) nichts waren.
In seiner Ansprache hatte der Jubilar zunächst über die seiner Meinung nach notwendige Anpassung Hegels dialektischer Logik an die formale Logik gesprochen, was für mich als philosophiescher Laie erst einmal sehr rätselhaft klang. Dass das gesellschaftliche Sein ein Werden ist, scheint mir auch bei oberflächlicher Betrachtung nur logisch zu sein. Dass damit ersteinmal nichts inhaltliches gesagt ist und Werden auch Negation dessen ist, was schon etwas gewordenen war aber nun nichts mehr (wert) ist, der Satz also zugleich alles und nichts zum Gegenstand hat (das Werden zugleich alles und nichts ist), ist in meinen Augen auch nicht groß unlogisch. Hauptsache man kommt irgendwann dahin, Gedanken darüber auszutauschen, was in aller Welt was genau (nicht) werden soll und warum (nicht) und unter welchen Umständen das (nicht) gelingen könnte. Aber so kann wohl nur einer daherschreiben, der in die Geheimnisse der formalen Logik nicht adäquat eingewiesen ist.
Leichter nachzuvollziehen schien mir immerhin Rubens Kritik an die in seiner Zunft verbreitete Marotte, wesentliche Fixpunte des erkennenden Bedenkens mit nur einem einzigen Wort auf den Begriff bringen zu wollen. Besser wäre es doch, so Ruben, das zu Begreifende in einem ganzen Satz zu sagen oder notfalls auch in zwei, sollte der eine einen logischen Widerspuch enthalten. Was unter dem Wort „Kommunismus“ zu verstehen sei, würde zum Beispiel so gut wie nie hinterfragt, es scheint deshalb nur (fälschlicherweise) ein „Begriff“ mit einer intrinsichen Wahrheit zu sein. Das Wort „Kommunismus“ würde meist als etwas behandelt, dass man nicht zu hinterfragen bräuchte also als Mysterium an das man schlicht glauben oder auch nicht glauben könne. (Eine sehr richtige Beobachtung! Eben diese Erkenntnis hat mich zum Start dieses Blogs bewogen.)
Doch Ruben sieht „Kommunismus“ augenscheinlich selbst als ein mit eigenem Geist (mit eigenem Prädikat) beseeltes Subjekt, nämlich mit der Bestimmung (dem Prädikat) „Gütergemeinschaft“ beseelt. Und die solle endlich aufhören, in unserer modernen Welt herum zu spuken.
Auf den Ur-Soziologen Tönnies verweisend behauptete Ruben einen Gegensatz zwischen einer modernen, auf Warenaustausch (Marktwirtschaft) beruhenden „Gesellschaft“und eine auf „Gütergemeinschaft“ beruhende „Gemeinschaft“. Die kommunistische Perspektive einer Arbeitergemeinschaft nannte er eine romantische Idee. Er verwies dabei auf ein im ND erschienenen Beitrag vom ihm aus dem Jahr 2010. Der sei zu seinem großen Bedauern nirgendwo beachtet oder gar diskutiert worden.
Ich möchte die Reihen der Ignoranten hiermit verlassen und den Versuch einer inhaltlichen Auseinandersetzung wagen. Den Rest des Beitrags lesen »
Innerhalb überschaubarer Zeiträume bewegt sich die Kunst des Möglichmachens naturgemäß innerhalb des historisch Möglichen. Politik kann sich über die Grenzen gegebener Kreislaufstrukturen der Existenzsicherung und Bereicherung nicht einfach hinwegsetzen. Philosophie, verstanden als ein Orientierung verleihendes Ergründen und Bedenken vernünftiger Perspektiven gesellschaftlichen Handelns muss die akuten Zwänge zwar berücksichtigen, kann über sie aber auch ein Stückweit hinaus denken. Sie KANN mehr sein (oder zumindest werden) als geistiges Schmiermittel zur besseren Ausgestaltung dessen, was das von der Naturgewalt Kapitalismus bestimmte Füreinander an Freiheiten erlaubt oder praktisch vorschreibt. Nicht als eine abgehobene Leidenschaft philosophischer Köpfe sondern als Kopf politischer Leidenschaft – zur Begründung gesellschaftlicher Perspektiven politischen Handelns.
Von dem Taz-Autor Bernhard Pötter hätte ich erwartet, dass er sich von dieser grundlegenden Erkenntnis leiten lassen würde. Sein Kommentar zum neuen Weltklimabericht war für mich deshalb recht irritierend. Der gewöhnlich sehr weitsichtige Pötter begnügt sich hier mit dem „real-philosophischen“ Hinweis, dass es eine Weltgemeinschaft nicht wirklich gibt und es deshalb nichts bringt, deren klimapolitische Rationalität zu beschwören.